FC St.Gallen, so war dein Vizemeisterjahr: Auftaktniederlage, Siegesserie, Coronapause und Leistungsschwankungen

Der FC St.Gallen hat seinen Anhängern eine unglaubliche Saison geboten. Was mit einer Niederlage und gar etwas Abstiegsangst begann, endete in Euphorie und dem Vizemeistertitel. Ein Blick zurück auf die schönsten Geschichten der Saison.

Daniel Walt, Patricia Loher, Tim Naef
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Matthias Hüppi, Präsident FC St.Gallen.

Matthias Hüppi, Präsident FC St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Der Neuanfang im Sommer

Der FC St.Gallen verliert in der Sommerpause Leistungsträger wie Tranquillo Barnetta, Vincent Sierro, Majeed Ashimeru oder Andreas Wittwer. Zudem geht Urgestein Daniel Lopar nach Australien. Dafür kommen Spieler wie Yannis Letard, Lukas Görtler sowie Goalie Jonathan Klinsmann und wenig später auf Leihbasis Ermedin Demirovic. Es folgt das Bekenntnis der Clubverantwortlichen, auch auf die eigenen jungen Spieler zu setzen. Keiner weiss, wozu dieses neu zusammengesetzte und junge Team fähig sein wird.

Der neue FCSG lässt aufhorchen: Sieg in Basel!

Nach der unglücklichen Startniederlage gegen Luzern setzt St.Gallen auswärts gegen Basel ein Ausrufezeichen: Die Ostschweizer gewinnen dank zweier Tore des früheren Basel-Spielers Cedric Itten 2:1:

Danach aber wird es schwieriger. Die Auswärtsniederlage beim FC Zürich ist ein Tiefpunkt, aber nicht der einzige.

Aus der Cup-Traum: Der Tiefpunkt in Winterthur

Das Cup-Aus beim Challenge-League-Team des FC Winterthur ist die grösste St.Galler Enttäuschung der Vorrunde. Die Ostschweizer verlieren bereits in der ersten Halbzeit Cup-Goalie Jonathan Klinsmann durch einen Platzverweis:

Bild: Keystone

Kurz nach der Pause geraten die Gäste auf der Schützenwiese in Rückstand. In der Folge können sie nicht mehr entscheidend reagieren. In der Nachspielzeit erhöhen die Winterthurer gar auf 2:0.

Manch einer prophezeit dem Team, auch mit der ungenügenden Leistung beim FC Zürich im Hinterkopf, eine schwierige Saison. Doch danach wird alles anders.

Die Siegesserie

Nach dem Cupspiel in Winterthur explodiert das Team und begeistert die Anhänger. In elf Spielen gewinnt es 28 Punkte. Nur den Young Boys gelingt es in dieser Zeitspanne, St.Gallen zu besiegen, Basel holt sich im Kybunpark in einem spektakulären Spiel, das allerdings 0:0 endet, einen Punkt.

Jordi Quintillà und Victor Ruiz bilden ein spielstarkes Duo, Lukas Görtler wird von Trainer Peter Zeidler als «Königstransfer» bezeichnet. Zudem treffen Cedric Itten, Boris Babic und Ermedin Demirovic in beeindruckender Regelmässigkeit. Junge Spieler wie Leonidas Stergiou, Yannis Letard, Silvan Hefti oder Miro Muheim entwickeln sich zu Leistungsträgern.

Die pure Lust am Gewinnen: Victor Ruiz bejubelt mit seinen Teamkollegen einen Treffer.

Die pure Lust am Gewinnen: Victor Ruiz bejubelt mit seinen Teamkollegen einen Treffer.

Bild: Urs Bucher

Dank ihrer Jugendlichkeit ist die Mannschaft in der Lage, das körperlich anspruchsvolle Pressingspiel über Wochen durchzuziehen.

Lukas Görtler über die Jugendlichkeit des FC St.Gallen:

Lukas Görtler kam aus Utrecht nach St.Gallen.

Lukas Görtler kam aus Utrecht nach St.Gallen.

Bild: Urs Bucher
«Ich habe so etwas zuvor auch noch nie gesehen. Wir spielen mit einer Viererkette, die im Durchschnitt 20-jährig ist. Dabei wird immer gesagt, in einer Viererkette brauche es Routiniers. Es ist schon erstaunlich, dass wir kaum in Löcher fallen.»

Leonidas Stergiou, 18-jährig, Stammspieler

Der Toggenburger gehört in der Super League zu den Senkrechtstarten. Noch im Dezember 2018 spielt Leonidas Stergiou in St.Gallens Nachwuchs. Wenige Wochen später debütiert er – als 16-jähriger. Unterdessen ist der Innenverteidiger ein unverzichtbarer Stammspieler.

Leonidas Stergiou.

Leonidas Stergiou.

Bild: Freshfocus/Martin Meienberger

Der 1,80 m grosse Stergiou ist schnell, wirkt abgeklärt und strahlt Ruhe aus. Bruno Berner, der Experte beim Schweizer Fernsehen, sagt über ihn:

«Für mich ist er die Entdeckung der Saison. Es ist bemerkenswert, wie er das hinten stabil hält.»

YB gegen St.Gallen – Spiele mit unzähligen Toren

Die Begegnung zwischen den Young Boys und St.Gallen im November ist wohl eines der besten Super-League-Spiele der jüngeren Vergangenheit: 28'645 Zuschauer bekommen ein Spektakel der Sonderklasse zu sehen. Die Gäste gehen 1:0 und 2:1 in Führung, gleichen zum 3:3 aus und kassieren schliesslich noch das 3:4.

St.Gallens Leistung wird national mit viel Bewunderung aufgenommen. Der «Bund» schreibt von einem Team, «das vor Energie sprüht», und von einem Spitzenspiel mit «Klasse, Offensivgeist und viel, viel Tempo». Die NZZ titelt: «Danke, liebe Ostschweizer»:

Der Dank geht an St.Gallen, weil es der Liga einen Dreikampf und Offensivspektakel schenke. Und weil jene, «die die in der Vergangenheit einbetonierte Super League verkaufen müssen, freudig und inbrünstig im Chor anstimmen: danke, St.Gallen.»

Es bleibt nicht beim einen Spiel

Für das letzte Spiel vor der Coronapause hiess der Gegner wiederum YB. Und das Spiel sollte der ersten Partie in Sachen Toren, Spektakel und Drama in keiner Weise nachstehen.

Im heimischen Kybunpark gehen die St.Galler in der 10. Minute durch Sieggarant Betim Fazliji in Führung. Jean-Piere Nsame und Nicolas Ngamaleu können für den Meister das Spiel aber noch vor der Pause drehen. Nach einem Eigentor von Jordan Lefort zum 2:2-Ausgleich beginnt die eigentliche Dramatik im Spitzenspiel. In der ersten Minute der Nachspielzeit ist es Lukas Görtler, welcher den FCSG zum vermeintlichen Sieg schiesst.

Alain Bieri und der wiederholte Penalty

YB erhält wegen eines Handspiels von Miro Muheim in der Nachspielzeit der Nachspielzeit und nach einer VAR-Konsultation einen Penalty zugesprochen. FCSG-Goalie Lawrence Ati Zigi pariert, der Jubel ist grenzenlos – und kurz. Denn Schiedsrichter Alain Bieri lässt den Penalty wiederholen. Zigi habe sich – angeblich – zu früh von der Torlinie weg bewegt. Dies entscheidet zumindest Bieri. Im zweiten Anlauf trifft Guillaume Hoarau, notabene in der 99. Minute, zum 3:3 Endstand.

Betim Fazliji, der Sieggarant

Betim Fazliji hat seit dem Sommer beim FC St.Gallen einen steilen Aufstieg erlebt. Ihn hatten da noch die wenigsten auf der Rechnung. Von Leonidas Stergiou oder Angelo Campos sprachen die einen, die anderen von Alessandro Kräuchi oder Boris Babic. Aber von «Beto», wie Freunde und Familie ihn nennen, war wenig die Rede. Doch bereits zu Beginn der Saison erkannten einige in seinem Umfeld sein Potenzial. Sein damaliger Mitspieler Alain Wiss sagte vergangenes Jahr in einer kleinen Runde:

Betim Fazliji (links) in Jubelpose mit FCSG-Stürmer Cedric Itten.

Betim Fazliji (links) in Jubelpose mit FCSG-Stürmer Cedric Itten.

Pascal Muller/Freshfocus / freshfocus
«Der Fazliji hat das grösste Potenzial der Jungen. Ihm traue ich am meisten zu.»

Und so sollte es kommen. Der FC St.Gallen hat diese Saison 63 Punkte geholt, wenn Fazliji zum Einsatz kam. Ohne den 21-Jährigen sind es gerade mal deren fünf.

Nach der Coronapause: Sieben Siege, zwei Unentschieden und drei Niederlagen

Der FC St.Gallen nach der Coronapause

Gegner Resultat Tabellenplatz Punkte
FC Sion (A) 1:2 1. 46
FC Zürich (H) 0:4 1. 49
FC Thun (H) 3:2 2. 49
Neuchatel Xamax (A) 1:2 1. 52
FC Sion (H) 2:1 1. 55
FC Lugano (A) 3:3 2. 58
Servette Genf (A) 1:1 1. 59
FC Luzern (H) 4:1 1. 62
FC Thun (A) 2:1 1. 62
FC Basel (H) 0:5 2. 62
FC Zürich (A) 1:3 2. 65
Neuchatel Xamax (H) 6:0 2. 68
Young Boys (A) 3:1 2. 68

Extreme Leistungsschwankungen nach der Coronapause

Das 4:1 zu Hause gegen den FC Luzern war wohl eines der besten Spiele des FC St.Gallen in jüngster Zeit. Die Espen liessen den Innerschweizern nicht den Hauch einer Chance. Zur Pause stand es bereits 3:0 für das Heimteam. Nach dem Spiel meinte FCSG-Coach Peter Zeidler im bekannter bescheidener Manier, dass sein Team «phasenweise sehr guten Fussball gezeigt hat». Um anzufügen:

«Schade, können derzeit fast keine Zuschauer im Stadion sein. Bei Abenden wie heute ist das besonders bedauerlich.»

Hätten die Espen in jedem Spiel so gespielt wie an diesem Abend, der Meistertitel wäre wohl nur eine Frage der Zeit gewesen. Es gab jedoch auch das Gegenteil auf dem Leistungsspektrum. Beispielhaft ist die 0:4-Niederlage gegen den FC Zürich. Als nach der ersten Druckphase der St.Galler kein Treffer gelang, brachen sie nach dem Gegentor regelrecht zusammen.

Das Schaulaufen gegen Xamax

Höchster Heimsieg der Saison, erster Hattrick Cedric Ittens und dennoch kein Jubeltag. In der zweitletzten Runde der Saison zieht der FC St.Gallen einen Sahnetag ein. Bereits nach 33. Minuten steht es bereits 4:0. Cedric Itten erzielt seinen ersten Hattrick in der höchsten Schweizer Spielklasse. Ermedin Demirovic erzielt in seiner Dernière im Kybunpark seinen
14. Saisontreffer. Und auch der dritte im Sturmbunde, Jérémy Guillemenot, trägt sich mit zwei Treffern auf der Anzeigetafel ein.

Trotz des Husarenstücks fällt der Jubel nach dem Schlusspfiff verhalten aus. Weil die Berner Young Boys gleichzeitig in Sitten mit 1:0 gewinnen, dürfen sie sich zum dritten Mal in Folge Schweizer Meister nennen.

Die besten Bilder zur Saison

20. Juli 2019: Der FC St.Gallen startet mit einer Heimniederlage gegen Luzern in die Saison. Nach einer Intervention des VAR verwertet Luzerns Stürmer Blessing Eleke einen Penalty zum 0:1. Das 0:2 folgt in der 95. Minute.
21 Bilder
27. Juli 2019: Der Coup von Basel – Peter Zeidlers junge Mannschaft überrascht den Favoriten vom Rheinknie in dessen eigenem Stadion und gewinnt mit 2:1. Im Bild (v.l.): Betim Fazliji, Victor Ruiz, Doppeltorschütze Cedric Itten und Yannis Letard.
13. September 2019: Der Tiefpunkt der Saison: Die Ostschweizer scheitern im Cup an Winterthur. St.Gallens Torhüter Jonathan Klinsmann (links) wird nach einem Notbremsefoul von Schiedsrichter Nikolaj Hänni des Feldes verwiesen. In Unterzahl schlittern die Espen ins Cup-Aus.
21. September 2019: Mit einem 3:1-Erfolg gegen Servette ist es dem FC St.Gallen nach der Cuppleite in Winterthur endgültig gelungen, den Schalter umzulegen. Die Espen rücken auf Rang vier vor. Der Spanier Victor Ruiz erzielte den wegweisenden Führungstreffer.
21. September 2019: Neben dem Rasen wird im Espenblock ab der ersten Minute der Partie St.Gallen gegen Servette massiv Pyrotechnik gezündet. Der FC St.Gallen verurteilt die Aktion.
10. November 2019: St.Gallen bietet im torreichen Spitzenspiel gegen die Young Boys Spektakelfussball pur. Am Schluss verlieren die Ostschweizer aber 3:4. Jean-Pierre Nsame (rechts) erzielt in der 80. Minute das Siegtor für die Young Boys. Vier St.Galler kommen zu spät.
1. Dezember 2019: Geschafft! Der FC St.Gallen beendet gegen Luzern seine Negativserie und ist nach dem 4:1 in der Tabelle weiterhin vorne dabei. Stürmer Boris Babic lässt sich von den Anhängern für sein Tor zum 2:1 feiern.
16. Januar 2020: Was sich abgezeichnet hat, wird nun offiziell: Goalie Dejan Stojanovic verlässt die Ostschweiz in Richtung Middlesbrough. Ein Ersatz ist schon gefunden.
26. Januar 2020: Der 23-jährige Lawrence Ati Zigi zeigt im Tor des FC St.Gallen ein starkes Debüt und mausert sich rasch zum Publikumsliebling.
2. Februar 2020: St.Gallen ist erstmals seit siebeneinhalb Jahren wieder Leader in der Super League! Die Ostschweizer verdienen sich im Spitzenkampf auswärts gegen Basel den 2:1-Sieg in letzter Sekunde. Den Siegtreffer erzielt der eingewechselte André Ribeiro in der 93. Minute.
23. Februar 2020: Der FC St.Gallen und die Young Boys trennen sich nach einer umstrittenen Elfmeterwiederholung 3:3. St.Gallens Sportchef Alain Sutter (links) und Trainer Peter Zeidler verstehen die Welt nicht mehr.
13. März 2020: Das Testspiel gegen den FC Wil vor leeren Rängen ist das letzte Spiel, das der FC St.Gallen für lange Zeit absolviert. Der Ligabetrieb liegt wegen Corona bis gegen Ende Juni lahm.
25. Juni 2020: Das erste Heimspiel nach dem Restart findet vor nur wenigen Zuschauern im Kybunpark statt – und geht verloren: Die Espen unterliegen dem FC Zürich gleich mit 0:4.
25. Juni 2020: Die Spieler müssen nach dem Restart scharfe Schutzmassnahmen einhalten – im Bild Akteure mit Maske.
15. Juli 2020: Präsident Matthias Hüppi verkündet, dass der FC St.Gallen bis ins Jahr 2025 auf das Duo Peter Zeidler und Alain Sutter setzt. Eine aussergewöhnliche vertragliche Massnahme, die im Fussballgeschäft Seltenheitswert besitzt.
16. Juli 2020: Mit einer beeindruckenden Leistung holt sich der FC St.Gallen den Leaderthron in der Super League zurück. Die Ostschweizer siegen daheim gegen Luzern mit 4:1. André Ribeiro (rechts) bejubelt sein Tor zum 1:0 mit Assistgeber Jérémy Guillemenot.
19. Juli 2020: Thun lässt den Ostschweizer Leader stolpern. Nach der 1:2-Niederlage liegen die Espen nun zwei Punkte hinter Meister Young Boys zurück.
22. Juli 2020: Eiskalte Dusche für den FC St.Gallen. Die Ostschweizer rennen gegen Basel früh einem 0:2 hinterher und verlieren am Ende 0:5. Der Meistertitel rückt in weite Ferne.
25. Juli 2020: Der FC St.Gallen kämpft sich mit einem 3:1 gegen den FC Zürich zurück. Mit dem Erfolg im Letzigrund sendet St.Gallen nach zwei Niederlagen ein kräftiges Lebenszeichen. Peter Zeidler freut sich mit Torschütze Jérémy Guillemenot.
31. Juli 2020: Der FC St.Gallen schiesst Neuchâtel Xamax mit gleich 6:0 aus dem Stadion. Cedric Itten erzielt dabei seinen ersten Hattrick in der höchsten Schweizer Spielklasse.
03. August 2020: Ein Bild als Zusammenfassung der grün-weissen Saison: Der FCSG ist nahe dran, doch für ganz nach vorne reicht es knapp nicht.

20. Juli 2019: Der FC St.Gallen startet mit einer Heimniederlage gegen Luzern in die Saison. Nach einer Intervention des VAR verwertet Luzerns Stürmer Blessing Eleke einen Penalty zum 0:1. Das 0:2 folgt in der 95. Minute.

Bild: Urs Bucher