Interview

Ex-Espe Montandon zum Höhenflug des FC St.Gallen: «Sie ziehen ihren eigenen Stiefel durch» 

Der 37-jährige Teleclub-Experte Philippe Montandon über den Höhenflug seines ehemaligen Arbeitgebers, den FC St.Gallen.

Christian Brägger
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2013: Ankunft in Moskau für das Playoff-Spiel gegen Spartak. Philippe Montandon, damals Captain der St.Galler, sieht bei den Ostschweizern heute Parallelen zu jener Zeit.

2013: Ankunft in Moskau für das Playoff-Spiel gegen Spartak. Philippe Montandon, damals Captain der St.Galler, sieht bei den Ostschweizern heute Parallelen zu jener Zeit.

(Archivbild: Urs Bucher, 28. August 2013)

Die Fussball-Schweiz staunt über den FC St.Gallen. Was sagt Philippe Montandon als Teleclub-Experte?

Philippe Montandon: Ich staune ebenso. Und es ist ein freudiges Staunen über diese positive sportliche Entwicklung. St.Gallen spielt so erfrischend, lebendig, attraktiv, und dazu noch so erfolgreich.

Vor fünf Jahren traten Sie als Spieler und Captain des FC St.Gallen zurück. Was sagt Ihr grünweisses Herz?

Ganz ehrlich: Ich war wieder einmal seit langem gegen Xamax im Kybunpark und hatte schlicht grosse Freude, der Mannschaft zuzusehen. Nach den vergangenen, eher unruhigen Jahren, in denen es für den FC St.Gallen nicht immer einfach war, geht man heute wieder gerne ins Stadion und wird positiv unterhalten.

Finden Sie eine Erklärung für den Höhenflug?

Es ist Qualität vorhanden. Man versucht zu agieren, zu kreieren, gibt vor. Das anerkennt das Publikum, das in St.Gallen sehr begeisterungsfähig ist. Es sieht die Philosophie, das klare Konzept, das da lautet: Wir geben vor und passen uns nicht dem Gegner an, egal wie dieser heissen mag – wir ziehen unseren eigenen Stiefel durch.

Was ist für den FC St.Gallen möglich in dieser Saison?

Eine Prognose ist nicht so einfach. Wichtig ist die positive Wahrnehmung, dass er es geschafft hat, zu begeistern. Was unter dem Strich dann herauskommt, ist ungewiss. Die Vorrunde mit den nächsten beiden Spielen gegen Thun und Zürich wird St.Gallen positiv abschliessen. Aber in einer Winterpause kann viel passieren. Spieler, die wie der Spanier Jordi Quintillà aufgefallen sind, wecken vermutlich bei finanzstarken Clubs Begehrlichkeiten.

Was könnte ein weiterer Knackpunkt sein?

Der FC St.Gallen weiss nicht, wie er nach der Winterpause aus den Startlöchern kommen wird. Doch genau das ist es, was zählt. Die Vergangenheit lehrt uns, dass die Ostschweizer oft genug scheiterten und nach guten Vorrunden in den Rückrunden den Tritt nicht mehr fanden.

Der Start in die Rückrunde ist eine Gefahr. Welchen Fehler darf der FC St.Gallen jetzt genau nicht machen?

Von aussen beurteilt, wirkt er sehr geerdet. Ich sehe viele junge, hungrige Spieler und eine hundertprozentige Laufbereitschaft bei allen Profis. Die Chance, dass der FC St.Gallen seinen Weg weitergeht, ist da. Strategisches Ziel muss es ein, das Team so lange wie möglich zusammenzuhalten. Und es sollte so lange wie möglich nicht über die Tabelle nachdenken. Das ist einfacher gesagt als ­getan. Jeder St.Galler Spieler weiss, dass die Young Boys nur zwei Punkte und Basel nur einen Zähler vorausliegen.

Fragen nach dem Meister­titel tauchen ja jetzt schon auf.

Trotzdem: Fragen nach dem Meistertitel müssen sie ausblenden – es ist offen, wie sie damit umgehen können. Noch ist ja nicht einmal die Hälfte der Saison gespielt. Und eines ist sicher: Irgendwann wird die Mannschaft ein Tief erreichen, weil jede Mannschaft in einer Spielzeit mindestens ein Tief einzieht. Es wird sich zeigen, wie St.Gallen darauf reagiert.

Das Kader zusammenzuhalten wird so schon schwierig genug, zumal Alain Wiss in der Winterpause aller Voraussicht nach den Club verlässt. Sein Vertrag läuft ja aus. Müsste man mit dem Routinier verlängern?

Das kann ich nicht beurteilen. Alain bringt viel Erfahrung mit. Ich weiss aber nicht, wie sehr die Jungen davon profitieren, wie viel er davon in die Mannschaft reinbringen kann. Die Clubführung wird das eingehend analysieren und dann einen Entscheid treffen.

Was sagen Sie zur These, dass Zeidlers Fussball nicht wirklich Routiniers braucht?

Trainer Peter Zeidler braucht Profis, die marschieren. Junge haben gewiss ein grösseres Laufvermögen als 30- oder 35-Jährige, die dann mehr mit dem Positionsspiel machen. Aber es ist schon so: Zeidlers Fussball benötigt weniger Routiniers als beispielsweise eine auf defensive Taktik ausgerichtete Mannschaft.

Der FC St.Gallen lechzt nach dem Europacup. In der Saison 2012/13 wurde er mit Ihnen Dritter, danach schaffte er über das Playoff den Einzug in die Europa League. Sehen Sie heute Parallelen zu jener Zeit?

Ja, ich erkenne durchaus Parallelen. Vom Spielstil her waren wir damals recht ähnlich, wir wollten auch selber agieren, oder versuchten dies zumindest. Wie das aktuelle Team besannen wir uns auf unsere Stärken, liefen ebenfalls viel. Auch das Innere der Mannschaft und unser Teamgeist waren vollkommen intakt. Was überaus wichtig ist für den Erfolg.

Zu guter Letzt: Wie geht es Philippe Montandon heute gesundheitlich nach acht Gehirnerschütterungen und dem gesundheitsbedingten Rücktritt im Januar 2015?

Mir geht es so weit, so gut. Ich habe einen Alltag, keine Beschwerden und kann uneingeschränkt leben. Das zählt für mich. Ich spiele seit dem Sommer ja wieder Fussball, wenn auch nur «kopfballlos» und bei den Senioren des FC Wallisellen in der Meisterklasse. Meine «Büx» halte ich aber nicht mehr hin und ziehe ebenfalls in Zweikämpfen zurück, wenn es gefährlich wird. Ich konnte es halt nicht ganz lassen, es hat mich eben doch wieder auf den Fussballplatz gezogen.

Wettquoten gefallen – Restprogramm verspricht enge Angelegenheit

Wer am 10. August auf einen Meistertitel des FC St.Gallen gewettet hat, würde am Saisonende bei Richtigkeit das 78-Fache erhalten. Selbstredend haben die Buchmacher reagiert, heute liegt die Quote für das bislang beste Auswärtsteam der Super League noch beim 21-Fachen – die Ostschweizer haben sich diesen Wert selbst erarbeitet. Für eine Halbjahresbilanz ist es aber ein bisschen zu früh, zumal bis zur Winterpause noch zwei Runden zu absolvieren sind. Das Team von Trainer Peter Zeidler tritt diesen Sonntag zunächst beim Tabellenschlusslicht Thun an, ehe es die Vorrunde zu Hause gegen den wiedererstarkten FC Zürich beendet. Derweil empfängt Leader Young Boys zuerst die angezählten Luzerner und muss danach ins Tessin zum FC Lugano. Während der FC Basel in der Heimat auf den FC Sion und auswärts ebenfalls noch auf den FC Luzern trifft. Es könnte also durchaus eine enge Angelegenheit bleiben. (cbr)

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