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Interview

FCSG-Sportchef Alain Sutter im grossen Interview: «Wir müssen nochmals den Reset-Knopf drücken»

Alain Sutter lässt sich nicht verbiegen. Er ist, wie er ist. Und schmiedet nach der Vorrunde weiter Pläne für die Zukunft 
des FC St.Gallen. Der 50-jährige Berner über in Ungnade gefallene Spieler und den Nachwuchs, den er als soziales Projekt versteht.
Christian Brägger
Alain Sutter ist seit einem Jahr der Sportchef des FC St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Alain Sutter ist seit einem Jahr der Sportchef des FC St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Alain Sutter, sind Sie froh, ist nun Winterpause?

Für mich macht es keinen grossen Unterschied. Es sind einfach die Spiele und die Trainingseinheiten, die wegfallen. Also die tägliche Arbeit mit der Mannschaft. Dadurch ergibt sich für mich mehr Zeit und Raum für andere Pendenzen.

Um Pendenzen wie auslaufende Verträge abzuarbeiten? Davon sind etwa ein Dutzend Spieler betroffen.

Nein. Das ist ein laufender Prozess, den ich schon lange in Angriff genommen habe. Zudem haben die Jungs jetzt ohnehin Ferien.

Matthias Hüppi sagte nach dem Spiel in Luzern, er denke jetzt noch nicht an Ferien. Er sagte: «Jetzt müemer ersch recht ad Säck, jetzt goht’s richtig los.»

Es gibt sicher genug zu tun. Und ich weiss, dass der Präsident ein volles Programm hat, so wie ich auch.

Aber das Volk oder wir Journalisten werden langsam nervös, wenn wir die Kaderplanung für die Saison 2019/20 anschauen. Sie nicht?

Nein. Ich habe einen klaren Plan, ich weiss, was ich tue. Und ich weiss, wo ich stehe in den Verhandlungen und Entscheidungsprozessen; es ist ja das Wichtigste, dass ich weiss, woran ich bin. Ich habe schon vieles vorgespurt.

Können Sie uns teilnehmen lassen an Ihrem klaren Plan?

Ich werde hier doch meine Personalplanung nicht veröffentlichen: Mit wem rechne ich, wer auf der Kippe steht, wen ich nochmals anschauen muss, wer gehen darf. In meinem Kopf sind diese Prozesse allerdings weit gedeiht.

Sie machen es einem nicht einfach. Wäre es nicht gut, dass die Öffentlichkeit wie bei der Vertragsverlängerung von Nicolas Lüchinger etwas in den Händen hat?

Nein. Es hat mit Lüchinger gerade gepasst, weil wir uns einfach schon vor dem Luzern-Spiel gefunden haben.

Trainer Peter Zeidler hat gesagt, es brauche zwei neue Spieler.

Wir haben mit Victor Abril Ruiz ja bereits einen neuen Spieler geholt. Die Vorrunde hat aber gezeigt, dass wir nochmals einen Stürmer brauchen. Wir benötigen einen Ersatz für Cedric Itten, das ist Fakt.

St.Gallen braucht also einen fertigen Stürmer, der im Februar mit Beginn der Rückrunde einsatzbereit ist.

Es gibt verschiedenen Szenarien. Ein fertiger Spieler, den man ausleiht zur Überbrückung bis Sommer. Oder ein talentierter, junger Schweizer, der noch nicht ganz fertig ist, den man aber länger behält. Oder ein älterer Spieler, der längerfristig da ist und bereits funktioniert.

Für jede Variante habe ich den einen oder anderen Akteur im Auge.

Auch wenn man nie weiss, was dann tatsächlich klappt.

Wenn ich Ihnen Lausannes Stürmer Simone Rapp nenne, sagen Sie...

...vom Spielerprofil her spannend. Er ist gross, hat eine Strafraumpräsenz. Er bringt etwas mit, das uns fehlt. Nur schon wegen seiner Grösse, mit der er Bälle verlängern kann.

Was sagt Alain Sutter zum Wiler Innenverteidiger Nikki Havenaar?

Wieder ein spannendes Spielerprofil, allein schon von der körperlichen Präsenz her. Mit Milan Vilotic haben wir das zwar im Kader, der 23-jährige Havenaar ist aber perspektivisch interessant. Ich habe ihn schon beobachtet, bin aber noch nicht schlüssig geworden.

Gerade Vilotic ist nie angekommen in St.Gallen. Warum verlängert man mit einem Spieler, der nie spielt?

(Bild: Urs Bucher)

(Bild: Urs Bucher)

Milan hatte gute Spiele für uns, trotz einigen unglücklichen Aktionen. Für mich ist seine Vertragsverlängerung absolut richtig, er wird definitiv bis Sommer bleiben. Was danach kommt, wissen wir nicht. Vilotic hat ein Profil, das wir sonst im Kader nicht haben. Mit seiner Grösse, mit seiner Routine. Ich bin froh, ist er bei uns. Er gab einem Leonel Mosevich die Möglichkeit zu wachsen.

Letzter Name: Der 20-jährige Stürmer Jérémy Guillemenot aus Genf, der bei Rapid Wien wenig spielt.

Ein sehr spannender Spieler. Ein talentierter Schweizer Stürmer, der noch nicht fertig ausgebildet ist und bei dem man nicht weiss, wohin die Reise geht.

Sie holen oft Spieler, deren Karrieren stocken. Weshalb haben Sie sich auf solche Profis spezialisiert?

Ich bin nicht spezialisiert auf solche Spieler. So sieht einfach mein Jagdrevier aus, wenn man das Gesamtbild und die Rahmenbedingungen des FC St.Gallen kennt.

Es gibt hier keine Schatulle voller Geld. Und ich musste eine Million Franken Lohnsumme einsparen.

Da musst du kreativ sein und auch ein gewisses Risiko gehen mit Spielern, die Potenzial haben, es aber noch nicht ganz auf den Platz bringen. Wäre Guillemenot bei Rapid Stammspieler, könnten wir ihn uns nicht mehr leisten.

Wäre denn Rapp noch finanzierbar?

Das wird sich zeigen. Bei ihm könnte dies das grosse Problem sein. Lausanne bezahlte vor einem Jahr eine Million Franken. Das ist für uns nicht machbar. Er spielt in der Challenge League, verdient so viel wie fast keiner unserer Spieler.

Was macht das mit Ihnen, wenn die Hände so gebunden sind?

Ich würde gerne in der Champions League scouten. Aber das spielt keine Rolle, weil ich in dem Markt, in dem ich mich bewegen muss, grossen Spielraum habe. Manchmal muss ich mich deswegen mehr erklären. Und bei diesen Umständen muss man realistisch bleiben. Auch im Club. Wir haben nun einmal eines der tiefsten Budgets in der Super League.

Verliert nicht Präsident Hüppi manchmal den Realitätssinn?

Nein, absolut nicht. Jeder äussert sich anders, jeder ist in einer anderen Position. Letztlich geht es immer um das Ganze.

Der FC St.Gallen arbeitet mit dem Spieler-Suchinstrument «Wyscout» und checkt dort die Spielerprofile. Man will im Verhältnis wenig zahlen und hofft auf die Trouvaille?

Es ist nicht ein Hoffen. Wir arbeiten mit diesem Tool, man kann dabei den Gegner studieren und Inhalte über die Spieler finden. Du siehst das Defensivverhalten, Beschleunigungen, erkennst Zweikampfverhalten in Videosequenzen. Und du bekommst einen Eindruck, ob der Spieler passen könnte. Das alles mache ich aber erst, wenn ein Berater mir einen Spieler angepriesen hat.

Fürs Fussballgeschäft hat man einen anderen Typ Sportchef im Kopf als Sie es sind. Haben Sie sich nie gefragt, ob Sie am richtigen Ort sind?

Was heisst anders? Wie müsste ich denn sein?

Zumindest nicht so unaufgeregt und tiefenentspannt wirken. Böser?

Es gibt überall verschiedene Charaktere. Ich weiss, dass ich sehr konsequent handeln und schwierige Entscheide fällen kann. Ich glaube einfach, man muss kein Fiesling sein, um strikt und unpopulär handeln zu können. Ich werde auch nie ein Fiesling sein. Aber ich weiss, in welche Richtung es gehen muss.

Ein Erich Vogel entspricht vielleicht dem Bild, das man sich einst vom gewieften Sportchef machte.

Ich bin so wie ich bin und vergleiche mich nicht mit anderen Personen. Und zur vorherigen Frage: Nein, ich fühle mich nicht fehl am Platz. Ich finde es superspannend beim FC St.Gallen als Sportchef.

Wie tanken Sie Kraft?

Ich nehme mir immer wieder Auszeiten. Ich spaziere täglich mit meinem Hund, egal ob in der Früh oder spät am Abend.

Ich bin oft im Auto, manchmal schalte ich bewusst das Radio aus und telefoniere nicht. Einfach um durchzuschnaufen, die Gedanken kreisen zu lassen.

Und ich schaue auf meinen Körper, mache Übungen und Dinge, mit denen ich vor dem Job mit St.Gallen mein Geld verdiente.

(Bild: Urs Bucher)

(Bild: Urs Bucher)

Peter Zeidler sagte am Sonntag, man müsse im neuen Jahr nochmals neu beginnen.

Peter war nicht zufrieden mit dem Abschluss der Vorrunde, ist nicht damit zufrieden, wo wir stehen. Auch ich nicht. Wir alle nicht. Wir müssen nochmals den Reset-Knopf drücken. Wir müssen zwar nicht von vorne beginnen, aber die Entwicklung weiterführen, die wir angefangen haben.

Der Coach sagte auch, Roman Buess und Nassim Ben Khalifa hätten den Durchbruch nicht geschafft.

Sagen wir es so: Sie füllten die Lücke nach Cedric Ittens Ausfall nicht. Darum haben wir uns entschieden, dass wir einen Stürmer brauchen. Ich bin grundsätzlich davon ausgegangen, dass es nicht nötig sein würde. Aber ich habe mich getäuscht. Wir haben von Roman und Nassim mehr erwartet.

Ben Khalifa bezeichneten Sie einst als Projekt. Ist es gescheitert?

Was heisst schon scheitern. Es ist einfach nicht so herausgekommen, wie wir alle es uns erhofften. Wir werden ihm und Roman keine Steine in den Weg legen, wenn sie im Winter vorzeitig gehen wollen. Sie werden darüber nachdenken.

Gilt dasselbe auch für Yannis Tafer und Alain Wiss?

Nein. Stand jetzt planen wir mit Wiss und Tafer.

Ich nehme mir das Recht heraus, dass ich meine Meinung noch ändern kann.

Oder dass eine Situation eintritt, die das Ganze verändert. Im Fussball kann es schnell gehen.

Aber es ist schon so, dass die Schonfrist abgelaufen ist bei einigen St.Gallern.

Nehmen wir Nassim und Roman. Die beiden sind nicht zufrieden mit ihrer Situation. Es ist eine Quälerei für sie und für uns, wenn es so weitergeht. Die beiden sind in einer Position, wo sie nicht hingehören. Deshalb wollen wir Klarheit schaffen. Ein gestandener Super-League-Spieler gehört nicht auf die Tribüne, das gibt nur allerorts Irritationen. Dahin gehört eher ein Nachwuchsspieler.

Wie findet man eigentlich einen Jordi Quintillà?

Das ist ein Glücksfall. Ich bekam eine Mail, schaute ihn danach auf Wyscout an, schloss mich mit seiner Beraterin kurz. Danach folgte das Probetraining. Ich sah etwas in ihm – und wir verpflichteten ihn. Er kommt genau aus meinem Jagdrevier. Bei fünf solchen Lebensläufen hast du vielleicht zweimal Glück.

Vincent Sierro war auch ein Glücksfall.

Vincent ist eine klassische Win-win-Situation. Für ihn war Spielpraxis wichtig, es ging um den Relaunch seiner Karriere. Doch auch ihn haben wir nur erhalten, weil seine Laufbahn stockte.

Bei welchen Ihrer Transfers fehlte dieses Glück?

Bis jetzt bei keinem. Es gab Neue, die länger brauchten, bis sie durchdrückten. Aber ich sehe die Spieler tagtäglich im Training und wie sie sich entwickeln. Sicher gibt es solche, bei denen ich heute ein Fragezeichen setze, ob sie es noch schaffen.

Sie holten viele Spieler aus dem Ausland, bei denen man denkt: Genau einen solchen muss St.Gallen selber hervorbringen können.

Man muss dies von Fall zu Fall anschauen. Bis auf Milan holte ich nur junge Spieler. Einen wie Mosevich haben wir nicht in der U21. Einen wie Sierro auch nicht. Einen wie Majeed Ashimeru auch nicht. Einen wie Itten auch nicht. Kekuta Manneh steht an einem anderen Ort in seiner Karriere als ein Nachwuchsspieler. Dereck Kutesa ebenfalls.

Das widerlegt Ihre Theorie. Im Nachwuchs haben wir auch keinen Musah Nuhu, dort ist kein Spieler über 190 Zentimeter gross. Ihre Aussage stimmt also allenfalls bedingt.

Aber mein Plan ist klar, ich weiss, wohin es gehen soll. Wenn Sie mir in drei Jahren nochmals diese Fragen stellen, dann muss ich wohl mehr schauen, was ich antworte.

Den Plan sehen wir eben nicht. Sie verstehen, dass Spieler aus dem Nirgendwo Spaniens oder Frankreichs verwirren?

Das kann ich verstehen.

Alain Sutter sagt, er verfolge einen klaren Plan. (Bild: Urs Bucher)

Alain Sutter sagt, er verfolge einen klaren Plan. (Bild: Urs Bucher)

Matthias Hüppi propagiert die grün-weisse Welle und sagte, man wolle mit eigenen Jungen arbeiten. Oder ist der Nachwuchs einfach nicht so gut wie er denkt?

Bei Matthias Hüppi, dem Verwaltungsrat und den Aktionären wie auch bei mir ist es der klare Plan, auf die eigene Jugend zu setzen. Wir wissen aber auch, dass es nicht so einfach ist, pro Jahr 10 Spieler aus dem Nachwuchs in die 1. Mannschaft zu integrieren. Denn wir haben jetzt eine klare Sichtweise von der Jugendabteilung.

Bezüglich Qualität des Nachwuchs?

Nein, nicht nur. Generell, was es bedeutet. Nach meinem Start als Sportchef hatte ich eine Unterhaltung mit Christoph Hammer, der im Verwaltungsrat für die Finanzen zuständig ist. Er rechnete mir die Kosten des Nachwuchs vor und fragte mich, wo der Return of Invest sei.

Ich sagte ihm klar und deutlich, dass es diesen nicht gebe. Dass es ein soziales Projekt sei, um vielen Kindern etwas Gutes zu tun.

Das muss man sich stets bewusst sein: Der Nachwuchs ist kein Investment. Man gibt viel Geld aus, um die besten jungen Fussballer der Ostschweiz auszubilden. Die Chance, dass einer durchdrückt, ist 1:100.

Man kann also im FC St.Gallen keinen Benefit generieren mit eigenen Jungen?

Nein. Man darf schon gar nicht damit kalkulieren. Wenn das Budget einen solchen Posten vorsehen würde, wäre das komplett falsch.

Es tönt selbstlos, wenn man sagt, der Nachwuchs sei Sozialarbeit.

Das ist es auch. Ich finde, in der Öffentlichkeit wird genau diese Geschichte, was Jugendarbeit tatsächlich ist, nie erzählt. Es ist Sozialarbeit! Man bildet die Jungen aus der eigenen Region , nicht um Geld zu verdienen aus.

Es gehört zu einem Verein wie St.Gallen, dass man Geld investiert in die Jungen der Ostschweiz.

Damit sie dann auch die Region besser machen. Am Ende des Tages bilden wir für die 1. und 2. Liga aus. Die ganz grossen Clubs holen zusätzlich die Besten aus der Welt, um etwas herauszuholen. Das ist dann ein Investment, ein Geschäftsmodell. Aber dort hat Grün-weiss nichts zu suchen.

Aber wäre es nicht gut für den Fan, wenn er viele Spieler aus der eigenen Region beim FC St.Gallen in der ersten Mannschaft sieht? Spieler, die den Nachwuchs durchlaufen?

Wenn diese Spieler Qualität haben und die Mannschaft gewinnt, selbstverständlich. Aber wenn sie zu wenig gut sind und wir deshalb um den Abstieg spielen, dann bin ich mir nicht mehr sicher.

Der Fan hat keine Freude, wenn elf grün-weisse Spieler aus der Region sang- und klanglos absteigen. Dann gehen die Leute auf die Barrikaden.

Für mich hat der Spieler aus dem eigenen Nachwuchs Vorrang, wenn er ebenbürtig mit einem Auswärtigen ist. Aber sonst nicht. Es geht am Ende des Tages um Punkte, um Siege – auch für euch Journalisten, und auch für die Zuschauer. So ist der Fussball. Wir geben alles, dass die Siege mit eigenen Jungen kommen.

Hat Peter Zeidler Mitspracherecht, ob er einen Transfer aus dem Ausland will oder einen Nachwuchsspieler?

Er hat nichts zu sagen. (lacht) Spass beiseite. Wir machen das zusammen, es macht ja auch keinen Sinn, wenn der Trainer nicht hinter einem Spieler steht. Aber letztlich trage ich die Verantwortung.

Ebendieser Peter Zeidler hat jüngst einen bemerkenswerten Satz gesagt: Er könne sechsmal in Folge verlieren und bliebe dennoch unantastbar.

Das ist so.

Macht ein Blankocheck Sinn? Gerade dann, wenn das aktuelle Resultat zählt und nicht, wie weit man mit einem Trainer in drei Jahren sein könnte?

Wenn du weisst, wie der Mensch funktioniert, macht es Sinn. Ich kenne die Mechanismen von Menschen. Wenn jemand ständig unter Druck ist, wenn jemand ständig Leute im Nacken spürt, dann agierst du nicht mehr so klar.

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