FCSG: Der FC St. Gallen braucht einen starken Sportchef

Der FCSG könnte mit der aktuellen Mannschaft die beiden vergangenen, enttäuschenden Saisons vergessen machen. Doch selbst wenn sich der Erfolg einstellt: Die neue Führungsstruktur im Verein hat keine Zukunft, schreibt Patricia Loher, Ressortleiterin Sport.

Patricia Loher
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Mit Nassim Ben Khalifa und Albian Ajeti (von links) verfügt der FC St.Gallen über die talentierteste Offensive seit langem. (Bild: Keystone/Michel Canonica)

Mit Nassim Ben Khalifa und Albian Ajeti (von links) verfügt der FC St.Gallen über die talentierteste Offensive seit langem. (Bild: Keystone/Michel Canonica)

Es war ein Übergang unter Miss­tönen. Nach sechseinhalb Jahren Präsidentschaft hat Dölf Früh dem FC St. Gallen eine Führungsstruktur hinterlassen, die schon länger schwelende Machtkämpfe befeuerte. Der neue Präsident Stefan Hernandez muss nun einige Baustellen beheben. In Ruhe arbeiten kann der 50-Jährige nur, wenn sich auf dem Platz rasch gute Resultate einstellen.

Die Ostschweizer verfügen über eine Mannschaft, welche die zwei vergangenen, enttäuschenden Saisons vergessen machen kann. Das Team ist zu einem grossen Teil zusammengeblieben und hat nach dem Trainerwechsel von Joe Zinnbauer zu Giorgio Contini aufgezeigt, dass es über die Qualität verfügt, das Publikum wieder mitzureissen. Der Harmlosigkeit im Abschluss – St. Gallen hat in den vergangenen zwei Saisons jeweils am wenigsten Tore erzielt – soll Neuverpflichtung Nassim Ben Khalifa entgegenwirken. Wenn Albian Ajeti den geplatzten Transfer nach Basel professionell wegsteckt und wieder fit ist, verfügen die Ostschweizer über die talentierteste Offensive seit langem.

Mit Contini steht ein Mann an der Seitenlinie, der den FC St. Gallen dank seiner Zeit als Spieler und als Coach im Nachwuchs besser versteht als sein Vorgänger. Der 43-Jährige ist ein talentierter Trainer, der viele Vorschusslorbeeren geniesst. Wenn es ihm gelingt, aus diesem Team das Optimum herauszuholen und es von den Unruhen im Hintergrund abzuschirmen, kann es für die St. Galler eine gute Saison werden. Die Hoffnungen und der Rückhalt sind jedenfalls gross: Nachdem der Vorverkauf lange geharzt hatte, wurden letztlich doch 7000 Saisonkarten und damit fast gleich viele wie vor einem Jahr abgesetzt.

Ein Wermutstropfen und ein Rückschlag für Future Champs Ostschweiz war der Abgang von Eigengewächs Roy Gelmi zu einem Club, der nicht ambitionierter ist als die St. Galler. Der 22-Jährige, der für einen tiefen Lohn gespielt haben soll, hätte in St. Gallen seinen Vertrag gerne vorzeitig verlängert, doch anscheinend zögerten die Verantwortlichen. Möglicherweise beurteilten sie Gelmis Potenzial für Continis Spielidee als ausgeschöpft, worauf auch die Transfers von Stjepan Kukuruzovic und Gjelbrim Taipi hindeuten könnten. Thun jedenfalls nahm Gelmi mit Handkuss.

Nun braucht Contini dringend einen Sportchef auf Augenhöhe. St. Gallen benötigt einen unabhängigen, starken Mann, der mit allen Kompetenzen ausgestattet ist. Sportchef Christian Stübi ist am neuen Organigramm, das ihn Sport-CEO Ferruccio Vanin unterstellte und auf einer Stufe mit Contini und dem Technischen Leiter Marco Otero vorsah, gescheitert. Stübis Lage war wenig komfortabel. Es entstand ein Kompetenzgerangel. Und eine Allianz, der Stübi nicht angehörte, wurde gestärkt: Der neue Sport-CEO Vanin steht Otero nahe. Der Technische Leiter im Nachwuchs vertraut so wie Contini demselben Spielerberater. Dass Stübi mit diesem Spielerberater und Otero das Heu oft nicht auf der gleichen Bühne hatte, ist kein ­Geheimnis.

So ist es fraglich, ob St. Gallen einen Mann findet, der von aktuell im Club engagierten Leuten unabhängig ist und sich in diese Führungsstruktur einordnen will. Hier hat Hernandez Handlungsbedarf, er muss mit dem Verwaltungsrat die Kompetenzen neu regeln. Doch gibt es eine Frage, welche die Anhänger umtreibt: Wie viel Einfluss kann Hernandez wirklich nehmen, wenn Früh weiterhin der grösste Aktionär ist? Aussitzen jedenfalls darf Hernandez die Probleme nicht. Diese Führungsstruktur hat keine Zukunft, die Wege sind zu lang, es reden zu viele Leute mit. Daran wird sich auch nichts ändern, sollte die Mannschaft eine gute Saison spielen.