Interview

«Ich schlafe nicht mehr gut»: FCSG-Trainer Peter Zeidler über das Corona-Virus und was es mit der Gesellschaft macht

Peter Zeidler macht die aktuelle Lage zu schaffen. Und weil der Coach des FC St.Gallen ein Mensch ist, der über den Tellerrand schaut, sind Gespräche mit ihm über das Corona-Virus, den TGV St.Gallen, seine Spieler und gesellschaftliche Visionen besonders aufschlussreich. Und überraschend.

Christian Brägger und Patricia Loher
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Der 57-jährige Peter Zeidler hat in St.Gallen ein junges Spitzenteam geformt. Doch nun ruht der Betrieb bis auf Weiteres.

Der 57-jährige Peter Zeidler hat in St.Gallen ein junges Spitzenteam geformt. Doch nun ruht der Betrieb bis auf Weiteres.

Bild: Urs Bucher

Sie haben lange gezögert, für dieses Gespräch zuzusagen. Weshalb?

Peter Zeidler: Jürgen Klopp sagte: «Ich bin der unrasierte Trainer. Sie können mich alles über Fussball fragen, aber ich kann doch die aktuelle Lage nicht einschätzen.» Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, auch nichts mehr zu dieser Krisensituation zu sagen. Weil jeder im Moment mit sich selber zu tun hat, auch mit seinen Mitmenschen. Ich habe keine Botschaft wie die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel – obwohl ich ihre Ansprache sehr gut fand.

Sie sind Trainer des FC St.Gallen, der vor der Corona-Krise die Fussballschweiz begeistert hat. Da interessiert es schon, wie Sie diese aussergewöhnliche Zeit erleben.

Jeder hat mit der neuen Situation Erfahrungen gemacht. In Bayern, wo unsere Tochter studiert, gibt es nun eine Ausgangssperre. Hier bei uns haben die Läden zu, man kann nicht mehr ins Café oder Kino, die Grenzen sind geschlossen. Das alles macht auch etwas mit einem: Es entschleunigt das Leben. Obwohl alle beunruhigt sind und sich Sorgen machen, ist es spannend zu sehen, dass man sich wieder mehr auf das Miteinander konzentriert.

Wie meinen Sie das?

Ich muss nun nicht mehr abends Linz gegen Alkmaar schauen. Ich habe Zeit für andere Dinge, kann ein Buch lesen. Oder noch mehr Zeit in die Beziehung investieren. Man braucht jedenfalls kein Philosoph zu sein, um zu sagen, dass diese Situation noch ganz viel mehr machen wird mit der Gesellschaft. Es wird sich alles verändern. Davon bin ich überzeugt.

Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw hat sich sinngemäss dahingehend geäussert, dass sich die Welt jetzt gegen die Menschen und ihr Handeln wehrt.

Als Bundestrainer darf er das.

Teilen Sie Löws Meinung?

Es geht in diese Richtung. Aber es ist noch zu früh, um zu beurteilen, was diese Krise für die Menschheit bedeutet.

Das Normale, Natürliche werden wir wieder mehr schätzen. Man bekommt Sehnsucht danach, morgens wieder einmal einen Kaffee trinken zu gehen. Oder mit seiner Mutter zu reden.

Ich zum Beispiel habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Bruder – aber wenn ich ehrlich bin: Wir haben in den letzten vier Wochen nicht miteinander gesprochen. Jetzt haben wir wieder Zeit dafür. Ich fand die Aussagen von Löw gut. Aber ich fand auch Uli Hoeness gut, der sagte: «Fussball ist so was von unwichtig. Lasst uns um unsere Mitmenschen kümmern. Schauen wir, dass jeder seinen Beitrag leistet.» Die Corona-Krise hat zur Folge, dass alles wieder richtig eingeordnet wird.

Verändert Corona auch Ihre Sicht auf den Fussball?

Nein, Fussball ist meine Leidenschaft. Im Fussball gehe ich auf. Was ich hier mache, ist mein Traumberuf. Aber natürlich weiss ich, dass es Wichtigeres gibt. Und das wird uns nun gerade sehr deutlich vor Augen geführt. Wenn ich heute am Morgen aufstehe, dann denke ich: In welchem Film bin ich? Wo ist in diesem Kino der Ausgang? Ich will wieder zurück ins normale Leben.

Das normale Leben war vor vier Wochen das 3:3 gegen die Young Boys, der Videoassistent, Goalie Zigi, der sich zu früh bewegte.

Vergessen Sie das.

Aber der Auftritt des FC St.Gallen war damals begeisternd.

Das kommt wieder, auch wenn wir das in der gleichen Form nicht wiederholen können: Aber wir werden wieder Erfolg haben. Jener Sonntag war schon aussergewöhnlich, jeder hat die Verbindung zwischen Team und Publikum gespürt. Es war wie im «Märli», wie die Schweizer sagen. Es ist eine tolle Erinnerung. Aber jetzt geht es um andere Dinge.

St.Gallen ist Leader, Meisterkandidat. Hat Sie das nie überrascht?

Doch. Allerdings wusste ich, dass wir besser werden. Und ich war zuversichtlich, dass wir das durchziehen können, ohne zu sagen, dass wir Meister werden. Gegen Zürich hätten wir in der Folge 17'000 Zuschauer gehabt, gegen Thun wären wieder viele gekommen. Es hätte sich eine Dynamik entwickelt. Es gab zudem die günstige Konstellation mit den Spielern, die gut zusammenpassen. Wir wussten ja nicht, dass es mit Lukas Görtler so gut funktionieren würde. Und es wäre übertrieben zu behaupten, der Transfer von Ermedin Demirovic sei von langer Hand geplant gewesen.

Teleclub-Experte Rolf Fringer sagte, Ihre Systemumstellung in einer Schwächephase sei entscheidend gewesen. Das könne ein Trainer nur machen, wenn er wisse, dass die Vereinsleitung zu hundert Prozent hinter ihm steht.

Ich habe gehört, dass Fringer das gesagt hat. Das Vertrauen der Vereinsleitung ist immer ein so grosses Wort. Aber bei uns ist das schon sehr stark spürbar, das kann man auch an diesem Systemwechsel festmachen. Wobei, ich fand die Umstellung nicht so dramatisch, obwohl wir danach fast alles gewonnen haben. Die Walliser Journalisten schrieben daraufhin, jetzt sei der Zeidler ein ganz grosser Trainer. Alle sagten davor ja immer: Zeidler kann nur 4-3-3 spielen. Natürlich, fast niemand setzt noch auf eine Raute. Letztmals liess ich mit Stuttgart als Jugendtrainer so spielen.

Der FC St.Gallen war ein Schnellzug, der abrupt gestoppt wurde. Wie schlimm ist das für Sie?

Soll ich nun traurig sein? Trübsal blasen oder höhere Mächte dafür verantwortlich machen? Das bringt niemandem etwas, weil wir das nun wirklich nicht beeinflussen konnten.

Aber wir können jetzt beeinflussen, dass es vielleicht irgendwann wieder weitergeht. Da hat jeder die Pflicht, das zu machen, was die Behörden vorgeben.

Ich finde auch, dass die Politiker, vor allem in der Schweiz und auch in Deutschland, eine gute Arbeit machen.

Aber gerade in der deutschen Bundesliga wurde bis vor einer Woche noch diskutiert, ob man spielen soll. Auch die Politik nahm sich lange aus der Verantwortung.

Vielleicht war es damals tatsächlich noch nicht so, dass man das wahre Ausmass einschätzen konnte. In der Schweiz näherten wir uns vor einer Woche der Dimension an, dass man den Sport und anderes komplett verbot. Dann wurde am Montag nachjustiert. In Deutschland war es ähnlich. Ich schaue ja auch auf Frankreich und habe die 21-minütige Rede von Emmanuel Macron genau mitverfolgt, der sechsmal sagte: «Nous sommes en guerre», wir sind im Krieg. Das ist typisch Macron, das ist typisch Frankreich, die Botschaft aber war für alle klar. Und ja, natürlich wurde der TGV des FC St.Gallen abrupt gestoppt.

Wie gehen die Spieler damit um?

Vor einer Woche haben wir mit dem Sieg gegen Wil ja nochmals Platz eins in der Super League zementiert. (lacht) Am Montag habe ich meine Spieler dann zum letzten Mal gesehen. Wir haben ihnen gesagt, dass wir sie nicht festhalten werden in der Schweiz und dass die Spieler zu ihren Familien gehen können. Jordi Quintillà war noch lange im Profimodus und wollte anfänglich in Gruppen weitertrainieren, weil hier die Geräte sind, und dann Meister werden. Doch der Kraftraum ist für jeden geschlossen. Dann hat er realisiert, dass es Wichtigeres gibt – und ging nach Spanien zur Familie. Für Demirovic wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt – und heute ist er bei der Familie in Hamburg.

Wer sonst ist in die Heimat gereist?

Yannis Letard ist nach Nantes gefahren, Axel Bakayoko nach Paris. Und Frankreich ist ja hart mit den Auflagen, du musst dort immer ein Formular dabeihaben, darfst nur alleine joggen oder einkaufen. Zigi beispielsweise ist hiergeblieben. Ich habe Musah Nuhu gefragt, was er nun machen werde: Er hat mir dann gesagt, er bleibe hier, er habe ja Zigi. Musah sieht nach seiner Verletzung auch dank unserem Goalie wieder etwas Licht am Ende des Tunnels.

Wie werden Sie die Spieler in dieser Zeit betreuen?

Ich entschied mich, die Spieler in Ruhe zu lassen. Ich werde sie dann in der nächsten Woche einmal anrufen – das mache ich in den Ferien sonst nie. Aber es ist mir nicht ganz so wichtig, ob sie ihre Trainings komplett absolviert haben. Schauen Sie, alle Clubs sagen jetzt, was für austarierte Programme sie für die Spieler zusammengestellt haben. Ich finde es ebenfalls gut, dass wir unseren Spielern Laufpläne mitgegeben haben. Aber ich habe ihnen gesagt: «Jungs, schaltet in den nächsten zwei Wochen vor allem ab, konzentriert euch auf euch und die Mitmenschen.»

Keine Auflagen bezüglich Ernährung?

Die Spieler kommen teilweise schon durcheinander, Ernährungstipps können sie wohl gebrauchen. Beispiel Victor Ruiz, der jetzt in Spanien vermutlich eine Ausgangssperre hat: Er bekommt jetzt nicht mehr das Essen, das er bei uns hat.

Brauchen einige Spieler spezielle Betreuungen?

Es gibt eine 1:1-Betreuung für Adonis Ajeti, für Musah Nuhu und vor allem für Boris Babic. Diese drei sind jeden Morgen da, vor allem Babic braucht den physischen Wiederaufbau und die mentale Begleitung, wir können ihn nicht allein lassen. Bei Nicolas Lüchinger ist die Lage nochmals anders, er musste jüngst erneut operiert werden wegen einer Infektion im Knie.

Warum hat der FC St.Gallen seinen Spielern nicht gesagt, sie müssen in der Schweiz bleiben? Der FC Zürich oder die Young Boys haben dies ja vorgemacht.

Ich kann doch nicht allen Ernstes einem Letard verbieten, seine engsten Bezugspersonen zu sehen, die Eltern und Geschwister. Natürlich hat er hier den FC St.Gallen. Aber ausserhalb des Fussballs hat er niemanden.

Wenn es kritisch wird, braucht man die Familie. Meine Spieler wissen schon, was es in der Welt geschlagen hat. Sie interessieren sich auch dafür.

Bakayoko beispielsweise hat die Rede von Macron genau verfolgt.

Werden die Spieler des FC St.Gallen auf Lohn verzichten?

Was unsere Spieler angeht, bin ich überfragt. Es gibt einfach diese eine Antwort von mir: Ich habe richtig Vertrauen in unseren Club. Matthias Hüppi hat mir gesagt, er spüre Unterstützung und der Verein werde nicht fallen gelassen. «Ihr seid in guten Händen», teilte er mir mit. Ich spüre, dass wir nicht im Stich gelassen werden von den Aktionären oder vom Verwaltungsrat.

Wie nutzen Sie die frei gewordene Zeit als Mensch?

Das ist schon fast eine zu banale Frage. Zumal es vermutlich wenige interessiert, was der Peter Zeidler jetzt macht. Vielleicht rufe ich Leute von früher an, die ich zehn Jahre lang nicht mehr gehört habe. Es könnte ja auch sein, dass meine Frau und ich uns auf die Nerven gehen, wenn wir nun mehr zusammen sind. Das ist bei uns aber nicht der Fall, wir reden wieder mehr.

Aber die Lage ist schon extrem: Aus Liebe zur Oma dürfen meine Töchter nun nicht mehr zu ihr gehen. Dabei wären gerade jene Besuche alles, was sie braucht, weil Einsamkeit eines der grössten Themen ist von alten Menschen.

Und wie nutzen Sie die freie Zeit als Trainer?

Für die nächsten zwei Wochen ist er der Fussball für mich kein Thema, bis ich mich wieder geordnet habe. Ich schaue ja immer unsere Spiele zweimal an, aber unseren Test gegen Wil konnte ich nicht nochmals studieren. Das kommt dann vielleicht wieder, auch, dass wir schauen, mit welchen 20 Spielern der Challenge League wir uns womöglich befassen wollen. Wir im FC St.Gallen müssen zuerst in einen anderen Modus kommen, wir fahren jetzt alle runter. Und dann schauen wir, wie es ist, wenn wir unten angekommen sind.

Was denken Sie: Geht die Meisterschaft noch weiter?

Ich habe schon noch Hoffnung. Mit irgendwelchen kreativen Ideen. Aber wie ich mir das jetzt gerade so überlege, da ertappe ich mich dabei, dass es mich im Moment fast nicht interessiert, ob es weitergeht. Ich habe auch nicht die Idee, dass wir Playoffs spielen, wir gegen Servette, Basel gegen die Young Boys. Und wir dann Schweizer Meister werden mit dem Finalsieg gegen Basel. Momentan ruht das alles in mir. Aber es ist schon so, dass wir uns dereinst auf die Aufgabe vorbereiten müssen, die irgendwann kommt.

Sie machen sich sehr viele Gedanken über das Leben derzeit. Täuscht der Eindruck?

Bei mir ist es momentan wie nach einem emotionalen Spiel – ich schlafe nicht gut. Es muss nun einfach jeder seinen Beitrag leisten. Und wer es jetzt nicht verstanden hat, dem kann man auch nicht helfen. Ich wüsste auch gar nicht, ob ich meine Töchter umarmen dürfte, wenn ich sie sehe. Wir müssen uns gegenseitig schützen, das ist eine grosse Aufgabe für uns alle. Es gingen so viele Tragödien an uns vorüber, Kriege, 9/11, Tschernobyl. Auch das hier wird Konsequenzen haben für die Menschheit. Operationen können nicht mehr durchgeführt werden. In Frankreich haben sie sogar Feldlazarette aufgebaut. Das alles ist erst der Anfang und stimmt mich nachdenklich. In dieser Situation ist wirklich jeder gefordert, wir alle müssen unseren Beitrag leisten. Gemeinsam werden wir das aber auch meistern. Da bin ich mir sicher.