Für 92 Minuten in der Challenge League

Der FC St.Gallen muss sich am Mittwoch beim FC Zürich steigern, sonst dürfte es die erste Niederlage absetzen.

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St.Gallen gewann 2:0 - doch Fredi Kurth wähnte sich in der Challenge League. (Bild: Luca Linder)

St.Gallen gewann 2:0 - doch Fredi Kurth wähnte sich in der Challenge League. (Bild: Luca Linder)

Da nun alle einmal gegeneinander gespielt haben, steht beim FC St.Gallen in der Kolonne der Niederlagen immer noch die Null. Die Freude darüber kam auch am Sonntag in der für einmal sonnen- und nicht regenüberfluteten Arena zum Ausdruck. Riesiger Jubel bei Etoundis Kopfballtor und eine Standing Ovation ehrten die Mannschaft beim 2:0 gegen Servette wohl vor allem für den am Saisonbeginn von keinem Menschen erwarteten Sprung von Rang 1 der Challenge League auf Rang 1 der Super League.

Langeweile statt "Showtime"
Nun schreibe ich hier jeweils die "Gegentribüne", und die Bezeichnung hat den Sinn, mal ab und zu eine Meinung gegen den Mainstream zu schreiben und auch gegen das, was von der andern Seite kommt, von der Haupttribüne. Diesmal konnte ich die allgemeine Begeisterung und die in den Medien verbreitete, fast durchwegs positive Kritik nicht ganz teilen. Am Sonntag wähnte ich mich während 92 Spielminuten zurückversetzt in die Challenge League. St.Gallen begann schwungvoll wie oft in der Aufstiegssaison und ging verdient in Führung. Es schien der Tag, da der "neue" FC St.Gallen zur "Showtime" bitten könnte. Doch nachdem einige weitere Chancen auf unglaubliche Art verpasst worden waren und der Gegner ein Festival der Unzulänglichkeit geboten hatte, wusste die Mannschaft mit ihrer Überlegenheit nicht mehr viel anzufangen. Vergangene Saison wären Pfiffe durch das Stadion gehallt.

Das mit einer langen Verletztenliste belastete Servette, das in neun Spielen erst drei Tore erzielt hat, wäre wahrscheinlich auch in der Challenge League kein Anwärter auf vordere Plätze, und wenn die Genfer in der Winterpause nicht noch Messi und Ronaldo verpflichten, werden sie den FC St.Gallen in der Tabelle nicht mehr aus der Nähe sehen. Es gab auch andere kritische Stimmen: So soll hinter dem FM1-Reporter eine Frau aus Langeweile ein Buch gelesen haben. Daniel Lopar empfahl nach dem Spiel ebenfalls eine tiefer gehende Analyse der Leistung, sonst könne es einmal schief laufen. Beim FC Zürich, der schon zwölf Punkte hinter St.Gallen liegt, wartet diesen Mittwoch eine besonders heikle Aufgabe. Fringers Team hat Ende August schon Sion die erste Niederlage beigefügt.

Publikum hat sich gesteigert
Immerhin gilt positiv festzuhalten, dass sich mit dem FC St.Gallen auch das Publikum gesteigert hat und sich freut, wenn sich die Mannschaft für einmal mühsam über den Rasen schleppt. Die Zahlen sind ja beeindruckend. Buchhalter Daniel Lopar musste erst fünf Gegentore verbuchen. Als solcher wurde er im "Sonntagsblick" aufgrund seiner effizient stoischen Art von Jörg Stiel, einem seiner Vorgänger, bezeichnet. Und vorne hat St.Gallen am meisten Tore erzielt, in einer weiterhin trefferarmen Liga. In den letzten 20 Spielen der Super League fielen in keinem einzigen Match mehr als drei Tore, häufig aber weniger.

Meister 2000 auf Besuch - anonym
Soigner les détails heisst es aber nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für das Umfeld. Vor dem Spiel gegen Servette wurde ein alter Bekannter begrüsst, kein Geringerer als Spielmacher Jairo aus dem Meisterteam von 2000. Nur dauerte das eine Weile, bis das die Zuschauer realisierten. Denn wohl kaum jemand im Stadion wusste, dass jene Mannschaft aus Anlass des 100-jährigen Bestehens des FC Flawil ein Spiel gegen Schwingerkönige austrug. Es ging nicht um den Match, sondern um das Wiedersehen.
Offensichtlich hatte nur die Lokalpresse das Ereignis angekündigt. Man stelle sich vor: Da fliegt Jairo eigens für diese Veranstaltung aus Brasilien an und kaum jemand nimmt Notiz. So viele Meistermannschaften hat der FC St.Gallen ja nicht. Genau genommen zwei, und von jener aus dem Jahr 1904 kann nach menschlichem Ermessen niemand mehr aufgeboten werden.

Gané war in Flawil auch dabei. Auf einem Mannschaftsfoto vom vergangenen Samstag sind zudem Amoah, Contini, Stiel, Zellweger und Zwyssig zu erkennen, einige mit Bäuchlein. Bei einer Versteigerung löste das Trikot von Charles Amoah noch 550 Franken.

Fredi Kurth