FCSG gegen Wil: Ein 4:4 im Test, zwei Blickwinkel

60 Minuten lang ist der FC St.Gallen hoch überlegen und führt 4:0. Danach bricht er gegen Wil völlig ein. Wir betrachten die Partie während der Länderspielpause aus St.Galler sowie aus Wiler Optik.

Patricia Loher und Christian Brägger
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St.Gallens Doppeltorschütze Thody Élie Youan.

St.Gallens Doppeltorschütze Thody Élie Youan.

Tobias Garcia

Zur Pause scheint das Testspiel zwischen den beiden Nachbarn gelaufen. St. Gallen, obwohl nur mit drei Stammspielern angetreten, ist Wil während 45 Minuten in allen Belangen überlegen.

Dank zweier Tore von Thody Élie Youan und eines Treffers von Tim Staubli führt die Mannschaft aus der Super League gegen das Team aus der zweithöchsten Spielklasse mit 3:0.

Goalie Lukas Watkowiak, der Lawrence Ati Zigi vertritt, muss nicht einmal eingreifen.

Auch in einem Testspiel schwer zu verdauen

Doch nach der Pause passiert, was selbst in einem Testspiel für einen Trainer nur schwer zu verdauen ist: St. Gallen kassiert, nachdem es in der
49. Minute durch Staubli noch auf 4:0 erhöht hat, zwischen der 63. und 72. Minute drei Gegentreffer.

Muss sich viermal bezwingen lassen: St.Gallens Torhüter Lukas Watkowiak.

Muss sich viermal bezwingen lassen: St.Gallens Torhüter Lukas Watkowiak.

Tobias Garcia

Wil spielt stark und dividiert den Gegner auseinander. Der FC St. Gallen ist nicht mehr wiederzuerkennen. Nach 86 Minuten ist der Vier-Tore-Vorsprung ganz dahin.

Trainer Peter Zeidler sagt: «Das war sehr schlecht. Ich kann es immer noch nicht fassen.» Er sei enttäuscht, die zweite Halbzeit habe man mit 1:4 verloren:

«Das ist eines FC St. Gallen nicht würdig. Es geht um Leichtigkeit und Einstellung.»

Von der Kritik explizit nahm er die jungen Nachwuchsspieler aus: Zum Einsatz kamen Michael Heule, nach der Pause auch David Jacovic und U18-Akteur Alessio Besio, der Sohn des früheren FC St. Gallen-Spielers Claudio Besio.

Dabei startet der Arbeitstag vielversprechend. St.Gallen dominiert, St.Gallen macht ganz vieles richtig, und es tut mit vier Toren auch etwas für sein Gemüt. Denn in der Meisterschaft sind die Ostschweizer in der Offensive noch nicht so richtig auf Touren gekommen: In sieben Spielen haben sie erst sechsmal getroffen, zuletzt gab es auswärts gegen Doublegewinner Young Boys ein 0:0.

Allerdings wartet der Vizemeister seit unterdessen vier Partien auf einen Sieg. Gegen Wil präsentiert sich St. Gallen angriffiger und spielfreudiger als noch in Bern, wo es sich defensiver verhielt als üblich. «Es waren 63 starke, überzeugende Minuten, während der wir ausnahmslos dominierten», so Zeidler. Dabei fehlen ihm nebst Zigi auch Spieler wie Miro Muheim, Leonidas Stergiou oder Betim Fazliji, die mit ihren Nationalteams unterwegs sind, zudem gönnt der Coach Lukas Görtler eine Pause.

Eine Chance, sich zu zeigen

Fazliji hat am Mittwoch sein erstes Länderspiel für den Kosovo bestritten: Trotz der 1:2-Niederlage in der Testpartie gegen Albanien war der Trainer Muharrem Sahiti, der den positiv auf das Coronavirus getesteten Bernard Challandes vertrat, angetan von der Leistung des St. Gallers. «Wir sind sehr zufrieden mit Fazliji, er hatte nach nur zwei Trainingseinheiten bei uns einen positiven Auftritt», sagte Sahiti gegenüber der kosovarischen Zeitung «Koha».

Fazliji gehört zum Inventar des FC St. Gallen, das Grundgerüst steht. Für einige Spieler ist es aktuell schwierig, in diese Mannschaft zu kommen, vor allem in Abwehr und Mittelfeld. Das Testspiel gegen Wil war eine Gelegenheit, sich aufzudrängen. Lange haben die Spieler die Chance genutzt. Nur trüben vier Gegentreffer diesen Nachmittag, der so gut begonnen hat.

Wil im Aufwind: Die St. Galler können den zweifachen Torschützen Maren Haile-Selassie (Mitte) nicht stoppen.

Wil im Aufwind: Die St. Galler können den zweifachen Torschützen Maren Haile-Selassie (Mitte) nicht stoppen.

Tobias Garcia

Und nun mit dem Blick des FC Wil:

Für den FC Wil geht es in einem Test gegen den grossen Kantonsbruder immer um ein wenig mehr. Davon ist zwar eine Stunde lang gar nichts zu spüren. Aber danach, als Wil Einsatzwille wie Spielfreude zeigt, die Ordnung stimmt, dominiert, endlich Tore schiesst – gleich vier an der Zahl – und Selbstvertrauen für die kommenden Aufgaben in der Challenge League tankt.

Vordergründig geht es Alex Frei darum, Spielern Einsatzzeiten zu geben, die in der Challenge League nicht allzu oft von Beginn an auflaufen – der Trainer wählt gegen St.Gallen einen Mix mit Etablierten. Frei kann dabei nicht auf drei an Corona erkrankte Akteure zurückgreifen, zudem ist Stammgoalie Philipp Köhn bei der Schweizer U21 und Luan Abazi bei der nordmazedonischen U19.

Vor allem aber will Frei nach der in der Meisterschaft abhandengekommenen Abschlusseffizienz, die in sechs sieglose Spiele mündete und derzeit den achten Tabellenplatz bringt, einen neuen Kandidaten im Sturm sehen: Weshalb sich Testspieler Kilian Pagliuca präsentieren darf. Pagliuca gehörte schon dem FC Zürich an (kein Einsatz in der Super League), zuletzt lief er für Carl Zeiss Jena in der 3.Bundesliga auf, ist derzeit nach einer Suspendierung aber vereinslos; gegen St.Gallen hat der 24-jährige Schweizer kaum Aktionen.

Wil startet denkbar schlecht

Schon nach sieben Minuten führt der scheinbar Übermächtige aus der Super League, der immerhin auf Jordi Quintillà und Victor Ruiz setzt. Die Verteidigung der Wiler steht schlecht bei einem Pass in die Tiefe – und Thody Élie Youan trifft. Doch die Gäste zeigen sich im Kybunpark nicht geschockt, auch wenn der Klassenunterschied deutlich ist. Während der Annäherung an etwas Ausgeglichenheit fällt just der zweite Gegentreffer durch Tim Staubli. Und vor allem: nach einem schnell ausgeführten Freistoss im Mittelfeld wieder nach allgemeiner Wiler Unachtsamkeit.

In der Folge sind die St.Galler klar besser und spielen für den FC Wil viel zu schnell: Einmal rettet der Pfosten, zweimal Goalie Kader Abubakar, ehe doch mit dem Pausenpfiff durch Youan das verdiente 0:3 fällt, um das man wie gebettelt hat.

Der FC Wil schafft die sensationelle Wende

Freis sieben Wechsel in der Pause tun dem Wiler Spiel kurzzeitig nicht gut, später wird er noch weitere frische Akteure bringen. Schon in der 49. Minute fällt das 0:4 durch Staubli. Spätestens jetzt heisst es Schadensbegrenzung, die mit dem Ehrentreffer durch Valon Fazliu in der 63. Minute gelingt. Doch es kommt noch besser: Maren Haile-Selassie trifft in der besten Wiler Phase sieben Minuten später zum 2:4, Ajet Sejdija in der 72. Minute gar zum 3:4 – jetzt sind die Wiler richtig gut und die St.Galler ganz schwach.

Erinnerungen an den Oktober 2012 sind da, als Deutschland gegen Schweden ein 4:0 zum 4:4 hergab. Geht da also noch etwas? Die Chancen zum Ausgleich sind da, vermutlich muss es noch einen Handspenalty für Wil geben. Und dann fällt es doch noch, das bejubelte 4:4, in der 86. Minute durch Haile-Selaissie. Und Frei, ansonsten ganz der Entspannte im Vergleich zu seinem Gegenüber Peter Zeidler, schreit: «Sauber, Jungs!»

Telegramm
St. Gallen – Wil 4:4 (3:0)
Kybunpark – Sr. Grundbacher.
Tore: 7. Youan 1:0. 27. Staubli 2:0. 45. Youan 3:0. 49. Staubli 4:0. 63. Fazliu 4:1. 70. Haile-Selassie 4:2. 72. Sejdija 4:3. 86. Haile-Selassie 4:4.
St. Gallen: Watkowiak; Rüfli, Nuhu (57. Stillhart), Ajeti, Heule; Staubli, Quintillà, Ribeiro (57. Duah), Ruiz; Youan (71. Jacovic), Babic (71. Besio).
Wil: Abubakar (69. Klein); Mettler (80. Kronig), Izmirlioglu (46. Talabidi), Mätzler, Kronig (46. Schäppi); Muntwiler (46. Krunic; 69. Sejdija), Sarcevic (46. Krasniqi; 69. Kamber); Camara (46. Jones), Paunescu (46. Fazliu; 69. Zumberi), Ballet (46. Haile-Selassie); Pagliuca (69.Brahimi).
Bemerkungen: St. Gallen ohne Kamberi, Guillemenot, Alves, Gonzalez, Traorè, Solimando, Kräuchi, Campos und Lüchinger (alle verletzt oder krank), Zigi (Nationalteam Ghana), Stergiou, Muheim (Schweizer U21-Nationalteam), Fazliji (Kosovo), Diarrassouba (Burkina Faso), Görtler sowie Letard (beide nicht im Aufgebot). Wil ohne De Mol, Ndau, Blasucci und Ismaili (verletzt/krank), Köhn, Mayer, Abazi und Sauter (abwesend/nicht im Aufgebot).