Interview

FCSG-Trainer Peter Zeidler:
«Machen Sie sich keine Sorgen um mein Herz»

Vor dem letzten Vorrundenspiel gegen Luzern zieht St.Gallens Trainer Peter Zeidler eine erste Bilanz. Der 56-Jährige über die Qualität seines Teams, den Papst und Tranquillo Barnetta, mit dem der Club verlängern will.

Interview: Patricia Loher/Christian Brägger
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Der 56-jährige Deutsche Peter Zeidler ist seit einem halben Jahr Trainer des FC St. Gallen. Er besitzt einen Vertrag bis 2021. (Bild: Mareycke Frehner)

Der 56-jährige Deutsche Peter Zeidler ist seit einem halben Jahr Trainer
des FC St. Gallen. Er besitzt einen Vertrag bis 2021. (Bild: Mareycke Frehner)

Peter Zeidler, am Sonntag trägt der FC St.Gallen in Luzern seine letzte Partie vor der Winterpause aus. Wie wichtig ist das Resultat für die Bewertung der Vorrunde?

Bei einer Niederlage war die Vorrunde ordentlich. Wenn wir in Luzern einen Punkt holen, war sie gut. Und wenn wir gewinnen, war die Hinrunde wohl sehr gut – falls wir das tabellarisch einordnen wollen und nicht aufgrund der Entwicklung der Mannschaft. Es ist psychologisch wichtig, ob man als Sechster oder Vierter in die Winterpause geht. Aber Luzern ist in Form – wir müssen es schaffen, unser Spiel stabil durchzuziehen.

Damit sich der Trainer dann nicht wie jüngst gegen Xamax einem Herzinfarktrisiko aussetzt.

Machen Sie sich keine Sorgen um mein Herz, das funktioniert.

Aber eben: Gerade die Stabilität kommt dem Team zu oft abhanden.

Das stimmt, und hat auch mit Persönlichkeit zu tun. Egal was passiert, egal welche Fehler wir machen: Es sollte uns möglich sein, unser Spiel konsequent durchzuziehen. 

«Doch auf einmal passiert bei uns etwas, und wir werden unsicher. Plötzlich spielt meine Mannschaft nicht mehr so, wie sie es könnte.»

Dafür sind aber keine physischen Gründe verantwortlich. Vielmehr gehen taktische Details verloren, beispielsweise bei der Synchronisierung im Pressingverhalten.

Hat die Mannschaft für 90 Minuten die Qualität, die sie erwarten?

Ja, sie kann 90 Minuten lang Vollgas geben. Aber sie muss es auf höchster Stufe schaffen, sich auch in der Offensivbewegung zu erholen. Mit Rhythmuswechseln beispielsweise. Noch zu oft kommt es bei uns nach 20 Minuten zu einem Leistungsabfall. Dabei dürften wir aber weder Euphorie noch Kontrolle verlieren. Es könnte ja zu unserem Programm gehören, einen Gang zurückzuschalten.

Aber hat das Team die Qualität für den Zeidler-Fussball?

Ich will nicht sagen, dass wir grundsätzlich mehr Qualität brauchen; natürlich hätte ich gerne ein, zwei zusätzliche Stürmer, um den Ausfall von Cedric Itten zu kompensieren. Wir haben aber viele Spieler, die meine Wünsche umsetzen könnten. Ich stelle einfach fest, dass wir heute noch nicht so weit sind, wie ich es mir erträume. Es wird aber alles besser werden, ich weiss, wie das geht. Ob wir dann automatisch mehr Punkte holen, weiss ich hingegen nicht. Schauen Sie doch auf Jeff Saibene und Bielefeld. Seine Mannschaft hatte deutliche Aufwärtstendenz, holte aber nicht mehr Punkte.

Überfordert Ihr Fussball den FC St.Gallen?

Es ist schon anspruchsvoll. Physisch sowie kognitiv. Ich erwarte einiges, aber ich bin nicht der Mensch, der sagt: Gebt mir gute Spieler, dann wird das schon. Wir haben Profis, die ich besser machen will. Die Frage nach der Qualität stellt sich mir also nicht. Natürlich wird Nicolas Lüchinger nicht sofort ein Kevin Mbabu sein – ohne Lüchinger zu nahe zu treten.

Gerade Lüchinger gilt als Ihr Lieblingsspieler.

Alle sind meine Lieblingsspieler. Und ja, zu Lüchinger habe ich eine besondere Beziehung. Wir hatten in Sion einen gemeinsamen Weg, uns verbindet etwas. Vor meiner Ankunft im Wallis war er nicht Stammspieler.

Wird St.Gallen substanziell mit Transfers nachlegen?

Wir wollen uns entwickeln und ein paar wichtige, richtig gute Spieler holen. Spieler, die zu uns passen und entwicklungsfähig sind. Jetzt im Winter gibt es vielleicht ein bis zwei Neue. Im Sommer wird es dann wieder eine Umstrukturierung geben. Die Fluktuation ist im Fussball heutzutage nun einmal grundsätzlich gross.

Sie rotierten in diesem Halbjahr oft, fanden keine Stammformation. Muss man Ihre erste Zeit als Sichtungsmonate bezeichnen?

Ich würde meine Zeit in zwei Teile unterteilen. Die ersten sechs Wochen rotierten wir ständig, weil ich das aufgrund der Europa-League-Qualifikation so wollte. Im zweiten Abschnitt hätte ich es schon lieber gehabt, dass mehrere Spieler gesetzt gewesen wären und ich die richtige Formel gefunden hätte. Beispielsweise hatte ein Tranquillo Barnetta zu Beginn noch nicht den Status wie heute. Wir hatten damals im Stamm Goalie Dejan Stojanovic, Silvan Hefti, Andreas Wittwer, Jordi Quintillà, Vincent Sierro, allenfalls Majeed Ashimeru. Es gab viele Spieler auf einem guten, ähnlichen Niveau und deshalb keine andere Möglichkeit, als wie nach dem Ausfall Ittens im Sturm durchzuwechseln. Einzig beim Goalie und bei Alain Wiss legte ich mich zu Saisonbeginn fest; Zu Wiss habe ich gesagt, er sei gut, aber er sei nur Innenverteidiger Nummer vier und es könne sein, dass er sehr wenig zum Einsatz komme.

Haben Sie Dinge falsch gemacht?

Natürlich. Aber ich will das nicht immer wiederholen, sonst glauben die Leute, ich mache nur Fehler (lacht). Ich bin nicht der Papst, das Unfehlbarkeitsdogma gilt nur für ihn. Auch bin ich nicht der Typ, der meint, der Trainer könne mit irgendwelchen Systemänderungen eine Partie entscheiden. Das können letztlich nur die Spieler.

Apropos Papst. Christian Constantin sagte einst, Sie hätten sich bei Sion aufgeführt wie der Papst.

Ich bin ein ganz normaler Typ, der gerne mit den Leuten redet. Damals trainierten wir in Martigny für alle sichtbar an der Hauptverkehrsader. Die Autos fuhren vorbei, die Leute hupten. Einmal kannte ich zufällig einen Autofahrer und winkte ihm zu. Das erzählte dann jemand Constantin, der nach Gründen suchte, die gegen mich sprachen. Also sagte er zu mir: «Du grüsst während des Trainings alle Leute wie der Papst.»

Über Fehler wollen Sie nicht reden. Aber Ihr Umgang mit Barnetta am Anfang warf Fragen auf.

Unser Verhältnis war in keiner Weise belastet. Ich hatte schlichtweg lange einfach nicht den Eindruck, dass es ihm reichen wird. Sonst hätte ich ihn doch früher gebracht. Er stand jedoch immer über der Sache, trainierte weiter, auch wenn er nicht spielte. Vor der Partie in Bern sagte ich ihm dann, er stehe nicht im Kader. Aber ich sagte ihm auch, dass wir etwas vorhätten mit ihm, er solle sich gut auf das nächste Spiel gegen die Grasshoppers vorbereiten. Dann kamen die Grasshoppers – und Barnetta erzielte zwei Tore. Alles, was danach folgte, spricht für seine Klasse, das alles ist alleine Tranquillo Barnetta, das ist nicht Peter Zeidler. Zudem: Die Art, wie wir spielen, versteht Barnetta am besten. Und er kann sie am besten umsetzen. Aber ich sah das erst mit den Einsätzen. Er sagte immer, er könne der Mannschaft helfen. Das hat er bewiesen.

Trainiert er voll mit?

Zwei intensivste Einheiten schafft er in der Woche. Bei drei wird es manchmal schwierig, aber er macht alles mit. Barnetta ist allein schon wegen seiner Art so wichtig für dieses Team. Er ist mental so stark, und vermutlich hätte ich ihn jüngst bei den Grasshoppers beginnen lassen sollen. Er wäre mit Sicherheit psychisch stabil gewesen bei all dem Rauch und den vielen Knallkörpern, die einige unserer Spieler so sehr verunsicherten. Ich hoffe natürlich, dass er nochmals einen Schritt macht und nicht nur das Niveau hält. Er ist ja nicht 43 Jahre alt, sondern erst 33.

Will der FC St.Gallen den Vertrag mit ihm verlängern?

Ja, das ist ein Thema. Wir sprachen das ansatzweise einmal an und sendeten ihm diesbezüglich ein Signal.

«Auch wenn Barnetta weiss, dass er es allen gezeigt hat, ist er nicht abgehoben.»

Quillo ist Quillo, bodenständig, er will seine Ruhe und bringt Leistung. Aber er ist nicht der Typ Spieler, der die Mannschaft in der Garderobe mitreisst und alles alleine schmeisst.

Wer ist dann der Antreiber im Team?

Vielleicht ist diesbezüglich die Mannschaft noch nicht ideal aufgestellt. Vielleicht kommt das auch von den vielen Wechseln in den Formationen. Und von der unterschiedlichen Muttersprache der Spieler. Wir brauchen grundsätzlich aber keinen Leithammel, wenn alle so auftreten, wie wir es uns vorstellen. Wir haben 22 potenzielle Stammspieler. Auch Peter Tschernegg, Nassim Ben Khalifa oder Milan Vilotic könnten von ihrem Typ her Leaderfiguren sein. Taktisch sind wir in der Entwicklung, dass alles noch klarer und synchroner wird. Und wir sind in der Hierarchie im Findungsprozess, auch wenn ich dieses Wort nicht mag, weil es militärisch geprägt ist. Man kann aber nicht erwarten, dass alle neuen Spieler gleich einschlagen und es taktisch und auch menschlich überall zusammenpasst. Wir haben gute Transfers getätigt. Mit Quintilla, Sierro, Leonel Mosevich, Axel Bakayoko oder auch Ashimeru und Dereck Kutesa.

Bei Bakayoko heisst es, er sei früher ein anderer, ein viel besserer Spieler gewesen als jetzt in St.Gallen.

Das stimmt nicht. Ich habe Bakayoko schon in Sochaux trotz einiger Widerstände immer wieder gebracht, weil ich an ihn glaube. Wenn wir das Spiel gegen Xamax nehmen: Wer tauchte da dreimal vor dem Tor auf? Es war Bakayoko. Es fehlte nicht viel und er hätte ein Tor erzielt. Er ist viel besser als zu seiner Zeit in Sochaux oder im Nachwuchs von Inter Mailand.

Aber wenn es öffentlich stets Vorbehalte gegenüber Bakayoko gibt, hat das sicher seine Gründe.

Ich bin nicht beratungsresistent. Aber ich glaube an sein Talent. Ich sehe, dass er immer mehr aus sich rausgeht. Der FC St.Gallen ist eine Chance für ihn. Bakayoko ist ein Projekt.

Auffallend ist, dass Sie Bakayoko mehr Chancen zugestehen als beispielsweise einem Alain Wiss.

Das sind andere Positionen. Ein Stürmer hat die besseren Chancen reinzukommen. Zudem fielen unsere beiden rechten Verteidiger Lüchinger und Philippe Koch lange verletzt aus und wir mussten Bakayoko zum Verteidiger umfunktionieren. Dass Bakayoko Talent hat, sehen Sie?

Nein, bis jetzt noch nicht.

Dann bin ich anderer Meinung. Aber gegen Xamax war es deutlich zu sehen. Natürlich fehlt noch der Durchbruch. Bakayoko muss lernen, sich durchzubeissen. Das erwarte ich von ihm. Ich weiss, dass sich an Wiss und Bakayoko Diskussionen entfachen: Beim einen ist er streng, beim anderen weniger. Das kann man so sehen. Aber ich überlege mir dabei schon etwas und es hat nichts mit Sympathien zu tun.

Sie tigern an der Seitenlinie oft umher. Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zum vierten Schiedsrichter?

Alle Schiedsrichter werden ein gutes Verhältnis mit mir bestätigen. Sie werden sagen: Der flippt zwar manchmal aus, hat uns aber noch nie beleidigt. Klar, wenn die Young Boys ein Abseitstor erzielen oder wenn sie Sierro beinahe den Kopf abhauen, sage ich den Schiedsrichtern schon, dass wir das nachher anschauen müssen.

Wie oft waren Sie bei Ihren Spielern bis anhin als Pädagoge gefordert?

Unser Job ist eine pädagogische Tätigkeit. Man muss viel reden und auch kritisieren. Man kann das aber auch lernen, ohne eine Ausbildung als Lehrer gemacht zu haben.

In 17 Super-League-Partien holte der FC St.Gallen unter Peter Zeider bisher 23 Punkte. (Bild: Mareycke Frehner)

In 17 Super-League-Partien holte der FC St.Gallen unter Peter Zeider bisher 23 Punkte. (Bild: Mareycke Frehner)

Im Umgang der Spieler mit Sozialen Medien müssen Sie auch pädagogisch wirken?

Da würde ich mich freuen, wenn mir jemand helfen würde. Natürlich wäre es mir lieber, die Spieler würden mehr miteinander reden oder miteinander kochen. Sie könnten auch gemeinsam in ein Café gehen und über das Leben philosophieren, anstatt ständig am Handy zu sein. An unserer Weihnachtsfeier war es mir wichtig, dass während des Essens kein Smartphone auf dem Tisch lag.

Muss man die Afrikaner anders führen als einen Europäer?

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht generalisieren. Natürlich muss ich mit Roman Buess anders reden als mit Majeed Ashimeru, nur schon wegen der Sprache, wobei ich bei Ashimeru ja zwei Monate lang gemeint habe, dass er französisch spricht. Er hat immer gelacht und genickt (lacht), bis ich herausfand, dass Englisch mehr seine Sprache ist. Nun kann er auch schon gut Deutsch. Die Disziplin ist kein Problem. Ich kann mich nicht erinnern, dass Ashimeru zweimal zu spät gekommen ist zum Frühstück. Aber er hat ja auch schon an anderer Stelle gesagt, dass er sich umstellen musste. Wittwer oder Barnetta sind Väter geworden, natürlich sind ihre Leben anders als das von Ashimeru oder Bakayoko.

Wird es Abgänge geben im Winter?

Das kann sein und wäre nichts Aussergewöhnliches. Wenn jemand hier nicht zufrieden ist und weg will, hören wir uns das an. Aber wir schicken keinen weg.

«Anfang Januar werden wir jene Spieler,
mit denen wir uns eine Vertragsverlängerung vorstellen können, informieren.»

Es war uns aber auch wichtig, nicht schon vor den letzten Spielen vor der Winterpause über die Zukunft zu reden. Das lenkt viel zu sehr ab.

Matthias Hüppi sagt, Ziel sei eine Klassierung unter den Top fünf und der Cupfinal. Wie gehen Sie damit um?

Matthias Hüppi hat das Recht zu sagen, dass ein Club wie der FC St.Gallen eine Platzierung unter den ersten Fünf zum Ziel haben muss. Auch dass er wieder einmal in einen Cupfinal will, ist verständlich. Er kann doch nicht sagen, wir wollen im letzten Spiel den Abstieg verhindern. Aber Hüppi weiss, dass wir in dieser Saison auch einmal eine Phase haben können, in der wir nicht unter den ersten Fünf sind.

Entsteht dadurch nicht Druck? Wenn der Präsident das verkündet und Sie wissen: Eigentlich sind wir gar nicht so gut?

Wir diskutieren oft genau diese Thematik. Wir müssen schon schauen, dass die Erwartungen nicht unrealistisch werden. Wir haben viele Spieler verloren, Runar Sigurjonsson, Marco Aratore, Stjepan Kukuruzovic beispielsweise. Hinzu kommt die Verletzung von Itten, es kann also sein, dass wir in dieser Saison auch einmal auf Rang acht abrutschen. Dann braucht es Geduld. Und vielleicht gelingt es uns in der nächsten Saison, zu fliegen. So, wie es sich Hüppi und wir alle uns erträumen.

«Ein Stürmer wird treffen»

Im letzten Meisterschaftsspiel vor der Winterpause kann der FC St. Gallen am Sonntag auswärts gegen Luzern (16 Uhr) bis auf den langzeitverletzten Cedric Itten aus dem Vollen schöpfen. Peter Zeidler erwartet «ein grosses Spiel» bei einem formstarken Gegner, der laut dem St. Galler Trainer vor allem offensiv viel Qualität besitze. Also müsse man die Luzerner so gut es gehe vom eigenen Sechzehner fernhalten. «Wir wollen etwas mitnehmen und werden unseren Prinzipien treu bleiben, offensiv mit drei Stürmern aufzutreten. Und ich prophezeie, dass einer von ihnen trifft.» Bei St. Gallen dürfte Alain Wiss erneut von Beginn an spielen. (cbr)