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FC ST.GALLEN: Runar Mar Sigurjonsson - der Mann, der aus der Kälte kommt

Um die Isländer ranken sich Mythen und Legenden. Seit diesem Winter hat der FC St.Gallen einen unter Vertrag: Runar Mar Sigurjonsson. Er trifft heute mit den Ostschweizern auf die Grasshoppers – Trainer Murat Yakin hat ihn dort verstossen.
Christian Brägger
Runar Mar Sigurjonsson, der Wikinger in Diensten des FC St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Runar Mar Sigurjonsson, der Wikinger in Diensten des FC St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Als Isländer musst du dich irgendwann entscheiden: Wirst du ein Städter, oder bleibst du der Bub vom Land? Runar Mar Sigurjonsson, Fussballer des FC St. Gallen, wurde ein Städter.

Die Meinungen über den Zuzug sind schnell gemacht, auch weil Club-Präsident Matthias Hüppi bei der Präsentation ins Schwärmen kommt: «Einen Isländer, das habe ich schon immer gesagt, das muss man einfach haben.» Zudem hat man von diesem Land Bilder im Kopf – meist sind sie spektakulär: eine raue, wilde, faszinierende Natur. Vulkane, Geysire, Nordlichter gar, und bissige, sehr bissige Kälte. Dann die spektakuläre Hauptstadt. Nicht zuletzt sympathische, aber wortkarge und etwas verschrobene Bewohner, die im Land, in dem jeder jeden kennt, ein hartes Leben fernab der Zivilisation führen. Bewohner wie Sigurjonsson, der sagt: «Das Bild, das die Menschen von Island haben, stimmt in vielen Teilen. Man redet nicht schlecht über uns, das ist schon einmal gut, das haben wir uns erarbeitet.» Selbst wenn er oft denke, die Leute wüssten nicht genau, wo seine Heimat liegt.

Lieber am Hafen arbeiten als zur Schule

Im Nordwesten Islands wächst Sigurjonsson als jüngeres von zwei Kindern in Saudarkrokur auf, einem malerischen Ort mit 2500 Einwohnern direkt am europäischen Nordmeer, dreieinhalb Autostunden von Reykjavík entfernt; Südgrönland ist nicht fern. Der Vater arbeitet als Chauffeur eines Umzugsbetriebs, er weiss mit den Händen umzugehen und hart anzupacken. Anders der Bub, der es mehr in den Füssen hat. Früh findet der kleine Runar den Zugang zum Sport, bereits mit drei Jahren sagt er der Mutter, einer Lehrerin, er wolle Fussballprofi werden – das auf Island. In der Jugend fährt Sigurjonsson mehrgleisig und oft Ski auf dem nahen Tindastoll, daneben spielt er in der Heimatstadt Fussball und Basketball; im Spiel mit den Körben ist man eine Topadresse auf der Insel. Im Heimatdorf hat der Junge ein schönes Leben, er fühlt sich frei. Die Verwandten wohnen auf Bauernhöfen, die Schaf- und Rinderzucht sind grosse Themen. Er sagt: «Wir Isländer sind Naturleute, fühlen uns frei. Als Zwölfjähriger bist du am Morgen raus auf den Hügel oder in den Wald, am Abend kamst du heim, wenn du Hunger hattest.»

Den Einheimischen beschreibt Sigurjonsson als lernwillig, fleissig. Jeder Isländer wolle hoch hinaus, seine Möglichkeiten ausschöpfen und im Leben das Maximum erreichen. «Das geht nur mit einer solchen Mentalität», sagt er. Tatsächlich sind sie im Fussball, Handball und Basketball vorne dabei. «Es war ein harter Weg, dahin zu kommen. Die Bedingungen, die Möglichkeiten und das Wetter sind bei uns nicht einfach.»

In der Schule ist Runar nicht wirklich gut, sie interessiert ihn nicht. «Ich war ein Minimalist, aber keiner, der Schwierigkeiten machte. Ich wollte einfach so wenig wie möglich mit der Schule zu tun haben», sagt er. Ein Jahr lang versucht es Sigurjonsson dennoch in der Mittelschule, um den Weg zum Studium und damit ins Ausland nicht schon früh zu verbauen. Doch er besucht den Unterricht selten, will lieber Geld verdienen. So arbeitet er vier Tage die Woche von sechs Uhr früh bis neun Uhr abends am Hafen für die Fischer. «Die Kutter kamen mit ihren Fängen, wir sortierten die Fische und schleppten die schweren Körbe. Da hatte ich keine Kraft mehr für die Schule.» Mit 15 Jahren hört er – weil er nicht mehr wächst – mit Basketball auf und legt den Fokus auf den Fussball. In dieser Zeit kommt Runar in der dritthöchsten Liga bereits bei den Aktiven zum Einsatz und wird zum zweitjüngsten Spieler, der auf dieser Stufe je ein Tor erzielte. «Ich war auch einer der Jüngsten, der eine rote Karte sah», lächelt Sigurjonsson.

Der Schritt ins Ausland kommt für einen Isländer spät

Ein Jahr später, im Alter von 16 Jahren, setzt der Jüngling alles auf die Karte Fussball, nun heisst es Reykjavík statt Saudarkrokur; im zweiten Jahr spielt er bereits in der höchsten Liga, dann, Anfang 2013, als ihn die Zeitungen zum besten Spieler der Insel wählen, wechselt Sigurjonsson als 22-Jähriger und für einen Isländer eher spät ins Ausland. Seit jenem Engagement in der zweiten holländischen Liga bei Zvolle sind fünf Jahre vergangen. Sigurjonsson ist unterdessen 27-jährig und leihweise beim FC St. Gallen engagiert. Das Maximum? Er sagt: «Man muss realistisch sein. Nur unser Held Eidur Gudjonsson, der für Barcelona gespielt hat, kann von sich behaupten, alles erreicht zu haben.»

Sigurjonsson will mit Island unbedingt an die WM in Russland. Doch das wird schwierig. Der 15-fache Nationalspieler hat kein Aufgebot für die anstehenden Testpartien, obwohl er die vergangenen Jahre oft dabei war. Die Konkurrenz im Mittelfeld sei gross, es gebe fast nie Verletzte, weshalb die Chance auf ein Nachrücken in der Hierarchie gering sei, sagt er. «Jetzt zählt sowieso nur dieses eine Spiel gegen GC. Endlich kommt es. Ich freue mich darauf, die guten und schlechten Leute wieder zu sehen.» Sigurjonsson lässt kaum ein gutes Haar am Rekordmeister, dem er bis Sommer 2019 gehört. Der Spieler, der dort in Ungnade gefallen ist, sagt nun: «Ich will beweisen, dass das Verhalten des Clubs ein Fehler war.» Heute noch rätselt man: Was ist vorgefallen zwischen ihm, dem ruhigen, kräftigen Isländer, und dem GC-Trainer Murat Yakin? Sigurjonsson sagt: «Das ist die Million-Dollar-Frage. Ich weiss es bis heute nicht. Als Murat Yakin kam, war es vom ersten Training an schwierig. Er wartete nur darauf, mich aus der Startelf zu streichen.»
Als sich Sigurjonsson im Herbst bei einer Auswechslung ungebührlich verhält, findet Yakin den Grund, den er gesucht hat. Später nennt er den Spieler in den Medien einen Egoisten. Die Mannschaft hält zum Isländer, doch das Zerwürfnis ist nicht mehr zu kitten. Heute sagt Sigurjonsson: «Yakin spielt ein Kindergartenspiel.» Und legt nach: Man müsse wissen, dass bei den Grasshoppers manches nicht zum Besten stünde. «Seit Yakin bei GC der Coach ist, geschieht Seltsames im Club. Das wiederum beeinflusst die Spieler, weil sie über die negativen Dinge reden, die ständig passieren.» Yakin wolle krampfhaft zeigen, dass er die Macht habe. «Aber wenn du es so machst wie er, wirst du nie lange in einem Club sein. Und dann gibt es auch noch Erich Vogel, den Berater.» Hakan Yakin, Assistenztrainer bei GC, habe kein einziges Wort mit ihm geredet. Bald einmal gibt es mit Sportchef Mathias Walther ebenfalls nichts mehr zu besprechen. «Er macht, was Murat Yakin sagt. Aber ich weiss, dass Walther heute weiss, dass er einen Fehler gemacht hat.»

In Sigurjonssons Wesen meint man den Wikinger zu erkennen

Isländer müssen wohl sein wie Runar Mar Sigurjonsson. Stets den einen Fuss in der Heimat, in der Fremde selbstbewusst ihr Ding durchziehend. Sigurjonsson hat keine Ausbildung, jeden Abend schaut er am Fernsehen Sport – «das muss meine Freundin verstehen». Der Manchester-United-Anhänger sagt, was er denkt: «Wir mussten in der Schule Altdänisch lernen, und wenn du dann in Kopenhagen bist, verstehst du trotzdem kein Wort. Die Sprache nützt uns gar nichts.»

Sigurjonsson gilt nicht als Spassvogel, in der Heimat aber sei dies anders, sagt er. In seinem Wesen meint man bald einmal einen Wikinger zu sehen. Er sagt: «Die Geschichte lehrt, dass die Wikinger, die bei uns auf dem Land lebten, taffe Hunde waren. Dieses Element haben wir auch. Ebenfalls, dass wir immer gegen einen grösseren Gegner kämpfen.» Tief im Herzen ist Runar Mar Sigurjonsson einer vom Land geblieben.

Der fünfte Sieg in Serie?

Peter Tschernegg ist wieder im Training, aber steht heute ab 19 Uhr im Heimspiel gegen GC wie Philippe Koch nicht zur Verfügung. St. Gallens Trainer Giorgio Conini sagt, sein Team wolle weiter einen guten Job machen. «Das Spiel in Lausanne hat gezeigt, dass wir auf gutem Weg sind.» Fraglich ist, ob GC-Trainer Murat Yakin auf der Bank sitzen darf. (cbr)

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