«Die Enttäuschung ist riesig»: 7-Tore-Wahnsinn im Spitzenkampf – St.Gallen fordert Meister YB alles ab, verliert aber mit 3:4

In einem Spektakel sondergleichen stellt der FC St.Gallen unter Beweis, höchsten Ansprüchen zu genügen – zumindest was Leidenschaft, Spielwitz und Angriffspower angeht. Trotzdem fahren die Ostschweizer mit einer Niederlage nach Hause.

Daniel Walt
Drucken
Teilen

Die Tore

Enttäuschung pur: St.Gallens Jordi Quintillà (Mitte) und Ermedin Demirovic (rechts) trotten nach der Niederlage vom Feld. (Bild: Freshfocus)

Enttäuschung pur: St.Gallens Jordi Quintillà (Mitte) und Ermedin Demirovic (rechts) trotten nach der Niederlage vom Feld. (Bild: Freshfocus)

  • 0:1, 4. Minute, Boris Babic: Nach einem Einwurf kommt der Ball auf der rechten Seite zu Silvan Hefti. Der St.Galler Captain passt in die Mitte. Dort steht Boris Babic völlig alleine und hat keine Probleme, zum 1:0 einzunetzen. 
  • 1:1, 23. Minute, Cédric Zesiger: Die Berner können einen Corner treten. Die St.Galler Verteidiger bewachen Cédric Zesiger zu wenig. Er trifft per Kopf zum Ausgleich.
  • 1:2, 25. Minute, Cedric Itten: Die Espen schlagen zurück! Ein Corner landet über Umwege bei Cedric Itten, der die Kugel aus kurzer Distanz zur erneuten Führung für die Gäste über die Linie drückt. 
  • 2:2, 30. Minute, Christian Fassnacht: Der Berner Angreifer verwandelt eine Flanke von der linken Seite per Kopf. Miro Muheim hat im Luftduell das Nachsehen.
  • 3:2, 50. Minute, Cédric Zesiger: Das dritte Berner Tor, und zum dritten Mal ist es ein Kopfball, der zum Erfolg führt. Zesiger trifft nach einem Corner.
  • 3:3, 55. Minute, Ermedin Demirovic: St.Gallens Angreifer verwertet eine Flanke von der linken Seite. 
  • 4:3, 80. Minute, Jean-Pierre Nsame. Ein flacher Pass in die Mitte landet beim freistehenden Topskorer der Berner. Der sichtlich überraschte Nsame dreht sich einmal um die eigene Achse und trifft zur erneuten Führung für seine Mannschaft.

Die Spiel-Analyse

«D Ziit isch cho, im Wankdorf z bestoh!» Diese Botschaft geben die FCSG-Anhänger ihren Lieblingen auf einem Transparent mit in den Spitzenkampf gegen YB. Hintergrund: Seit dem Frühling 2005 haben die Ostschweizer in Bern keinen Sieg mehr bejubeln können. Und die Espen spielen vom Anpfiff weg rotzfrech auf. Nach drei Minuten kommt Silvan Hefti auf Halbrechts zur ersten Chance, sein Abschluss fällt aber zu schwach aus. Eine Minute später bedient Hefti dann Boris Babic. Der junge Angreifer kommt alleine vor YB-Goalie von Ballmoos zum Abschluss – und er trifft kaltblütig zur Führung für die Gäste!

St.Galler Jubel nach der 1:0-Führung. (Bild: Keystone)

St.Galler Jubel nach der 1:0-Führung. (Bild: Keystone)

Nur drei Minuten später hämmert Geburtstagskind Babic – er feiert am Sonntag seinen 22. Geburtstag – den Ball an die Latte. Und nach einer Viertelstunde setzt sich Demirovic auf der linken Seite in einem Laufduell durch. Er passt in die Mitte zum heranstürmenden Babic, der dieses Mal am YB-Torhüter scheitert.

Die hochgelobte YB-Offensive findet in der Startphase schlicht nicht statt, der Meister wird vom FC St.Gallen regelrecht an die Wand gespielt. Und trotzdem steht es nach 23 Minuten 1:1. YB verwandelt seine erste Chance, weil die St.Galler bei einem Corner nicht aufpassen. Jetzt ist die Partie definitiv lanciert. Auch YB sucht nun konsequent die Offensive. Und der Tore-Wahnsinn im Stade de Suisse geht weiter: Nur zwei Minuten nach dem Ausgleich gehen die Gäste durch Cedric Itten erneut in Führung. Und als Christian Fassnacht nach 30 Minuten per Kopf zum erneuten Ausgleich für den Meister trifft, haben die Zuschauer innert der letzten sieben Minuten drei Tore gesehen. Die Mannschaften liefern sich bis zur Pause einen Schlagabtausch auf hohem Niveau – die hoch attraktive Partie verdient das Prädikat Spitzenkampf ohne Wenn und Aber.

St.Gallens Cedric Itten im Zweikampf mit dem Berner Ulisses Garcia. (Bild: Keystone)

St.Gallens Cedric Itten im Zweikampf mit dem Berner Ulisses Garcia. (Bild: Keystone)

In der zweiten Halbzeit geht es im gleichen Stil weiter: Beide Teams suchen kompromisslos die Offensive. Zunächst lässt Miro Muheim einen Berner Verteidiger stehen, scheitert aber an Marco Wölfli, der mittlerweile für den verletzten David von Ballmoos im YB-Tor steht. Wenige Minuten später schlägt es dafür zum dritten Mal hinter Dejan Stojanovic ein: Erneut haben die St.Galler die Lufthoheit nach einem Corner nicht, und Cédric Zesiger trifft per Kopf zum 3:2. Jetzt müssen die Ostschweizer zunächst einige bange Momente überstehen, in denen dem Heimteam durchaus der vierte und wohl vorentscheidende Treffer gelingen könnte. Nach 55 Minuten aber sind es die Grünweissen, die sich jubelnd in den Armen liegen: Topskorer Ermedin Demirovic stellt seine Abschlussstärke unter Beweis, er verwertet eine Flanke von der linken Seite.

In der Folge wogt das Spiel hin und her. Beide Teams wollen den Sieg, Grosschancen sind vorerst aber keine mehr zu verzeichnen. Die St.Galler stehen hinten sicher und lösen die Gegenangriffe teils sehr gekonnt aus, ohne daraus aber Profit schlagen zu können. Nach 80 Minuten müssen die Gäste erneut einem Rückstand nachlaufen: YB-Topskorer Jean-Pierre Nsame kann einen Querpass vors Tor freistehend verwerten. Dieser Treffer soll den Schlusspunkt unter eine hochklassige Partie setzen. Cedric Itten prüft wenige Minuten später zwar nochmals YB-Goalie Wölfli, der den Sieg für sein Team aber festhält.

YB-Goalie Marco Wölfli (rechts) feiert den Sieg mit Fabian Lustenberger. (Bild: Keystone)

YB-Goalie Marco Wölfli (rechts) feiert den Sieg mit Fabian Lustenberger. (Bild: Keystone)

Der Beste

Victor Ruiz. Was für einen Spieler hat der FC St.Gallen da bloss in seinem Kader! Technisch sackstark, was der spanische Mittelfeldmann auch heute wieder abliefert. Ruiz beweist viel Spielwitz, zahlreiche Offensivaktionen laufen über ihn. Gleichzeitig ist sich Ruiz auch nicht zu fein, Drecksarbeit zu verrichten.  Ganz stark präsentieren sich neben Ruiz auch wieder die Angreifer Ermedin Demirovic und Boris Babic. 

Dejan Stojanovic: Note 4,5. Vier Gegentore - das spricht eigentlich nicht für einen Goalie. Ihm ist aber nichts anzulasten, hat viele starke Momente.
13 Bilder
Silvan Hefti: Note 5. Bringt von Beginn weg viel Tempo nach vorne, spielt ruhig und unaufgeregt in der Defensive. Beim letzten Gegentreffer wird aber auch er erwischt.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. Wenn es nur um das Spielerische geht, hätte er die Bestnote verdient. Stark in Laufduellen und Stellungsspiel. Noch fehlt ihm die Lufthoheit bei Standards.
Yannis Letard: Note 4,5. Rettet oft gegen die schnellen Berner. Stark im Zweikampf. Kommt aber zu spät beim 3:4. Und auch ihm fehlt die Wasserverdrängung bei Standards.
Miro Muheim: Note 5. Hervorragender Assist beim Ausgleich zum 3:3, fährt technisch eine feine Klinge. Auch defensiv stark.  In der Vorwärtsbewegung mutig, aber auch mal mit Ungenauigkeiten.
Jordi Quintillà: Note 5. Einmal mehr sehr ballsicher, behält auch unter Druck die Übersicht.  Starke Spielauslösungen.
Lukas Görtler: Note 5. Von Beginn weg muss er einstecken, hält bis am Ende dagegen – und zeigt sogar die eine oder andere technische Einlage.
Victor Ruiz: Note 5,5. Der Spanier ist unermüdlich – hält bis zum Schluss sein Tempo, seine Genauigkeit  und sein kreatives Spiel aufrecht.
Cedric Itten: Note 4,5. Legt immer wieder stark ab, behauptet sich körperlich – und steht beim 2:1 goldrichtig. Die Krönung, das 4:4, verpasst er.
Boris Babic: Note 5. Sehr starker Auftritt des St. Gallers, der gestern seinen 22. Geburtstag feierte. Trifft zum 1:0, läuft bis zum Umfallen. Einziges Manko: Er verpasst es zu Beginn, zwei weitere Treffer zu erzielen.
Ermedin Demirovic: Note 5,5. Assistgeber und Torschütze. Stark, wie er seinen Körper einsetzt gegen robuste Berner. Immer wieder Gefahrenherd.
Jérémy Guillemenot: Note 4,5. Kann keine Akzente mehr setzen am Ende der Partie, fällt aber auch nicht ab.
Axel Bakayoko: keine Note. Kommt erst kurz vor Schluss. Ohne Bewertung.

Dejan Stojanovic: Note 4,5. Vier Gegentore - das spricht eigentlich nicht für einen Goalie. Ihm ist aber nichts anzulasten, hat viele starke Momente.

Der Schlechteste

Nach einem solchen Match verbietet es sich, einen einzelnen Spieler als schlechtesten seines Teams zu brandmarken. Jeder Akteur ist zumindest genügend, viele sind stark bis überragend. Einziger Kritikpunkt: In der Defensive haben die St.Galler oftmals die Lufthoheit nicht, insbesondere bei Cornern.

Der Aufreger

Der dreifache Babic – es sollte nicht sein: Geburtstagskind Boris Babic hätte in der Startviertelstunde einen lupenreinen Hattrick erzielen können. Nach dem 1:0 hämmert er den Ball einmal an die Latte, und einmal scheitert er alleine vor YB-Goalie von Ballmoos.

Der Mann der Startviertelstunde: Boris Babic dreht nach dem 1:0 jubelnd ab. (Bild: Keystone)

Der Mann der Startviertelstunde: Boris Babic dreht nach dem 1:0 jubelnd ab. (Bild: Keystone)

Die Fans

28'645 Zuschauerinnen und Zuschauer bilden eine prächtige Kulisse für das Spitzenspiel. Sowohl die Heim- als auch die Gästefans sorgen für eine prickelnde Atmosphäre, wie es sie leider viel zu selten im Schweizer Spitzenfussball gibt. 

Die Negativserie

Wissen Sie noch, was Sie am Sonntag, 20. März 2005 gemacht haben? Sofern Sie ein Fan des FC St.Gallen sind, bestimmt: Sie haben sich über den 3:2-Sieg Ihrer Lieblinge bei YB gefreut. Dass dieser Tag rückblickend fast schon historische Dimensionen annehmen würde, war zu jenem Zeitpunkt freilich noch nicht zu ahnen. Es sollte bis dato nämlich der letzte Auswärtssieg der Espen bei den Young Boys sein.

Die damalige Partie fand vor 7650 Zuschauerinnen und Zuschauern im Stadion Neufeld statt. Dies, da das Wankdorf bereits seit langem abgebrochen worden, das Stade de Suisse aber noch nicht ganz bezugsbereit war. St.Gallens Trainer hiess damals Heinz Peischl, bei den Bernern stand Hans-Peter Zaugg an der Seitenlinie. Julio Lopez, Moreno Merenda und Dusan Pavlovic schossen die Gäste bis zur 69. Minute mit 3:0 in Führung. Die Berner konnten durch Urdaneta und Chapuisat bloss noch verkürzen.

Zwei Schlüsselfiguren beim Auswärtssieg 2005 in Bern: Moreno Merenda (links) und Julio Lopez. (Bild: Keystone)

Zwei Schlüsselfiguren beim Auswärtssieg 2005 in Bern: Moreno Merenda (links) und Julio Lopez. (Bild: Keystone)

Die Reaktionen

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen: «Fussball auf Super-League-Niveau spielt man wegen der Ergebnisse. Und wir hatten uns gesagt, dass wir sicher nicht hierher fahren, um uns nur Komplimente für unsere Spielweise abzuholen. Jetzt ist es halt doch das... Das Ziel, ein gutes Spiel zu zeigen, haben wir erreicht – das zweite, mit mindestens einem Punkt heimzufahren, leider nicht. Von daher: Wir haben noch viel zu tun.

Die Frage vor dem Spiel war, ob es meine Mannschaft schaffen würde, sich auf das hohe Niveau des Gegners zu hieven. Die Startviertelstunde hat die Antwort gegeben. Wir hätten in den ersten 15 Minuten sogar noch ein zweites und ein drittes Tor machen können. Nach dem 3:3 wollte meine Mannschaft den Sieg, aber die Klasse von YB hat sich schliesslich durchgesetzt. Schade... In der Kabine redet im Moment niemand, die Enttäuschung ist riesig.» (dwa)

Gerardo Seoane, Trainer YB: «Wir haben ein packendes Spiel mit vielen Zweikämpfen und Speed gesehen, die Zuschauer sind auf ihre Kosten gekommen. Der FC St.Gallen war ein starker Gegner mit einer klaren Linie. Wir unsererseits haben uns gewisse Dinge sicher anders vorgestellt. Aber dank unserer Mentalität haben wir immer wieder ins Spiel zurückgefunden.» (dwa)

Gerardo Seoane (links), Trainer von YB, und der St.Galler Chefcoach Peter Zeidler. (Bild: Keystone)

Gerardo Seoane (links), Trainer von YB, und der St.Galler Chefcoach Peter Zeidler. (Bild: Keystone)

Cedric Itten, Stürmer FC St.Gallen: «Das Spiel hätte auch Unentschieden ausgehen können. Wir hatten viel Vorwärtsdrang, hatten unsere Chancen, schon früh könnten wir 3:0 in Führung liegen. Letztlich entscheiden die YB-Standards die Partie, das machten die Berner richtig gut. Wir waren am Ende ausgepowert, ich denke, das hat man gesehen. YB war etwas abgezockter.»

Zu seinem Nationalmannschafts-Aufgebot sagt Itten: «Es ist eine riesengrosse Ehre für mich, ein Kindheitstraum. Besonders nach der Verletzung ist es ein grosser Schritt, der mich sehr freut.» (rst)

Silvan Hefti, Captain FC St.Gallen: «Die Enttäuschung überwiegt nach dem Spiel, auch wenn es ein starker Auftritt war. Wir treffen dreimal, so ein Spiel dürfen wir eigentlich nicht verlieren. Wir haben unseren Plan gut umgesetzt, aber leider nicht gut genug.» (rst)

Michel Aebischer, Mittelfeldspieler YB: «Es war ein grossartiger Spitzenkampf mit einem verdienten Sieger. St.Gallen machte es richtig stark, aber am Ende hatten wir halt doch etwas mehr Power und mehr Überzeugung, denke ich.» (rst)

Das Spiel im Liveticker nachlesen:

Mehr zum FCSG: