Vier Tore und ein provokativer Jubel gegen den Fluch: Nach zehn Pleiten in Serie bezwingt der FC St.Gallen Luzern mit 4:1 +++ Scharmützel nach dem Spiel

Die Niederlagen-Serie des FC St.Gallen gegen den FC Luzern ist Geschichte: Dank Toren von Quintillà (2), Babic und Demirovic besiegen die Ostschweizer ihren Angstgegner. Dies, obwohl der Auftritt der Espen über lange Zeit weniger zwingend war als zuletzt.

Daniel Walt
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Provokativer Torjubel: Jordi Quintillà (Mitte) feiert mit Cedric Itten (links) und Ermedin Demirovic direkt vor der Luzerner Fankurve.

Provokativer Torjubel: Jordi Quintillà (Mitte) feiert mit Cedric Itten (links) und Ermedin Demirovic direkt vor der Luzerner Fankurve.

Bild: Keystone

Die Tore

  • 0:1, 41. Minute, Jordi Quintillà: Der Spanier versenkt einen Foulelfmeter, den die St.Galler nach einer Intervention an Ermedin Demirovic zugesprochen erhalten haben.
  • 1:1, 45. Minute, Pascal Schürpf: Auch das zweite Tor der Partie fällt per Elfmeter. Nach einem Handspiel Miro Muheims zeigt Schiedsrichter Alessandro Dudic erneut auf den Punkt. Schürpf lässt Dejan Stojanovic keine Chance. 
  • 1:2, 67. Minute, Boris Babic: Nach einem Pass von der rechten Angriffsseite kommt Babic alleine vor dem Luzerner Tor zum Abschluss. Babic lässt Marius Müller keine Chance. 
  • 1:3, 80. Minute, Jordi Quintillà: Nach einem Handspiel im Strafraum der Luzerner greift der Video-Schiedsrichter ins Geschehen ein: Es kommt zur Penalty Review und einem Elfmeter. Jordi Quintilà verwandelt auch diesen Strafstoss souverän.
  • 1:4, 83. Minute, Ermedin Demirovic: Der St.Galler Angreifer kommt alleine vor dem Luzerner Tor zum Abschluss. Er trifft mit einem strammen Schuss. 

Die Spiel-Analyse

In der bitterkalten Swisspor Arena müssen die 8922 Fans zehn Minuten auf die erste einigermassen erwärmende Szene warten: Lukas Görtlers Abschluss fällt aber zu harmlos aus. In der Folge animiert sich die Partie etwas: Die Luzerner versuchen immer wieder Nadelstiche zu setzen, und St.Gallens Defensive wirkt nicht in jeder Situation souverän. Trotzdem bleiben Torchancen vorerst Mangelware – auch weil St.Gallens Prunkstück, die Offensive, nicht auf Touren kommt. Die Ostschweizer agieren wesentlich fehlerhafter und weniger durchschlagskräftig als bei ihren Auftritten in den vergangenen Wochen.

Hartes Brot: Die St.Galler – im Bild Boris Babic – hatten in der ersten Halbzeit grosse Mühe, sich gegen die Luzerner (hier Stefan Knezevic) in Szene zu setzen.

Hartes Brot: Die St.Galler – im Bild Boris Babic – hatten in der ersten Halbzeit grosse Mühe, sich gegen die Luzerner (hier Stefan Knezevic) in Szene zu setzen.

Bild: Keystone

In der 25. Minute tritt Victor Ruiz einen Freistoss aus rund 25 Metern, der Ball beunruhigt den Luzerner Goalie Marius Müller aber nicht. Den grössten Applaus in der ersten halben Stunde erhält ebendieser Müller, als er einen abgelenkten Ball an der Behindlinie erläuft, einen Corner verhindert und per Faust zum Einwurf klärt. Ansonsten zeigen die beiden Teams zwar viel Einsatz. Prickelnde Torszenen bleiben aber absolute Mangelware, bis Voca in der 34. Minute freistehend zum Schuss kommt. Nur dank einer Glanzparade von Dejan Stojanovic kommen die St.Galler um einen Rückstand herum.

In der 40. Minute spielt Ruiz einen einen klugen Pass in den Strafraum, wo Demirovic penaltyreif gefoult wird. Jordi Quintillà lässt sich die Chance nicht entgehen und trifft zur vielumjubelten Führung für die Espen. Nur wenige Minuten später gibt es dann Elfmeter auf der anderen Seite: Nach einem Handspiel von Miro Muheim erhält das Heimteam einen Penalty zugesprochen. Pascal Schürpf trifft zum 1:1-Pausenstand.

Auch in der zweiten Halbzeit kommen die St.Galler vorerst nicht so richtig in Fahrt. Die Unbeschwertheit und Leichtigkeit der vergangenen Wochen fehlt grösstenteils. Der Auftritt ist solid, mehr aber auch nicht. Nach 56 Minuten dann prüft Demirovic per Direktabnahme Marius Müller, der Luzerner Goalie wehrt aber mirakulös ab. Ansonsten neutralisieren sich die beiden Teams weitestgehend. Die nächste Grosschance sehen die Fans erst nach 67 Minuten – und sie ist gleichbedeutend mit der St.Galler Führung. Babic kommt alleine vor Luzern-Goalie Müller zum Abschluss und netzt eiskalt ein.

Boris Babic und seine Teamkollegen jubeln nach dem 2:1 für St.Gallen.

Boris Babic und seine Teamkollegen jubeln nach dem 2:1 für St.Gallen.

Bild: Keystone

Wenige Minuten später können die Espen aber von Glück sagen, dass die Luzerner nicht erneut ausgleichen. St.Gallen-Goalie Stojanovic lenkt einen Abschluss von Schürpf an den Pfosten. Die Vorentscheidung folgt dann nach knapp 80 Minuten: Nach Konsultation der TV-Bilder entscheidet Schiedsrichter Alessandro Dudic auf Handelfmeter für die St.Galler. Mit seinem zweiten persönlichen Treffer stellt Jordi Quintillà auf 3:1. Bloss ein paar Zeigerumdrehungen später verwertet Ermedin Demirovic alleine vor Marius Müller souverän zum 4:1-Endstand für die Gäste.

Der Beste

Dejan Stojanovic. St.Gallens Torhüter rettet in Umgang 1 mirakulös gegen Voca. Und in der zweiten Halbzeit lenkt er einen Abschluss von Schürpf an den Pfosten. Es sind zwei Schlüsselszenen, in denen Stojanovic toll agiert: Bei der ersten wären die Luzerner in Führung gegangen, bei der zweiten hätten sie erneut ausgeglichen. 

Der Schlechteste

Cedric Itten. Der Angreifer gibt zwar den Querpass zum zweiten St.Galler Tor. Ansonsten gelingt ihm gegen Luzern aber weniger als in den vergangenen Wochen. 

Dejan Stojanovic: Note 5. Klitzekleine Unsicherheiten zu Beginn bei Flanken. Mit dem Glück des Tüchtigen und Glanztaten bei Vocas und Schürpfs Abschlüssen (34./75.). Stark!
14 Bilder
Silvan Hefti: Note 4,5. Der Captain wirkt robust, agiert stilsicher und lässt auf seiner Seite wenig anbrennen.
Yannis Letard: Note 4. Fällt fast nicht auf. Dirigiert die Hintermannschaft gut, im Passspiel aber ein paar Mal ungenau.
Leonidas Stergiou: Note 4. Nicht immer ganz sattelfest, Ndiaye bereitet in der ersten Halbzeit nicht nur Stergiou Mühe. Aber grundsolider Auftritt.
Miro Muheim: Note 4. Kombiniert gefällig und oft mit Ruiz. Beschädigt eine aktive, gute erste Halbzeit mit dem unglücklichen Penalty, den er durch ein Hands verschuldet.
Victor Ruiz: Note 4,5. Die meisten Angriffe laufen über ihn. Schöner Freistoss (25.). Ruiz baut mit Fortdauer der Partie ab.
Lukas Görtler: Note 4,5. Blutüberströmte Nase, Schreie, Kampf, Power, Provokationen, Fouls. Das ist Görtler, der darob aber etwas seine spielerische Linie vernachlässigt.
Jordi Quintillà: Note 5. Macht per Penalty das 1:0. Der Anhang Luzerns fühlt sich von Quintillàs Jubel provoziert. Das 3:1 erzielt er per Handspenalty – sein achtes Meisterschaftstor. Assist zum 4:1.
Boris Babic: Note 4,5. Nicht so auffällig wie zuletzt, auch wenn er latent Gefahr ausstrahlt. Bringt sein Team mit dem Aussenrist und dem 2:1 auf die Siegerstrasse.
Ermedin Demirovic: Note 5. Holt den Penalty zum 1:0 heraus, auch sonst ein Aktivposten. Krönt seine Leistung mit dem 4:1.
Cedric Itten: Note 4. Findet nicht richtig ins Spiel und zeigt für einmal eine diskretere Leistung. Einen Skorerpunkt darf Itten sich mit dem schönen Pass auf Babic trotzdem notieren.
Betim Fazliji: Note -. Kommt spät (86.) für Ruiz.
Jérémy Guillemenot: Note -. Kommt in der 76. Minute für Babic, das gibt keine Note mehr.
Alain Wiss: Note–. Kommt noch später für Stürmer Demirovic.

Dejan Stojanovic: Note 5. Klitzekleine Unsicherheiten zu Beginn bei Flanken. Mit dem Glück des Tüchtigen und Glanztaten bei Vocas und Schürpfs Abschlüssen (34./75.). Stark!

Der Aufreger: Ein Torjubel als Provokation

Torjubel in Ehren. Aber was die St.Galler nach dem 1:0 durch Jordi Quintillà  veranstalten, ist unnötig. Demonstrativ, exzessiv und vor allem provokativ feiert der eigentlich so ruhige Spanier mit seinen Teamkollegen direkt vor der Fankurve der Luzerner:

Bild: Keystone

Ein kleinerer Tumult ist die Folge, bei dem auch Lukas Görtler munter mitmischt. Der Deutsche dreht zu diesem Zeitpunkt ohnehin bereits seit einigen Minuten im roten Bereich, nachdem ein Foul an ihm ungeahndet geblieben ist. 

Die Fans

Wenn der FC St.Gallen gegen Luzern spielt, ist das auch abseits des grünen Rasens eine heisse Sache. Die beiden Fanlager sind innig verfeindet, und es gab am Rande der Partien schon so manchen schlagzeilenträchtigen Vorfall. Ein Beispiel: Im Februar 2015 führte ein als Jude verkleideter Luzerner Anhänger mit FCSG-Schal die Fans der Innerschweizer vom Bahnhof St.Fiden in Richtung St.Galler Stadion:

Zudem skandierten die Gästefans während kurzer Zeit «Und sie werden fallen, die Juden aus St.Gallen.» So geschmacklos die Aktion auch war: Sie blieb juristisch ohne Folgen.

Handkehrum beschweren sich die St.Galler Anhänger seit längerem wegen angeblich übertriebener Sicherheitskontrollen und Choreo-Einschränkungen in der Luzerner Swisspor Arena. Insbesondere die Verhältnisse im Gästesektor seien unzumutbar und erinnerten an einen Käfig, finden die Espen-Anhänger. So schrieb der Espenblock vor wenigen Tagen in einem Flyer:

«Wenn die Gästefans wie Tiere behandelt werden, muss man sich nicht wundern, wenn sich diese auch wie Tiere verhalten!»

Zum wiederholten Mal kündigten die St.Galler Anhänger vor dem Spiel vom Sonntag deshalb einen Protest an – eine «grössere, kreative Aktion», wie es auf dem Flyer hiess. Alle FCSG-Fans waren dazu aufgerufen, mit der Kurvenjacke oder einer anderen schwarzen Jacke nach Luzern zu kommen. Die meisten Personen im sehr gut gefüllten Gästesektor hielten sich an die Anweisung. Halbzeit 1 verfolgten die St.Galler Anhänger ganz in Schwarz, zudem stand in weisser Schrift «Anti Luzern» auf einem schwarzen Plakat:

Bild: Keystone

Auf Umgang 2 hin montierten die Espen-Fans dann ihre gewohnten Utensilien, hüllten die Swisspor Arena in grünen Pyrorauch und verwandelten den Gästesektor in ein Fahnenmeer – grünweisses Transparent «Solo Sangallo» inklusive:

Bild: Keystone

Scharmützel nach dem Spiel

Nach dem Spiel zwischen dem FC Luzern und dem FC St. Gallen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fan-Lagern. Dies geht aus einer Mitteilung der Luzerner Polizei hervor.

Die Anhänger des FC St. Gallen fuhren nach dem Spiel mit den Bussen zum Bahnhof und bestiegen einen Extrazug. Als dieser sich in Bewegung setzte, wurde der Zug auf der Höhe des Bundesplatzes per Notbremse gestoppt. Die Einsatzkräfte der Polizei stellten sich anschliessend zwischen die beiden Fangruppierungen, um ein Zusammentreffen zu verhindern. Während die Anhänger des FC St. Gallen im Zug verblieben, haben diejenigen des FCL die Sicherheitskräften mit Gegenständen beworfen. Als Reaktion setzte die Polizei Gummischrot und Reizgas ein. Nach einigen Minuten fuhr der Extrazug weiter und die Lage beruhigte sich.

Seitens der Polizei hat sich niemand verletzt. Entsprechende Ermittlungen gegen die unbekannten Täter werden nun in die Wege geleitet. In den Bussen der vbl haben die Anhänger des FC St. Gallen kleinere Beschädigungen begangen und die Scheibe einer Seitentüre eingeschlagen.

Die Negativserie

«Fussball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach – und wenn der FC St.Gallen gegen Luzern spielt, gewinnen am Ende immer die Innerschweizer.» Okay, der frühere England-Star Gary Lineker hat diesen Satz nicht genau so gesagt. Aber das, was er vor vielen Jahren in Bezug auf das deutsche Fussball-Nationalteam ausdrückte, hatte in den vergangenen Jahren auch seine Berechtigung für die Partien zwischen den Espen und den Leuchten. Sage und schreibe zehn Mal hintereinander hatten die Ostschweizer vor dem heutigen Spiel gegen den FCL verloren. Peter Zeidler wollte vor der Partie nicht zu viel über diese Negativserie sprechen. Er reagierte aber, indem er seine Mannschaft in einem anderen Hotel als gewöhnlich vor Gastspielen in Luzern einquartierte – mit Erfolg, wie sich zeigen sollte.

Die Reaktionen

Cedric Itten, Stürmer FC St.Gallen: «Ein 1:0 hätte eigentlich gereicht, um die Negativserie gegen Luzern zu beenden. Umso schöner, dass wir jetzt gleich mit 4:1 gewonnen haben.» (cbr)

Silvan Hefti, Captain FC St.Gallen: «Wir haben hier noch nicht so oft gewonnen. Umso schöner wird jetzt die Heimfahrt.» (cbr)

Peter Zeidler, Trainer FCSG.

Peter Zeidler, Trainer FCSG.

Bild: Keystone

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen: «Viele hatten diese Negativserie gegen Luzern natürlich im Kopf. Jetzt sind wir sehr froh, hier gewonnen zu haben. Es war das erwartet sehr schwere Spiel – Luzern war in der ersten Halbzeit kämpferisch sehr stark und in den Zweikämpfen robust. Nach der Pause haben wir dann spielerisch die Oberhand gewonnen und konnten mit einem herrlichen Treffer 2:1 in Führung gehen. In der Folge hatten wir Glück, dass nicht gleich wieder der Ausgleich kam. Wäre er gefallen, hätte Luzern möglicherweise noch gewonnen.» (dwa)

Thomas Häberli, Trainer FCL.

Thomas Häberli, Trainer FCL.

Bild: Keystone

Thomas Häberli, Trainer FC Luzern: «Wir wussten, dass St.Gallen unglaublich viel Power hat und in einem Flow ist. Mit dem 1:1 zur Pause konnten wir gut leben. Nachher kam der FCSG dann besser aus der Kabine. Insbesondere der Pfostenschuss beim Stand von 1:2 tat uns natürlich weh. So konnten wir schliesslich nicht mehr dagegenhalten.» (dwa)

Das Spiel im Liveticker nachlesen: