FC ST.GALLEN: Big Data auf dem Fussballplatz

Die Vermessung des Fussballs kommt in der Ostschweiz an. Per GPS-Empfänger werden beim FC St.Gallen seit der Rückrunde regelmässig Tempi und Laufwege der Spieler gemessen. Verglichen mit den Datenerhebungen von europäischen Topteams steht man noch am Anfang – die Informationen sollen vor allem der Trainingsplanung dienen.

Ralf Streule
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Physiotherapeut Simon Storm plaziert den 43 Gramm schweren Empfänger im Rückenteil des Überhangs. (Bild: Michel Canonica)

Physiotherapeut Simon Storm plaziert den 43 Gramm schweren Empfänger im Rückenteil des Überhangs. (Bild: Michel Canonica)

FUSSBALL. Lange ist es her, dass man darüber noch gestaunt hat. Damals, als vor rund zehn Jahren bei Übertragungen von Champions-League-Spielen erstmals die zurückgelegte Distanz von ausgewechselten Spielern eingeblendet wurde, wähnte man sich in einem futuristischen Traum. Unterdessen ist das in den grösseren Ligen Europas alles längst Alltag. Und seit einigen Wochen halten auch Spieler des FC St.Gallen kurz nach Trainings und Meisterschaftsspielen eine persönliche Auswertung in der Hand. Sie erhalten darin Auskunft über ihre Sprintfähigkeiten, über die gelaufenen Wege und ihren Aktionsradius.

Die Technologie, die diese Informationen möglich macht, heisst Datentracking. Die Spieler tragen in einem kleinen Überhang unter dem Trikot einen 43 Gramm schweren, kleinen GPS-Empfänger am Rücken. Jede Spielerbewegung wird darauf festgehalten und später im Computer eingelesen. In einer sogenannten Heatmap ist zu sehen, wo sich ein Spieler während des Spiels vorwiegend bewegt hat, Tabellen und Grafiken zeigen zudem, in welchen Phasen des Spiels welche Spieler besonders viele Sprints absolviert und grosse Strecken zurückgelegt haben.

Versuche schon in der Hinrunde

Dass sich die farbigen Grafiken schon bald direkt auf das Spiel der Ostschweizer auswirken, ist aber nicht anzunehmen. «Wir stehen noch am Anfang», sagt Simon Storm, als Physiotherapeut für die Fitness der St.Galler mitverantwortlich. Er begleitete die Einführung des Datentrackings. Noch sei es schwierig, Rückschlüsse zu ziehen. Sobald man mehr Vergleichswerte habe, mit Teams und Ligen, werde dies besser möglich sein.

Beim FC St.Gallen hat das GPS-System mit der Ankunft von Trainer Joe Zinnbauer im September Fuss gefasst. Was aber keinen direkten Zusammenhang hat. Bereits zuvor habe man die Technik in Trainings ausprobiert, sagt Storm. In den zwei letzten Hinrunden-Spielen gegen Vaduz und die Young Boys habe man die Geräte schliesslich erstmals in Meisterschaftsspielen eingesetzt. Seit der Rückrunde gehört es zum festen Programm, zudem auch in Trainings, in denen es Sinn macht.

«Es geht nicht darum, Spieler zu überwachen», betont Storm. Besonders für die Trainingsplanung sei das neue Instrument wertvoll. «Wir erhalten so eine Rückmeldung, wie intensiv die Spieler trainieren und können so die Intensität steigern oder senken.» Nicht zuletzt könnten so auch Überbelastungen vermieden werden – etwas, das noch besser möglich sei, wenn in den kommenden Monaten vom Hersteller auch eine Pulsmessung ins System integriert werde.

Schnell heisst noch lange nicht gut

Als Überwachung nehmen auch die Spieler die GPS-Geräte nicht wahr. «Für uns ist es eine wertvolle Rückmeldung», sagt etwa Captain Martin Angha. Es sei spannend zu sehen, ob die Daten mit der eigenen Empfindung eines Spiels übereinstimmten. Und es sei für viele eine Motivation, zum Beispiel die Sprintfähigkeiten oder gelaufene Distanzen mit den Mitspielern zu vergleichen. «Natürlich gibt es auch den einen oder anderen Spruch in der Kabine, wenn wir die Daten erhalten.» Das Ganze sei aber kein Wettbewerb, das sei allen bewusst. Jeder könne einordnen, dass weit und schnell nicht gleichzeitig auch gut heisse. Storm ergänzt: «Der Trainer beruft sich bei der Aufstellung für ein Spiel sicher nicht auf die gesammelten Daten.»

Dies betont der Trainer Joe Zinnbauer selbst. Die Gefahr, dass er sich zu sehr auf die gesammelten Zahlen abstütze, bestehe nicht. «Wir wollen da keine Wissenschaft draus machen.» Dennoch sei es zum Beispiel spannend, zwei Aussenverteidiger nach einem Spiel zu vergleichen. Oder zu sehen, dass die eigenen Mittelfeldspieler im internationalen Vergleich starke Laufleistungen zeigten – wie zum Beispiel Gianluca Gaudino, ein Dauerläufer, der in Spielen regelmässig weit über zwölf Kilometer zurücklege. Oder die Sprinthäufigkeit eines Edgar Sallis Schwarz auf Weiss zu lesen. Er werde aber sicher nie zu einem Spieler sagen: «He, du bist nur so und so viele Kilometer gelaufen.» Schliesslich komme es noch auf vieles anderes an. Auch er betont vor allem den Trainingsnutzen. «Wir können so die Übungen individueller gestalten. Oder einen Spieler im Training auch mal bremsen. Viel rennen wollen eh alle meine Spieler.»

Dauerläufer im Mittelfeld

Negative Überraschungen habe es bisher bei keinem Spieler gegeben, sagt Storm. «Die Mannschaft ist physisch im internationalen Vergleich weit vorne.» Dies sei etwas, das sich bereits in der Europa League 2013 gezeigt habe. Bei den internationalen Wettbewerben sammelt die Uefa die Daten und stellt sie danach den Clubs zur Verfügung. Erhoben werden die Zahlen dort mit Spezialkameras (siehe Text rechts).

Exakte Daten zu einzelnen Akteuren gibt der FC St.Gallen nicht preis. Die Tabelle mit den Spielerdaten einer Partie, welche der Club für diesen Artikel zur Verfügung stellt, wurden nur anonymisiert abgegeben (siehe Grafik unten). Dennoch sind Details daraus zu lesen: Es werden Sprinttempi von über 30 km/h erreicht, Verteidiger legen etwa drei Kilometer weniger zurück als Mittelfeldspieler. Eine detaillierte Information gibt es von Storm dann doch noch: Die sprintstärksten St.Galler heissen Lucas Cueto, Edgar Salli sowie – überraschender, weil Sprintfähigkeiten bei Verteidigern nicht gleichermassen auffallen – Martin Angha und Pascal Thrier. Alle anderen werden aufholen wollen. Angetrieben von der Technik.

Verwechseln verboten: Im Koffer liegt für jeden Spieler ein Datentracking-Gerät bereit. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Verwechseln verboten: Im Koffer liegt für jeden Spieler ein Datentracking-Gerät bereit. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Captain Martin Angha mit dem GPS-Überhang im Training. Wenn nicht gerade ein Fotoshooting angesagt ist, wird das Gerät unter dem Trainingsanzug getragen. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Captain Martin Angha mit dem GPS-Überhang im Training. Wenn nicht gerade ein Fotoshooting angesagt ist, wird das Gerät unter dem Trainingsanzug getragen. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))