Irritationen um das Geburtsjahr
des FC St. Gallen: Wie alt ist der Club wirklich? 

Gab es den FC St.Gallen schon vor 1879? Hinweise darauf sind längst bekannt – werden nun aber neu diskutiert.

Christian Brägger
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Das Banner vom Jubiläumsjahr 2019 – mit der Meistermannschaft von 1904. Bild: Urs Bucher (9. April 2019)

Das Banner vom Jubiläumsjahr 2019 – mit der Meistermannschaft von 1904. Bild: Urs Bucher (9. April 2019)

Der FC St. Gallen ist am 19. April 1879 mit einem offiziellen Akt gegründet worden und damit ­ältester heute existierender Fussballclub des europäischen Festlandes. Das sind verbriefte Fakten, obwohl das Gründungsprotokoll nicht mehr existiert. Doch die ersten Statuten, bestehend aus neun Paragrafen, weisen das Datum auf. Zudem existiert im «St.Galler Tagblatt» an jenem Tag ein Aufruf zur Gründung eines Fussballvereins – inklusive Anwerbung von Mitgliedern – im Restaurant Hörnli, dem Clublokal an der Neugasse in St.Gallen. Der «Foot-bal Club», der später FC St.Gallen heissen sollte, war geboren.

Fussballspiele des FC St. Gallen gab es schon 1876

Nun gibt es schon seit einigen Jahren den Hinweis von Fredi Hächler, der FC St.Gallen habe seine Tätigkeit laut vereinseigenem Protokollband vom 8. Juni 1894 bereits drei Jahre früher aufgenommen, also 1876. Der pensionierte Mitarbeiter des Stadtarchivs schreibt auf 61 Seiten in seiner zweiten, erweiterten Schrift über die ersten Jahrzehnte des FC St.Gallen:

«1876 bis 1879 regelmässig Spiele in Rorschach zwischen dem FC Schönberg und dem schon vereinsmässig organisierten FC St.Gallen.»

Offenbar fanden diese Partien am Schönberg (später Hotel Waldau) gegen das Institut Wiget statt. Hächler führt in seiner Schrift aus: «Mannschaften wie der Lausanne Football and Cricket Club seit 1860, später der FC St.Gallen seit 1876 und ­sicherlich noch andere, heute unbekannte Teams trugen nach oft eigenen Regeln wie kleinere Tore oder mit weniger als elf Spielern Freundschaftsspiele aus.» Die Vorlaufzeit von drei Jahren scheint naheliegend, da erst aus der gemeinsamen Tätigkeit heraus die Idee entstehen konnte, einen Verein mit Statuten gründen zu wollen.

Der FC St.Gallen wollte die Bananenschachteln nicht

In 50 Bananenschachteln lagerten die Geschichte und Erinnerungsstücke des FC St.Gallen, 2008 beim Umzug in den Kybunpark kamen sie irgendwo im Espenmoos zum Vorschein. Hächler nahm sich des «alten Zeugs» an, für das der Club keine Verwendung hatte, recherchierte, analysierte, bilanzierte. Nun sagt er:

«Ich will keine Polemik entfachen. Mir geht es einfach um den Hinweis, dass der FC St.Gallen seine Vereinstätigkeit wohl früher aufgenommen hat. Und schon im Jahre 1878 bestand ein organisierter Fussballverein mit einer initiativen Kommission, bestehend aus einem Präsidenten, Vizepräsidenten, Aktuar, Kassier und Revisor.»

Wer sich wie Hächler mit alten Zeitdokumenten befasst, dem geht es auch um die Wertschätzung seiner Arbeit. Und ganz grundsätzlich sind einem dann historische Genauigkeiten wichtig; das wiederum gilt ebenfalls für den Fan, der als stolzes, traditions- und geschichtsbewusstes Wesen gilt. Werte, die ebenfalls einem Club wichtig sind, weshalb man ja so gut zueinander findet und passt. Die Frage aber ist, weshalb die Hinweise auf die frühere Vereinstätigkeit erst jetzt in einer breiten Öffentlichkeit debattiert werden. Massegebend hierfür dürfte ein Artikel vom 4.November in der bedeutsamen «Neuen Zürcher Zeitung» sein, welcher sich nach Gesprächen über fünf Ecken und damit aus einer gewissen Zufälligkeit heraus mit dem Werdegang des FC St.Gallen befasste. Und danach relative Wellen schlug.

Hüppi will sich der Sache bald annehmen

Doch beim FC St.Gallen kamen diese Wellen nie an. «Es scheint, dass sich beim Verein niemand für die eigene Vergangenheit interessiert», sagt Hächler. Also hat er Präsident Matthias Hüppi ein Mail geschrieben. Anders verhielt sich der FC Zürich. Präsident Ancillo Canepa war neugierig auf die Gründungsgeschichte seines Clubs 1896 und die Rolle des FC St.Gallen beim allerersten Spiel. Weshalb daraufhin der Archivar des Zürcher Clubs in die Ostschweiz reiste.

Hüppi hat unterdessen Hächler geantwortet, er will im Februar dessen Angebot wahrnehmen, sich durchs Stadtarchiv führen zu lassen. Doch er sagt:

«Die Diskussion ist bei uns kein Thema. Wir werden unser Gründungsdatum und Logo gewiss nicht umschreiben. Doch unsere ­Geschichte interessiert mich schon, nur momentan lässt es die intensive Zeit nicht zu.»