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«Eine der grössten Enttäuschungen»: Heute vor 20 Jahren verschenkte der FC St.Gallen den Cupsieg

Was für ein Spiel, was für eine Pleite: Am 1. Juni 1998 gab der FC St.Gallen im Cupfinal gegen Lausanne einen sicher geglaubten Sieg aus der Hand. Die Erinnerung an diesen Match schmerzt viele Fans noch heute. Ein Blick zurück mit dem damaligen Trainer Roger Hegi.
Daniel Walt
Tränen der Enttäuschung: St.Galler Anhänger nach dem verlorenen Cupfinal. (Ralph Ribi)

Tränen der Enttäuschung: St.Galler Anhänger nach dem verlorenen Cupfinal. (Ralph Ribi)

«So ist Fussball, so brutal und so schön.» Das gab Jörg Stiel, Torhüter des FC St.Gallen, am frühen Abend des 1. Juni 1998 zu Protokoll. Für die Ostschweizer war der Traum vom Cupsieg im Berner Wankdorf im Verlauf des Spiels zum Albtraum geworden. Eine Minute vor Ablauf der 90 Minuten mussten die St.Galler Lausanne ausgleichen lassen – die Waadtländer gewannen schliesslich das Elfmeterschiessen. «Am Boden», titelte diese Zeitung tags darauf über einem ganzseitigen Bild, das enttäuschte St.Galler Spieler zeigte.

(Sabrina Stübi)

(Sabrina Stübi)

Bundesrat Kollers grünweisses Herz

Die Euphorie rund um diesen Cupfinal war gross gewesen in der Ostschweiz: Über 15'000 Fans des FC St.Gallen pilgerten an diesem heissen Pfingstmontag mit dem Auto oder per Extrazug nach Bern. Die meisten von ihnen trugen grüne Perücken, hatten sich das Gesicht in den Clubfarben bemalt oder trugen zumindest einen FCSG-Schal, ein Fanshirt oder eine Dächlikappe, um sich zu ihrem Herzensverein zu bekennen. Aus Lausanne reisten deutlich weniger Anhänger an.

St.Galler Fans vor dem Cupfinal in der Nähe des Bundeshauses. (Ralph Ribi)

St.Galler Fans vor dem Cupfinal in der Nähe des Bundeshauses. (Ralph Ribi)

Die Berner Altstadt war vor dem Anpfiff somit fest in St.Galler Hand. «In den Strassencafés und auf den Terrassen leuchten grüne Perücken, durch die Gassen dröhnen FCSG-Gesänge», notierte der Berichterstatter dieser Zeitung damals. Und mit alt Bundesrat Kurt Furgler oder dem jungen SVP-Nationalrat Toni Brunner war die Ostschweiz auch auf der Ehrentribüne im Wankdorf gut vertreten. Ebenfalls zugegen war der Innerrhoder Bundesrat Arnold Koller - er gab vor dem Anpfiff verschmitzt Folgendes zu Protokoll:

«Als Bundesrat bin ich natürlich neutral, aber mein Herz schlägt für St.Gallen.»

Vurens als tragischer Held

«Es war alles angerichtet, aber es sollte nicht sein», sagt der damalige Trainer Roger Hegi heute, 20 Jahre danach. Er meint damit nicht nur die grossartige Kulisse, vor welcher sein Team damals um den Cupsieg kämpfen durfte, sondern auch den Spielverlauf. Nach 30 Minuten verwandelte Edwin Vurens einen Freistoss herrlich ins Lattenkreuz.

Da war die St.Galler Welt noch in Ordnung: Edwin Vurens trifft per Freistoss zum 1:0 (Rainer Bolliger)

Da war die St.Galler Welt noch in Ordnung: Edwin Vurens trifft per Freistoss zum 1:0 (Rainer Bolliger)

Kurz nach der Pause doppelte der Holländer nach einem Fehler von Lausanne-Verteidiger Erich Hänzi nach. Dann ereignete sich die wohl entscheidende Szene des Spiels: Nach 56 Minuten und einem Foul an Patrick Bühlmann erhielten die Espen einen Penalty zugesprochen. Gepfiffen hatte ihn mit Andreas Schluchter ein Mann, der mit seiner Gattin Vroni an der Linie im Espenmoos während seiner ganzen Schiedsrichter-Karriere regelmässig angefeindet wurde. «Vurens konnte den Elfmeter gegen die grünweisse Wand der FCSG-Fans treten», erinnert sich Roger Hegi. Der Holländer lief an - und setzte den Ball neben den Pfosten.

Vermutlich matchentscheidend: Edwin Vurens vergibt den Penalty. (Keystone)

Vermutlich matchentscheidend: Edwin Vurens vergibt den Penalty. (Keystone)

Praktisch im Gegenzug gelang Lausanne der Anschlusstreffer, in der 89. Minute der Ausgleich und schliesslich der Sieg im Penaltyschiessen. Als «tragische Helden» seien die St.Galler in die Ostschweiz zurückgekehrt, schrieb das «Tagblatt» in der Folge – und Edwin Vurens sei der «tragischste» unter ihnen. Jahre später gab der Holländer zu Protokoll, die Erinnerung an dieses Spiel bleibe für immer. Er sprach von einer «riesigen Enttäuschung», die bis heute schmerze.

Brütende Hitze, schwache Ersatzbank

«Schade, dass wir unsere Leistung nicht mit dem Cupsieg krönen konnten. Der verschossene Elfmeter war der Knackpunkt des Spiels», bestätigt Trainer Roger Hegi im Rückblick. Von der Bank aus habe er nach Vurens’ Fehlschuss nicht mehr gross Einfluss nehmen können. Mit fortschreitender Spieldauer zollten die St.Galler der brütenden Hitze im Wankdorf, ihrer Müdigkeit und der schwach besetzten Ersatzbank Tribut. Und das Momentum kippte nach dem Anschlusstreffer der Lausanner und speziell nach deren Ausgleich auf die Seite des Gegners, der schliesslich jubeln durfte.

Lausanne-Goalie Martin Brunner und Ausgleichs-Torschütze Léonard Thurre bei der Pokalübergabe - im Hintergrund rechts klatscht alt Bundesrat Kurt Furgler leicht säuerlich Beifall.

Lausanne-Goalie Martin Brunner und Ausgleichs-Torschütze Léonard Thurre bei der Pokalübergabe - im Hintergrund rechts klatscht alt Bundesrat Kurt Furgler leicht säuerlich Beifall.

Wie lange trug Roger Hegi die Cupfinal-Niederlage mit sich herum? «Das war sicher eine der grössten Enttäuschungen», sagt Hegi, der die St.Galler in der Folge noch ein halbes Jahr coachte und dann zu GC wechselte. Als er am vergangenen Sonntag dem Cupfinal zwischen YB und dem FC Zürich beigewohnt habe, sei ihm der Match natürlich wieder sehr präsent gewesen. «Und wenn ich mit Spielern oder Funktionären von damals Kontakt habe, ist das Spiel immer mal wieder ein Thema», sagt Hegi, der mittlerweile aber über diesen verrückten Spielverlauf schmunzeln kann.

Dieser Fehlschuss steht am Ursprung der St.Galler Niederlage: Edwin Vurens vergibt den Penalty, der das 3:0 für die Ostschweizer bedeutet hätte. (Keystone)
Bei der Abfahrt am St.Galler Hauptbahnhof ist die Stimmung bei den Espen-Fans noch bestens. (Ralph Ribi)
Auch im Zug geben sich die St.Galler Fans siegessicher. (Ralph Ribi)
Die Berner Altstadt ist vor dem Anpfiff des Cupfinals in St.Galler Hand. (Ralph Ribi)
Blick in den Block der Lausanne-Anhänger. (Keystone)
Der Waadtländer alt Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz bekennt Farbe für Lausanne. (Keystone)
Da ist die St.Galler Welt noch in Ordnung: Edwin Vurens trifft per Freistoss zur Führung für die Espen. (Keystone)
Lausanne-Goalie Martin Brunner beim verschossenen Penalty von Edwin Vurens. (Keystone)
St.Gallen-Trainer Roger Hegi vor der Verlängerung. (Rainer Bolliger)
Die St.Galler Marc Zellweger, Wilco Hellinga und Edvaldo Pereira (von vorne) können es nicht fassen: Der Cupfinal ist verloren. (Rainer Bolliger)
Ein grenzenlos enttäuschter Anhänger nach dem Schlusspfiff. (Ralph Ribi)
Viele Espen-Fans müssen ihre Tränen trocknen. (Ralph Ribi)
Am Boden zerstört... (Ralph Ribi)
So berichtete das «St.Galler Tagblatt» über die Ostschweizer Fans in Bern. (Sabrina Stübi)
14 Bilder

Als der FC St.Gallen den Cupfinal verlor

«In 20 oder 30 Jahren kommen wir wieder»

Wäre Roger Hegis Karriere anders verlaufen, hätte der FC St.Gallen 1998 unter seiner Leitung die Cup-Trophäe gewonnen? «Nein», antwortet der mittlerweile 62-Jährige, der seine Trainerkarriere im Spitzenfussball nach seinem Intermezzo bei GC beendete. Er habe schon damals gewusst, dass er nicht auf lange Sicht hinaus Trainer bleiben wolle – «ich war nicht der typische Coach». Trotz der Niederlage könne er mit Stolz sagen, dass man in seinen Jahren beim FC St.Gallen trotz bescheidener Mittel ein Fundament habe legen können, auf welchem die spätere Meistermannschaft habe aufgebaut werden können.

«Ich hoffe, dass wir wenigstens gute Werbung für den Fussball gemacht haben», sagte St.Gallens Mittelfeld-Puncher Wilco Hellinga nach Abpfiff des Cupfinals. Die über weite Strecken gute Leistung der St.Galler konnte die Fans allerdings kaum über die bittere Niederlage hinwegtrösten. Dies vor allem auch deswegen, weil es sich in der traditionsreichen Geschichte des Clubs erst um die vierte Cupfinal-Teilnahme gehandelt hatte.

Am Boden zerstört: Ein St.Galler Anhänger nach dem Schlusspfiff. (Ralph Ribi)

Am Boden zerstört: Ein St.Galler Anhänger nach dem Schlusspfiff. (Ralph Ribi)

«In 20 oder 30 Jahren kommen wir wieder», sagte ein enttäuschter St.Galler Anhänger denn auch, als er nach verlorener Schlacht aus dem Wankdorf abzog. Er sollte insofern Recht behalten, als dass die Cupfinal-Teilnahme 1998 bis zum heutigen Tag die letzte geblieben ist.

Lausanne - St.Gallen 2:2 n.V. (0:1, 2:2), 4:3 n. P.

Wankdorf. - 25'000 Zuschauer. - Sr. Schluchter
Tore: 30. Vurens 0:1. 48. Vurens 0:2. 57. Rehn 1:2. 89. Thurre 2:2. Penaltyschiessen: Hellinga 0:1. Celestini 1:1. Sène 1:2. Londono 2:2. Fiechter 2:3. Douglas 3:3. Zwyssig (Brunner hält). Puce 4:3. Bühlmann (Brunner hält).
Lausanne: Brunner; Hottiger, Puce, Vardanian (64. Londono), Hänzi; Ohrel (51. Douglas), Piffaretti (80. Carrasco), Rehn, Celestini; N'Kufo, Thurre. St.Gallen: Stiel; Zellweger, Zwyssig, Tsawa (73. Fiechter), Dal Santo; Müller, Hellinga, Slavtschev (64. Sène), Bühlmann; Vurens, Vidallé.
Bemerkungen: Lausanne ohne N'Diaye (verletzt), Triki (Nationalmannschaft Marokko) und Castillo (nicht im Aufgebot). St.Gallen ohne Yakin (gesperrt) und Nyathi (Nationalmannschaft Südafrika). 56. Vurens verschiesst Foulpenalty. 76. Fallrückzieher von Thurre an den Pfosten.
Verwarnungen: 29. Vardanian (Foul), 31. Celestini (Reklamieren),
38. Slavtschev (Foul), 49. Hellinga (Foul), 90. Vidallé (Foul).

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