Einer sieht immer Rot

FUSSBALL. Nach nur einer Heimniederlage des FC St.Gallen im Herbst haben die Gegner ihre Spielweise angepasst. Sie behelfen sich mit Trampelfussball. Von den bisher vier Heimspielen in der AFG Arena hat kein einziges mit Vollbestand geendet.

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Das Aus für Moreno Costanzo: Der frühere St.Galler (2.v.r.) wird des Feldes verwiesen. (Bild: Urs Bucher)

Das Aus für Moreno Costanzo: Der frühere St.Galler (2.v.r.) wird des Feldes verwiesen. (Bild: Urs Bucher)

Da war das verräterische Wort von Zürichs Trainer Urs Meier. In St.Gallen müsse man kräftig zur Sache gehen, sonst gehe man unter, gab er zu verstehen. Seine Mannschaft ging mit dem entsprechenden Beispiel voran - andere folgten dem Rat. Die Ausgangslage war klar. Die Gastmannschaften gingen im Herbst in der AFG Arena häufig leer aus. Das Gegenmittel lautet nun: Möglichst viel laufen, möglichst viele heftige Zweikämpfe provozieren, möglichst das bisschen spielerische Vermögen des Gegners ersticken. Denn allzu viele Tore hatte St.Gallen schon zuvor nicht geschossen.

Nur die andern profitierten
Das spielerische Element ging darob fast völlig verloren, und der muskuläre Einsatz forderte seine Opfer. In jedem Match schickte der Schiedsrichter einen Akteur in die Kabine. Zweimal war St.Gallen in Überzahl, zweimal in Unterzahl. Typisch: Von der Situation mit einem Mann mehr konnte Saibenes Team beide Male nicht profitieren. Einmal sogar, gegen Luzern, musste es noch den Ausgleich hinnehmen. Zwei wichtige Punkte flossen somit die Sitter hinunter. Umgekehrt musste St.Gallen in Unterzahl gegen Zürich noch ein Gegentor hinnehmen, als es mit einem Mann weniger dem Ausgleich nahe stand, gegen GC schlug der Ball sogar noch zweimal in Lopars Gehäuse ein.

YB-Spiel atypisch
Am vergangenen Samstag beim Besuch der Young Boys hatte das Geschehen vor allem in der ersten Halbzeit noch beachtliches Niveau. Die Young Boys nahmen sogar eine verfrühte YB-Viertelstunde, in der sie mit fast der ganzen Mannschaft angriffen und weitere Tore nur wegen Lopars Künsten verpassten. Man traute seinen Augen kaum: Just Uli Forte, der bei St.Gallen und GC eher als Sympathisant der gepflegten Torverweigerung galt, liess seine Leute stürmen, was das Zeug hielt. Nach der Pause war davon nicht mehr viel zu sehen. Bei St.Gallen resultierte aus viel Aufwand wieder einmal wenig. Nur zwei Chancen kamen zustande, wobei diesmal fehlendes Wettkampfglück beim Lattenknaller von Mathys zwei Punkte bachab fliessen liess.

In dieser Phase hatte YB bereits Costanzo durch Gelbrot verloren. Wobei diesmal der Schiedsrichter einiges zur Hektik in einem Spiel beitrug, bei dem die Akteure weniger ungeniert auf Bein und Ball eindroschen als noch gegen Luzern. Neun gelbe Karten liessen sich kaum vertreten. Staunen liess vor allem die Halbzeitbilanz: St.Gallen hatte gemäss Stadion-TV mit vier Fouls bereits drei gelbe Karten, davon eine wegen Reklamierens, auf dem Konto, YB mit zehn Fouls noch keine. Das Niveau der Schiedsrichter der Super League, die ja keinen Vertreter an die WM-Endrunde delegieren dürfen, wäre auch einmal ein Thema. Ein Hauptmanko ist, dass sie Mühe haben, eine klare Linie in ihre Spielleitung zu bringen. Verfehlt wäre jedoch, den Schiedsrichtern irgendwelche Schuld an St.Gallens bescheidener Ausbeute zuzuschieben.

Taktische Anpassungen
Trainer Jeff Saibene hat in den vergangenen Wochen nicht tatenlos zugeschaut. Er hatte die Mannschaft in Basel offensichtlich defensiver eingestellt. Gegen YB fiel auf, dass sie im Mittelfeld und Angriff neu positioniert war. Da war nichts mehr von einer Grundformation à la 4-4-1-1 zu sehen. Augenfällig war das Bemühen, die Aussenlinien für Lenjani und Martic freizuhalten. Vor allem Wüthrich drängte in die Mitte und war neben Mathys sogar in der Position der zweiten Sturmspitze anzutreffen. Nun, gebracht hat es nicht viel. Auf die Defensive war, von der besagten Sturm-und-Drang-Phase der Berner abgesehen, erneut Verlass. Nach vorne blieb wieder vieles in guten Ansätzen stecken. Das bleibt ein Rätsel und muss rasch gelöst werden, will man noch in den Kampf um die Uefa-Cupplätze eingreifen (es sind immerhin noch elf Spiele ausstehend) - oder auch im Hinblick auf die nächste Spielzeit, sollte das Saisonverdikt bald bekannt sein.

Fredi Kurth