FCSG-Kräuchi, der Fussballer und Rapper – Hey, wie wär's mit einem neuen Lied!

Alessandro Kräuchi spielt Fussball beim FC St.Gallen. Sein zweites Talent ist das Soundtüfteln – es fördert sein anderes Ich zutage. Gerade in Zeiten von Corona kann ein bisschen Musik, Zerstreuung und eine etwas andere Unterhaltung nicht schaden.

Christian Brägger
Drucken
Teilen
Der St.Galler Alessandro Kräuchi, 21 Jahre alt, traut sich die Super League in jedem Fall zu.

Der St.Galler Alessandro Kräuchi, 21 Jahre alt, traut sich die Super League in jedem Fall zu.

Bild: Urs Bucher (Kybunpark, 6. März 2020)

Der Plan ist ein anderer. Angedacht ist eine Geschichte über einen jungen Fussballer, der vor der schwierigen Aufgabe steht, sich in der ersten Mannschaft des FC St.Gallen festzubeissen. Der als Bub seinen künftigen Arbeitgeber im altehrwürdigen Espenmoos bejubelt. Der als Sanktgaller Kind mit der jüngeren Schwester behütet in Wittenbach aufwächst und vor zehn Jahren, als sich die Eltern im Guten trennen, bei der Mutter bleibt. Der bei einem Massenscouting für die U11 des FC St.Gallen entdeckt wird und die folgenden Jahre in den Jugendabteilungen, bei Future Champs Ostschweiz und als nicht nur folgsamer Schüler der United School of Sports verbringt. Dem es heute nicht mehr genügt, mit wenig Einsatzzeit als Rechtsverteidiger oder Flügelspieler im Kader zu stehen.

Alessandro Kräuchi, der Fussballer, im Suchscheinwerfer. Das war vor der Coronakrise. Nun ruht der Ball, und er wird dies noch länger tun. Das schafft zwangsläufig Raum für Alternativen, etwa die Musik.

Kräuchi will in erster Linie als Fussballer wahrgenommen werden

Es ist Anfang März und alles läuft noch in geordneten Bahnen, als Alessandro Kräuchi auf sein Faible für selber geschriebene Lieder angesprochen wird. Er sagt: «Ich möchte in erster Linie als Fussballer wahrgenommen werden.» Dabei ist es keine schlechte Idee, als 21-Jähriger in einem anderen, sozusagen zweiten Leben nicht ausschliesslich den Fussball im Kopf zu haben.

Im vergangenen Jahr ist eingetroffen, was eintreffen musste. Kräuchi hat neben dem Platz mit Leidenschaft und Selbstkomponiertem brilliert. Das Lied, ein Rapsong, gewährt dem Publikum intime Einsicht in eine Welt, die sonst verborgen bleibt; es handelt davon, wie der FC St.Gallen eine ganze Liga rockt. Jeder Spieler erhält darin seinen Vers und damit einen ganz persönlichen Moment. Als Kräuchi die Eigenkreation an der Club-Weihnachtsfeier performt, rührt dies Trainer Peter Zeidler fast zu Tränen.

Der «Kräuchi-Song» geht mit Hilfe des St.Galler Fussballmagazins «SENF» oder gewisser Onlinekanäle viral und um die Deutschweiz. Jetzt sagt Kräuchi, das Musikstück sei weniger für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, und er würde es auch nicht mehr freigeben; diese hohen Wellen hatte er nicht erwartet. «Doch als schlimm empfand ich den Hype nicht, und die Veröffentlichung bereue ich auch nicht.»

Das Lied steht für viel mehr

Kräuchis Lied, reich beladen mit teils deftigen sozialen Codes der Jugend von heute und deshalb nicht allerorts verstanden, steht noch für bedeutend mehr. Für ein Team, das als Einheit an einem Strang zieht. Auch dafür, dass da ein junger Erwachsener schätzt, was ihm im FC St.Gallen widerfährt. Und es fördert den selbstbewussten Wesenszug eines bis dahin Unscheinbaren zutage.

Auf Kräuchi als DJ und Rapper käme man beim ersten Zusammentreffen oder anhand der Eindrücke auf dem Rasen nicht. Dabei hat Teamkollege Lukas Görtler unlängst in einem Interview erzählt, der Alessandro sei selbstsicher, würde sich etwas trauen. Kräuchi sagt:

«Auf dem Platz wirke ich introvertierter, weil ich fokussiere. Doch privat bin ich locker drauf. Und sobald ich mich wohlfühle in einem Team, mache ich in der Kabine viele Spässe.»

Kräuchi hat mit Mitspieler Miro Muheim in der St.Galler Altstadt eine Wohngemeinschaft. Manchmal schaut hier Jasper van der Werff vorbei, oder andere Gefährten von früher. Oft ist Kräuchi auch ganz allein im stillen Kämmerlein, hört französischen, amerikanischen, spanischen oder deutschen Hiphop und tüftelt etwa zehn Stunden die Woche an seiner Musik. Dann taucht er ein in eine andere Welt, in der das andere Ich herausbricht, jenes, das dann tatsächlich selbstbewusster wirkt.

Das alles will Kräuchi nicht gross bewerten, geschweige denn hervorheben. Auch nicht, dass genug Lieder für ein eigenes Album vorhanden wären und es Anfragen für Studio- oder Videoaufnahmen gegeben hat. «Es rappen doch heutzutage viele Jugendliche», sagt ausgerechnet einer, der sich einen Künstlernamen gegeben hat: SOG (sprich: «Ässs- ouu- Tschiii»)

Kräuchi: «Es nervt und motiviert mich zugleich, wenn ich nicht spiele.»

Kräuchi, der Musiker, will weiter Fussballer sein. Er fühlt sich bereit, er höre vom Trainer, dass er nahe dran sei. «Es nervt und motiviert mich zugleich, wenn ich nicht spiele. Aber ich traue mir die Super League in jedem Fall zu.» Was auf ihn nach dieser Saison zukommt, ist ungewiss, idealerweise solle es wie im Herbst 2018 vorwärtsgehen, als der Stammplatz nahe war.

Alessandro Kräuchi

Alessandro Kräuchi

Bild: Urs Bucher

Kräuchi hofft auf die Erneuerung des auslaufenden Vertrags, im Winter habe es schon einmal positive Signale gegeben im Gespräch mit Sportchef Alain Sutter. Nach zwei kurzen Teileinsätzen in der Vorrunde, notabene gegen Basel und die Young Boys, ist Kräuchi in der internen Hierarchie etwas zurückgefallen, hat danach nicht mehr gespielt.

«Ich muss das akzeptieren, immerhin ist Silvan Hefti direkter Konkurrent, und wir hatten einen Lauf. Aber ich muss schon mehr spielen.» Auch deswegen sagt der Nachwuchsinternationale, er wolle auf dem Platz böser werden, egoistischer. Und es nicht mehr stets allen recht machen. Vermutlich täte gerade auf dieser Ebene die eine Prise Rapper gut.

Der 21-Jährige würde eine Ausleihe nicht scheuen

Reissen mit dem Lieblingsclub alle Stricke, könnte es eine Option sein, dass Kräuchi wie im Januar 2018 einen Umweg macht. Damals wurde er an den FCWil verliehen, das Projekt aber nach nur drei Monaten wieder beendet: Unter Coach Konrad Fünfstück hatte der junge Fussballer kein einziges Mal gespielt. Kräuchi, der Musiker, kann sich vorstellen, später einmal als Produzent zu wirken. Er sagt:

«Und ja, ich würde nicht nein sagen, wenn ich eines Tages ein Rapstar wäre.»

Vielleicht würde es fürs Erste genügen, mit einer zweiten «Single» zum FC St.Gallen nachzulegen. Sie handelte vielleicht davon, wie ein Fussballer es schafft in der Profiwelt. Oder er könnte das Coronavirus zumindest verbal in den Boden rappen. Vorerst schlägt Kräuchi aber in der Corona-Isolation eher sanfte Töne an. Er ist frisch verliebt und holt sich gerade aus diesem Gefühl die Inspiration für seine Musik.