Gegentribüne: Der FC St.Gallen in Bern – geniessen statt verzagen

Eine tolle Leistung im Spitzenkampf nützte den St.Gallern nichts. Es hätte gegen Meister YB mindestens einen Punkt, wenn nicht sogar einen Sieg für die Espen geben müssen. Drei Punkte also statt drei letztlich wertlose Tore. Aber sind solche Ansprüche berechtigt?

Fredi Kurth
Drucken
Teilen
St.Gallens Cedric Itten (links) jubelt mit seinen Teamkollegen nach seinem Tor zum 1:2  im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

St.Gallens Cedric Itten (links) jubelt mit seinen Teamkollegen nach seinem Tor zum 1:2  im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Bern war eine Reise wert. Überall in der Stadt waren St.Galler anzutreffen – schon am Mittag, während es noch vier Stunden bis zum Anpfiff dauerte. Sie fielen auch deshalb auf, weil selbst die Bundeshauptstadt an einem Sonntagmittag kaum bevölkert ist. Viele Restaurants haben geschlossen.

Im Stadion nahmen wir unsere Plätze selbstverständlich auf der Gegentribüne ein, wie im Kybunpark rechts von der Mittellinie zwischen Anspielkreis und Strafraum. Eigenartig fühlte sich an, dass noch weiter rechts im Gästeblock nicht die Fans von Basel, Zürich oder YB Stimmung entfachten, sondern die St.Galler. Dieselben Rituale, dieselben Sprechchöre. Die Spieler in Grün-Weiss begaben sich schon vor dem Anpfiff in die Fanecke und bedankten sich für den Support in diesem Match, für welchen der YB-Stadionspeaker nach dem Schlusspfiff das Wort «historisch» verwenden sollte.

Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Fredi Kurth. (Bild: Urs Jaudas)

Auf Kunstrasen noch besser. . .

Sicher war, dass nicht jede Gastmannschaft im Stade de Suisse von Sekunde 1 an so frech auftritt wie der FC St.Gallen. Wobei es mehr als nur frech war, wie der Tabellendritte die Abwehr des Meisters anfänglich aufmischte. Die Ostschweizer liessen einfach staunen, Fans in Grün und Fans in Gelb. Denn jeder Pass sass, jeder Angriff war Ausdruck unglaublicher Stilsicherheit.

Und schon erlag ich dem Gedanken, dass St.Gallens Kombinationsspiel auf Kunstrasen noch besser funktioniert und dass vielleicht eine solche Unterlage auch im Kybunpark ins Auge gefasst werden könnte (Helm auf, Mann von der Gegentribüne. Es drohen wieder verbale Prügel...).

Die Punkte in der ersten halben Stunde verloren

St.Gallen setzte YB auswärts mehr unter Druck, als dies Feyenoord im eigenen Stadion gelungen war. Zeidlers Leute haben den Match aber in der ersten halben Stunde verloren, nicht am Ende. Denn in dieser Phase «versagten» sie doppelt: Vorne zwei weitere hundertprozentige Chancen nicht genutzt, hinten zwei aufgrund des Spielverlaufs nicht zwingende Gegentore eingesteckt.

Der Meister war sonst kaum gefährlich. Noch bis in die zweite Halbzeit hinein galt: YB ist im Kopfball besser, St.Gallen im Fussball.

Dejan Stojanovic: Note 4,5. Vier Gegentore - das spricht eigentlich nicht für einen Goalie. Ihm ist aber nichts anzulasten, hat viele starke Momente.
13 Bilder
Silvan Hefti: Note 5. Bringt von Beginn weg viel Tempo nach vorne, spielt ruhig und unaufgeregt in der Defensive. Beim letzten Gegentreffer wird aber auch er erwischt.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. Wenn es nur um das Spielerische geht, hätte er die Bestnote verdient. Stark in Laufduellen und Stellungsspiel. Noch fehlt ihm die Lufthoheit bei Standards.
Yannis Letard: Note 4,5. Rettet oft gegen die schnellen Berner. Stark im Zweikampf. Kommt aber zu spät beim 3:4. Und auch ihm fehlt die Wasserverdrängung bei Standards.
Miro Muheim: Note 5. Hervorragender Assist beim Ausgleich zum 3:3, fährt technisch eine feine Klinge. Auch defensiv stark.  In der Vorwärtsbewegung mutig, aber auch mal mit Ungenauigkeiten.
Jordi Quintillà: Note 5. Einmal mehr sehr ballsicher, behält auch unter Druck die Übersicht.  Starke Spielauslösungen.
Lukas Görtler: Note 5. Von Beginn weg muss er einstecken, hält bis am Ende dagegen – und zeigt sogar die eine oder andere technische Einlage.
Victor Ruiz: Note 5,5. Der Spanier ist unermüdlich – hält bis zum Schluss sein Tempo, seine Genauigkeit  und sein kreatives Spiel aufrecht.
Cedric Itten: Note 4,5. Legt immer wieder stark ab, behauptet sich körperlich – und steht beim 2:1 goldrichtig. Die Krönung, das 4:4, verpasst er.
Boris Babic: Note 5. Sehr starker Auftritt des St. Gallers, der gestern seinen 22. Geburtstag feierte. Trifft zum 1:0, läuft bis zum Umfallen. Einziges Manko: Er verpasst es zu Beginn, zwei weitere Treffer zu erzielen.
Ermedin Demirovic: Note 5,5. Assistgeber und Torschütze. Stark, wie er seinen Körper einsetzt gegen robuste Berner. Immer wieder Gefahrenherd.
Jérémy Guillemenot: Note 4,5. Kann keine Akzente mehr setzen am Ende der Partie, fällt aber auch nicht ab.
Axel Bakayoko: keine Note. Kommt erst kurz vor Schluss. Ohne Bewertung.

Dejan Stojanovic: Note 4,5. Vier Gegentore - das spricht eigentlich nicht für einen Goalie. Ihm ist aber nichts anzulasten, hat viele starke Momente.

Wie beim Marathon

An Ende war es dann wie immer, wenn St.Gallen auswärts gegen YB spielt. Die Berner haben die Nase vorne, egal ob es als Aussenseiter oder wie diesmal auf Augenhöhe antritt. In der YB-Viertelstunde schlagen die Berner fast immer zu, und das hat nichts mit Glück zu tun. Da ist ihre Energie, da ist ihr Tempo. Und da ist natürlich auch die fussballerische Klasse, die sie stets, nicht nur gegen St.Gallen, in die Waagschale werfen können.

Und so wie im Marathon fast immer die Kenianer gewinnen, jubeln im Fussball auch meistens die Young Boys, wenn es gegen den FCSG geht. Da war keine Spur von Müdigkeit nach dem Europa-League-Einsatz festzustellen. Als ich dachte, Roger Assalé sei endlich die Puste ausgegangen, war es Nicolas Ngamaleu, der unaufhaltsam davonlief lief und den entscheidenden Pass zum Siegtor schlug.

Boris Babic vor einem Jahr...

St.Gallen legte am Sonntag sein Potenzial offen, erhielt aber auch die Grenzen aufgezeigt, wenn es auf einen Gegner von internationalem Format trifft. Denn es bräuchte im eigenen Strafraum mehr Wasserverdrängung und mehr Präsenz bei hohen Bällen.

Nun, wir wollen nicht unverschämt werden: Was diese junge Mannschaft diese Saison und am Sonntag in Bern geleistet hat, verdient allen Respekt. Nehmen wir das Beispiel von Boris Babic: Hätte er vor einem Jahr gedacht, dass er sich an diesem 10. November vor 28'645 Zuschauer darüber  ärgern würde, dass er nach sieben Minuten an die Lattenunterkante schiesst, statt seinen zweiten Treffer zu erzielen? Vor einem Jahr durfte er gnädigerweise 45 Minuten für den FC Vaduz gegen Wil spielen, zwei Spiele später stand er gegen Rapperswil nicht einmal im Aufgebot.

Boris Babic jubelt nach seinem Tor zum 1:0. (Bild: Keystone)

Boris Babic jubelt nach seinem Tor zum 1:0. (Bild: Keystone)

Doch wie St.Gallen in der ersten halben Stunde aufgetreten ist, das kann eine Mannschaft gar nicht über 90 Minuten durchhalten. Dann nämlich hätte St.Gallen den Gegner mit einer Kanterniederlage aus dem Stadion getrieben. Aber so funktioniert Fussball nicht. Der Analytiker in mir hatte diese alte Weisheit übrigens schon in der Wirbelsturmphase meinen Hirnwindungen gemeldet. Und statt zu bibbern wegen der hohen Spannung im Spiel, sass ich dann einfach da und genoss es, dass eine St.Galler Mannschaft in einem so viel beachteten Spiel einen derart wunderbaren Fussball bieten kann – bei einem Chancenverhältnis von 8:8 (3:5).

Trost von YB-Anhängerinnen

«Ein Unentschieden wäre verdient gewesen», sagte ich mehr zu mir selber als zu irgendjemandem. Doch eine der beiden im Alter schon etwas fortgeschrittenen YB-Anhängerinnen neben mir, mit denen ich sonst kein Wort gesprochen hatte, sagte unvermittelt:  «Da haben Sie recht!»

Ich attestierte ihr sofort hohen Fussball-Sachverstand. Da meldete sich auch die andere Frau:

«Es ist doch toll, dass nicht immer nur die Basler hier schönen Fussball zeigen!»

Nun ist also die Serie ist zu Ende. Und sie dürfte im weiteren Verlauf der Saison einmalig bleiben. Denn auch so funktioniert Fussball nicht: Dass lange Serien wiederholt werden können. Aber die Mannschaft hat die Basis gelegt, um Rang drei zu verteidigen. Und die Spieler haben die Mentalität, um die Enttäuschung wegzustecken.

Aufgefallen

Cedric Ittens nachträgliches Aufgebot für die Fussball-Nati wirft die Frage auf, wann zuletzt einem Spieler des FC St.Gallen solche Ehre zuteil wurde. Gemeint ist ein Aufgebot, zu dessen Zeitpunkt der Betreffende das Leibchen des FC St.Gallen trug. Das festzustellen ist insofern schwierig, als Aufgebote statistisch nicht festgehalten sind, sondern lediglich die tatsächlichen Länderspiele. Vom aktuellen Kader hat Moreno Costanzo siebenmal die Schweizer Farben auf dem Spielfeld getragen, aber alle in seiner Ära bei den Young Boys.

Zu ihren St.Galler Meisterzeiten spielten Jörg Stiel, Marc Zellweger, Marco Zwyssig, Giuseppe Mazzarelli, Sascha Müller und einmal auch Giorgio Contini für das Nationalteam, nie jedoch Tranquillo Barnetta, der beim Titelgewinn erst 15 Jahre alt war. Bei seinem Debüt im September 2004 hatte der spätere 75-fache Internationale gerade zu Hannover 96 gewechselt. Itten könnte bei einem Einsatz am nächsten Freitag im Kybunpark gegen Georgien ein Stück St.Galler Fussballgeschichte schreiben. Dass er bereit ist, hat er am Sonntag in Bern bewiesen. Es dürfte sich dann realistisch betrachtet eher um einen Teileinsatz handeln. (th)