«Bei uns herrscht keine Panik»: Spieler, Trainer und FCSG-Führung verzichten in der Coronakrise auf Lohn

Es ist ein Lichtblick zu Beginn des wohl schwersten Kampfes von Matthias Hüppi: Spieler, Trainer und Betreuerstab des FC St.Gallen akzeptieren die Kurzarbeit und sind damit bereit, auf einen Teil ihres Lohnes zu verzichten.

Patricia Loher
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In der Coronakrise mehr denn je gefordert: St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi.

In der Coronakrise mehr denn je gefordert: St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi.

Bild: Freshfocus

Es ist ein Lichtblick zu Beginn des wohl schwersten Kampfes von Matthias Hüppi: Spieler, Trainer und Betreuerstab des FC St.Gallen akzeptieren die Kurzarbeit und sind damit bereit, auf einen Teil ihres Lohnes zu verzichten. Auch das Gehalt des Präsidenten und anderer Führungskräfte im Verein ist trotz der wegen der Coronakrise grösser gewordenen Belastung nun weniger hoch. Die Angestellten der Event AG sind schon länger auf Kurzarbeit. Hüppi sagt: «Die Solidarität ist spürbar, einmal mehr. Keiner in unserem Club definiert sich über das Geld. Das gibt mir für die nächsten Wochen ein gutes Gefühl.»

Der FC St.Gallen hat keine Grossverdiener in seinem Kader, und trotzdem waren offenbar all jene mit den besseren Löhnen bereit, mehr finanzielle Abstriche zu machen, um so vor allem die jungen, weniger gut verdienenden Spieler vor Einbussen zu bewahren. Der Präsident sagt: «Es war beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit die Mannschaft das geregelt hat.»

St.Gallens Stärke vor der Zwangspause war die Geschlossenheit. Und sie ist es offenbar noch immer. Pro Monat dürfte die Kasse der Ostschweizer damit um rund 250'000 Franken entlastet werden, bei der Event AG dürften es 150'000 Franken sein. Für wie lange der FC St.Gallen Kurzarbeit angemeldet hat, ist offen.

Die Ladung Verantwortung ist grösser geworden

Der 62-jährige, frühere TV-Mann Hüppi ist seit zweieinhalb Jahren Präsident des FC St.Gallen. Er wählt in diesen schwierigen Tagen keine lauten Worte, sagt aber, dass die Ladung Verantwortung deutlich grösser sei als noch am 23. Februar, am Tag des bis anhin letzten Spiels.

Er weiss, der Fussball hat keine Sonderstellung in dieser Krise, von der alle betroffen sind, obwohl in der Schweiz 4000 Arbeitsplätze an diesem Sport hängen und er im Jahr eine Wertschöpfung von 800 Millionen Franken generiert. Ein grosser Teil der Wirtschaft befindet sich im verzweifelten Überlebenskampf. «Je ruhiger wir gegen aussen kommunizieren, und intern agieren, desto mehr Energie können wir in unsere Arbeit investieren», sagt Hüppi, dessen Team verschiedene Solidaritätsaktionen auf die Beine gestellt hat und Betroffenen Unterstützung anbietet.

Noch länger ohne Publikum?

Immer mehr zeichnet sich ab, dass noch länger keine Zuschauer zugelassen werden sein könnten, sollte der Fussball den Betrieb wieder aufnehmen, was die Swiss Football League (SFL) laut Communiqué vom Donnerstag anstrebt. So schreckten zuletzt Interviews mit Heinrich Schifferle, dem Präsidenten der SFL, und FC-Zürich-Präsident Ancillo Canepa auf.

Während Schifferle gegenüber unserer Zeitung sagte, dass die Clubs zwei Monate ohne Zuschauereinnahmen überstehen könnten, wenn es aber sechs Monate seien, bekämen sie sehr grosse Probleme, doppelte Canepa im «Tages-Anzeiger» nach: Der FC Zürich überlebe es nicht, sollte bis Ende Jahr ohne Publikum gespielt werden müssen.

Hüppi bestätigt: «Tritt dieser Fall ein, bekommen alle Clubs grosse Probleme.» St.Gallens Präsident will die Sorgen nicht kleinreden, er sagt, man arbeite mit verschiedenen Szenarien und spüre dabei weitherum grossen Support. Er sagt:

«Aber natürlich befinden wir uns in einem gröberen Sturm und wir wissen nicht, wann er aufhört. Doch bei uns herrscht keine Panik. Ich bin überzeugt, dass wir diese Situation meistern werden.»

Bei einem Heimspiel ohne Publikum verliert der FC St.Gallen rund eine halbe Million Franken, dafür hätte er wenigstens die TV-Gelder auf sicher. Fest steht: Wird irgendwann vor leeren Rängen weitergespielt oder die neue Meisterschaft aufgenommen, geht den Vereinen eher früher als später das Geld aus. «Sinn und Tragbarkeit von Geisterspielen müssen genau geprüft werden», sagt St.Gallens Präsident. «Drei Monate bringen uns noch nicht um. Aber je länger es dauert, desto schwieriger wird es.».

Und die Sponsoringgelder?

Die fehlenden Zuschauereinnahmen sind nicht das einzige Problem. Weil Unternehmen, die einen Verein finanziell unterstützen, ebenfalls in Schwierigkeiten geraten sind, dürften die Sponsoringbudgets massiv gekürzt werden.

So sah sich Kybun, der Namensgeber des St.Galler Stadions, gezwungen, die Schuhproduktion in Sennwald vorläufig einzustellen. Chef Karl Müller gab aber Entwarnung: «Wir sehen uns nicht primär als Geldgeber des FC St.Gallen, sondern als Partner. So lange wir die Mittel haben, werden wir die Zahlungen tätigen. Auch wenn vorübergehend keine Fussballspiele und Aktivitäten im Kybunpark stattfinden.» 

Kybun-Patron Karl Müller.

Kybun-Patron Karl Müller.

Bild: pd

Für Hüppi ist das ein ermutigendes Signal. Nur ist ungewiss, wie lange Europa noch unter Corona leiden wird.

Macht die Liga Zugeständnisse?

Der FC St.Gallen hat sich mit einem vergleichsweise kleinen Budget von 7,6 Millionen Franken die Leaderposition erkämpft. Im Nachwuchs wirtschaftet er mit 3,5 Millionen Franken. Soll eine gewisse Qualität in Spitzenfussball und Ausbildung aufrecht erhalten werden, kann der finanzielle Haushalt wohl nicht noch einmal redimensioniert werden. Möglich sei, dass die Liga aufgrund der aussergewöhnlichen Situation die doch teuren Auflagen an die Clubs nun überdenke, sagt Hüppi, der dem SFL-Komitee angehört. Wichtig ist dem Präsidenten aber vor allem: «Ich habe sehr grosses Vertrauen in unsere Teams auf und neben dem Platz. Was auch immer kommen wird.»

50 Millionen vom Bund

Der Bund stellt für den Schweizer Profisport in der Coronakrise 50 Millionen Franken zur Verfügung. Nicht à fonds perdu, sondern als zinslose Überbrückungskredite. Geholfen wird mit jenem Geld erst bei nachgewiesener Zahlungsunfähigkeit und damit also wohl nur Clubs, die kurz vor dem Kollaps stehen. Wer dieses Geld in Anspruch nehmen wolle, habe wirklich gar nichts mehr in der Kasse, sagte St. Gallens Präsident Matthias Hüppi in einem Interview mit der «Sonntags-Zeitung». (red)

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