FCSG: Einmal endet jede Serie – auch jene gegen den FC Luzern

Der FC Luzern hat sich zum Angstgegner des FC St.Gallen entwickelt. Weshalb, weiss niemand, ändern wollen dies alle. Am Sonntag schon.

Christian Brägger
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Silvan Hefti hat schon oft gegen Luzern verloren. Er ist einer der wenigen Spieler, die wegen der Negativserie vorbelastet in die Partie gehen könnten.

Silvan Hefti hat schon oft gegen Luzern verloren. Er ist einer der wenigen Spieler, die wegen der Negativserie vorbelastet in die Partie gehen könnten. 

Bild: Michel Canonica

Rasselbande, Höhenflug, Spitzenteam. Mannschaft der Stunde, Ausnahmeerscheinung im grauen Ligaalltag. So und ähnlich und so weiter. Wie viele Geschichten wurden in der Vorrunde schon umgeschrieben, was für Schlagwörter verwendet, nachdem zum FC St.Gallen vor wenigen Monaten noch von Harakiri-Stil, mit-Glück-nicht-Barrage-Platz oder Wundertüte die Rede war. Den neuen, guten Ruf hat er sich hart erarbeitet und redlich verdient.

Doch eine Geschichte hat er bislang selber nicht umgeschrieben: Jene der Negativserie gegen den FC Luzern mit zwölf sieglosen Spielen. Bei zuletzt zehn Niederlagen in Folge mit einem Torverhältnis von 5:23. Darunter das bittere 1:2 beim 140-Jahr-Jubiläum im April und das 0:2 zum Auftakt in diese Saison. Es ist also mehr als an der Zeit, diesen negativen Lauf, ob dem man abergläubisch werden könnte, in der Zentralschweiz am Sonntag ab 16 Uhr zu beheben.

Dereck Kutesa und die günstigste Prognose

Der frühere St.Galler Dereck Kutesa.

Der frühere St.Galler Dereck Kutesa.

Bild: Gian Ehrenzeller/KEY

«Bonjour!» Am anderen Ende der Leitung meldet sich die fröhliche Stimme von Dereck Kutesa. Nach fünf Pflichtspielen in dieser Saison hat der 21-jährige Stürmer den FC St.Gallen für die Ligue 1 und Stade de Reims in Richtung Frankreich verlassen. Erst im Sommer 2018 hatte Kutesa vom FC Basel zu den Ostschweizern gewechselt. Er war sofort Stamm- und eine Art Lieblingsspieler von Trainer Peter Zeidler.

«Das Geld war nicht der Grund für den Transfer zu Reims, aber ich habe dem Coach und Sportchef Sutter gesagt, dass ich die Chance wahrnehmen und den nächsten Schritt machen will.» Es gehe ihm gut in Frankreich, sagt er. Zwar erhält er weniger Spielzeit als noch bei den Ostschweizern, doch Anpassungsschwierigkeiten gab es keine. Dem jungen Genfer machte vieles einfacher, dass beim neuen Arbeitgeber die Umgangssprache Französisch ist.

Gegen Luzern hat es auch Kutesa mit St.Gallen nie geschafft, zu gewinnen. «Es war komisch, wir waren immer hochmotiviert, aber hatten eben auch kein Glück.» Ihn wurmten die Niederlagen vielleicht noch ein bisschen mehr, weil er in der Saison 2017/18 von Basel an die Zentralschweizer verliehen war, in jenem Jahr unter den Trainern Markus Babbel und Gerardo Seoane aber wenig zum Zug kam und nicht wirklich glücklich wurde. Ruben Vargas war damals sein direkter Konkurrent, «vereinseigene Spieler erhalten halt oft den Vorzug», sagt Kutesa. Aus der Ferne beobachtet er den FC St.Gallen intensiv und mit grosser Freude.

«Er macht das sehr gut, Cedric Itten und Jordi Quintillà sind in Topform. Jeder Spieler muss konstant so weitermachen. Wenn das gelingt, ist alles möglich und St.Gallen kann vielleicht sogar Meister werden. Pourquoi pas?»

Warum nicht? Fragt er. Kutesas Tipp für das Spiel gegen Luzern – ein klares 3:0 für St.Gallen.

Alain Sutter und das Spiel wie jedes andere

Als junger Profi der Grasshoppers oder der Young Boys um die 1990er Jahre waren für Alain Sutter die Spiele gegen Luzern nichts Spezielles, sie waren gleich getaktet wie Begegnungen gegen Xamax oder Sion. Erinnerungen an Luzern, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, hat Sutter jedenfalls nicht. Das verwundert nicht, die Berner waren damals eine gute Mannschaft, die Grasshoppers meistens noch die bessere, und Sutter zu jener Zeit das grösste Talent des Schweizer Fussballs. Weshalb es bis auf ein paar Ausrutscher mehrheitlich Siege gab.

Heute, als Sportchef des FC St.Gallen, sind die Partien gegen Luzern für ihn immer noch wie alle anderen. Einzig der Name des Stadions hat geändert, von Allmend zu Swissporarena. Neu ist auch das Gefühl, den Platz als Verlierer verlassen zu müssen. Seit Sutter in der Ostschweiz arbeitet, war das in jedem der bisher sieben Spiele der Fall. Er sagt: «Am Ende lief es stets für Luzern, einen rationalen Grund dafür gibt es nicht.»

St.Gallen-Sportchef Alain Sutter

St.Gallen-Sportchef Alain Sutter

Bild: Claudio De Capitani/Freshfocus

Sutter ist an diesem Morgen Zaungast beim Training des FC St.Gallen, der zu einem guten Teil auch seine Handschrift trägt. Ist er bereits ein wenig stolz auf den Saisonverlauf und auf seine Mannschaft?

«Es ist bis jetzt noch nichts passiert. Zuerst beenden wir nun die Vorrunde, schauen, wie die Resultate bis dahin sind. Erreicht haben wir auch dann nichts. Dann spielen wir die Rückrunde und ziehen zum Saisonende Bilanz.»

Sutter, der eine besondere Affinität zu Coaching und Mentaltraining hat, könnte vielleicht versuchen, die Spieler gegen Luzern mit psychologischen Tricks zu unterstützen. Doch das macht er nicht, weil er es nicht als nötig empfindet und für ihn das Spiel ein ganz normales bleibt.

Die drei Pensionäre und die Dankbarkeit

Die drei Pensionäre stehen im Gründenmoos am matschigen Rand des hintersten Trainingsplatzes. Es ist kalt, aber das Trio lockt die Übungseinheit des FC St.Gallen mehr als die warme Stube. Ihres FC St.Gallen. Mindestens zweimal in der Woche schauen sie vorbei, Zeit hätten sie im Ruhestand ja genug, sagen sie. Sie kommen aus der Stadt, von Libingen bei Bütschwil und aus Arbon. Saisonkartenbesitzer seit einer gefühlten Ewigkeit und Fans seit über 50 Jahren, sind sie noch immer euphorisiert vom Sieg gegen Xamax.

«Einmalig war die Stimmung, wunderbar.» Sie fachsimpeln, bemerken, dass Zeidler die Gruppe im Griff habe, und dass der Trainer stets vorausschauend mit den Bällen des Gegners trainieren lasse. Jene des FC Luzern haben drei Streifen.

«Und alle im Verein sind so anständig, niemand trägt die Nase hoch. Der Herr Zeidler, der Herr Sutter oder der Herr Hüppi sagen uns immer per Handschlag Grüezi. Der Jeff Saibene war auch so ein lieber, er hat uns manchmal gar seine Eintrittskarten geschenkt.»

Die drei reifen Semester sind alte Schule, sie reden gemächlich und überlegt, legen Wert auf Anstand und Bodenständigkeit, weil diese Werte in die Region passten. Mit ihrem Verein haben sie schon viel erlebt, sportlich wie menschlich, Positives wie Negatives. Umso dankbarer sind sie für den aktuellen Höhenflug, sie geniessen ihn in vollen Zügen und sagen: «Ein Sieg gegen Luzern ist jetzt endlich fällig, möglich ist dies auf jeden Fall. Wir müssen einfach ein Tor mehr schiessen. Aber wie es auch kommt: Wir sind sehr zufrieden mit dem FC St.Gallen.» Noch bevor das Training zu Ende ist, trotten sie davon, zu Hause wartet das Mittagessen.

Peter Zeidler und die Gedanken im Hinterkopf

St.Gallen-Trainer Peter Zeidler.

St.Gallen-Trainer Peter Zeidler. 

Bild: Marc Schumacher/Freshfocus

Es ist Sonntagabend, eine Stunde nach dem 4:1 gegen Xamax. Die starke und wichtige Reaktion auf das 3:4 gegen die Young Boys gibt Zeidler ein gutes Gefühl, bereits hat er den nächsten Gegner im Kopf, den FC Luzern. Damit ist auch die Erinnerung zurück, dass es da zuletzt ein paar Niederlagen gegeben hat. In den folgenden Tagen lässt der Trainer normal trainieren, es gibt keine spezifischen Ansprachen, im mentalen Bereich hilft der Teamgeist. Und es gilt die Selbstverantwortung der Spieler.

Am Donnerstagabend mag er nicht im Kybunpark sein, als der FC Lugano ein letztes Mal im Europacup keine Stricke zerreisst. Zeidler ist vielmehr froh, dass der FC St.Gallen und sein Anhang das Stadion wieder ausschliesslich für sich haben. Und am Freitagmittag sagt er mit einem Lächeln: «Ein Punkt gegen Luzern wäre in Anbetracht unserer Serie eine Sensation.»

Diese Serie, dieses ewiggleiche Thema, das er nicht in seiner Nähe haben will, schon gar nicht in jener der Spieler. Dabei gilt die Vorbelastung für die wenigsten St.Galler, für Ermedin Demirovic, Lukas Görtler oder Boris Babic schon gar nicht. Zeidler sagt: 

«Mit Ausnahme von Silvan Hefti vielleicht, der natürlich weiss, dass er da ein paarmal verloren hat.»

Der Coach glaubt, dass die unterdessen gewachsene Erwartungshaltung des Publikums im Idealfall seine Spieler motiviert, sie beflügelt, er sagt: «Wir müssen im Herzen heiss sein auf das Spiel. Es ist unser Vorteil, dass wir heute die Vorgaben besser, extremer, intensiver umsetzen können. Und stabiler sind.»

Der Gegner hat zuletzt in der Meisterschaft viermal verloren, sein Trainer Thomas Häberli ist ziemlich angezählt, doch das interessiert Zeidler nicht. Ein bisschen Aberglaube muss aber sein, die Nacht auf Sonntag verbringt die Mannschaft in einem anderen Hotel und nun im Zentrum Luzerns. Am Sonntag wird Zeidler unmittelbar vor dem Spiel, für das er bis auf die Langzeitverletzten aus dem Vollen schöpfen kann, dann sagen: «Jungs, Euch traue ich zu, hier zu gewinnen!»