Auf Knipser Babic ist Verlass: Wie der FC St.Gallen in Thun den hohen Erwartungen zumindest resultatmässig gerecht wurde

Der FC St.Gallen überzeugt in Thun lange nicht, gewinnt aber dank seiner offensiven Qualitäten 4:1. Boris Babic trifft gegen das Schlusslicht doppelt und mausert sich zum Knipser. Gleichzeitig könnte den Espen ein Goalie-Problem drohen. 

Patricia Loher aus Thun
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Jubelt St.Gallen, jubelt Babic: Der 22-Jährige trifft gegen Thun zum fünften Mal in den vergangenen vier Spielen.

Jubelt St.Gallen, jubelt Babic: Der 22-Jährige trifft gegen Thun zum fünften Mal in den vergangenen vier Spielen.

Bild: Claudio De Capitani, freshfocus

Es gibt in diesen Tagen so vieles, das den FC St.Gallen ausmacht. Da ist sein Spielstil, der den Gegner verzweifeln lässt. Da ist seine unbändige Lust, immer und immer wieder in Richtung des gegnerischen Tores zu marschieren. Aber die Verwandlung der Ostschweizer in ein Spitzenteam ist auch festzumachen an Spielern, denen einst eine grosse Karriere prophezeit wurde, die aber abzurutschen drohten in die Anonymität.

Als Boris Babic im vergangenen Sommer nach etwas mehr als einer Saison und nur wenigen Einsätzen beim FC Vaduz in St.Gallen eine zweite Chance erhielt, trauten ihm nur noch wenige den Durchbruch in der Super League zu. Doch der 22-Jährige blüht bei seinem zweiten Anlauf in St.Gallen auf, der Fussballer aus Walenstadt ist zu einem begehrten Knipser geworden. Gegen Thun führte Babic sein Team fast wie aus dem Nichts zu einem 2:0-Vorsprung. In den vergangenen vier Partien hat Babic immer getroffen, nach dem 4:1-Sieg im Berner Oberland sagte er:

«Ich spüre viel Vertrauen, vom Club und von den Fans.»

Das ist mitunter sicher ein Grund, weshalb es ihm so gut läuft wie noch nie in seiner Karriere. Aber Babic hat auch viel investiert, um in diesem grossen Stil zurückkehren zu können – mental und körperlich. «Es war mir bewusst, dass ich im Sommer topfit nach St.Gallen kommen muss, um nochmals eine Chance zu erhalten. Ich habe jedes einzelne Training bestritten, als sei es ein Probetraining.»

Dejan Stojanovic: Note 5. Klärt in der Startphase zweimal stark. Verletzt sich nach einer Viertelstunde an der Schulter, beisst sich aber durch.
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Ermedin Demirovic: Note 4. Für einmal findet der treffsichere Stürmer nicht ins Spiel, bereitet aber das 2:0 sehr gut vor.
Silvan Hefti: Note 5. Der Captain versucht wie immer, Impulse zu setzen. In der 67. Minute bereitet Hefti mit einer perfekten Flanke das 3:0 vor.
Yannis Letard: Note 4.5. Wird wie Stergiou in der Startphase zweimal überspielt. In der Folge aber bleibt der Franzose bis zum Gegentor ohne Fehl und Tadel.
Leonidas Stergiou: Note 4.5. Zu Beginn mit dem einen oder anderen Wackler. Danach aber meistens souverän.
Miro Muheim: Note 5. Einer der auffälligen St. Galler, weil stets ein Aktivposten. Bereitet das 1:0 vor und vergibt beim Stand von 3:0 eine grosse Chance.
Victor Ruiz: Note 4. Leitet das 1:0 und das 4:1 ein. Der Spanier ist aber weniger spielfreudig als zuletzt. Die robusten Thuner zwingen ihn immer wieder zu Abspielfehlern.
Jordi Quintillà: Note 4. Quintillà hilft immer wieder, die Lücken gegen hinten zu schliessen. Offensiv aber bleibt der Spanier für einmal ohne nennenswerte Aktionen.
Boris Babic: Note 5.5. Mit zwei Toren bringt er sein Team auf die Siegerstrasse. Es sind seine Saisontreffer sechs und sieben.
Cedric Itten: Note 4. Lange fällt der Basler nicht auf. Thuns Abwehr hat den Stürmer im Griff – bis er in der 67. Minute per Kopf das 3:0 erzielt.
Moreno Costanzo: Keine Benotung. Kommt spät für Babic.
Betim Fazliji: Note 4. Der Rebsteiner ersetzt den gesperrten Lukas Görtler. Der 20-Jährige agiert unauffällig, aber es bleibt dabei: Spielt er, gewinnt der FC St.Gallen.
Jérémy Guillemenot: Note 4. Kommt in der 65. Minute für Demirovic und erhöht kurz vor Spielende auf 4:1.
Tim Staubli: Keine Benotung. Wird für Fazliji eingewechselt – es ist sein Pflichtspieldébut.

Dejan Stojanovic: Note 5. Klärt in der Startphase zweimal stark. Verletzt sich nach einer Viertelstunde an der Schulter, beisst sich aber durch.

In Thun nutzte Babic schon nach drei Minuten eine schöne Hereingabe von Miro Muheim zum Führungstor. Nach etwas mehr als einer halben Stunde traf der Stürmer nach einer Flanke von Ermedin Demirovic per Kopf zum 2:0. Abgezeichnet hatte sich dieser Vorsprung nicht, denn St.Gallen kam bei den letztklassierten Thunern lange nicht auf Touren. «Wir dominierten den Gegner nicht so klar wie auch schon», sagte Trainer Peter Zeidler.

«In der gegnerischen Hälfte hatten wir wenig Ballbesitz. Wir führten 2:0, wussten aber nicht so genau, warum.»

St.Gallen tat sich schwer mit dem robusten Zweikampfverhalten der Berner Oberländer, die Fehlpassquote war deutlich zu hoch, um sich in der gegnerischen Hälfte festbeissen zu können. Die Mannschaft zog ihr Pressing nicht auf und liess Thun so immer wieder den Rhythmus finden.

Als sich Goalie Dejan Stojanovic nach gut einer Viertelstunde nach einem Zusammenprall an der Schulter pflegen lassen musste und vorerst einiges auf eine Auswechslung hindeutete, schien das die Ostschweizer weiter zu hemmen. Denn langsam gehen ihnen doch die Torhüter aus: Nach den verletzungsbedingten Ausfällen von Jonathan Klinsmann und Nico Strübi nahm in Thun der erst 17-jährige Armin Abaz aus der U21 auf der Ersatzbank Platz. Stojanovic brachte die Partie zwar zu Ende, noch ist aber ungewiss, wie schwerwiegend die Verletzung ist.

Dejan Stojanovic. (Bild: Freshfocus)

Dejan Stojanovic. (Bild: Freshfocus)

Thun hat St.Gallen nur wenig entgegenzusetzen

Trotz St.Gallens Schwierigkeiten wurde dann doch bald offensichtlich, dass es Thun nach all den Niederlagen an Selbstvertrauen fehlt. Sowohl defensiv als auch offensiv hatten die Berner Oberländer einem mittelmässig aufspielenden FC St.Gallen nur wenig entgegenzusetzen. Die Gäste aus der Ostschweiz wirkten trotz der hohen Fehlpassquote stabiler und liessen mit Ausnahme von zwei gefährlichen Abschlüssen in der Startphase während 90 Minuten nicht viel zu.

Wie schon gegen Luzern kam St.Gallen wegen der einen oder anderen Unzulänglichkeit nicht vom Weg ab. Es unternahm einfach immer wieder einen neuen Versuch, den Gegner zu düpieren. So kämpften sich die Ostschweizer nach der Pause ein bisschen besser ins Spiel, den Gegner hatten sie nun jedenfalls bis zum Schluss praktisch immer im Griff. Erst als die Konzentration nach dem Kopfballtor von Cedric Itten zum 3:0 etwas nachliess, musste St.Gallen den Gastgebern durch den Liechtensteiner Dennis Salanovic noch den Ehrentreffer zugestehen. Allerdings gelang postwendend die Reaktion, als der eingewechselte Jérémy Guillemenot auf 4:1 erhöhte.

So bestand St.Gallen eine nächste Reifeprüfung mit Bravour, denn zum ersten Mal überhaupt in der laufenden Saison waren die Ausgangslage vor einer Partie so deutlich und die Erwartungen entsprechend hoch. Zum dritten Mal in Folge setzten sich die Ostschweizer mit 4:1 durch und sind unterdessen gar das treffsicherste Team der Super League. Am Samstag schliesst St.Gallen mit dem Heimspiel gegen Zürich die Vorrunde ab. Es scheint, als verabschiede sich diese St.Galler Mannschaft nur ungern in die Winterpause.

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