Ertan Irizik – der Kugelblitz an der Aussenlinie

Ertan Irizik schmerzt der Rücken. «Nichts Schlimmes», sagt er. Der Aussendienstmitarbeiter der Herisauer Firma E-Küchen hat ausnahmsweise selber Hand anlegen müssen. 22 Einbauküchen gilt es in einem Wohnblock zu installieren. Ausserdem wird die Ausstellung in Abtwil neu bestückt.

Fredi Kurth
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Ertan Irizik (links) am 27. Oktober 1990 im Laufduell mit Stéphane Chapuisat von Lausanne-Sports. (Bild: ky)

Ertan Irizik (links) am 27. Oktober 1990 im Laufduell mit Stéphane Chapuisat von Lausanne-Sports. (Bild: ky)

Ertan Irizik schmerzt der Rücken. «Nichts Schlimmes», sagt er. Der Aussendienstmitarbeiter der Herisauer Firma E-Küchen hat ausnahmsweise selber Hand anlegen müssen. 22 Einbauküchen gilt es in einem Wohnblock zu installieren. Ausserdem wird die Ausstellung in Abtwil neu bestückt. «Normalerweise bin ich mit der Planung beschäftigt», erklärt Irizik die ungewohnten Beschwerden.

«Immer eine Nummer 2»

Beim FC St. Gallen verkörperter der Türke den Prototypen eines physisch starken Fussballers. Die Bezeichnung Kugelblitz beansprucht zwar der brasilianische Stürmer Ailton. Bezogen auf eine Abwehrposition trifft die Bezeichnung auch auf Ertan Irizik zu. Schnell und kräftig, das waren die Eigenschaften, denen er nicht weniger als total acht Jahre Stammplatz beim FC St. Gallen verdankte. Damit unterscheidet sich seine Laufbahn gegenüber jener des Lebemanns Ailton, der bei 21 verschiedenen Vereinen spielte, immens. «Ich war immer eine Nummer 2», sagt Irizik. Also ein rechter Aussenverteidiger, welcher der Linie entlang sauste und nach Vorstössen wieder zur Stelle war, wenn sich sein Gegenspieler schon auf freier Bahn wähnte.

Die Yakins väterlich umsorgt

«Meine Halbbrüder waren die besseren Fussballer», räumt er spontan ein. Seine Halbbrüder, das sind Murat und Hakan Yakin, denen er väterlich zur Seite stand, als sie ihre fussballerische Karriere vorantrieben. Ertan erklärte ihnen, worauf sie bei Vertragswerken zu achten haben, und beriet sie bei Auslandengagements.

Im Alter von zehn Jahren war Ertan zusammen mit seiner zwölfjährigen Schwester aus der Türkei in die Schweiz gereist. Die beiden folgten den Eltern nach, die zwei Jahre zuvor nach Basel ausgewandert waren. «Man steckte uns in Istanbul einfach in ein Flugzeug», erinnert sich Irizik. Weil er kein Wort Deutsch sprach, fand er kaum Kontakt zu den Mitschülern. Das besserte sich, als er dem FC Concordia beitrat. Mit der Sprache des Fussballs verschwanden die Barrieren.

St. Gallen die bessere Adresse

Die Mutter heiratete nochmals und brachte Murat und Hakan zur Welt. Ertan ging in die Lehre und beendete sie erfolgreich als Metallbauschlosser. Als der FC Basel seine Fähigkeiten erkannte, bestimmte fortan der Fussball seinen Alltag. Zwei Jahre lang war Irizik dort die fixe «Nummer 2». Danach hörte er, dass der FC St. Gallen Spieler suchte. Er bat einen Kollegen, einmal nachzufragen, worauf er 1986 prompt engagiert wurde. Dass ein bereits arrivierter Fussballer vom Rheinknie an die Sitter wechselt, wäre heute kaum vorstellbar. «Doch der FC Basel von damals war nicht der FC Basel von heute», sagt Irizik. Zwei Jahre nach seinem Weggang stieg Basel ab.

Doch der Anfang auf dem Espenmoos stand auch nicht unter einem glücklichen Stern. Der neue Trainer Klimaschefski gab in seiner Antrittsrede den Spielern zu verstehen, dass sie als «Bergler» von Fussball keine Ahnung hätten und er nur wegen des Geldes nach St. Gallen gekommen sei. Die Ära des Deutschen auf dem Espenmoos war bald einmal beendet. Irizik aber kämpfte sich durch bewegte Zeiten. «Dreimal drohte der Konkurs», erinnert er sich, «einmal mussten wir Spieler in einer Rettungsaktion am Bärenplatz Autokleber verkaufen.»

Mit Zamorano im Team

Nach dem Abstieg 1992 erhielt Irizik ein stark reduziertes Vertragsangebot. So liess er sich reamateurisieren und wechselte zu TuS Celle nach Deutschland. Doch schon Ende der Saison holte ihn St. Gallens Trainer Uwe Rapolder zurück. Die einzige Saison in der Nationalliga B hatte Irizik geschickt umschifft. Diese Liga lernte er aber doch noch kennen. Mit Gossau stieg er aus der 1. Liga auf. «Eigentlich wollte ich das gar nicht.»

Irizik würde etwas betrübt auf seine St. Galler Jahre zurückblicken, wenn da nicht auch noch die euphorische Phase mit den Chilenen Zamorano, Rubio und Mardones gewesen wäre.

Heute schaut sich Irizik, der in Rorschacherberg wohnt, ab und zu Spiele in der AFG Arena an. Eng sind weiterhin die Kontakte zu Murat und Hakan Yakin. Und immer an Weihnachten trifft sich die Grossfamilie mit rund 40 Leuten, von der Grossmutter bis zu den Enkelkindern, in Basel. 28 Jahre nach dem Wegzug aber ist Irizik in der Ostschweiz heimisch geworden. Er hat drei Kinder, und auch sprachlich hat er sich enorm entwickelt: Kaum ein Basler Brocken verirrt sich noch in seinen Redefluss…

Iriziks Matchtip: FC St. Gallen – Young Boys 3:1, Sa 19.45 Uhr, Arena.