FC St.Gallen kann nun in aller Ruhe planen

Nach der Niederlage gegen Sion deutet nichts mehr darauf hin, dass der FC St.Gallen die Saison erfolgreich beenden wird. Nun gilt es für Unternehmensleitung schonungslos zu analysieren und zu handeln, um eine weitere Enttäuschung in der nächsten Spielzeit möglichst zu vermeiden.

Fredi Kurth
Drucken
Teilen
In dieser Saison gibt es für den FC St.Gallen wohl nichts mehr zu holen. (Bild: Ralph Ribi)

In dieser Saison gibt es für den FC St.Gallen wohl nichts mehr zu holen. (Bild: Ralph Ribi)

Zu beschönigen gibt es nichts mehr und auch nichts mehr zu hoffen: Der FC St.Gallen dürfte sein Ziel, in der nächsten Saison europäisch auf sich aufmerksam zu machen, in den verbleibenden fünf Runden verpassen. Die Formkurve zeigt immer deutlicher abwärts und das Restprogramm mit den Auswärtsspielen gegen die Young Boys und Basel öffnet auch nicht mehr Aussichten auf eine Wende, auf welche die Anhänger seit Beginn der Winterpause vergeblich warten. Was auf dem Spielfeld zu beobachten ist, lässt sich mühelos anhand von Zahlen belegen. Bei der Niederlage gegen Sion geriet St.Gallen im neunten der letzten zehn Ernstkämpfe 0:1 in Rückstand. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Saibene Team holte im Frühjahr pro Match gerade noch 0,92 Punkte; im Herbst waren es 1,62 Punkte gewesen oder drastischer ausgedrückt: Sammelt St.Gallen bis Ende Meisterschaft anteilmässig gleich viele Punkte wie bis anhin, werden es in der Rückrunde total 16,6 Punkte sein im Vergleich zu 29 Punkten in der Herbstsaison.

Absturz aus der Höhe
Kommentar überflüssig? Nein, Kommentar hoch wichtig. Dass der FC St.Gallen im Frühjahr eine gute Ausgangslage vermasselt hat, ist den vergangenen Jahrzehnten schon vorgekommen, einmal sogar zur Hochblüte mit den Chilenen Zamorano, Rubio und Mardones. St.Gallen überwinterte auf Platz eins, verpasste aber sogar den Uefa-Cup. Ein derart eklatantes Absacken wie nun gleich zweimal hintereinander, daran mag ich mich - und wohl manch noch älteres Semester - nicht erinnern.

Allerdings: Um tief abzustürzen, muss eine Mannschaft erst einmal hoch fliegen. Erst so weckt sie die Erwartung, der die umso grössere Enttäuschung folgt. Und so stellt sich die Frage: Hat der FC St.Gallen im Herbst oder doch eher im Frühjahr sein reelles Leistungsvermögen gezeigt? Wer es sich einfach macht, sagt: „Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.“ Aber damit sind die Gründe noch nicht gefunden. Ein grosser Unterschied zwischen diesem und letztem Frühjahr besteht: St.Gallen schoss 2013/14 am wenigsten Tore, nun ist es zusammen mit Aarau das Team mit den meisten Gegentreffern, während die Abwehr mit Organisator Montandon noch gefestigt dastand.

Andere machen Fortschritte
St.Gallen hat in dieser Saison aus dem Spiel heraus relativ viele Tore erzielt, wenige nach stehenden Bällen. Umso mehr hat es dafür im eigenen Gehäuse nach Eckbällen eingeschlagen, zumindest bis zum Spiel in Zürich gemäss Teleclub-Reporter am häufigsten aller Super-League-Teams. St.Gallen ist in jenen Bereichen anfällig, bei denen sich Trainer normalerweise rühmen, dass das besonders geübt werde. Aber vielleicht ist es, um für einmal bösartig zu sein, auch schwierig, die Abwehr solcher Flankenbälle zu üben mit Spielern, die nicht flanken können.

Immer wieder Umstellungen
Was St.Gallen im Frühjahr jeweils fehlt, ist die Homogenität. Zahlreiche Umstellungen, zurückzuführen auf Verletzungen (die haben andere allerdings auch) und Sperren, die im Herbst weniger anfallen, scheinen dem Spielverständnis zu schaden. Und wenn dann die Mannschaft noch fröhlich nach vorne stürmt und hinten die Räume für den Gegner weit offen sind, braucht man sich nicht über hohe Niederlagen zu wundern. Gegen Vaduz und Sion allerdings hat sich die Mannschaft defensiv etwas geschickter verhalten. Dafür konnte dann nicht mehr auf den Rückstand reagiert werden. Das Debakel in Luzern hatte primär seine Gründe in den Absenzen von Teamstützen in den Schaltzentralen von Abwehr und Mittelfeld.

Treuer Präsident, treue Anhänger
Es ist nicht daran zu zweifeln, dass der FC St.Gallen mit Jeff Saibene die nächste Saison in Angriff nehmen wird. Es sei denn, der Trainer resigniere selber. Dölf Früh wird ihm in Nibelungentreue zur Seite stehen. Treue ist ohnehin ein grosses Wort. Auch die Anhänger zeigen gegenüber Mannschaft und Klubleitung echte Verbundenheit, lassen selbst gegen Sion trotz diverser Enttäuschungen die Arena als gut belegt erscheinen. Die vernünftigen Fans sind sich eben bewusst, dass es der Gnade des Präsidenten zu verdanken ist, dass sie über eine Krise wie jetzt überhaupt diskutieren dürfen. Und vielleicht braucht es auch seine wenigstens nach aussen sichtbare Nonchalance, mit der Früh vor wenigen Wochen frohgemut erklärte: „Wir holen im Sommer einfach wieder frisches Blut“. Sein Realismus führt auch zur Zielsetzung, beständig der Super League anzugehören. Und schliesslich haben wir bloss eine Krise und nicht Alarmstufe 1 wie anderswo.

Wäre mehr möglich?
Dennoch stellen er und seine Mitstreiter in der Klubführung vielleicht auch einmal die Frage, ob selbst mit den stets als bescheiden bezeichneten Mitteln nicht mehr herausgeholt werden könnte. Ein neuer Impuls an der Aussenlinie wäre für die Beantwortung doch einmal reizvoll. Dabei müsste man nicht einmal in die Ferne schweifen. Hierzulande gibt es zwei, drei fähige Trainertalente, die dem FC St.Gallen gut anstehen würden. Allerdings haben Urs Fischer und Giorgio Contini noch langfristige Verträge laufen, Fischer gar bis 2017 wie Saibene. Ciriaco Sforza wäre vielleicht eher von Wohlen loszueisen. Natürlich haben beim FC St.Gallen die Planungen schon längst begonnen. Ausser vereinzelter Gerüchte ist aber wenig zu hören. Nur bei vier Spielern, unter ihnen Karanovic, laufen die Verträge aus. Das Gros ist, unter ihnen Tafer, Everton, Bunjaku, Lopar und Herzog, bis Sommer 2017 gebunden. Um Platz zu schaffen, böten sich vielleicht auch Leihgaben hier nicht erwähnter Kaderleute an.

Möglicherweise will die Mannschaft die nüchterne Betrachtungsweise, wie an dieser Stelle präsentiert, widerlegen und schafft doch noch die Europa-League-Qualifikation. Dann hätte sie wenigstens in der Vorbereitung zwei bis vier ernsthafte Testspiele. Der Zugang zur Gruppenphase dürfte aber kaum zu schaffen sein. Dafür sind die Voraussetzungen viel schlechter als vor zwei Jahren.

Aktuelle Nachrichten