Kommentar

Zum 140. Geburtstag des FC St.Gallen – es ist ruhiger geworden, aber die Zeit drängt

Nach den Turbulenzen und den Machtkämpfen vergangener Jahre ist unter dem Präsidenten Matthias Hüppi Ruhe eingekehrt. Jetzt ist es entscheidend, welche Abzweigung der FC St.Gallen auf seinem Weg in Richtung 150-Jahr-Jubiläum nimmt.

Patricia Loher
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Der FC St.Gallen zählt bezüglich Zuschauerzahlen zu den Topclubs der Schweiz. (Bild: Urs Bucher)

Der FC St.Gallen zählt bezüglich Zuschauerzahlen zu den Topclubs der Schweiz. (Bild: Urs Bucher)

Es war in den vergangenen Wochen nicht zu übersehen. Grün-weiss, so weit das Auge reicht. Der FC St.Gallen feiert. Der älteste Fussballclub des europäischen Festlandes ist am Karfreitag 140 Jahre alt geworden. Obwohl das, streng genommen, kein Jubiläum, sondern einfach ein runder Geburtstag ist, hat sich die Clubleitung entschieden, die Korken knallen zu lassen.

Patricia Loher, Leiterin Sportredaktion.

Patricia Loher, Leiterin Sportredaktion. 

Zu einem der Höhepunkte von 2019 haben die Ostschweizer das Heimspiel vom Samstag gegen Luzern erklärt. Dank Marketingaktionen und einer wohl noch nie da gewesenen Charmeoffensive bei Anhängern und Sponsoren sind im Vorverkauf keine Tickets mehr erhältlich – zum ersten Mal in der elfjährigen Geschichte des neuen Stadions bleiben die Tageskassen geschlossen.

Dieser Geburtstag verdient es,
gefeiert zu werden.

Denn eine Selbstverständlichkeit ist es nicht, dass der FC St.Gallen noch immer existiert. Der Traditionsverein hatte immer wieder Klippen zu umschiffen. An welchem Punkt befindet sich der Club nun, im Jahr seines 140-jährigen Bestehens? Unter der neuen Führung um Präsident Matthias Hüppi ist Ruhe eingekehrt. Der frühere Fernsehmann ist ein brillanter Rhetoriker, ein «Wanderprediger», wie er sagt. Der 61-Jährige ist ein glühender Anhänger des Clubs und voller Energie. Er mag das Tempo. Vorwärts, immer vorwärts.

Trotzdem hat der Verein unter ihm in den vergangenen eineinhalb Jahren erst die Weichen gestellt. Die Zuschauerzahlen sind zwar stabil geblieben, konnten aber nicht massiv gesteigert werden. Unter dem neuen Trainer Peter Zeidler liefert jedes Spiel Diskussionsstoff, die Partien sind oft unterhaltsam, aber es folgt immer auch wieder ein Dämpfer. Erwähnenswert ist aber auch, dass mit Nicolas Lüchinger, Silvan Hefti und Leonidas Stergiou erstmals seit langem wieder drei junge Spieler mit Ostschweizer Wurzeln zur St.Galler Mannschaft gehören. Und geführt werden sie vom routinierten Einheimischen Tranquillo Barnetta, der seinen Wert in dieser Saison schon oft unter Beweis gestellt hat. Das stiftet Identität.

Jetzt ist es entscheidend, welche Abzweigung der FC St.Gallen auf seinem Weg in Richtung 150-Jahr-Jubiläum nimmt. Finanziell bewegt sich der Club nach wie vor auf dünnem Eis.

Der FC St.Gallen ist darauf angewiesen,
dass die Zuschauer kommen. Und dass der Präsident und sein Team von ihren Touren durch die Ostschweiz mit dem einen oder anderen Check zurückkehren.

Es ist für den FC St.Gallen trotz tiefem Budget Knochenarbeit, das Geld für einen Super-League-Betrieb und eine professionelle Nachwuchsabteilung bereitzustellen. Mit einer grün-weissen Marketingoffensive allein ist es noch nicht getan.

Das goldene Jahr 2013 mit der Qualifikation für die Gruppenphase der Europa League hat aufgezeigt, dass es möglich ist, mit wenig Geld eine funktionierende Mannschaft auf die Beine zu stellen. Der Sportchef Heinz Peischl und der Trainer Jeff Saibene bewiesen mit der Verpflichtung von Spielern aus der Challenge League und von Akteuren, die ihre Karriere neu lancieren wollten, ein glückliches Händchen. Hinzu kamen die Kontinuität und die professionelle Arbeit auf Führungsebene, wo sich Präsident Dölf Früh, Peischl und Saibene lange gut ergänzten.

Die Nagelprobe für St.Gallens neu zusammengesetzte sportliche Leitung, zwischen die laut Hüppi «kein Blatt passt», erfolgt in diesen Tagen. Bleibt sie zusammen? Sportchef Alain Sutter wird immer wieder mit anderen Aufgaben in Verbindung gebracht. Zu hören ist auch, dass Zeidlers Arbeit das Interesse anderer Clubs weckt.

Nur: Der FC St.Gallen benötigt Kontinuität.
Denn die Zeit drängt.

Es ist noch immer der Stand, dass der Club sein halbes Team verlieren könnte, weil 13 Verträge auslaufen. Der Abgang von Leihspieler Majeed Ashimeru ist fix. Mit Vincent Sierro ist ein weiterer Akteur, der Leistungsträger sein kann, nur ausgeliehen. Trotz des harten Kampfes an der finanziellen Front: Im Jahr seines 140. Geburtstags muss der FC St.Gallen einige gute Entscheide treffen – die nächste Meisterschaft darf nicht noch einmal zu einer Übergangssaison werden.

Der FC St.Gallen will die «verrückte» Serie beenden

(pl) Der FC St.Gallen freut sich auf sein «Jubiläumsspiel» gegen Luzern. Einen Tag nach dem 140. Geburtstag wird die Partie vom Samstag, die um 19 Uhr angepfiffen wird, vor ausverkauften Rängen stattfinden. Weil der «Espenblock» seit einigen Jahren mehr Sitzplätze aufweist als früher, haben nicht mehr 19500, sondern «nur» noch 18790 Zuschauer Platz. Letztmals war das Stadion im April 2013 gegen Basel ausverkauft.
Luzern aber ist der Angstgegner St.Gallens. In den vergangenen acht Partien setzte es für die Ostschweizer stets eine Niederlage ab. Der letzte Sieg gegen die Zentralschweizer gelang den St.Gallern im August 2016. Eigentlich sei es «verrückt», dem selben Gegner so oft zu unterliegen, sagt Trainer Peter Zeidler. «Vielleicht endet ja die Serie am Samstag. Es wäre ein Traum.» Die Ostschweizer haben nach ihrer Minikrise zuletzt erstmals in dieser Saison dreimal hinter­einander gepunktet – und, was besonders erwähnenswert ist, dreimal in Folge kein Tor erhalten. St.Gallen muss gegen die Zentralschweizer auf den verletzten Alain Wiss verzichten. Ebenfalls noch nicht zum Einsatz kommen dürfte Cedric Itten, der nach seinem Kreuzbandriss wieder voll im Training ist.