FC St.Gallen,
so war dein Fussballjahr: Abstiegskampf, Barnetta-Abschied und Angriff auf die Top-Teams

Der FC St.Gallen hat seinen Anhängern im zu Ende gehenden Jahr Wechselbäder im Multipack beschert. Was problembeladen und mit Angst vor dem Abstieg begann, endete in Euphorie und einem Sturmlauf in Richtung Tabellenspitze. Ein Blick zurück auf die schönsten Geschichten.

Daniel Walt/Patricia Loher
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Ein Zitat wie eine Prophezeiung

Matthias Hüppi, Präsident FC St.Gallen.

Matthias Hüppi, Präsident FC St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Als ehemaliger TV-Moderator und -Kommentator ist Matthias Hüppi um markige Statements nicht verlegen. Auf die Frage, welches seine Wünsche für die kommende Saison seien, sagte er in einem «Tagblatt»-Interview:

«Dass wir die Zuschauer in unserem Stadion begeistern. Dass unsere Anhänger die neuen Spieler in ihr Herz schliessen und wir uns in der vorderen Hälfte der Tabelle etablieren können.»

Zugegeben: Diese Worte fielen bereits im Sommer vor einem Jahr. Trotzdem: Hüppis Zitat mutet rückblickend wie eine Prophezeiung an, die sich – mit etwas Verzögerung halt – nun diesen Herbst erfüllt hat. Mit einer Siegesserie stürmten die Ostschweizer in die Top 3 der Fussball-Schweiz. Und begeisterten ihre Anhänger mit offensivem Powerfussball erster Güte.

Doch der Reihe nach. In der ersten Hälfte des Fussballjahres 2019 zeigt sich der FC St.Gallen von seiner gewohnt launischen Rückrunden-Seite. Immerhin: Der Start gelingt. Neuzugang Simone Rapp schiesst den FCSG zum Rückrunden-Auftakt mit einem Doppelpack zum Sieg. Und so jubelt der Neuzugang:

Bild: Michel Canonica

Danach flachen die Leistungen der St.Galler aber ab. Nach einigen Niederlagen und 31 von 36 Runden ist St.Gallens Vorsprung auf den gefürchteten Barrageplatz und Xamax auf drei Punkte zusammengeschmolzen:

Der Befreiungsschlag: Sieg im Spiel der Spiele bei Xamax

Bild: Keystone

Einem Weitschuss-Tor von Dereck Kutesa und Glanzparaden von Dejan Stojanovic ist es zu verdanken, dass der FC St.Gallen am 6. April 2019 das kapitale Spiel in Neuenburg mit 1:0 gewinnt. Die St.Galler haben somit den entscheidenden Schritt in Richtung Ligaerhalt getan – und können plötzlich wieder vorwärts schauen.

Enttäuschung im Jubiläumsspiel vor ausverkauftem Haus

Am 20. April feiert der FC St.Gallen rund um das Heimspiel gegen Luzern den 140. Geburtstag. Alles ist angerichtet, Ehemalige sind zugegen, die Choreografie der Fans ist prächtig und das Stadion dank verschiedener Marketingaktionen ausverkauft:

Bild: Michel Canonica

Doch die Mannschaft hält dem Erwartungsdruck nicht stand und unterliegt mit 1:2. Auch zum Abschluss des Jubiläumsjahres ist der Kybunpark am 12. Dezember gegen den FC Zürich ausverkauft. Erneut verliert St.Gallen: Die Mannschaft von Trainer Peter Zeidler unterliegt mit 1:3. Diese beiden Niederlagen sind, nebst dem Cupout gegen Winterthur, die einzigen Tolggen im Reinheft dieses Jahres.

Ein Abend für die Ewigkeit: Tranquillo Barnettas Abschied

Es ist eine rauschende Party, die knapp 14'000 Zuschauerinnen und Zuschauer am 22. Mai im St.Galler Kybunpark feiern. Der FC St.Gallen bezwingt Meister YB mit 4:1. Und die Fans feiern ein letztes Mal ihren Tranquillo Barnetta, der sogar den Treffer zum 2:0 erzielt hat.

Tranquillo Barnetta im Lehnstuhl: Die Partie St.Gallen – YB (4:1) ist vorbei. Der letzte Auftritt der Espen-Legende im Kybunpark ist somit passé.
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Ein Bier nach dem Schlusspfiff: Tranquillo Barnetta (rechts) und Daniel Lopar, der beim FCSG ebenfalls aufhörte.
Feuriger Abschied: Tranquillo Barnetta lässt sich vom – und im – Espenblock feiern.
Vor dem Anpfiff: Präsident Matthias Hüppi verabschiedet Tranquillo Barnetta.
Ciao Quillo: Die Espen-Fans haben für ihren Helden einen prächtige Choreographie vorbereitet.
Tooooooooooor: Tranquillo Barnetta netzt zum letzten Mal für die Ostschweizer ein.
Unbändiger Jubel: In seinem letzten Heimspiel erzielt Tranquillo Barnetta sogar noch einen Treffer.
Eine Legende hört auf: Tranquillo Barnetta zieht sich bei seiner Auswechslung die Fussballschuhe aus.
Ein letzter Gruss für das St.Galler Heimpublikum.
Tranquillo Barnetta lässt sich von seinen Teamkollegen feiern.
Ehrenrunde im Kybunpark: Tranquillo Barnetta beim Espenblock.
Das letzte Hemd – beziehungsweise Trikot – ging natürlich an die Fans.
Quillo im Fanblock.
Hoch soll er leben...

Tranquillo Barnetta im Lehnstuhl: Die Partie St.Gallen – YB (4:1) ist vorbei. Der letzte Auftritt der Espen-Legende im Kybunpark ist somit passé.

Bild: Keystone

Mit Tranquillo Barnetta spielt im Kybunpark zum letzten Mal derjenige Mann, der sich im Lauf seiner Karriere einen Legenden-Status bei den Espen-Fans erarbeitet hat. 2002 hatte Barnetta beim FCSG debütiert, im zarten Alter von 17 Jahren erkämpfte er sich einen Stammplatz.

Via Leverkusen, Hannover, Schalke, Frankfurt und Philadelphia Union fand das St.Galler Eigengewächs 2017 den Weg zurück in die Ostschweiz. Nach wechselhaften Monaten, einer Verletzung und Wochen auf der Ersatzbank sowie auf der Tribüne startete Barnetta in der Rückrunde 2018/19 nochmals so richtig durch. Vor allem seinen Toren war es zu verdanken, dass die Ostschweizer den Fall auf den Barrageplatz verhindern konnten.

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen.

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Und das sagte St.Gallen-Trainer Peter Zeidler über Barnetta nach dessen Rücktritts-Ankündigung :

«Die Jungen haben sich an Barnetta angelehnt. Er hätte sicher auch noch eine Saison machen können. Jetzt haben wir uns eigentlich gefunden, sind langsam dort angelangt, wo etwas entstehen kann.»

Ashimerus Millionen-Fehlschuss

In der letzten Saisonpartie beim FC Zürich sind Platz drei und damit die Gruppenphase der Europa League für St.Gallen plötzlich wieder zum Greifen nah. Ein Sieg im Letzigrund wäre drei Millionen Franken wert.

Nachdem Salim Khelifi St.Gallens Führungstor durch Jérémy Guillemenot ausgeglichen hat, entwickelt sich eine spektakuläre Schlussphase. In der 87. Minute schrammen die Ostschweizer knapp am Führungstor vorbei, als Majeed Ashimeru eine erstklassige Tormöglichkeit auslässt. Die Enttäuschung nach dem 1:1 ist gross: St.Gallen rutscht auf Rang sechs ab, verpasst den Europacup und damit drei Millionen Franken Startgeld.

Der Neuanfang im Sommer

Der FC St.Gallen verliert in der Sommerpause Leistungsträger wie Tranquillo Barnetta, Vincent Sierro, Majeed Ashimeru oder Andreas Wittwer. Zudem geht Urgestein Daniel Lopar nach Australien. Dafür kommen Spieler wie Yannis Letard, Lukas Görtler sowie Goalie Jonathan Klinsmann und wenig später auf Leihbasis Ermedin Demirovic. Es folgt das Bekenntnis der Clubverantwortlichen, auch auf die eigenen jungen Spieler zu setzen. Keiner weiss, wozu dieses neu zusammengesetzte und junge Team fähig sein wird.

Der neue FCSG lässt aufhorchen: Sieg in Basel!

Nach der unglücklichen Startniederlage gegen Luzern setzt St.Gallen auswärts gegen Basel ein Ausrufezeichen: Die Ostschweizer gewinnen dank zweier Tore des früheren Basel-Spielers Cedric Itten 2:1:

Bild: Keystone

Danach aber wird es schwieriger. Die Auswärtsniederlage beim FC Zürich ist ein Tiefpunkt, aber nicht der einzige.

Aus der Cup-Traum: Der Tiefpunkt in Winterthur

Das Cup-Aus beim Challenge-League-Team des FC Winterthur ist die grösste St.Galler Enttäuschung der Vorrunde. Die Ostschweizer verlieren bereits in der ersten Halbzeit Cup-Goalie Jonathan Klinsmann durch einen Platzverweis:

Bild: Keystone

Kurz nach der Pause geraten die Gäste auf der Schützenwiese in Rückstand. In der Folge können sie nicht mehr entscheidend reagieren. In der Nachspielzeit erhöhen die Winterthurer gar auf 2:0.

Manch einer prophezeit dem Team, auch mit der ungenügenden Leistung beim FC Zürich im Hinterkopf, eine schwierige Saison. Doch danach wird alles anders.

Die Siegesserie

Nach dem Cupspiel in Winterthur explodiert das Team und begeistert die Anhänger. In elf Spielen gewinnt es 28 Punkte. Nur den Young Boys gelingt es in dieser Zeitspanne, St.Gallen zu besiegen, Basel holt sich im Kybunpark in einem spektakulären Spiel einen Punkt.

Jordi Quintillà und Victor Ruiz bilden ein spielstarkes Duo, Lukas Görtler wird von Trainer Peter Zeidler als «Königstransfer» bezeichnet. Zudem treffen Cedric Itten, Boris Babic und Ermedin Demirovic in beeindruckender Regelmässigkeit. Junge Spieler wie Leonidas Stergiou, Yannis Letard, Silvan Hefti oder Miro Muheim entwickeln sich zu Leistungsträgern.

Die pure Lust am Gewinnen: Victor Ruiz bejubelt mit seinen Teamkollegen einen Treffer.

Die pure Lust am Gewinnen: Victor Ruiz bejubelt mit seinen Teamkollegen einen Treffer.

Bild: Urs Bucher

St.Gallen stellt nicht nur das beste Auswärtsteam der Liga, sondern auch die treffsicherste Mannschaft. Dank ihrer Jugendlichkeit ist die Mannschaft in der Lage, das körperlich anspruchsvolle Pressingspiel über Wochen durchzuziehen.

Lukas Görtler über die Jugendlichkeit des FC St.Gallen:

Lukas Görtler kam aus Utrecht nach St.Gallen.

Lukas Görtler kam aus Utrecht nach St.Gallen.

Bild: Urs Bucher
«Ich habe so etwas zuvor auch noch nie gesehen. Wir spielen mit einer Viererkette, die im Durchschnitt 20-jährig ist. Dabei wird immer gesagt, in einer Viererkette brauche es Routiniers. Es ist schon erstaunlich, dass wir kaum in Löcher fallen.»

Leonidas Stergiou, 17-jährig, Stammspieler

Der Toggenburger gehört in der Super League zu den Senkrechtstarten. Noch im Dezember 2018 spielt Leonidas Stergiou in St.Gallens Nachwuchs. Wenige Wochen später debütiert er – als 16-jähriger. Unterdessen ist der Innenverteidiger ein unverzichtbarer Stammspieler.

Leonidas Stergiou.

Leonidas Stergiou.

Bild: Freshfocus/Martin Meienberger

Der 1,80 m grossen Stergiou ist schnell, wirkt abgeklärt und strahlt Ruhe aus. Bruno Berner, der Experte beim Schweizer Fernsehen, sagt über ihn: «Für mich ist er die Entdeckung der Saison. Es ist bemerkenswert, wie er das hinten stabil hält.»

Das Torspektakel gegen YB

Die Begegnung zwischen den Young Boys und St.Gallen im November ist wohl eines der besten Super-League-Spiele der jüngeren Vergangenheit: 28'645 Zuschauer bekommen ein Spektakel der Sonderklasse zu sehen. Die Gäste gehen 1:0 und 2:1 in Führung, gleichen zum 3:3 aus und kassieren schliesslich noch das 3:4.

St.Gallens Leistung wird national mit viel Bewunderung aufgenommen. Der «Bund» schreibt von einem Team, «das vor Energie sprüht», und von einem Spitzenspiel mit «Klasse, Offensivgeist und viel, viel Tempo». Die NZZ titelt: «Danke, liebe Ostschweizer»:

Der Dank geht an St.Gallen, weil es der Liga einen Dreikampf und Offensivspektakel schenke. Und weil jene, «die die in der Vergangenheit einbetonierte Super League verkaufen müssen, freudig und inbrünstig im Chor anstimmen: danke, St.Gallen.»

Patricia Loher, Sportchefin.

Patricia Loher, Sportchefin.

Bild: Hanspeter Schiess

Die Einschätzung der «Tagblatt»-Sportchefin: Bleibt der FC St.Gallen unbeeindruckt, kann das Rennen um den Meistertitel zu einem Dreikampf werden

Was war das für ein Jahr des FC St.Gallen! Ein Wechselbad der Gefühle nach der Winterpause, der Rücktritt von Tranquillo Barnetta – und dann eine erste Saisonhälfte wie aus einem Guss. St.Gallens junge Mannschaft stürmte, sie war frech, sie überraschte die Gegner und überwintert auf Rang drei. Die Rückrunde wird für St.Gallen zum grossen Test. Die Erwartungen werden grösser, St.Gallen wird vom Jäger zum Gejagten. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die junge Mannschaft mit der neuen Ausgangslage zurechtfindet. Bleibt sie unbeeindruckt und erfährt sie nicht allzu viele Wechsel, könnte es an der Tabellenspitze tatsächlich wieder einmal zu einem Dreikampf kommen.

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