Mit Zigi, Ruiz und einem Doppelschlag gegen den Rückrunden-Blues: Wie der FC St.Gallen das Spiel gegen Lugano innert Minutenfrist drehte und auf Platz 2 stürmte 

Ein starker neuer Torhüter Lawrence Ati Zigi, ein brillanter Victor Ruiz und über 11'000 glückliche Fans: Dem FC St.Gallen ist der Start in die Rückrunde gelungen. Der 3:1-Sieg gegen Lugano kam dank einem kurzzeitigen Offensiv-Feuerwerk in der zweiten Halbzeit zustande.

Daniel Walt
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So jubelt St.Gallens neuer Torhüter: Lawrence Ati Zigi, eskortiert von Maskottchen Gallus.

So jubelt St.Gallens neuer Torhüter: Lawrence Ati Zigi, eskortiert von Maskottchen Gallus.

Bild: Urs Bucher

Die Tore

  • 0:1, 39. Minute, Mattia Bottani. Miro Muheim lässt sich auf der linken Abwehrseite ausspielen. Numa Lavanchy bringt den Ball gefährlich nach innen, wo Bottani völlig freistehend zur Führung für die Gäste einköpft.
  • 1:1, 56. Minute, Ermedin Demirovic. St.Gallens Goalgetter trifft aus rund 15 Metern mit einem satten Schuss in die rechte untere Ecke.
  • 2:1, 57. Minute, Victor Ruiz: Einen Abschluss von Silvan Hefti wehrt Luganos Torhüter nach vorne ab. Ein zweiter Schuss eines St.Gallers wird von der Lugano-Defensive nur ungenügend abgewehrt. Victor Ruiz kommt an den Ball und trifft aus kurzer Distanz zur Führung für Grünweiss. 
  • 3:1, 73. Minute, Victor Ruiz: Der Spanier kommt vor der Strafraumgrenze an den Ball. Er nimmt Mass und düpiert den Lugano-Goalie mit seinem Schuss.

Die Spiel-Analyse

Fussball im Kybunpark am 26. Januar? «Ja, bitte!», finden 11'133 Fans. Schliesslich hat der FC St.Gallen in dieser Rückrunde Grosses vor.

Insbesondere der Espenblock war beim Spiel gegen Lugano gut gefüllt.

Insbesondere der Espenblock war beim Spiel gegen Lugano gut gefüllt.

Bild: Keystone

Im Auftakt-Heimspiel gegen Lugano winkt den drittplatzierten Espen der Sprung auf Platz 2. Bei verhältnismässig angenehmen 6 Grad starten die Ostschweizer voller Selbstvertrauen in die Partie. Sie stehen hoch und bestimmen das Spiel. Nach fünf Minuten dribbelt sich Ruiz durch die Platzhälfte der Gäste. Der Spanier bedient in dieser Aktion Ermedin Demirovic, der aber am Abschluss gehindert wird.

Lawrence Ati Zigi, Note 5,5. Starker Einstand. Bewahrt seine Mannschaft zweimal vor dem 0:1, beim Gegentor machtlos. Hat das Zeug zum Publikumsliebling.
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Silvan Hefti: Note 4,5. Der Captain spielt solid, bringt sich offensiv aber weniger ein als in der Vorrunde.
Yannis Letard: Note 3,5. Beim Gegentor steht er zu weit weg von Mattia Bottani. Vor der Pause wacklig, danach aber verbessert.
Leonidas Stergiou: Note 4.5. In der ersten Halbzeit gibt es Abstimmungsprobleme in der Abwehr. Steigert sich nach der Pause – wie alle.
Miro Muheim: Note 4. Lässt sich von Numa Lavanchy zu einfach ausspielen, wenig später steht es 0:1. Versucht aber stets, das Offensivspiel anzukurbeln.
Victor Ruiz: Note 5,5. Der Spanier ist mit zwei Toren der Matchwinner. Vor allem sein zweiter Treffer ist prächtig.
Lukas Görtler: Note 4,5. Tut sich in der ersten Halbzeit schwer. Aber investiert nach der Pause viel, um den Tritt zu finden.
Boris Babic: Note 4,5. Wird für Guillemenot eingewechselt. Fügt sich gut ein.
Jordi Quintillà, Note 4,5. In der ersten Halbzeit mit ungewohnt vielen Fehlzuspielen. Wirkt nervös. Setzt erst nach der Pause wieder Impulse.
Cedric Itten: Note 4, 5. Zieht eine der schwächeren ersten Halbzeiten ein, liefert dann aber zwei Torvorlagen.
Betim Fazliji: Kommt in der 78. Minute. Der Einsatz ist zu kurz für eine Note.
Jérémy Guillemenot: Note 3,5. Findet bis zu seiner Auswechslung nicht ins Spiel.
Ermedin Demirovic: Note 5. In der 55. Minute werden all die Qualitäten von Demirovic offensichtlich. Im Stile eines Topstürmers trifft er in die nahe Ecke zum 1:1. Es ist der Anfang des St. Galler Steigerungslaufs.
André Ribeiro: Wird kurz vor Schluss für Demirovic eingewechselt.

Lawrence Ati Zigi, Note 5,5. Starker Einstand. Bewahrt seine Mannschaft zweimal vor dem 0:1, beim Gegentor machtlos. Hat das Zeug zum Publikumsliebling.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Ein paar Augenblicke später wagen die Luganesi ihren ersten gefährlichen Vorstoss, werden aber durch ein Offside gestoppt. Wiederum ein paar Minuten später dann der erste Abschluss: Jérémy Guillemenot, von Silvan Hefti bedient, kann mit seinem Schuss Luganos Torhüter Noam Baumann aber nicht weiter beunruhigen. Wesentlich gefährlicher ist da schon der Abschluss Cedric Ittens nach 17 Minuten: Sein Schuss streift knapp am linken Pfosten vorbei.

Obwohl sie vorerst noch nicht das ganz grosse Offensiv-Feuerwerk sehen, sind die FCSG-Fans rasch angetan vom Auftritt ihrer Lieblinge: Bereits nach 20 Minuten erheben sie sich zu «Steht auf, wenn Ihr St.Galler seid» ein erstes Mal von ihren Sitzen. Jubel gar ein paar Minuten später, als der neue St.Gallen-Goalie Lawrence Ati Zigi seine erste starke Parade zeigt.

Die Ostschweizer zeigen sich in der Folge weiterhin spielfreudig und kombinationssicher – allerdings nur bis zum Strafraum der Luganesi. Zwingende Chancen bleiben fast gänzlich aus. Handkehrum zeigt sich die St.Galler Defensive in mehreren Szenen wenig gut sortiert. So auch in der 39. Minute. Und dieses Mal hat das Ganze Folgen: Mattia Bottani nickt eine Flanke zur Führung für die Tessiner ein. 

Luganos Mattia Bottani (Mitte)  bejubelt seinen Treffer.

Luganos Mattia Bottani (Mitte)  bejubelt seinen Treffer.

Bild: Keystone

Die Devise für Halbzeit zwei ist klar: Gefälliges Spielen wird den Espen heute nicht zu einem Punktgewinn reichen. Die St.Galler müssen in ihren Offensivaktionen deutlich zwingender werden. Lukas Görtler nimmt sich dies zu Herzen und schliesst in der ersten Aktion nach der Pause sofort aus seitlicher Position ab. Sein Schuss geht aber am Tor vorbei. Die Intensität der Zweikämpfe nimmt in der Folge deutlich zu. Ein, zwei umstrittene Entscheide von Schiedsrichter Alain Bieri tun das Ihre, um die Stimmung im Kybunpark so richtig anzuheizen.

Diese Entwicklung scheint den Ostschweizern in die Karten zu spielen: Die Espen ziehen nun phasenweise ein Powerplay vor dem gegnerischen Strafraum auf. Der Lohn für die deutlich intensivierten Anstrengungen des Heimteams folgt nach 56 Minuten: Ermedin Demirovic trifft mit einem strammen Schuss zum Ausgleich:

Bild: Keystone

Nur eine Minute später legen die Espen nach: Victor Ruiz markiert nach einem Getümmel im Lugano-Strafraum die vielumjubelte Führung für das Heimteam. Nach 73 Minuten sichert derselbe Ruiz seinem Team den Sieg mit einem herrlichen Treffer – Lugano-Goalie Noam Baumann schaut dem Ball bloss staunend nach.

Jubel im Kybunpark: Victor Ruiz (rechts) feiert seinen zweiten Treffer mit den Teamkollegen.

Jubel im Kybunpark: Victor Ruiz (rechts) feiert seinen zweiten Treffer mit den Teamkollegen.

Bild: Keystone

Der Sieg der St.Galler ist in der Folge zu keinem Zeitpunkt mehr gefährdet. Mit starken zweiten 45 Minuten setzen sie zum Auftakt der Rückrunde ein Ausrufezeichen. Und vermeiden mit dem Heimsieg das mögliche Aufkeinem eines Rückrunden-Blues, der in der Ostschweiz hinlänglich bekannt ist. Der Lohn: Platz 2. 

Der Beste

Victor Ruiz. Der Spanier sprüht bereits in der ersten Halbzeit vor Spielfreude, kann aber auch nicht für zwingende Chancen seines Teams sorgen. Mit zwei Toren in Umgang zwei ist er dann gemeinsam mit Ermedin Demirovic der Hauptverantwortliche für St.Gallens Steigerungslauf zum Sieg.

St.Gallens Spanier Victor Ruiz bejubelt einen seiner beiden Treffer.

St.Gallens Spanier Victor Ruiz bejubelt einen seiner beiden Treffer.

Bild: Keystone

Vorbildlich wie immer ist neben Ruiz' stupender Technik auch der Einsatzwille des Mittelfeldspielers. Ein ganz starker Auftritt des Spaniers, der nach 77 Minuten bei seiner Auswechslung mit Sprechchören und einer Standing Ovation gefeiert wird.

Der Schlechteste

Yannis Letard. Der Franzose hat in einer Situation Glück, dass er kein Eigentor erzielt. Er wirkt auch sonst nicht so sicher wie üblich. Und Letard steht beim Gegentreffer viel zu weit von Mattia Bottani weg. Neben Letard liefert auch Jérémy Guillemenot keinen überzeugenden Auftritt ab, er findet bis zu seiner Auswechslung nicht ins Spiel.

Der Debütant zwischen den Pfosten

Neues Fussballjahr, neuer Torhüter: Nach dem Abgang von Stammgoalie Dejan Stojanovic feiert der 23-jährige Lawrence Ati Zigi sein Debüt im Tor der Grünweissen. Der Ghanaer, den Peter Zeidler von früheren Engagements her kennt, sei ein mutiger, spektakulärer Torhüter, hiess es im Vorfeld. St.Gallens Trainer prophezeite gar: 

«Der gefällt jedem!»

«Zigi, Zigi, Zigi!», schallt es nach 22 Minuten denn auch bereits durch den Kybunpark. Gleich bei seiner ersten Intervention kann sich St.Gallens neuer Torhüter auszeichnen, indem er reflexstark gegen den alleine auf ihn zustürmenden Filip Holender pariert. Nach 30 Minuten muss er dann gegen einen eigenen Spieler klären: Letard lenkt eine Flanke unglücklich ab, aber auch diese Prüfung besteht Zigi bravourös.  Beim Gegentreffer nach knapp 40 Minuten ist der Ghanaer machtlos. Eine Hereingabe in der zweiten Halbzeit stellt ihn vor keinerlei Probleme. Einmal eilt Zigi zudem rechtzeitig aus dem Tor und drischt den Ball vor einem heranstürmenden Tessiner auf die Tribüne.

Ein starkes Debüt für St.Gallen: Lawrence Ati Zigi.

Ein starkes Debüt für St.Gallen: Lawrence Ati Zigi.

Bild: Keystone

Ansonsten wird Zigi in seiner ersten Partie für St.Gallen wenig gefordert. Ein erstes Zwischenfazit lässt sich trotzdem bereits ziehen: Der 23-Jährige darf und muss seine Defensive noch stärker dirigieren, als er das gegen Lugano getan hat. Der Mann mit dem klingenden Namen hat aber definitiv das Zeug zum Publikumsliebling – wenn er das nicht bereits ist. Denn die «Zigi, Zigi, Zigi!»-Sprechchöre werden mit jeder geglückten Intervention des Ghanaers lauter, und der Mann wird nach Spielschluss vom Espenblock ausgiebig gefeiert.

Die Reaktionen

Lawrence Ati Zigi, Torhüter FC St.Gallen: «Ich fühle mich wohl und zu Hause hier. Der FC St.Gallen hat eine gute Mannschaft. Und die Unterstützung durch das Publikum hat mir viel Kraft gegeben.»

Ermedin Demirovic, Stürmer FC St.Gallen.

Ermedin Demirovic, Stürmer FC St.Gallen.

Bild: Keystone

Ermedin Demirovic, Stürmer FC St.Gallen: «Der Start in die Partie war schwierig, in der zweiten Halbzeit haben wir es dann viel besser gemacht. In der Pause wussten wir, dass wir ein Tor brauchen und dann zurück im Spiel sind. Ob solche Siege, in denen man ein Spiel dreht, die schöneren sind? Das weiss ich nicht, für unseren Trainer sicher nicht, für ihn war die erste Halbzeit nicht schön.»

Lukas Görtler, Mittelfeldspieler FC St.Gallen: «Die erste Halbzeit verlief enttäuschend, wir haben nicht das auf den Platz gebracht, was wir uns vorgenommen hatten. Unglaublich dann, wie wir nach der Pause den Schalter umlegen konnten. Auch durch unsere Fans kamen wir dann in einen richtiggehenden Flow. Das Publikum nimmt in St.Gallen einen grossen Stellenwert ein.»

Maurizio Jacobacci, Trainer FC Lugano.

Maurizio Jacobacci, Trainer FC Lugano.

Bild: Keystone

Maurizio Jacobacci, Trainer FC Lugano: «Vor dem Spiel waren wir der krasse Aussenseiter, niemand gab uns hier eine Chance. Viele dürften dann von der Art überrascht gewesen sein, wie wir in der ersten Halbzeit aufgetrumpft haben. Wir hätten zur Pause höher als 1:0 führen müssen. Das 1:1 war dann unnötig, und in der Folge hatte St.Gallen Aufwind. Man kann dem FCSG nur gratulieren, dass er aus unseren Fehlern Profit geschlagen hat.»

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen: «Ich muss meinem Trainerkollegen da etwas widersprechen: Wir haben Lugano nicht als krassen Aussenseiter angesehen, wir kennen die Qualität dieser Mannschaft. Die Tessiner haben uns dann zunächst vor grosse Probleme gestellt, wobei ich nicht weiss, ob sie mit 2:0 oder 3:0 hätten führen müssen zur Pause. Fakt ist: Sie haben 1:0 geführt. Wir unsererseits haben in der ersten Halbzeit vor irgendetwas Angst gehabt.

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen.

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen.

Bild: Keystone

Nach der Pause haben wir dann ein höheres Tempo angeschlagen, allerdings auch Glück benötigt, um das Spiel drehen zu können. In der Folge wurde die Mannschaft von den Emotionen getragen, die in unserem Team entstehen können, und natürlich vom Publikum. Nun freuen wir uns auf Basel, wobei Demirovic und Letard aufgrund von Sperren leider nicht dabei sein werden. Wir werden versuchen, ein grosses Spiel zu machen.»

Das Spiel im Liveticker nachlesen:
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Fredi Kurth