Interview

FCSG: Fifa-Flop und Teddybär – auch die Spitznamen der beiden Freunde Boris Babic und Ermedin Demirovic haben es in sich

Boris Babic und Ermedin Demirovic sind Freunde. Die beiden Stürmer des FC St.Gallen über Nationalitäten, das Boxen und die Mitspieler.

Christian Brägger aus La Manga
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Mit dem Boxergruss bejubeln Ermedin Demirovic und Boris Babic (rechts) jeweils ihre Tore.

Mit dem Boxergruss bejubeln Ermedin Demirovic und Boris Babic (rechts) jeweils ihre Tore.

Bild: Christian Brägger

Nach dem 3:6 gegen Ingolstadt lädt der FC St.Gallen die Batterien wieder etwas auf. Das Zimmerpaar Boris Babic und Ermedin Demirovic, das sich die Hotelwohnung in La Manga mit den Duos Silvan Hefti/Cedric Itten und Leonidas Stergiou/Lukas Görtler teilt, nutzt die Zeit zum Fussballgespräch der etwas anderen Art. Sofort ist klar: Kein Blatt passt zwischen die beiden Stürmer Babic und Demirovic.

Euch beiden wird eine ­«Bromance» nachgesagt, eine innige, tiefe Beziehung. Hat es sofort gefunkt?

Ermedin Demirovic: Das kann man schon so sagen. Als ich mit meiner Freundin am ersten Tag ankam im Stadion und wir die Gespräche führten, schritt Boris gleich auf mich zu. Geredet haben wir noch nicht viel, aber beim Wiedersehen hat er mir sofort gesagt: «Wenn du Probleme hast oder etwas brauchst, komm einfach zu mir.» Das gab mir ein gutes Gefühl.
Boris Babic: Unsere erste Begegnung war speziell. Ermedin sprach gerade in der Mixed Zone mit Alain Sutter, ich war frisch geduscht und nur mit dem Badetuch bekleidet, wollte zum Pingpongtisch. Es war speziell, weil seine Freundin ja auch daneben stand. Ich dachte: «Ohalätz.» Als wir uns nach der Nationalmannschaftspause dann wiedersahen, passte es auf Anhieb.

Herr Babic, Sie sind Serbe, und Herr Demirovic ist Bosnier. Diese Konstellation ist prinzipiell keine einfache.

Babic: Darüber reden wir oft, wir sehen das Politische gleich. Er ist in Deutschland aufgewachsen, ich in der Schweiz. Auch deshalb ist uns das Thema völlig egal, es existiert nicht. Und seine Freundin ist auch Serbin.  
Demirovic: Die Politik ist nicht mein Ding. Mir ist es echt egal, ob ein Mitspieler Serbe, Kroate oder Bosnier ist. Auch der Glaube spielt keine Rolle. Wo man hinkommt als «Jugo», es gibt mit anderen «Jugos» eine Verbundenheit. Das wäre selbst in China so. Weil wir eine ähnliche Sprache sprechen, wenn auch mit unterschiedlichem Akzent.

Was macht eure Freundschaft aus?

Demirovic: Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Ich hatte Zimmerpartner, die wollten in der Nacht die Heizung laufen lassen, damit es warm ist. Das mag ich nicht. Boris mag das auch nicht. Er hört die gleiche Musik. Vieles stimmt einfach, und dann haben die Leistungen auf dem Platz natürlich mitgeholfen.
Babic: Es ist einfach eine Seelenverwandtschaft da. Ich habe keinen Bruder, aber Ermedin ist vom Gefühl her wie ein Bruder für mich. Auch seine Mutter hat mir schon gesagt, ich sei wie ein Sohn für sie.
Demirovic: Wir unternehmen viele Dinge zusammen. Wenn meine Eltern nicht hier sind und meine Freundin ebenfalls nicht, bin ich ja allein. Da hilft es, dass jemand für dich wie ein bester Freund da ist, jemand, auf den Verlass ist. Wenn es für Boris am Abend zu spät ist, um heim nach Walenstadt zu fahren, übernachtet er bei mir in St.Gallen. Meine Akklimatisation war dank ihm viel einfacher. Das Verhältnis ist ebenfalls zu seinen Eltern gut, meine Freundin kam schon mit ihnen an die Spiele.

Verwendet Ihr Spitznamen?

Babic: Ich nenne ihn «medo». Das heisst Teddybär auf Serbisch, Bosnisch, Kroatisch.
Demirovic: Ich nenne ihn «Fifa-Flop». Playstation sei Dank.

Ihr habt beide eine starke Hinrunde mit vielen Skorerpunkten hingelegt. Hilft die Freundschaft auf dem Platz?

Demirovic: Vielleicht hatte es schon einen Ausschlag, dass alles so gut und von Anfang an geklappt hat. Doch wir hätten uns auch ohne den Erfolg perfekt verstanden.
Babic: Ermedin hat noch nie mit mir trainiert, und bereits wusste er, wie ich laufe. Er rennt für mich, ich für ihn. Dasselbe gilt auch für Cedric Itten. Der eine gönnt dem anderen den Erfolg. Wir haben uns schon früh einmal gesagt: Wenn Ermedin wechselt, wechsle ich mit ihm mit. Er einfach für zwei Millionen und ich für eine. (lacht)

Im Test gegen Ingolstadt gab es eine Klatsche. Gibt es eine Angst, dass es in der Rückrunde euch und St.Gallen nicht mehr läuft und der Höhenflug vorbei ist?

Demirovic: Null Prozent. Weil ich weiss, dass die Mannschaft da ist. Natürlich sprechen jetzt viele von uns zwei, und gewiss haben wir etwas beigetragen. Aber der Höhenflug liegt am ganzen Team und nicht an zwei Personen. Der Erfolg wird nicht so schnell aufhören. Wir werden vielleicht einmal verlieren, vielleicht zweimal, aber in der Rückrunde werden wir unser Niveau weiter unter Beweis stellen. Das weiss ich einfach. Die eigenen Tore kommen dann von selbst. Vor allem gibt sich keiner zufrieden mit dem, was wir erreicht haben. Jeder im Team hat Lust darauf, weiterzumachen. Ingolstadt war nur ein Vorbereitungsspiel. Ich garantiere, dass wir zum Rückrundenstart nicht sechs Tore kassieren.
Babic: Für uns alle ist der Erfolg ja keine Selbstverständlichkeit. Letard hat vor St. Gallen nicht gespielt, Ermedin nicht, Ruiz nicht, ich nicht,«Cedi» war verletzt, Görtler Ergänzungsspieler. Für uns ist das eine Chance, wir sind so heiss, weil viele lange nicht spielten. Es passt einfach. Schauen Sie: Mit Fazliji habe ich gegen Ingolstadt auf dem Platz gestritten, am Abend machten wir die grössten Scherze.

Eure Karrieren verliefen bisher nicht rund. Schweisst das zusammen?

Demirovic: Als wir das erste Mal gemeinsam im Zimmer waren, begannen wir zu reden. Und erkannten schnell Gemeinsamkeiten. Boris hat seine Geschichte, auch ich hatte meine schweren Zeiten. Wir sind im Endeffekt beide Kämpfer, und so bejubeln wir unsere Tore auch. Wir stehen dann wie Boxer hin, weil wir wissen, dass wir uns durchgeboxt haben. Immer und immer wieder. So gesehen war auch St.Gallen ein neuer Boxkampf.
Babic: Früher war es mit St.Gallen schwieriger. Es ist heute im Club viel mehr Liebe da.

Für Boris Babic (rechts) und Ermedin Demirovic wird es so weitergehen mit St.Gallen.

Für Boris Babic (rechts) und Ermedin Demirovic wird es so weitergehen mit St.Gallen.

Bild: Christian Brägger

Wer ist der bessere Fussballer?

Demirovic: Boris. Er ist derjenige, der mit dem Ball Dinge anstellen kann. Aber wir ergänzen uns gut. Vielleicht sollte Boris noch egoistischer sein. Er schaut zu oft, wo der Mitspieler steht.
Babic: Ermedin hat den besseren Torinstinkt, die besseren Stürmerqualitäten. Er läuft wie ein Wahnsinniger. Ich staune oft über seine Aktionen. Er hat alles, was ein Stürmer braucht, hat sogar gegen Barcelona gespielt. Seine einzige Schwäche sind die Haare, diese Striche. (lacht)

Läuft bei euch im Team immer etwas?

Babic: Schon, Kräuchis Lied haben wir gefeiert, und dann ist es vor allem auch mit Lukas Görtler lustig. Aber es passt mit allen. Ich poste auf den sozialen Medien ja alles unter dem Hashtag «chicoslocos», und wir haben allen Mitspielern einen Spitznamen gegeben. Stergiou ist «Sparta», Muheim der «Läufer», Letard der «Makkaroni», Hefti der «Panzer», Ruiz und Quintillà sind «Maestro» und «Magier», und Görtler ist der «Kämpfer». 
Demirovic: Lukas ist ein Deutscher, eine richtige deutsche Fussball-Kampfmaschine. Er ist für uns wie ein Papa, wir sind ja alle so jung, alle noch etwas verrückt im Kopf. Er fährt uns hier ständig mit dem Bus ins Training. Wie Papa halt. 
Babic: Lukas ist Veganer, er hat uns viele neue Dinge nähergebracht. Aber als Serbe esse ich natürlich weiterhin Fleisch. Sonst würde meine Mutter sagen, ich könne nicht trainieren.
Demirovic: Eigentlich nennen wir jeden Mitspieler «Klankutta». In Deutschland ist das der «Schlaks».

Herr Demirovic, Ihre Leihe wird im Sommer enden. Damit werden sich eure Wege trennen.

Babic: Unser schönes Verhältnis hat gar nicht so viel mit dem Fussball zu tun.
Demirovic: Noch sind wir hier, und das mit hundert Prozent. Bis zum Saisonende ziehen wir unser gemeinsames Ding jedenfalls durch. Vielleicht nimmt uns danach ja jemand im Doppelpack. Aber das mit uns, das wird bleiben, das ist kein Thema.