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FC ST.GALLEN: Der gläubige Züri-Lausbub

Toko sagt, er habe Gott getroffen. Und trage ihn in sich. Auch sonst ist der Kongolese alles andere als ein normaler Fussballprofi. Zu sehr ist der 26-Jährige geprägt von seiner afrikanischen Herkunft und von seinem Leben an der Langstrasse.
Christian Brägger
Vor allem mit Kofi Schulz redet Toko viel über Gott: «Aber auch mit den anderen Spielern.» (Bild: Benjamin Manser)

Vor allem mit Kofi Schulz redet Toko viel über Gott: «Aber auch mit den anderen Spielern.» (Bild: Benjamin Manser)

Drei Jahre alt war Nzuzi Toko Bundebele, als in Kinshasa seine Schwester Nsimba starb. An hohem Fieber, das sie geschwächt hatte. «Man stelle sich vor, bei uns in der Demokratischen Republik Kongo starben vor 23 Jahren noch Menschen an einer Grippe», sagt Toko. Er ist ihr Zwillingsbruder.

Nzuzi Toko Bundebele. Oder einfach nur Toko. Weil die Leute seinen Vornamen «Ndschusi» nicht richtig aussprechen könnten, der wie Nsimba Zwillingskind bedeutet. Als solches fühlt sich Toko noch immer. Die verstorbene Schwester ist und bleibt ein Teil von ihm, die Verbindung zu ihr ist tief, ein Tattoo mit ihrem Gesicht ziert den Oberarm. Oft hat der 26-Jährige das Empfinden, sie sei in seiner Nähe. Nie fühlt er sich allein und deswegen doppelt so stark, im Leben oder im Beruf des Fussballers. Besonders in den Zweikämpfen. «Erst wenn die ganze Familie beieinander ist, merken wir, dass uns jemand fehlt.»

Die Familie zusammen, das sind der zweitjüngste Toko, seine fünf Brüder, die Mutter, der Vater. Der jüngste Spross ist der 18-jährige Jeanssy, daneben gibt es noch Trésor (zu Ehren eines Fussballers in Frankreich), Armando (Maradona), Platini (Michel Platini) und Patrick. «Mein Vater ist ein Fussballverrückter, darum diese speziellen Vornamen», lacht Toko. Mit fünf Brüdern also ist Toko aufgewachsen, lange war er der Benjamin, bis Nachzügler Jeanssy diese Rolle übernahm. «Ich habe früh gelernt, mich durchzusetzen. Meine Brüder waren meine Vorbilder, auch im Fussball. Wenn ich zuschauen musste und nicht mitspielen durfte, musste ich weinen.» Der 1,72 m grosse Toko lacht, wenn er seine ihn körperlich überragenden Geschwister beschreibt: «Sie sind Riesen im Vergleich zu mir.»

Keine Kindheitserinnerungen an Kinshasa

Die Tragödie um Nsimba gab mit den Ausschlag, dass die Familie die 10-Millionen-Metropole Kinshasa bald verliess. Ausserdem galt der Zustand des Kongos als äusserst kritisch, das Land war zerrissen, vieles funktionierte nicht, das Gesundheitswesen schon gar nicht. Es war die Zeit der Schreckensherrschaft von Mobutu Sese Seko, der den Kongo ausbeutete und ihn in Bürgerkriege stürzte. Unter Mobutu entstand eine der längsten und korruptesten Diktaturen Afrikas, die es je gegeben hat. Der Vater fuhr zu jener Zeit als Chauffeur für wichtige Leute, die Familie hielt sich knapp über Wasser. Dann entschied das Familienoberhaupt, es in der Schweiz zu versuchen, des Geldes und der Lebensqualität wegen, es konnte nur besser werden. Bald einmal holte der Vater die Familie nach. Toko war damals vier Jahre alt, erinnern kann er sich nicht mehr, diesen Teil seiner Geschichte kennt er nur aus Schilderungen. Der Entscheid des Vaters war richtig, weil das Land bis heute seine Dämonen nicht besiegt hat. Toko sagt: «Man kann sich nicht vorstellen, wie schlecht der Kongo heute noch dasteht. Wenn ich dort bin, nimmt mich das so sehr mit. Die Leute leben dort so primitiv, zu fünft in kleinsten Zimmern. Aber sie schaffen es und lachen trotzdem. Wir haben es in der Schweiz so gut. Wir haben viel Glück, dabei konnten wir unsere Herkunft nicht beeinflussen.»

Heute kann sich der Fussballer in der Heimat nicht mehr frei bewegen. Er ist ein Volksheld geworden, seit er vor Jahren für die kongolesische Nationalmannschaft gespielt hat und nicht auf das Aufgebot der Schweiz wartete. «Wenn die Leute in Kinshasa wissen, dass ich komme, herrscht Chaos. Ich bin dort eine Symbolfigur.» Diesen Leuten will er etwas von seinem Lebensglück zurückgeben, ein Hilfswerk gründen. «Das ist mein Traum.» Aber es müsse nachhaltig sein, der Kongo gäbe genug her, um nicht auf Importe angewiesen zu sein. «Wenn man dort ist, will man sofort viel ändern. Aber das geht nicht. Es ist ein Prozess.»

Der Chreis Cheib, die neue Heimat

In Zürich, dem neuen Wohnort, kam alles gut für den kleinen Toko. Er wuchs behütet an der Langstrasse 114 zu einem «Züri-Lausbub» heran, wie er sich selbst bezeichnet. Mehr als sein halbes Leben verbrachte er im Kreis 4, dem Chreis Cheib, dieser berüchtigtsten Sündenmeile der Schweiz. Die Familie wohnte auf 80 Quadratmetern, die sechs Brüder teilten sich zwei Schlafzimmer. Und Toko sagt: «Ich hatte eine schöne Jugend.» Die Langstrasse war Multikulti, die Schule ebenfalls voller Migranten, es fiel dem jungen Toko leicht, sich zurechtzufinden. Und falls es mit der Verständigung einmal nicht klappte, der Fussball half immer. «Ich habe viel gesehen, Prostitution, Drogensucht, an der Langstrasse gab es alles. Sie war die beste Lebensschule. Man lernt, alles einzuordnen. Manchmal braucht es wenig, und dein Leben kippt auf die andere Seite.»

Der Vater, der nun im Gartenbau arbeitete, sei streng gewesen, sehr streng, vor allem auch im Fussball. «Wir hatten manchmal Angst vor ihm», sagt Toko. Die Mutter, putzte, auch sie hatte ihre harte Seite. Doch sie habe mehr gespürt, wenn die Kinder Nähe brauchten. In die Schule ging der Bub nicht sonderlich gern, ausser Geschichte und Sport inter­essierte ihn wenig. «Ich empfand das Sitzen in der Klasse als Herumhocken. Dabei war ich als Kind doch einer, dem ganz kribbelig wurde, wenn er sich nicht bewegen konnte.» So kam es vor, dass der kleine Toko während der Schulstunde einen Stromausfall provozierte. In der Hoffnung, sie würde ausfallen – und er könne Fussball spielen gehen. Auch kam Toko in der Kindheit häufig zu spät und völlig verschwitzt nach Hause, die Ausrede, er habe mit Kollegen Hausaufgaben gemacht, funktionierte nie.

Bald einmal sollte Tokos Fleiss, unter dem auch die Fensterscheiben der elterlichen Wohnung litten, Früchte tragen. Mit zwölf Jahren stiess er zu den Grasshoppers, dem Verein seines Herzens. «Im Kreis 4 war das speziell, da gibt es ja nur Anhänger des FC Zürich. Aber ich liebte GC, das war ein nobler Club, und Giovane Elber spielte da. Wow.» Alsbald lief ihm beim Rekordmeister Heinz Kägi über den Weg, der dort Trainer bei den Nachwuchsmannschaften war. Und der für Toko zur zweiten Vaterfigur wurde, die aber nicht mehr bloss streng war. «Endlich war da jemand, der an mich glaubte, der alles für mich tat.» Mit 16 Jahren unterschrieb Toko den ersten Profivertrag und brach die Lehre als Gebäudereiniger ab. Nur die Karte Fussball zählte, wobei er weiter der Lausbub blieb. «Einmal stand Goalie Eldin Jakupovic im Training sehr weit vor dem Tor. Also chippte ich den Ball über ihn, weil die Alten zu mir als Jüngstem gesagt hatten, ich würde mich das sowieso nicht trauen. Jakupovic zog blitzschnell die Handschuhe aus und verfolgte mich über den ganzen Campus in Niederhasli. Er wollte mir an die Gurgel, und hätte er mich erwischt, gäbe es mich heute wohl nicht mehr. Er konnte sich nicht beruhigen, also musste ich das Training abbrechen.» Toko muss lachen, wenn er an diese Episode denkt, und ganz hibbelig wird er, wenn er an die ständigen Reibereien mit den Baslern Alex Frei und den Degen-Zwillingen zurückdenkt. «Mit ihnen gab es immer Puff. Da hat es stets schon im Vorfeld gebrodelt. Ich weiss, dass es gegenseitig war.»

Die Beziehung zu Gott als Geschenk

Auch Rassismus ist Toko auf dem Rasen schon widerfahren, diese Menschen tun ihm dann viel mehr Leid, als dass er ihnen böse ist. Etwas Gütiges hat diese Seite an ihm, und er sagt: «Das kommt von Gott. Wenn ich von ihm spreche, denken die Leute sofort: Ui, er ist gläubig. Dabei ist Gott mein Fundament.» Auf den Weg zum Glauben führte Toko vor ein paar Jahren seine damalige Freundin, weil sie etwas besass, das er bei sich noch nicht gefunden hatte. Und weswegen er heute denkt, bis dahin oberflächlich gelebt zu haben. Tokos Äusserungen bekommen nun missionarische Züge, doch er entgegnet: «Sehe ich aus, als sei ich in einer Sekte? Es gibt keinen Zwang, jedem steht frei, zu glauben. Ich pflege mit Gott einfach eine Art Vater-Sohn-Beziehung. Dennoch bin ich ein normaler Mensch. Aber darf ich sagen, dass ich ohne Gott verloren wäre auf dieser Welt?»

Das alles, das ist Toko, der Captain des FC St.Gallen. Und vielleicht chippt der Mittelfeldspieler ja morgen, wenn er trotz seiner Fussprobleme spielen kann, den Ball wieder einmal frech über den Goalie. Und rennt über den Platz davon. Aber dann nicht auf der Flucht.

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