Mit viel Leidenschaft und Angriffspower: Die Espen verlieren in Bern als Spitzenteam

Nach dem starken Spiel beim 3:4 gegen YB bleiben dem FC St.Gallen nur Brosamen – und ungeliebte Komplimente. Trotz Leidenschaft, Spielwitz und Angriffspower fahren die Ostschweizer ohne Punkte nach Hause.

Ralf Streule, Bern
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Jean-Perre Nsame (rechts) erzielt in der 80. Minute das Siegtor für die Young Boys. Vier St.Galler kommen zu spät.Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Jean-Perre Nsame (rechts) erzielt in der 80. Minute das Siegtor für die Young Boys. Vier St.Galler kommen zu spät.Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Am Ende galt für alle Beteiligten: Durchschnaufen! Keine ruhige Minute hatte es gegeben in diesem Spitzenspiel, das seinem Namen alle Ehre machte. Stets war eine Mannschaft im schnellen Vorstoss begriffen gewesen, nie bot es sich für die Zuschauer an, den Blick vom Spielfeld zu wenden.

Durchschnaufen! Das hiess es auch für Young-Boys-Trainer Gerardo Seoane, der kurz nach dem Schlusspfiff mit einem Kopfschütteln und einem erleichterten Seufzer durch die Gänge des Stadions ging. Von einem «genialen, packenden Spiel» sprach er später. Und von einem FC St.Gallen, der mit «viel Selbstvertrauen und einer klaren Linie» seinen Bernern so viel abverlangt hatte.

Komplimente, so machte es St.Gallens Trainer Peter Zeidler danach aber schnell klar, habe man nicht abholen wollen. «Es war ganz ruhig in unserer Kabine nach der Partie. Wir hätten mehr gewollt.»

Der attraktive, aber gefährliche Offensivdrang

Tatsächlich wäre für sein Team mehr möglich gewesen. Die St.Galler setzten ihr zuletzt immer kompakter werdendes Pressingspiel sogar gegen den Meister von Beginn weg um – was die Berner schnell vor grosse Probleme stellte.

Es war ein ungewohntes Bild, wie die gestandene Young-Boys-Abwehr im eigenen Stadion immer und immer wieder unter Druck geriet. Nach Boris Babics frühem Gegentor kam die beste Phase der Ostschweizer – die mit etwas mehr Kaltblütigkeit und Glück schon nach 15 Minuten mit 3:0 hätten führen können. Zeidler sagte am Ende des Nachmittags:

«Die Frage, ob wir uns auf diesem hohen Niveau mit unserem Spiel behaupten könnten, war schnell beantwortet.»

Wo die St.Galler aber Schwächen zeigten: Im Verteidigen des eigenen Strafraums bei Freistössen und Eckbällen. Dreimal kamen die Berner bis zur 50. Minute nach Standards per Kopfball zu einem Erfolg. In diesen Phasen zeigte sich, dass die sonst so flinke und im Spiel stilsichere Abwehr bei Luftduellen den physisch starken Bernern unterlegen ist.

Am Anfang des vierten Gegentors aber stand etwas anderes: Der unbändige Drang der St.Galler in die Offensive. Das 3:4 fiel in der 80. Minute. Und es erzählt die Geschichte der zweiten Halbzeit wohl am besten. St.Gallen, euphorisiert vom Ausgleich zum 3:3, spielte weiter schnell nach vorne, als wollte es die eigene Müdigkeit wegstrampeln.

Dejan Stojanovic: Note 4,5. Vier Gegentore - das spricht eigentlich nicht für einen Goalie. Ihm ist aber nichts anzulasten, hat viele starke Momente.
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Silvan Hefti: Note 5. Bringt von Beginn weg viel Tempo nach vorne, spielt ruhig und unaufgeregt in der Defensive. Beim letzten Gegentreffer wird aber auch er erwischt.
Leonidas Stergiou: Note 4,5. Wenn es nur um das Spielerische geht, hätte er die Bestnote verdient. Stark in Laufduellen und Stellungsspiel. Noch fehlt ihm die Lufthoheit bei Standards.
Yannis Letard: Note 4,5. Rettet oft gegen die schnellen Berner. Stark im Zweikampf. Kommt aber zu spät beim 3:4. Und auch ihm fehlt die Wasserverdrängung bei Standards.
Miro Muheim: Note 5. Hervorragender Assist beim Ausgleich zum 3:3, fährt technisch eine feine Klinge. Auch defensiv stark.  In der Vorwärtsbewegung mutig, aber auch mal mit Ungenauigkeiten.
Jordi Quintillà: Note 5. Einmal mehr sehr ballsicher, behält auch unter Druck die Übersicht.  Starke Spielauslösungen.
Lukas Görtler: Note 5. Von Beginn weg muss er einstecken, hält bis am Ende dagegen – und zeigt sogar die eine oder andere technische Einlage.
Victor Ruiz: Note 5,5. Der Spanier ist unermüdlich – hält bis zum Schluss sein Tempo, seine Genauigkeit  und sein kreatives Spiel aufrecht.
Cedric Itten: Note 4,5. Legt immer wieder stark ab, behauptet sich körperlich – und steht beim 2:1 goldrichtig. Die Krönung, das 4:4, verpasst er.
Boris Babic: Note 5. Sehr starker Auftritt des St. Gallers, der gestern seinen 22. Geburtstag feierte. Trifft zum 1:0, läuft bis zum Umfallen. Einziges Manko: Er verpasst es zu Beginn, zwei weitere Treffer zu erzielen.
Ermedin Demirovic: Note 5,5. Assistgeber und Torschütze. Stark, wie er seinen Körper einsetzt gegen robuste Berner. Immer wieder Gefahrenherd.
Jérémy Guillemenot: Note 4,5. Kann keine Akzente mehr setzen am Ende der Partie, fällt aber auch nicht ab.
Axel Bakayoko: keine Note. Kommt erst kurz vor Schluss. Ohne Bewertung.

Dejan Stojanovic: Note 4,5. Vier Gegentore - das spricht eigentlich nicht für einen Goalie. Ihm ist aber nichts anzulasten, hat viele starke Momente.

Doch plötzlich lief Nicolas Ngamaleu dem agilen, aber langsam müde werdenden Yannis Letard auf der rechten Angriffsseite den Rang ab. Seine Hereingabe fand den Weg vorbei an drei ebenfalls träger gewordenen St.Galler Verteidigern zum Torschützen Jean-Pierre Nsame. «Vielleicht waren wir etwas ausgepowert», so formulierte es Cedric Itten. Man fühlte sich an das Heimspiel gegen den gleichen Gegner erinnert, als die St.Galler im August auf dieselbe Weise eine Partie aus der Hand gegeben hatten. Gegen den Meister auf Sieg zu spielen, spricht für das Selbstbewusstsein – aber auch für eine gewisse Unreife. Zeidler sagte:

«Klar hätten wir beim vierten Gegentor besser verteidigen können. Und klar hätten wir auf 3:3 spielen können.»

Aber das wollte sein Team nicht. Weil es mehr im Sinn hatte. «Die Wachheit im Kopf und in den Beinen», das sei wohl einer der Punkte, die den FC St.Gallen noch vom Leader unterschieden, so Zeidler. Dies nebst der individuellen Klasse – und der Abgeklärtheit, dank der die Berner letztlich nicht unverdient gewannen.

St.Gallen erarbeitet sich weiter Respekt

Und dennoch kann sich der FC St.Gallen nach diesem Spiel, mehr noch als zuvor, als Schweizer Spitzenmannschaft bezeichnen. Oder zumindest als ein Team, das nicht von ungefähr erster Verfolger von Basel und YB ist. Nicht nur, was das Spielerische, sondern auch was die Ausstrahlung angeht. Das erste Kompliment des Nachmittags hatten die St.Galler bereits vor dem Spiel erhalten, als sie nach dem Warmlaufen beim Gang in die Kabine gnadenlos von der Berner Fankurve ausgepfiffen wurden – und danach in der Pause wieder, als sich das Team mit Zeidler auf dem Feld versammelte. Das passiert nur einer Mannschaft, der man in Bern zutraut, den Young Boys lästig zu werden.

Noch ist der Weg weit – und vielleicht müsste sich ein Unentschieden gegen einen höher gewerteten Gegner auch einmal über die Runden bringen lassen. Doch St.Gallen macht derzeit nicht den Eindruck, gleich aus der Fassung zu geraten. Und wenn Zeidler verspricht, dass das Team weitere Schritte tun wird, um sich dem Niveau YBs anzunähern, glaubt man ihm.

Dazu kamen am Wochenende positive Nachrichten: Itten wird ins Schweizer Nationalteam berufen. Und Jordi Quintillà – wieder einer der stärksten Spieler auf dem Platz – wird wohl bis mindestens 2021 in St.Gallen bleiben. Sein Vertrag verlängert sich bei einer gewissen Anzahl absolvierter Spiele automatisch. Niemand zweifelt daran, dass der Überflieger diese Anzahl erreichen wird.

Emotionen, Geschichten und Stimmen zum 3:4 des FCSG in Bern zum Nachlesen gibt es hier: