Ein Mann für die Gänsehaut

St. Gallen setzt auf einen redegewandten Bayer, der den HSV trainierte und einst als Geschäftsmann imponierte.

Ralf Streule
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Josef Zinnbauer stellt sich in der AFG Arena als neuer FC-St. Gallen-Trainer vor. (Bild: Michel Canonica)

Josef Zinnbauer stellt sich in der AFG Arena als neuer FC-St. Gallen-Trainer vor. (Bild: Michel Canonica)

Nein, die Geschichte mit dem Ferrari kann er nicht mehr hören. Sie liegt Jahre zurück. Und doch muss sie erzählt sein, will man die Person Josef Zinnbauer umreissen. «Ich wäre wohl ein anderes Auto gefahren, hätte ich gewusst, dass man noch in 20 Jahren davon spricht», sagt der neue Trainer des FC St. Gallen, als er bei seiner Vorstellung in der AFG Arena von Journalisten darauf angesprochen wird. Der 45-Jährige sagt es mit Schalk und mit einem entspannten Lächeln – und lässt dabei erkennen, dass er diese Zeiten weit hinter sich gelassen hat. Wie während der gesamten Pressekonferenz gibt er auch in diesem Moment einen souveränen Eindruck ab.

Fokus gilt seit langem dem Fussball

Dennoch, die Ferrari-Sache: Als Fussballer fuhr er mit diesem Gefährt zum Training – wenn er es nicht gerade mit dem Mercedes-Cabrio tat. Diese Statussymbole hatte er sich aber nicht als Fussballer erarbeitet. Als solcher reichte es ihm lediglich zu einem guten Dutzend Spielen für Mainz in der 2. Bundesliga. Dennoch schaffte er es in die Medien, ins ZDF-Sportstudio zum Beispiel: Mit auffallendem grünem Jackett, Brille und Frisur im Stil der 1990er-Jahre war er zu sehen, als Geschäftsmann. Mit einem Finanzberatungsunternehmen, das jährlich über 100 Millionen Mark umsetzte, brachte er es zum Millionär. Daneben war er Discobesitzer, Spielervermittler. Dies stets neben Trainings und Spielen. «Ich habe einige Ideen aufgeschnappt», erklärte er einst lapidar.

Aber eben: Diese Geschichte kann er nicht mehr hören. Längst hat er seine Unternehmen abgegeben. Und längst hat er sich auf seine wirkliche Leidenschaft konzentriert, auf den Fussball. Als Trainer fasste er in Deutschland Fuss, und als solchen hat ihn der FC St. Gallen in den vergangenen Tagen auch angeworben. Der 45jährige Bayer, aufgewachsen in der Nähe von Nürnberg, hat in der Ostschweiz einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Und die hiesige Clubführung ist sich sicher: Man hat den Richtigen gefunden. Man habe sich für einen «hervorragenden Trainer und eine Persönlichkeit» entschieden, so Präsident Dölf Früh.

Viel Lob aus Hamburg

Auf den Tag genau vor einem Jahr hatte bereits ein anderer Club Zinnbauer als «den Richtigen» bezeichnet. Beim Hamburger SV war das. Zinnbauer war im Sommer als U23-Trainer angestellt worden, im September übernahm er von Mirko Slomka die erste Mannschaft. Mit einem 0:0 gegen Bayern München und einem Sieg gegen Dortmund startete er beachtlich, auf 23 Punkte in 24 Spielen brachte er es. Im Frühjahr aber brach ihm ein 0:8 gegen Bayern das Genick, er wurde wieder ersetzt. Dennoch wird ihm von der Hamburger Presse ein gutes Zeugnis ausgestellt. Die Misserfolge der Mannschaft hätten zu dieser Zeit kaum mit ihm zu tun gehabt, sagt ein Journalist vom «Hamburger Abendblatt». Zudem spreche für ihn, dass man beim HSV zu ihm gehalten habe und er im Sommer gleich wieder zum U23-Trainer wurde. Gelobt werden seine Motivationskünste, seine Ansprachen an die Mannschaft. HSV-Spieler wie Cléber oder Johan Djourou sprachen von Gänsehaut-Gefühl in der Kabine, wenn Zinnbauer das Wort ergriff. Und im Trainingslager in Dubai seien auch mal härtere Sätze gefallen wie «Ihr bewegt euch wie Kamele!», erklärt der Hamburger Journalist. Das Feurige Zinnbauers zeigt sich auch auf Videos, auf denen er an der Seitenlinie gestikuliert und ruft. Ganz anders wirkt er bei der Vorstellungsrunde in der AFG Arena. Ein ruhiger Typ sei er grundsätzlich, sagt er selbst. «Akribisch und genau.»

Früh: «Er kommt und beobachtet»

Umstritten war damals in Hamburg einzig, dass er viele U23-Spieler in die erste Mannschaft mitbrachte. Das Team werde destabilisiert, fanden die einen. Andere lobten die Art, vor gestandenen Spielern nicht zu viel Ehrfurcht zu haben und sie auf die Bank zu setzen.

Auch in St. Gallen wird Zinnbauer solche Entscheidungen treffen müssen. Er sass bereits am vergangenen Samstag in Basel auf der Tribüne und verfolgte das Spiel der Ostschweizer. Voreilige Schlüsse wolle er keine ziehen. Es gehe nun zunächst darum, den Club und die Spieler kennenzulernen. Früh schätzt, dass er «einer ist, der zuerst mal ankommen und beobachten und nicht gleich von Beginn weg alles umkrempeln will.» So sei es für Zinnbauer auch selbstverständlich gewesen, mit Assistent Daniel Tarone weiterzuarbeiten. «Ich will mit dem Team wachsen», sagt der Bayer. Die Chancen stehen gut, dass er ihr gleichzeitig neues Leben einhaucht – auch dank seiner Erfahrungen als einstiger Jungunternehmer. Aber eben: Davon will er nichts mehr hören.