Einmal Himmel und zurück

FUSSBALL. Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft hat einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil: Sie ist das Team mit den frischesten Spielern. Wohl auch deshalb wurde der St.Galler Marco Mathys bereits wieder nicht mehr aufgeboten.

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Von Ottmar Hitzfeld innert Monatsfrist wieder nicht mehr eingeladen: Der St.Galler Marco Mathys. (Bild: Archiv/Urs Jaudas)

Von Ottmar Hitzfeld innert Monatsfrist wieder nicht mehr eingeladen: Der St.Galler Marco Mathys. (Bild: Archiv/Urs Jaudas)

Hat sich Marco Mathys schon einmal vergegenwärtigt, was ihm innerhalb eines Jahres alles widerfahren ist? Wobei, vielleicht ist "widerfahren" das falsche Wort. Vielleicht hat er es auch genossen... Vor einem Jahr hat Mathys noch beim FC Biel gespielt, am Wochenende mit dem FC St.Gallen im Cup gegen seine ehemalige Mannschaft. Eine solche Konstellation kommt ab und zu vor. Aufsehenerregend ist vielmehr, was Mathys dazwischen erlebt hat: Im Frühjahr trug er zum Aufstieg der St.Galler bei. Mal spielte er von Anfang an, mal wurde er eingewechselt. Als Stammspieler konnte er noch nicht bezeichnet werden. Das galt auch noch im Sommer zu Beginn der Super-League-Saison, bis Nushi verletzt ausfiel. Von da an spielte Mathys regelmässig, nutzte die Chance und zeigte einige gute Partien. Das war für Nationalcoach Ottmar Hitzfeld Anlass genug, den spätberufenen Super-League-Fussballer ins Nationalteam aufzubieten.

Ein böser Verdacht
In einem Jahr also stieg der 25-jährige Marco Mathys von der Challenge League in jenen Kreis auf, in den fast ausschliesslich erprobte Fussballer ausländischer Ligen aufgenommen werden. Einen Monat später, ohne schwach gespielt zu haben notabene, ist er nicht mehr im Aufgebot, obwohl das Freundschaftsspiel gegen Tunesien in dieser Woche vielleicht die Gelegenheit für einen Test gewesen wäre. Einmal Himmel und zurück also. Ich nehme an, Mathys kann es verkraften. Auch auf der Erde kann das Fussballerleben schön sein. Und vielleicht hat ihm Ottmar Hitzfeld den Sinn der Schnuppertage im Nationalteam auch erklärt.

Ein Grund dafür, dass Mathys bereits nicht mehr berücksichtigt worden ist, könnte darin liegen, dass viele Titulare weit von einem Burnout entfernt sind. Dies, weil sie in den Klubs höchstens sporadisch zum Einsatz kommen. Das Länderspiel bietet somit willkommene Spielpraxis. Gleichzeitig kann Hitzfeld auf ziemlich ausgeruhte Spieler zählen, die motiviert und nicht geneigt sind, sich für ihren Arbeitgeber, den Klub, zu schonen.

Die nackten Zahlen
Zählen wir mal durch: Von den für Mittwoch aufgebotenen Feldspielern haben nur fünf bei einem ausländischen Klub einen Stammplatz: Inler und Behrami bei Napoli, von Bergen bei Palermo, Ziegler bei Lokomotive Moskau und Klose bei Nürnberg. Interessant ist dabei: Von diesem Quintett gehören Ziegler und Klose nicht zu Hitzfelds Stammelf. Aktuell nur zweite Wahl, im besten Fall Joker sind bei ihrem Klub folgende in ausländischen Ligen engagierte Spieler: Djourou, Lichtsteiner, Rodriguez, Barnetta, Dzemaili, Derdiyok, Xhaka, Shaqiri, Mehmedi und Fernandes. Hitzfelds Nationalcoach-Kollegen dürften neidisch sein. Denn bei den zehn erwähnten Spielern handelt es sich entweder um erfahrene Leute von internationaler Klasse oder um talentierte Spieler, die ihren Weg eventuell noch machen werden. Aber nur eventuell.

Der Vergleich mit Österreich
Ist es anderswo besser? Ja. Nehmen wir die österreichischen Teamspieler, bei denen man vermuten könnte, dass sich viele der Legionäre schwer tun. Doch Marcel Koller, der ehemalige Meistertrainer des FC St.Gallen, hat nicht weniger als zwölf Spieler unter den 15 aufgebotenen "Ausländern" im Kader, die bei ihrem Klub regelmässig in der Startformation aufgeführt sind. Einer von ihnen, ein Spieler namens Weimann, hat für Aston Villa am Wochenende gegen Manchester United zwei Tore erzielt. Auf der Ersatzbank sitzen zurzeit Pogatetz (Wolfsburg) und Prödl (Werder Bremen). Alaba, der Dritte ohne Stammplatz, durfte am Samstag für Bayern München ins Gefecht und erzielte gegen Frankfurt das 2:0.

Falscher Verein, früher Wechsel
Bei den Schweizer Bankdrückern gilt Folgendes: Djourou scheint genügsam zu sein. Er spielt nun schon seit acht Jahren bei Arsenal und stand in dieser Zeit in der Premier League gerade 30 Mal in der Startformation. Lichtsteiners Klasse zweifelt niemand an. Dass er bei Juventus zwischendurch zweite Wahl sein kann, damit musste er rechnen. Rodriguez hat den Wechsel ins Ausland wie viele seiner Alterskollegen wahrscheinlich zu früh gewagt. Die Wahl Wolfsburg war insofern richtig, als er auch zum Einsatz kam, solange Magath dort Trainer war. Tranquillo Barnetta hätte zu Sunderland wechseln können, so wurde zumindest berichtet. Doch er wählte mit Schalke einen Verein, bei dem die von ihm bevorzugten Aussenpositionen schon gut besetzt waren. Nach langer Verletzung dürfte er aber allmählich die Energie haben, um sich durchzusetzen. Und sonst bliebe ihm die Rückkehr zum FC St.Gallen...

Dzemaili seinerseits ist bei Napoli gut aufgehoben, er greift ab und zu als Joker anstelle von Behrami ins Geschehen ein. Derdiyok gibt Rätsel auf. Bei Hoffenheim müsste er regelmässig spielen. Aber er wirkt nicht integriert. Xhaka wurde als eine der teuersten Verpflichtungen bei Mönchengladbach zu früh als valabler Ersatz für gewichtige Abgänge hochgejubelt. Nun braucht er Geduld. Shaqiri schliesslich wäre wahrscheinlich bei jedem andern Bundesliga-Verein Stammspieler, wählte aber Bayern München, wo sich die Stars gegenseitig auf die Füsse treten.

Schwegler, Eggimann, Lustenberger
Dass einige zu früh ins Ausland abwandern, ist ein Vorwurf. Dass sie ihre Möglichkeiten zu hoch einschätzen, ein anderer. Vielleicht sind vor allem die Jungen schlecht beraten. Die Österreicher spielen bei Vereinen wie Bremen, Mainz, Stuttgart, Trabzonspor, Bologna oder wie Dragovic beim FC Basel. Langsam kehren die jungen Schweizer, die im Ausland nicht Fuss fassen konnten, um ein paar Illusionen reicher wieder zurück. Wenn sie Glück haben, dürfen sie mal im Nationalteam schnuppern – und können sich sogar empfehlen wie Gavranonic. Paradox wird es, wenn Spieler wie Schwegler (Eintracht Frankfurt), Eggimann (Hannover) und Lustenberger (Hertha Berlin) überragende Rollen einnehmen, aber kein Aufgebot erhalten. Pirmin Schwegler verriet dem "Kicker", dass Hitzfeld ihm den Grund erklärt habe, "aber man muss ja nicht immer gleicher Meinung sein." Fabian Lustenberger überzeugt als Abwehrchef in der 2. Bundesliga. Sein Trainer Luhukay sagt: „Was Lustenberger derzeit als Innenverteidiger spielt, ist Topniveau in der Liga.“

Ottmar Hitzfeld ist tatsächlich zu beneiden.

Fredi Kurth

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