Fussball-Festtage zum Geniessen

FUSSBALL. Die beiden Wochen der Europa-League-Playoffs versetzen die Anhänger des FC St.Gallen in Feststimmung. Das fängt beim Teletext an - wo es aufhört, weiss man noch nicht.

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Gänsehaut pur: Die Choreographie der St.Galler Fans vor dem Match gegen Spartak Moskau. (Bild: Urs Bucher)

Gänsehaut pur: Die Choreographie der St.Galler Fans vor dem Match gegen Spartak Moskau. (Bild: Urs Bucher)

Daniel Kehl, bekannt für sein Engagement in der Fanarbeit, war sichtlich angespannt. Da er am Bahnhof auf den Extrabus hinaus zur Arena wartete, dachte ich zunächst, er mache sich Sorgen, ob er noch rechtzeitig für den Match gegen Spartak im Stadion eintreffen würde. Rund um die und in der Stadt standen die Autos im Stau. Doch der liebe Kollege machte sich Sorgen um den FC St.Gallen: "Wenn wir uns nur nicht blamieren und hoch verlieren!“ Ein Spieler hätte nicht nervöser sein können. Aber das spricht ja für Daniel Kehl, für seine tiefe Verbundenheit zum Verein. Ich entgegnete Kehl: "Heute können wir doch geniessen! Ein Unentschieden sollte möglich sein, doch wenn das Kollektiv der Russen unserer Mannschaft immer mehr zu schaffen macht, könnte sie vielleicht auseinanderbrechen.“

Kollektives Unvermögen
"Kollektiv": Das scheint mir eine überholte Vokabel aus der Zeit der kommunistischen Herrschaft zu sein. Früher spiegelte sich die gesellschaftliche Gleichschaltung auch in den Fussballteams der Sowjetunion und des Ostblocks generell. Diese funktionierten weitgehend dank ihrer kollektiven Stärke, und das hat sich bis zum heutigen Tag nicht einmal so extrem gewandelt.

Nun, wenn vergangenen Donnerstag Spartak geschlossen aufgetreten ist, dann war es vor allem eins: geschlossen schwach. Umgekehrt hatte ich wieder einmal den FC St.Gallen unterschätzt. Er präsentierte sich schon fast im Stil einer grossen Mannschaft.

11 aus 39
Spartaks Trainer Karpin hatte offensichtlich nicht die stärkste Mannschaft nominiert. Wie sehr das ins Gewicht fiel, erfahren wir vielleicht im Rückspiel. An Alternativen hatte es Karpin jedenfalls nicht gefehlt: Gemäss der Rubrik "Startelf" in der Matchbroschüre konnte er aus nicht weniger als 39 Akteuren auswählen. Es ist schon längst Mode, gute Spieler zu schonen. Aussergewöhnlich ist in diesem Fall, dass das Rotationsprinzip nicht vor, sondern während des internationalen Einsatzes angewandt wurde. Ob das Pausieren einem Stammspieler immer viel bringt, mag zumindest zum jetzigen Zeitpunkt der Saison, da die Spieler noch frisch sein sollten, fragwürdig sein. Den Grasshoppers in der Qualifikation zur Champions League und dem FC Zürich in jener für die Europa League haben solche Übungen jedenfalls wenig genützt.

Jammern auf hohem Niveau
In meinem Zweifel bestätigt wurde ich auch am Sonntag - just durch den FC St.Gallen, der munterer wirkte als der FC Zürich. Selten habe ich ein 0:0 gesehen, in dem es so viele spektakuläre Szenen gab. Ein Dutzend Chancen für St.Gallen, ein halbes für den FC Zürich, wobei bei den grossen Möglichkeiten der FCZ zumindest gleichauf lag. St.Gallen gelang es erneut, die Spielkadenz zu bestimmen - wie fast in jedem Match dieser Saison.

Man kann sich jetzt fragen, weshalb St.Gallen trotz seiner dominanten Auftritte (inklusive Spartak) eher selten gewinnt. Da kommt man wohl nicht darum herum, den Namen Scarione zu erwähnen. Keita hat gegen Zürich gezeigt, weshalb er einst Torschützenkönig war, aber auch, weshalb er dies in dieser Saison wahrscheinlich nicht wird. Er benötigt zu viele Torchancen. Aber Jammern auf hohem Niveau ist besser als Fröhlichkeit auf tiefem Standard. Spannend wird es sein zu beobachten, wie sich St.Gallen nun im Rückspiel in Moskau präsentiert.

Auf der europäischen Landkarte
Ja, es war ein besonderer Abend in der AFG Arena gegen Spartak Moskau. Und man muss dabei gewesen sein, um diese Atmosphäre in sich aufsaugen zu können. Das Publikum beklatschte sogar Outeinwürfe seiner Mannschaft. Was für Basel, Zürich und die Grasshoppers immer wiederkehrend ist, darauf haben die St.Galler zwölf Jahre warten müssen. Schon beim Blick auf den Teletext durfte man sich die Augen reiben: Den FC St.Gallen auf dem gleichen Spieltableau wie Feyennoord Rotterdam, Eintracht Frankfurt, Tottenham, Udinese oder St.Etienne (ehemaliger Meistercupsieger!) zu entdecken, war ein erhebendes Gefühl.

St.Gallen – Spartak Moskau 1:1. Somit wird auch für die Fans, die nach Russland reisen, der Ausflug mehr sein als ein Städtebummel zu sehenswerten Kulturgütern. Allerdings bin ich skeptisch - und hoffe deshalb, dass die St.Galler meinem Zweckpessimismus erneut ein Schnippchen schlagen. Übrigens: Ich bin bei den Spielen des FCSG auch nervös - nur nicht schon am Hauptbahnhof...

Fredi Kurth