Diese Niederlage tut so richtig weh: St.Gallen stolpert über den FC Thun und ist die Tabellenführung los +++ Zeidler: «Wir werden wieder aufstehen»

Es geht nicht immer so locker wie gegen Luzern: Beim 1:2 gegen Thun muss der FC St.Gallen die bittere Erfahrung machen, dass Dominanz und Spielanteile alleine keine Punkte bringen. Die Ostschweizer vergessen in der ersten Halbzeit ob ihrer Überlegenheit das Toreschiessen und verlieren gegen beherzt kämpfende, effiziente Berner Oberländer.

Daniel Walt
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Die Tore

  • 1:0, 51. Minute, Leonardo Bertone: Nach einer schönen Kombination der Berner an der Strafraumgrenze zieht Leonardo Bertone ab. Der Ball schlägt in Zigis rechter unterer Ecke zur Thuner Führung ein.
  • 2:0, 65. Minute, Ridge Munsy: Der Thuner Angreifer wird steil geschickt. Zigi kann Munsys Abschluss mit der Hand seitlich ablenken. Der anschliessende Rettungsversuch von Leonidas Stergiou wird aber zur erneuten Vorlage für Munsy, der im zweiten Anlauf problemlos zum 2:0 vollstreckt.
  • 2:1, 82. Minute, Ermedin Demirovic. Axel Bakayoko bricht auf rechts durch und lässt seinen Gegenspieler stehen. Er bedient ideal den in der Mitte freistehenden Demirovic, der verkürzt. 

Die Spielanalyse

1:0 durch Hefti nach acht, 2:0 durch Itten nach 13 Minuten: Mit einem Doppelschlag schuf St.Gallen Ende Juni in der Heimpartie gegen Thun rasch Fakten. Auch beim Rückspiel auf dem Plastik der Stockhorn-Arena wollen die vom 4:1 gegen Luzern euphorisierten Ostschweizer vom Anpfiff weg keinen Zweifel über den Ausgang der Partie aufkommen lassen. Sie treten wie gewohnt dominant auf, ziehen das Spiel in die Breite und stossen insbesondere durch Captain Silvan Hefti immer wieder gefährlich vor, ohne vorerst jedoch zu Chancen zu kommen. Die Thuner ihrerseits stehen kompakt und suchen ihr Heil in schnellen Gegenstössen, bei denen sie insbesondere Ridge Munsy lancieren. Die Aktionen des Heimteams wirken im Ansatz durchaus gefährlich, sie können Goalie Zigi letztlich aber nicht gross beunruhigen.

In der ersten Halbzeit auffällig: St.Gallens Silvan Hefti (rechts) und Thuns Angreifer Ridge Munsy.

In der ersten Halbzeit auffällig: St.Gallens Silvan Hefti (rechts) und Thuns Angreifer Ridge Munsy.

Bild: Keystone

Nach Ablauf der ersten Viertelstunde werden die Aktionen der Gäste im Bereich des Sechzehners noch etwas zwingender. Das Resultat: Abschlüsse durch Ribeiro und Görtler, die aber Thun-Goalie Faivre zunichte macht. Jordi Quintillàs Freistoss wird zudem von der Thuner Mauer zum Corner geklärt. Nach knapp 25 Minuten bittet der gute Schiedsrichter Fedayi San die beiden Teams bei warmen Temperaturen dann zur ersten Trinkpause. Kurz danach klärt Thun-Goalie Faivre per Kopf, aber nur bis zum im Mittelfeld postierten Lukas Görtler. Der versucht es mit einem Distanzschuss, den der Keeper im Zurücklaufen gerade noch klären kann. Derselbe Faivre glänzt dann nach 33 Minuten: Mirakulös pariert er einen gut platzierten Kopfball Stergious nach einem Corner der St.Galler. Der Druck der Espen nimmt nun minütlich zu, bis zur Pause bleibt der Lohn in Form des Führungstreffers aber aus.

Leonidas Stergiou: Note 3,5. Der Dauerläufer aus der Innenverteidigung scheitert in der ersten Halbzeit mit einem platzierten Kopfball am Thun-Goalie. Kann vor beiden Gegentoren nicht entscheidend eingreifen.
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Victor Ruiz: Note 3. So wie sein Landsmann bleibt Ruiz unauffällig. Vor allem offensiv muss er wieder mehr Impulse geben.
Jordi Quintillà: Note 3. Der Spanier tut sich schwer, ihm misslingt viel zu viel, auch die Standards sind nicht so gefährlich wie auch schon.
Jérémy Guillemenot: Note 3,5. Nach der Einwechslung mit dem einen oder anderen offensiven Impuls.
Ermedin Demirovic: Note 3,5. Kurz vor der Pause zu eigensinnig, als er nicht auf den freistehenden Itten zurücklegt. Sein Anschlusstor kommt zu spät.
Axel Bakayoko: Note 4. Bereitet nach seiner Einwechslung das Anschlusstor schön vor.
Cedric Itten: Note 3. Thun überlässt ihm keinen Raum. Der Stürmer kann sich kaum einmal aus der Umklammerung lösen.
Lukas Görtler: Note 4. In jedem Spiel gibt er Vollgas. Starker Lauf nach 20 Minuten, als er vier Thuner stehenlässt.
André Ribeiro: Note 3. Versucht es mit Abschlüssen aus der Distanz, die aber ungefährlich bleiben.
Miro Muheim: Note 4. Der Antreiber über links. Fällt immer wieder mit guten Läufen auf. Muss entkräftet ausgewechselt werden..
Betim Fazliji: Note 3,5. Im 22. Spiel ist die Serie des Rebsteiners gerissen. St. Gallen verliert erstmals mit ihm auf dem Platz. Stellungsfehler vor dem zweiten Gegentor.
Alessandro Kräuchi: Note –. Sein Einsatz ist zu kurz für eine Bewertung.
Lawrence Ati Zigi: Note 4. Vor der Pause nur einmal halbwegs gefordert. Beim ersten Gegentor ohne Abwehrchance, beim zweiten trifft ihn auch keine Schuld..
Silvan Hefti: Note 4. Vor der Pause sehr stark und präsent. Verliert dann aber wie das ganze Team den Schwung.

Leonidas Stergiou: Note 3,5. Der Dauerläufer aus der Innenverteidigung scheitert in der ersten Halbzeit mit einem platzierten Kopfball am Thun-Goalie. Kann vor beiden Gegentoren nicht entscheidend eingreifen.

Spielanteile hin, Chancen her: Jetzt, in der zweiten Halbzeit, muss endlich ein Tor für die St.Galler fallen, wollen die Espen die Leaderposition nicht an YB abtreten müssen. Doch halt – plötzlich sind sogar zwei Tore gefragt. Denn nach 51 Minuten geraten die Gäste in Rückstand. Nach einer schönen Kombination der Berner Oberländer, in der ein Thuner vor dem entscheidenden Pass allerdings möglicherweise im Abseits steht, zieht Leonardo Bertone von der Strafraumgrenze ab. Goalie Zigi bleibt ohne Abwehrchance.

Leonardo Bertone (rechts) zieht ab. Der Ball wird hinter Lawrence Ati Zigi den Weg in die Maschen finden.

Leonardo Bertone (rechts) zieht ab. Der Ball wird hinter Lawrence Ati Zigi den Weg in die Maschen finden.

Bild: Keystone

So schmeichelhaft die Thuner Führung ist, so gefordert ist jetzt der FC St.Gallen. Das ganz grosse Offensivfeuerwerk zünden die Espen aber auch jetzt nicht. Sie sind zwar bemüht, die Thuner unter Druck zu setzen, die Angriffe der Gäste sind aber zu fehlerhaft, um so richtig für Gefahr zu sorgen. Ganz im Gegenteil: Nach 65 Minuten trifft Ridge Munsy nach einem Stellungsfehler von Betim Fazliji und einem missglückten Rettungsversuch von Leonidas Stergiou zum 2:0.

Bild: Keystone

Die St.Galler stehen nun mit dem Rücken zur Wand. Das Ziel, die Tabellenführung zur verteidigen, wird nun je länger, je mehr zur Mission impossible. Nun streben die Espen wenigstens noch einen Punkt an. Sie sind zwar sichtlich bemüht, Druck aufzubauen. Mit zunehmender Spieldauer werden die Abschlussversuche St.Gallens unter den Augen von Präsident Matthias Hüppi und Sportchef Alain Sutter aber immer verzweifelter:

Bild: Keystone

Die Ostschweizer finden zumeist keine Mittel und Wege, um die Thuner Defensive auszuspielen und zu klaren Chancen zu kommen. Ein einziges Mal gelingt ihnen das – und prompt fällt ein Tor: Axel Bakayoko passt nach einem starken Flügellauf auf Ermedin Demirovic, der souverän zum Anschlusstreffer einnetzt.

Bild: Freshfocus

Mehr Zählbares gelingt den Ostschweizern trotz einer fünfminütigen Nachspielzeit bis zum Schlusspfiff aber nicht mehr. Die St.Galler, die erstmals mit Glücksbringer Betim Fazliji eine Niederlage kassieren, sind vier Runden vor Saisonschluss somit nicht mehr Leader. Die Espen liegen neu zwei Punkte hinter YB, das zudem die massiv bessere Tordifferenz aufweist. Das Team von Trainer Peter Zeidler hat es heute insbesondere in der ersten Halbzeit verpasst, aus seiner eklatanten Überlegenheit Profit zu schlagen.

Sinnbildlich: Jérémy Guillemenot konnte nach seiner Einwechslung auch nicht viel bewirken.

Sinnbildlich: Jérémy Guillemenot konnte nach seiner Einwechslung auch nicht viel bewirken.

Bild: Freshfocus

Der Beste

So richtig stark bei den Ostschweizern ist heute keiner. In der ersten Halbzeit vermögen Captain Silvan Hefti und Lukas Görtler zu gefallen. Im zweiten Umgang können aber auch sie der Mannschaft die so dringend benötigten Impulse zu wenig geben.

Der Schlechteste

Beim zweiten Gegentreffer sehen zunächst Betim Fazliji und danach auch Leonidas Stergiou so richtig unglücklich aus.

Masken, Handys und eine Umarmung: Impressionen vor der Partie

St.Gallens Trainer Peter Zeidler lange vor dem Anpfiff.
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Mit Maske und Smartphone: Axel Bakayoko.
Die St.Galler Alessandro Kräuchi, Fabio Solimando und Tim Staubli (v.l.) schreiten über den Kunstrasen der Stockhorn-Arena.

St.Gallens Trainer Peter Zeidler lange vor dem Anpfiff.

Urs Lindt / freshfocus

Auch Thun hat treue Fans – es sind einfach etwas weniger

Auf den beiden Anzeigetafeln bedankt sich der FC Thun während der Partie bei jenen Anhängern, die bereits ihr neues Saisoabo gelöst haben. Dies, ohne dass sie notabene wissen, wann sie wieder regelmässig und ohne Einschränkungen ins Stadion dürfen. Die entsprechenden Fans werden mit dem Vornamen und dem ersten Buchstaben des Nachnamens aufgeführt:

Bild: Daniel Walt

Unser erster Gedanke: Eine schöne Geste, die sich auch in St.Gallen gut machen würde. Der zweite: Der FCSG bräuchte wohl ein ganzes Spiel, um die Tausenden von Fans namentlich zu erwähnen, die ihr Abo bisher bereits erneuert haben.

Die Reaktionen

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen: «Ich bin sehr zufrieden mit unserer Leistung, sie war ordentlich, teils sogar sehr ordentlich. Bei unseren zahlreichen Eckbällen müssen wir uns vorwerfen, zu wenig gefährlich geworden zu sein. Die Thuner ihrerseits waren taktisch gut eingestellt und sind um ihr Leben gelaufen, Kompliment an unseren Gegner.

Wir waren vorbereitet, dass es Rückschläge geben würde. Wir werden wieder aufstehen, wobei wir jetzt körperlich und mental langsam schon in einen Grenzbereich kommen. Aber das macht ja auch Spass. Zeit, Trübsal zu blasen, bleibt jedenfalls keine. In den letzten vier Partien werden wir jetzt zumindest gleich viele Ruhetage haben wie unser jeweiliger Gegner, was die Sache sicher gerechter macht. Dieses Thema soll aber die Leistung unseres heutigen Gegners in keiner Art und Weise schmälern.»

Das Spiel im Liveticker nachlesen:

Der FC St.Gallen verliert im Berner Oberland

Nach der Machtdemonstration gegen Luzern ist der FC St.Gallen am Sonntag beim abstiegsgefährdeten FC Thun angetreten. Die Ostschweizer verloren 1:2. Hier gibt es den Ticker zum Nachlesen.

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