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«Jörg Stiel habe ich auch schon eine reingemacht»: FCSG-Co-Trainer Amanatidis im Portrait

Ioannis Amanatidis ist Peter Zeidlers neuer Trainerassistent für die Rückrunde. Der frühere Bundesligaprofi ist 
alles andere als ein Jasager – und ein kantiger Charakterkopf, von denen es im Fussballgeschäft zusehends weniger gibt.
Christian Brägger
Ausdrucksstark: Ioannis Amanatidis. (Bild: Michel Canonica St.Gallen, 26. Januar 2019)

Ausdrucksstark: Ioannis Amanatidis. (Bild: Michel Canonica St.Gallen, 26. Januar 2019)

«Sag mal, warum schnauzt du mich sogar im Training immer an?», fragte bei Eintracht Frankfurt einst Stürmer Alex Meier den Captain Ioannis Amanatidis.

An diesem Nachmittag sitzt ebendieser Amanatidis im VIP-Bereich des Kybunpark. Mindestens in der Rückrunde wird er im FC St. Gallen als Assistent von Cheftrainer Peter Zeidler arbeiten, der vor 20 Jahren bei den Stuttgarter Amateuren sein Coach war. Vor zehn Jahren kreuzten sich ihre Wege erneut, als Frankfurt gegen Zeidlers Hoffenheim spielte. Nun sind sie wieder vereint, und Amanatidis sagt:

«Man spürt ganz tief, dass das passt zwischen uns.»

Der Grieche wirkt heute noch wie jener charismatische, stämmige Stürmer, der jahrelang für Stuttgart, Kaiserslautern und Frankfurt auf Torjagd ging und in der 1. Bundesliga 54 Treffer erzielte. Einzig die wilden, zottigen Haare und der ungezähmte Vollbart, Markenzeichen früherer Tage, sind in Hipsterform gebändigt. Und ein paar Kilo mehr hat er auf den Rippen.

Mit neun Jahren zog Amanatidis vom Norden Griechenlands mit den Eltern in die Nähe von Stuttgart. Sein Deutsch ist perfekt, und geht es um Disziplin und Einsatz, hat er die Mentalität dazu. Wenn es aber einmal einen Schuss Lockerheit und weniger Ernsthaftigkeit verträgt, ist er der unbeschwerte Grieche. Stolz ist er auf die kulturelle Geschichte seines Heimatlands, wenn es um Sieg und Niederlage geht, geht es auch um seine Ehre. Deshalb verlangte er stets von den Mitspielern, über die Schmerzgrenze zu gehen und die Komfortzone zu verlassen; der 37-Jährige glaubt, Meier sei auch deswegen später mit Frankfurt Torschützenkönig geworden.

Modeschöpfer, Botschafter, 
Restaurantbesitzer und Investor

Vieles hat Amanatidis nach der Aktivkarriere probiert. 2011 gründete er ein eigenes Modelabel, weil er Spass daran hatte und offen für Neues war. Bald merkte er, es war nicht seins – und liess es bleiben. Im selben Jahr eröffnete er mit einem Freund in Frankfurt ein Restaurant. Das Speiselokal, «Der Grieche», das gibt es heute noch. Aber Amanatidis stieg nach drei Jahren aus – es war nicht seins. Als Aktiver schaute er bereits über den Rand des Fussballtellers, überlegte, was er machen könnte, und investierte in erneuerbare Energien; die Solarstromanlage hat etwa die Grösse des nahen Breitfelds, auf das er nun durch das Fenster mit dem Finger zeigt, und sie produziert im Jahr mit einem Megawatt «ordentlich» Strom. Auch war Amanatidis Botschafter für das Bundesland Hessen, redete an Schulen und sprach Kindern mit Migrationshintergrund, wie er eines war, Mut zu. Seine Botschaft, die bis heute so lautet:

«Man kann alles schaffen und lernen, wenn man will.»

Er sei hierfür das beste Beispiel. Geblieben ist Amanatidis über all die Jahre der Fussball. Er war und ist seins. Und es war klar, dass er irgendwann dorthin zurückkehren würde. Mit 29 Jahren beendete er die aktive Karriere, weil es keine Angebote mehr gab, die ihm passten und es ihm wert waren. Nach Aserbaidschan oder in die Ukraine wollte er nicht, zudem brachten ihn die zwei Knorpeloperationen im rechten Knie ins Grübeln, weil er die Gesundheit nicht für das viele Geld, das es zu verdienen gegeben hätte, aufs Spiel setzen wollte.

Als Spieler galt Amanatidis als ehrliche Haut, er war alles andere als ein Jasager, die er nicht mochte. Vielmehr galt er als direkter Typ mit kantigem Charakter. Und verkörperte damit im Fussball eine Spezies, die es in der Form immer weniger gibt. «Ehrlich zu sein, hat einen grossen Vorteil: Du musst dir nicht merken, wenn du gelogen hast, damit deine Geschichte weiter stimmt.» Mit seiner nicht immer diplomatischen Art eckte er manchmal an, am Schluss gerieten Frankfurt und er aneinander. Obwohl die Fans sogar für ihren Captain einen Song kreiert hatten, starb die Idee, den Stürmer später dort weiter zu beschäftigen.

«Der eine oder andere, der dort tätig war, war nicht fair zu mir. Da musste ich mich wehren.»

Damals, 2011, war es eine schwierige Zeit in Frankfurt, der Abstieg wurde Tatsache nach einem achten Platz in der Hinrunde und der Hoffnung auf die Europacupteilnahme; im Verein ging alles drunter und drüber. Es hiess, Amanatidis sei nach der Knieverletzung nicht fit, er mache Ärger – man suchte seiner Meinung nach einen Sündenbock. Der Spieler selber sah sich ungerecht behandelt, war im Stolz verletzt und klagte gegen den Club, der ihn zu den Amateuren schickte. «Es hört sich doof an, aber alle müssen an einem Strang ziehen. Der Club muss etwas darstellen, er muss authentisch sein und eine Philosophie haben, wie Fussball gespielt werden soll. Wenn das gegeben ist – dann kommt alles gut.» In Frankfurt war dies in jener Zeit nicht mehr der Fall.

Zeidler wollte ein neues Element im Trainerstab, mit Amanatidis hat er es bekommen. Einer, der fast direkt aus der Praxis kommt und etwas mitbringt, das der FC St. Gallen vorher nicht kannte. Einer, zu dem vom Renommee her mit 35 Länderspielen, EM- und Champions-League-Teilnahme bis auf Tranquillo Barnetta jeder hinaufschauen kann. In der Ostschweiz will er als Co-Trainer einen Mittelweg gehen, einen zwischen Distanz und Nähe zu den Spielern, aber er wird auch mehr ihr Vertrauter sein als Zeidler. Nur:

«In den 90 Minuten des Spiels müssen sie voll bei der Sache sein. Sie machen das für sich. Am Ende profitieren wir alle davon, auch ich.»

Amanatidis absolviert derzeit die Uefa-Pro-Lizenz, die Frage ist, ob einer wie er nicht ein Cheftrainer sein will. Er sagt nicht Nein, aber dieser Schritt nun zu St. Gallen sei auch einer zum Lernen. Tatsächlich trainierte er 2016 in Thessaloniki interimistisch Iraklis in der höchsten griechischen Liga, es ging dort aber nicht weiter, weil die Politik in den Fussball hineinredet und er auf dieser Welle nicht mitschwimmen wollte. Der Fussball sei nicht einfach in Griechenland, eine andere Kategorie, sagt er. «Korruption und diese Dinge sind keine Gerüchte, damit wollte ich nichts zu tun haben.» Also lebte er weiter an seinem neben Frankfurt zweiten Wohnort in Thessaloniki und besuchte von dort Bundesligaspiele, absolvierte ein Praktikum bei der Deutschen Fussballliga, hospitierte bei Düsseldorf unter Friedhelm Funkel oder bei PAOK Saloniki unter Huub Stevens. Und auch wenn er wusste, dass er Trainer sein wollte, absolvierte er mit Grössen wie Gaizka Mendieta oder Kolo Touré im Sportmanagement den Master for International Players der Uefa und der Universität von Limoges.

Das Meisterbild 
mit Goalie Jörg Stiel

Das Gespräch ist beendet, Amanatidis geht langsamen Schrittes Richtung Lift. Vor einem Bild, das an der Wand hängt, bleibt er stehen. Es stammt aus dem Jahr 2000 und zeigt den freudetrunkenen St.Galler Goalie Jörg Stiel mit dem Meisterpokal in den Händen. Amanatidis sagt: «Dem habe ich mit Frankfurt auch einmal einen reingemacht. 2004 war das, gegen Gladbach.»

Seine Frau Lisa, ebenfalls griechischer Abstammung, wird nächste Woche in die Ostschweiz folgen. Das Ehepaar erwartet Anfang Mai sein erstes Kind, einen Buben. Die Eltern werden ihm einen griechischen Namen geben.

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