«Ein Schwachsinn, dass ein Berner ein YB-Spiel pfeift»: Das schreiben Medien über das St.Galler Spitzenspiel mit turbulenter Schlussphase

Das Duell zwischen dem FCSG und den Berner Young Boys ist in letzter Minute zu einem jener Spiele geworden, bei denen nicht die Leistungen der Mannschaften im Zentrum stehen, sondern jene der Schiedsrichter. Die Schweizer Medien berichten daher nicht über hochkarätigen Fussball, sondern über die Herkunft des Schiris, den VAR und eine Regel, die es zwar gibt, aber nur sehr selten durchgesetzt wird.

Stephanie Martina
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«Das darf doch nicht wahr sein», wird sich FCSG-Trainer Peter Zeidler nach dem Schlusspfiff gedacht haben.

«Das darf doch nicht wahr sein», wird sich FCSG-Trainer Peter Zeidler nach dem Schlusspfiff gedacht haben.

Bild: Urs Bucher

«Blick»:

«Ein Schwachsinn, dass ein Berner ein YB-Spiel pfeift»; schreibt Blick-Fussballchef Andreas Böni in seinem Kommentar zum gestrigen Spitzenkampf. Damit biete der Schweizerische Fussball-Verband unnötige Angriffsfläche. Das sei kein Vorwurf an Schiedsrichter Alain Bieri, betont Böni.

«Alain Bieri hat richtig entschieden, dass er den Penalty für YB wiederholen liess. Und trotzdem kann man jeden Fan verstehen, der wegen der Nominierung von Bieri als Schiedsrichter für diese Partie tobt.»

Bieri könne null und nichts für die Polemik, die nun rund um den FC St.Gallen gegen seine Person aufkommen werde. Es sei eine Kritik am System des Schweizerischen Fussball-Verbands, dass man partout bei den Ansetzungen der Schiedsrichter nicht auf Regionen achten wolle.

«Bündner Tagblatt»

Das «Bündner Tagblatt» macht nicht die Berner Herkunft des Schiedsrichters, sondern den Video Assistant Referee, kurz VAR, zum Aufhänger für seine Berichterstattung. Unter dem Titel «St.Gallen tobt über den ‹Gegner› in Volketswil», heisst es: Alain Bieri habe in der letzten Szene des Spiels gleich doppelt zuungunsten des Heimteams entschieden und sich durch diese unpopulären Entscheide zum Buhmann gemacht. «Zuerst, als er ein Hands von Miro Muheim als penaltywürdig taxierte, dann, als er den durch Lawrence Ati Zigi abgewehrten Penalty wiederholen liess und Guillaume Hoarau doch noch das 3:3 ermöglichte.»

«Beide Male verliess sich der Schiedsrichter im Stadion auf das Urteil des Video Assistent Referee in Volketswil.»

«Tages-Anzeiger»

Der «Tages-Anzeiger» schreibt über die turbulente Nachspielzeit der Partie, die 3:3 endete: «Die Zuschauer sind aufgebracht. Alles ist mit einem Schlag weg: die ganze Euphorie, diese ausgelassene Freude, das Spiel gegen den Meister noch gedreht zu haben, dieses unterschwellige Gefühl, dass es vielleicht wirklich etwas werden kann mit dem Gewinn des Titels.»

«‹Zigi!›, haben die rund 18 000 gerufen, die nicht für YB sind, und jetzt ist ­alles für nichts.»

«20 Minuten»

Auch in der Berichterstattung der Gratiszeitung «20 Minuten» geraten die Leistungen der beiden Teams in den Hintergrund. Unter der Überschrift «St.Gallen kocht vor Wut» heisst es:

«Nach dem 3:3 toben die St.Galler Verantwortlichen und Spieler. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, sind der Meinung, dass sie um den Sieg gebracht wurden.»

«SRF»

Gegenüber dem «Schweizer Fernsehen» äussert sich Schiedsrichter Alain Bieri gleich nach dem Spiel: «Der Torhüter hat die Linie zu früh verlassen. Mit dem VAR ist das überprüfbar, da haben wir keinen Interpretationsspielraum», sagt Bieri. Er habe Lawrence Ati Zigi vor dem Elfmeter auch noch ausdrücklich auf diese Regel hingewiesen.

Im Videointerview sagt Bieri weiter:

«Es ist unsere Aufgabe, Weisungen und Reglemente durchzusetzen. Und da macht man manchmal auch Sachen, die einem gegen das Herz gehen.»

«Berner Zeitung»

«Ein bisschen Magie und viel Wahnsinn»

So titelt die Berner Zeitung. Das Blatt aus dem Einzugsgebiet der Berner Young Boys berichtet von 99 Minuten Kampf und Attraktion und auch ein bisschen Irrsinn. «Spätestens jetzt, als Guillaume Hoarau zum zweiten Penalty binnen Minuten anläuft, weil sich St.Gallens Goalie Lawrence Zigi beim ersten zu früh von der Linie weg bewegt hat.»

Die Berner Zeitung konfrontierte auch YB-Goalie David von Ballmoos mit der Frage, was er von der Schiedsrichterentscheidung halte, den Penalty wiederholen zu lassen. So eine Entscheidung müsse ihn als Torhüter doch stören. Von Ballmoos antwortet:

«Heute war ich froh, gibt es diese Regel seit dieser Saison.»

Natürlich sei es bitter für Zigi und die St.Galler. Aber Torhüter würden vor jedem Penalty von den Schiedsrichtern darauf aufmerksam gemacht. «Es ist immer ein schmaler Grat, wir Torhüter müssen die Grenzen ausreizen. Ich selber habe das noch nie erlebt. Und klar ist, dass man jeden Fall gleich behandeln sollte.»

«NZZ»

Auch die NZZ findet lobende Worte für den Fussball, welche die beiden Teams gestern gezeigt haben. Sie schreibt über das Direktduell zwischen Meister und Leader: «In der ausverkauften St.Galler Arena entwickelt sich ein Match von hierzulande seltener Intensität und Dynamik. Er kulminiert dazu mit einer Schlussphase, die nach 99 Minuten an Dramatik und wechselnden Gefühlswelten kaum zu überbieten ist.»

Der FC St.Gallen auf Twitter

«Was für eine geile Truppe, die gegen den Meister ein 1:2 in ein 3:2 dreht und dann doch noch mit allen Mitteln um den Sieg gebracht wird.» Das twittert der FCSG gestern kurz nach dem Schlusspfiff. Die Enttäuschung der St.Galler über zwei verlorene Punkte im Meisterrennen sitzt tief. Und trotzdem heisst es im selben Tweet: «Wir sind unheimlich stolz auf die Espen, die Herz und Wille gezeigt haben und nur mit einem Punkt belohnt werden.»

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Stephanie Martina