Fredi Kurth im Abschiedsinterview
Der Mann von der Gegentribüne sagt Adieu: «Ich freue mich darauf, die FCSG-Spiele wieder völlig unbelastet zu geniessen»

13 Jahre lang kommentierte Fredi Kurth die Spiele des FC St.Gallen in seiner «Tagblatt»-Kolumne «Gegentribüne». Nun zieht er einen Schlussstrich. Im grossen Interview erklärt er die Gründe, spricht über das Verliererimage der Espen, seine schönsten Erinnerungen – und wagt einen Blick in die Zukunft.

Daniel Walt
Merken
Drucken
Teilen
«Das Glas war halb voll»: Fredi Kurth hat im Kybunpark bittere Niederlagen erlebt – aber auch Höhepunkte wie die Gruppenphase der Europa League.

«Das Glas war halb voll»: Fredi Kurth hat im Kybunpark bittere Niederlagen erlebt – aber auch Höhepunkte wie die Gruppenphase der Europa League.

Bild: Michel Canonica (St.Gallen, 28. Mai 2021)

Fredi Kurth, 13 Jahre «Gegentribüne» sind Geschichte. Sie räumen zwar nicht Ihren Platz im Stadion, hören aber als «Tagblatt»-Kolumnist auf. Weshalb?

Ich spüre gewisse Abnutzungserscheinungen. Teils hatte ich in letzter Zeit das Gefühl, mich zu wiederholen. Und immer wieder stand ich vor der Frage, welche neuen Zugänge ich für meine Beiträge wählen sollte. Ich habe das Gefühl, alles ausgeschöpft zu haben.

Wie schwer fiel Ihnen der Entscheid, mit der «Gegentribüne» Schluss zu machen?

Letztlich ziemlich leicht. Nach der vorletzten Saison, die derart toll verlaufen war, wollte ich noch nicht aufhören. Es lief einfach zu gut mit dem Vizemeistertitel und dem Triumvirat, bestehend aus Präsident Hüppi, Sportchef Sutter und Trainer Zeidler. In einer derartigen Hochphase und inmitten der Coronapandemie wollte ich mich nicht verabschieden. Die soeben zu Ende gegangene Spielzeit war aber eine schwierige für den FC St.Gallen. Sie verlief über weite Strecken harzig, ich musste meine Worte auf die Goldwaage legen...

Weshalb?

Man spürte, dass im Umfeld des FC St.Gallen Nervosität herrschte.

Sie spielen auf negative Reaktionen von Vereinsseite auf Ihre Beiträge an.

Ja, es gab solche. Auf einzelne will ich jetzt aber nicht näher eingehen, das gäbe ihnen ein zu grosses Gewicht. Sie waren nämlich nicht der Hauptgrund für meinen Entscheid, jetzt aufzuhören – bloss ein weiterer Mosaikstein. Jetzt freue ich mich darauf, bald wieder völlig unbelastet an die Spiele des FC St.Gallen gehen und sie ohne Gedanken an meinen nächsten Beitrag geniessen zu können – so wie jeder andere Fan auch.

Dann lässt sich feststellen: Die Verantwortlichen lesen die Beiträge über den FC St.Gallen sehr wohl – auch wenn viele Spieler und Funktionäre in der Vergangenheit oftmals das Gegenteil behauptet haben.

Meine Beiträge wurden von der Klubführung und den Trainern auf jeden Fall wahrgenommen. Und wohl auch von vielen Spielern. Einmal beispielsweise traf ich Goalie Daniel Lopar zufällig im Garderobenteil, worauf er mir zurief: «Ah, da kommt der Mann von der Gegentribüne...» Und Matthias Hüppi hat mich bei einem Treffen der Ehemaligen einmal sehr gelobt.

Seit 13 Jahren sitzt Fredi Kurth auf der Gegentribüne des Kybunparks.

Seit 13 Jahren sitzt Fredi Kurth auf der Gegentribüne des Kybunparks.

Michel Canonica (St.Gallen, 28. Mai 2021)

Sie haben Ihren Rückzug in der letzten «Gegentribüne» vermeldet. Welches Echo erhielten Sie darauf?

Es gab Reaktionen auf diversen Kanälen: per Telefon, auf Facebook, in E-Mails...

Und was teilten Ihnen die Menschen mit?

Das Bedauern ist da, aber die Leute haben auch Verständnis für meinen Entscheid. Ich gestehe gerne, dass mich einige Reaktionen für ein paar Sekunden wehmütig werden liessen. Und trotzdem: Die Erleichterung überwiegt.

Die Krönung Ihrer «Gegentribünen»-Karriere in Form eines Cupsieges blieb aus. Woran lag es?

Die Mannschaft war im entscheidenden Moment schlicht nicht bereit. Zudem fehlte auch das Glück. Wenn der Schiedsrichter in drei strittigen Szenen nicht jedes Mal gegen, sondern auch einmal für St.Gallen entschieden hätte – wer weiss...

Enttäuschung pur beim St.Galler Thody Élie Youan nach der Cupfinal-Niederlage gegen Luzern.

Enttäuschung pur beim St.Galler Thody Élie Youan nach der Cupfinal-Niederlage gegen Luzern.

Bild: Freshfocus (Bern, 24. Mai 2021)

Mit der Cupfinal-Niederlage ist die Gefahr gross, dass die Krönung für die Arbeit des Trios Hüppi/Sutter/Zeidler in Form eines Titels nie mehr kommen wird.

Im Fussball ist immer alles möglich. Kein Mensch hätte Anfang vorletzter Saison vermutet, dass der FC St.Gallen so gross aufspielen würde. Handkehrum dachten wohl nur die wenigsten, dass die vergangene Saison so schwierig werden würde. Aber ja, es kann in der kommenden Spielzeit definitiv noch happiger werden für die Espen. Das Modell des FC St.Gallen ist sehr störungsanfällig.

Wie meinen Sie das?

Beim FC St.Gallen herrscht eine starke Fluktuation: Die besten Spieler ziehen relativ rasch weiter, und mangels Geld verpflichtet der Klub zumeist unbekannte Akteure. Diese Kombination ist sehr ungünstig in einer Meisterschaft mit nur zehn Teams, von denen fast alle gegen den Abstieg kämpfen. Gibt es in einer Liga 14 oder 16 Mannschaften, kann man zwischendurch auch mal eine wirklich schlechte Phase einziehen, sich wieder auffangen und reifen. In einer derart kleinen Liga ist die Gefahr gross, dass man bei einem längeren Durchhänger absteigt.

Mit Jordi Quintillà verlässt eine weitere tragende Säule des Vizemeisterteams von vorletzter Saison die Espen. Welche Folgen hat dieser Abgang?

Quintillà war drei Jahre in St.Gallen – in der zweiten Saison war er überragend. Diesen Jordi Quintillà würde der FC St.Gallen stark vermissen. Aber der Quintillà aus der letzten Saison ist ersetzbar. Er war nicht mehr entscheidend für den Ausgang der allermeisten Partien. Da war die Situation bei den Abgängen von Itten, Demirovic und Hefti vor einem Jahr doch etwas anders.

Trotzdem: Geht es für den FC St.Gallen nächste Saison gegen den Abstieg?

Man weiss noch nicht, welche Spieler kommen werden. Doch natürlich kann man ans Tabellenende fallen, wenn die neue Mannschaft nicht von Anfang an harmoniert. Wir wollen den Teufel jetzt aber nicht an die Wand malen. Entscheidend ist es nun, die Qualität des Teams zu stärken – und dass die Spieler rasch in Form kommen.

In den 13 Jahren Ihrer «Gegentribünen»-Karriere gab es mehr Schatten als Licht beim FC St.Gallen...

Das sehe ich nicht ganz so krass. Klar, es gab diese ständigen Aufs und Abs: den Abstieg 2011, die Zeit unter Joe Zinnbauer... Gleichzeitig gab es unter Jeff Saibene aber auch tolle Zeiten: In der Europa-League-Gruppenphase fehlte nur sehr wenig, und man wäre sogar weitergekommen. Dazu kamen vorletzte Saison der Vizemeistertitel und nun der Cupfinal. Von daher: Das Glas war halb voll.

Gilt das auch für Ihre lange Fankarriere, die bereits Anfang der 60er-Jahre begann?

Ja, das würde ich so sagen. Anfangs steigerten sich die St.Galler stetig bis zum Aufstieg in die damalige NLA. In der Folge entwickelte sich der Klub weiter – er wurde vom Abstiegskandidaten zum sicheren Mittelfeldklub mit Ausschlägen nach oben, so etwa unter Willy Sommer oder Helmuth Johannsen. Später dann wirbelten die Chilenen Zamorano, Rubio und Mardones im Espenmoos – und man wurde im Jahr 2000 gar Meister. Von daher war ich gar nicht mal so schlecht bedient.

Trotzdem wird in St.Gallen das Verliererimage regelrecht kultiviert. In der offiziellen Vereinshymne «Üses Lied» beispielsweise heisst es: «... und Erfolg isch Näbetsach».

Dieses Image mag darin begründet liegen, dass der FC St.Gallen immer wieder eminent wichtige Spiele verlor. Ich denke dabei insbesondere an den Cupfinal 1998, aber auch an die Halbfinal-Niederlagen gegen Wil im Jahr 2004 und gegen Lausanne 2010. Dazu kamen das Versagen in der Abstiegsbarrage 2008 oder auch das bittere Last-Minute-Tor im Uefa-Cup gegen Brügge im Jahr 2000. Wenn dieser Treffer nicht gefallen wäre, hätten St.Gallen in der nächsten Runde gegen Barcelona gespielt...

Welche Phase in Ihrer langen Fankarriere haben Sie als die schönste in Erinnerung?

Ganz klar die Meistersaison.

So jubeln Sieger: Die Spieler des FC St.Gallen bejubeln einen Treffer in der Meistersaison.

So jubeln Sieger: Die Spieler des FC St.Gallen bejubeln einen Treffer in der Meistersaison.

Bild: Rainer Bolliger

Viele Anhänger, die 1989 das Trio Zamorano/Rubio/Mardones erlebten, sagen, die Stimmung rund um den Klub sei damals noch fast enthusiastischer gewesen als im Jahr 2000...

Natürlich, der Herbst 1989 war begeisterungsmässig etwas vom Besten, das wir in St.Gallen jemals erlebt haben. Die Gegner wurden allesamt überrollt und mit zwei, drei, vier Toren Unterschied nach Hause geschickt. Trotzdem überwiegt für mich die Meistersaison: Der FC St.Gallen agierte damals unglaublich zwingend, lag praktisch die ganze Saison über auf Platz 1.

Fredi Kurth über...

... das schönste Spiel: Im Rahmen meiner «Gegentribünen»-Zeit war das wohl der 2:1-Sieg in Basel in der Vizemeistersaison. Der VAR hatte dem FCSG ein wunderbares Tor gestohlen – trotzdem siegten die Grünweissen in letzter Minute durch den Treffer von Ribeiro nach dem Lattenknaller von Bakayoko. In bester Erinnerung ist mir auch der 4:1-Sieg des FC St.Gallen im Abstiegsentscheidungsspiel gegen Luzern 1972 im Zürcher Hardturm – lange vor meiner «Gegentribünen»-Zeit.

... die ärgerlichste Niederlage: Am meisten genervt habe ich mich in all meinen Fanjahren über die Cupfinal-Niederlage 1998 gegen Lausanne. In meiner Zeit als Kolumnist besonders bitter war sicher die Niederlage in Bern mit dem Costanzo-Weitschuss, der zum Abstieg 2011 beitrug.

... den besten Trainer: Meistercoach Marcel Koller.

... den schlechtesten Trainer: Uwe Klimaschefski. Der konnte der Mannschaft überhaupt nichts vermitteln und hat die Spieler permanent fertiggemacht. (dwa)

... den besten Spieler: Ivan Zamorano, der von St.Gallen aus zum Weltstar wurde. Nahe an ihn heran kam aber Charles Amoah, auch wenn er nicht dieselbe Karriere wie Zamorano machte. Nicht vergessen darf man auch Oscar Scarione.

Wie sehr freuen Sie sich darauf, den FC St.Gallen im Sommer hoffentlich wieder im Stadion geniessen zu können?

Sehr. Wenn ich die vollen Hockeystadien in den USA sehe, habe ich schon den Eindruck, dass man hierzulande etwas gar vorsichtig ist mit den Lockerungen.

Können Sie ausschliessen, dass es Sie nach einem Match doch wieder in den Fingern juckt, eine «Gegentribüne» zu schreiben?

Nein. Vor allem dann, wenn mich ein Spiel emotional berührt, könnte der Gedanke aufkommen, dass es jetzt doch toll wäre, seiner Begeisterung – oder auch seinem Ärger – Ausdruck zu geben. Manchmal war das Schreiben ja auch eine Art Frustabbau... Aber es wird bei diesen kurzen Momenten der Wehmut bleiben. Generell bin ich einfach sehr dankbar, wie alles gekommen ist. Dass meine Texte derart beachtet worden sind, habe ich nur dem FC St.Gallen zu verdanken. Hätte ich über irgendein anderes Thema geschrieben, hätte ich wohl nicht halb so viele Leserinnen und Leser gehabt.