Schiedsrichter Alain Bieri sagt nach umstrittener Penalty-Wiederholung: «Wir haben keinen Interpretationsspielraum» – diese Bilder sagen etwas anderes

97 von 100 Mal werde ein Penalty unter diesen Voraussetzungen nicht wiederholt, sagte Espen-Vorkämpfer Lukas Görtler im Platzinterview nach dem bitteren 3:3-Unentschieden im Spitzenkampf gegen YB. Wir haben genau hingesehen – und alle verschossenen Elfmeter der laufenden Super-League-Saison unter die Lupe genommen.

Luca Ghiselli
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Die Nachspielzeit des Spitzenkampfes zwischen dem FC St.Gallen und den Berner Young Boys steckt manch eingefleischtem FCSG-Fan wohl auch am Montagmorgen noch in den Knochen: Der Handspenalty, die Parade von Lawrence Ati Zigi; Trainer Zeidler, der im Jubeltaumel zur Cornerfahne rennt. Und dann die grosse Ernüchterung – der Penalty wird wiederholt, Guillaume Hoarau trifft im zweiten Anlauf, die Espen schäumen vor Wut.

Was war passiert? Schiedsrichter Alain Bieri erhielt aus dem VAR-Raum in Volketswil den Hinweis, dass sich der St.Galler Goalie zu früh von der Linie bewegt haben soll. Und liess deshalb den Penalty in der 99. Minute noch einmal ausführen. Vor den TV-Kameras sagte Bieri später, es gebe mit Video-Assistent keinen Interpretationsspielraum mehr, es sei jetzt messbar, ob sich der Torhüter vor Schussabgabe von der Linie bewegt habe.

Die angepasste Regel

Zum Tragen kommt auch eine Regeländerung, die auf die laufende Spielzeit hin in Kraft getreten ist: Torhüter müssen bei Elfmetern nur noch mit einem Fuss die Torlinie berühren – zuvor mussten beide Goalie-Füsse bis zur Schussabgabe auf der Linie bleiben. Bewegt sich der Goalie zu früh, wird der Penalty natürlich nur dann wiederholt, wenn der Schütze verschiesst. Im Fussball-Regelwerk gilt: Aus einem Vorteil kann kein Nachteil werden.

Nur: Wird dieses Vergehen wirklich so konsequent geahndet, wie Bieri das im Interview propagierte? Hat der VAR die wichtigste Regel für alle Schiedsrichter – das Fingerspitzengefühl – abgelöst?

Die verschossenen Elfmeter unter der Lupe

In der laufenden Super-League-Saison wurden bisher laut dem Fussball-Statistik-Portal transfermarkt.ch vor Sonntagabend vier Elfmeter verschossen:

  • Am 3. Spieltag setzt FCZ-Akteur Benjamin Kololli in Sion einen Penalty an den Pfosten. Der Sittener Goalie Kevin Fickentscher steht bei der Schussabgabe mit beiden Füssen vor der Torlinie.
  • Am 4. Spieltag vergibt wieder ein FCZ-Spieler – diesmal ist es Mimoun Mahi – einen Penalty. Xamax-Goalie Laurent Walthert pariert den Schuss des Niederländers. Hier ist alles regelkonform, der Xamaxien hat sogar beide Füsse auf der Linie.
  • Am 5. Spieltag verschiesst FCSG-Stürmer Cedric Itten vom Punkt. Lugano-Goalie Baumann pariert den zentralen Schuss. Aus der Perspektive der Hintertor-Kamera ist zweifellos zu erkennen, dass Baumann bei Schussabgabe keinen Fuss auf der Torlinie hat. Der Elfmeter hätte wiederholt werden müssen. 

    Inzwischen hat sich am Montagvormittag Schiedsrichter-Chef Daniel Wermelinger bei «Blick» zu Wort gemeldet. Dort führt er genau diesen Vorfall als Grund für das VAR-Protokoll am Sonntagabend an. Wermelinger sagt: «Es gab in der Vorrunde schon einen solchen Fall, ebenfalls in St. Gallen beim Spiel gegen Lugano. Luganos Goalie Baumann hielt damals einen Elfer von Itten, war aber mit beiden Beinen vor der Linie. Damals schritt der VAR nicht ein. Danach hat sich die Fifa eingeschaltet. Wir mussten auf Intervention des Weltfussballverbandes nachjustieren.»
  • Ebenfalls am 5. Spieltag scheitert Ex-Espe Sébastien Wüthrich vom Punkt an Thun-Goalie Guillaume Faivre. Der Goalie kann parieren, der Nachschuss landet gleichwohl im Tor. Mindestens ein Servettien betritt aber noch vor der Schussabgabe den Strafraum. Auch das verbietet das Regelwerk, auch das hätte die Wiederholung des Penaltys zur Folge haben müssen.

Mal abgepfiffen, mal nicht

Es scheint also keineswegs der Fall zu sein, dass bei der Beurteilung solcher Szenen kein Interpretationsspielraum mehr besteht. Mal werden sie abgepfiffen, mal nicht. Ein krasses Beispiel findet man rasch beim Blick über die nördliche Landesgrenze.

Screenshot: DAZN

Breel Embolo vergibt mit Borussia Mönchengladbach gegen Freiburg einen Elfmeter. Vier Spieler betreten den Strafraum vor der Schussabgabe, der Torhüter ist zu diesem Zeitpunkt schon fast am Boden – wiederholt wird der Penalty trotzdem nicht, obwohl es den Video Assistant Referee natürlich auch in Deutschland gibt.

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Stephanie Martina