FC St.Gallen
Espenblock, Family-Corner, Gegentribüne: Die Typologie der FCSG-Fans

Endlich sind wieder Fans im Stadion zugelassen. Die Stimmung ist zurück. Doch es gibt ihn nicht, den typischen Fan. So sehr im Kybunpark alle durch ihr grünweisses Herz verbunden sind, so sehr unterscheiden sich die Zuschauer von Sektor zu Sektor. Eine Bestandesaufnahme mit Augenzwinkern.

Text: Martin Oswald, Bilder: Michel Canonica
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Den typischen Fan gibt es nicht.

Den typischen Fan gibt es nicht.

Bild: Thomas Werner

Gegentribüne: Die Offsideseher und Taktikversteher

St.Gallen greift an, ein präziser Ball in die Tiefe, der Stürmer läuft los, kann gefährlich aufs Tor ziehen, da geht die Fahne hoch: Offside. «Neeeeein!» Das hat der Fussballkenner auf der Gegentribüne ganz anders gesehen. Gestenreich erhebt er sich vom Sitz und lässt den Schiedsrichter auf dem Platz wissen: «Nie im Leben war das Abseits.» Was der Videobeweis für den Schiedsrichter ist, ist der Gegentribünen-Fan für den Kybunpark. Im Espenblock stimmt der Winkel nicht, um über Offside oder nicht zu richten, darum geht der Blick stets zum ideal platzierten Beobachter auf der Gegentribüne. Die wissen, was Sache ist.

Auch ohne Fehlentscheidungen des Schiedsrichters: Der Gegentribünen-Fan ist ein kritischer Beobachter, kennt den FC St.Gallen seit den 1970er-Jahren und pflegt mit seinen Sitznachbarn während 90 Minuten Aufstellung und Taktik akribisch zu diskutieren. Oft gehörte Sätze lauten «Immer durch die Mitte», «Da muss einfach mehr kommen», oder gerne auch «Früher kamen die Flanken besser». Kein Wunder, ist die Perspektive von hier aus doch optimal, um das Spielgeschehen in voller Breite beobachten zu können. Leider unterliegt der Gegentribünen-Fan dem Irrtum, Schiedsrichter und Spieler könnten seine Zurufe hören, wodurch die kreativen Wortbeiträge in erster Linie zur Unterhaltung des Sektors beitragen.

Espenblock: Die Stimmungsmacher und Frust-Toleranten

«Was wäre der Klub ohne uns? Nichts!» Dem treuen Anhänger im Espenblock fehlt es nicht an Selbstbewusstsein. Schliesslich ist er es, der Sommer und Winter, Super League oder Challenge League, immer dem Klub die Treue hält und im Kybunpark Stimmung macht. Und das tut er mit Inbrunst. Gesungen und angefeuert wird ohne Punkt und Komma. Grätschen werden wie Tore gefeiert. Und rennt die Mannschaft leidenschaftlich dem Ausgleich hinterher, hallt das berühmte «Hopp Sangalle» wie aus einer Kehle von den Rängen. Punkto Choreografie gehört der Espenblock gar zur Champions League, wie dieses Beispiel im Video zeigt.

Manchmal überbordet der Eifer und es werden Pyros gezündet. Doch dem eingefleischten Fan ist ein gewisses Verständnis entgegenzubringen, hat er sein Herz doch einem Klub verschenkt, der häufiger absteigt als Meister wird. Mit Niederlagen umgehen können, sei eine Schule fürs Leben, sagt man sich in St.Gallen. Wenn es dann doch mal läuft, wie zuletzt in der Saison 2019/20, dann schwappt die Euphorie aus dem Kybunpark über und reisst die ganze Ostschweiz mit.

Haupttribüne: Gute-Zeiten-Fans und Geldgeber

Auf der Haupttribüne treffen wir zwei Spezies unterschiedlicher Couleur an. Es gibt das langjährige Mitglied des «Dienstagsclub», das schon sein halbes Leben Jahr für Jahr ein paar Tausender seinem Herzensverein vermacht und sich so seinen bequemen Platz über der Ersatzbank teuer verdient hat. Dieser Fan fällt auf durch seine grosse Leidensfähigkeit, welche durch regelmässige Spielzeiten in der Challenge League (früher Nationaliga B) zusätzlich gestählt wurde. Er schätzt es, wenn der Präsident vor dem Spiel vorbeischaut und für die Treue dankt und träumt unentwegt von einem Titelgewinn.

Der Gute-Zeiten-Fan hingegen mag nur Spiele bei Temperaturen über 18 Grad und einer Tabellenplatzierung nördlich von Rang 4. Sind diese beiden Parameter nicht erfüllt, bleibt sein Platz leer. Da schaut er sich den FCSG lieber im TV an, bequem zu Hause in der warmen Stube. Beim Stand von 0:2 schaltet er jeweils aus, «das muss ich mir nicht antun». Alle paar Jahre, wenn Grün-Weiss gerade einen Lauf hat, taucht er stilgerecht mit Espen-Schal um den Hals auf und winkt wie verrückt seinen Kollegen im Sektor zu. Man ist ja schliesslich eine Familie.

Logen: Der Buffetgänger und Anstossverpasser

Die quälende Frage vor dem Spiel ist nicht «Haben wir heute eine Chance gegen Lausanne?», sondern «Was ziehe ich an und wie heisst der aufdringliche Versicherungsvertreter, der mich am Buffet jedes Mal anspricht?» Sehen und gesehen werden. Für den Logen-Gast ist Fussball ein Nebenprodukt, welches bestenfalls zum Amüsement beiträgt. Man konsumiert es wie einen Film: Gefällt das Dargebotene: gut – wenn nicht: dann gab es immerhin eine warme Mahlzeit.

Während die Mannschaft unten auf dem Rasen einläuft, gibt es Crevetten-Cocktail und Salat vom Buffet, während der Trainer die Mannschaft heiss macht, werden Stroganoff und Spätzli serviert und beim Pausentee wartet oben unter dem Stadiondach Pannacotta mit frischen Beeren. Weil der Verzehr einen Moment dauert und auch ein Kaffee nicht fehlen darf, taucht der Logen-Gast erst in Spielminute 53 wieder an der Balustrade auf und wundert sich, dass der Gegner inzwischen unbemerkt den Ausgleich erzielt hat.

Kurven: Das Zuhause der Fakis und Mukis

Hier sitzen Mama und Papa mit den zwei Kindern, alle fachgerecht ausgerüstet mit dem Fanshirt der vorletzten Saison. Auf dem Schoss eine Portion Pommes und ein Süssgetränk, welches noch vor Anpfiff umkippt und einen klebrigen See zwischen den Stühlen hinterlässt.

Die Sicht ist suboptimal, die Stimmung dafür umso geeigneter für die Jungmannschaft. Papa – ganz das Vorbild – ruft mit, wenn der Espenblock zum lauten «Hopp Sangalle» ansetzt, bei Schimpfgesängen wird aber didaktisch wertvoll geschwiegen.

Während Papa versucht, sich auf das Spiel zu konzentrieren, ist Fussball für die Sprösslinge Nebensache. «Papi, wo ist Gallus, der Bär?» – «Papi, darf ich in der Pause ein Glace?» – «Papi, warum pfeifen jetzt alle?» Und so muss er alle paar Sekunden eine gut gemeinte, aber fussballtechnisch irrelevante Frage beantworten. Und das tut er, zwar leicht genervt, aber in der Hoffnung, es möge sich langfristig positiv auswirken. Schliesslich möchte er eines Tages als Grossvater mit ihnen auf der Gegentribüne sitzen und falsche Offside-Entscheide analysieren.

Osttribüne: Der Sonnenanbeter und Gästefan-Versteher

Der Osttribünen-Zuschauer mag Tore und Sonne. Beides bekommt er an diesem Ort überdurchschnittlich oft zu sehen. Während der grosse Teil des Stadions im Schatten liegt, muss er beim Sonntagsspiel Sonnencrème und Hut montieren. Wenigstens braun werden, wenn schon das Spiel wenig hergibt. Im Espenblock ist es ihm zu laut und zu eng, trotzdem will er aus nächster Nähe sehen, wie der Ball im Netz einschlägt oder der Torhüter den Ball aus dem Winkel kratzt.

Der Zuschauer auf der Osttribüne fällt auf durch eine hohe Toleranz gegenüber gegnerischen Fans, sitzt er doch wenige Meter neben den eingefleischten Zürchern, Baslern oder Luzernern. Zum lebendigen Teil der Fankultur wird der Osttribünen-Zuschauer nur in zwei Fällen: Wenn der FCSG in den letzten fünf Minuten gegen eine drohende Niederlage anrennt oder wenn einmal alle paar Jahre vor lauter Begeisterung die La-Ola-Welle durch das Stadionrund schwappt.

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