Die wundersame Verwandlung des FC St.Gallen

Dem FC St.Gallen kommt die Länderspielpause trotz seines überraschenden Laufes nicht ungelegen.

Christian Brägger
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Beides, der Höhenflug von Boris Babic (rechts) und des FC St.Gallen, ist nicht erwartet worden. (Bild: Ralph Ribi)

Beides, der Höhenflug von Boris Babic (rechts) und des FC St.Gallen, ist nicht erwartet worden. (Bild: Ralph Ribi)

Ein Spitzenteam der Super League will der FC St.Gallen nicht sein. Präsident Matthias Hüppi winkt ab, spricht stattdessen von einem dauerhaften Entwicklungsprozess.

Trainer Peter Zeidler sagt, man sehe jetzt, dass die Mannschaft funktioniere. Aber ein Spitzenteam, das sei man nicht. Vermutlich hat die Clubführung auch ein wenig aus Fehlern der Vergangenheit – vor allem im Cup – gelernt, als sie Dinge im und für den FC St.Gallen schnell einmal und scheinbar ohne Not überhöhte, dann aber feststellen musste, dass grosser Druck auch lähmen kann. Wer krampfhaft sehr viel will, bekommt die Quittung. Also lieber den Ball flach halten.

Trotzdem: Gerade hinter dem torlosen Unentschieden am Sonntag gegen Basel verstecken sich Werte einer Mannschaft, die auch in Zukunft etwas auf sich halten darf, ja muss. St.Gallen dominierte in zahlreichen Phasen der Partie, je nach Statistik mit 52 bis 57 Prozent Ballbesitz und mit 20 zu 10 Torschüssen; das sind Zahlen, die nicht einmal die Young Boys gegen Basel erwarten dürfen. Und wenn der hoch dotierte Gegner dabei wie gesehen so oft lamentiert, ist dies einzig als Lob zu verstehen.

Am Ursprung steht der Sieg gegen Lugano

Im FC St.Gallen hat sich einiges verändert im Monat September, am Ursprung dieser Verwandlung steht aber nicht die Cupniederlage gegen Winterthur, die man bis heute nicht verdaut hat. Es war vielmehr der Sieg gegen Lugano, dieses erwürgte 3:2 nach Rückstand und in Überzahl am 25. August vor der langen Länderspielpause. So war es hilfreich, nach dem Cup die Wunden zwar zu lecken, das Ausscheiden aber als Betriebsunfall zu sehen. Und sich auf das Kerngeschäft, die Meisterschaft, zu konzentrieren. Es ist der Wettbewerb, der das Lösen der Hausaufgaben beurteilt und im Erfolgsfall das Stadion füllt.

Hüppi hat intern früh kundgetan, erst nach zehn Runden eine erste Bilanz ziehen zu wollen; heute fällt sie positiv aus. Zeidler benennt die aktuellen Trümpfe:

«Teamgeist, Mut, ständige Angriffslust, das Vertrauen der Mitspieler ineinander und in den Spielplan sowie der Enthusiasmus der Spieler und Fans, das sind die Dinge, die mir derzeit auffallen.»

Sie führen dazu, dass St.Gallen die einzige Mannschaft der Super League ist, die neben Meister Young Boys punkten kann gegen Basel. Und dass zuletzt sieben der elf Spieler in der Startformation 21 Jahre alt sind oder jünger. Diese Juvenilität bekommt dem Team bisher gut, «wir gehen bereits euphorisiert in die Spiele hinein», sagt Lukas Görtler, «weil wir wissen, was wir können.» Mit dem Selbstvertrauen potenziert sich die Stabilität, und vor knapp zwei Wochen zeigte sich selbst Sion-Trainer Stéphane Henchoz beeindruckt vom Pressing der Ostschweizer.

Während bis zu diesem Zeitpunkt der Saison die Jungen wie Boris Babic, Miro Muheim oder der neue Regisseur Jérémy ­Guillemenot die Gewinner sind – die drei sind zum ersten Mal Stammspieler in der Super League –, gibt es auf der anderen Seite auch Verlierer. Es sind mehrheitlich die Routiniers. Abschreiben sollte man sie indes nicht, mit Ausnahme von Slimen Kchouk vielleicht, der einen schweren Stand hat und dem der Club bei einem Wechselwunsch entgegenkäme. Zeidler will seine Reservespieler jedenfalls bei Laune halten, auch hierfür dient am Freitag der Test in Pforzheim gegen Stuttgart.

Hefti nicht schwer verletzt – Test gegen Stuttgart

Das nächste Meisterschaftsspiel bestreitet der FC St.Gallen am 20. Oktober in Genf. Gegen Aufsteiger Servette wird Guillemenot gelbgesperrt fehlen. Der junge Westschweizer verbringt die nächsten Tage wie der für Nias Hefti nachnominierte Muheim mit dem U21-Nationalteam in Georgien und Aserbaidschan. Derweil Ermedin Demirovic zur U21 Bosniens stösst, verzichtet Leonidas Stergiou leicht angeschlagen auf die Schweizer U19. Überdies hofft Zeidler auf die rasche Rückkehr Silvan Heftis:

«Im linken Knie ist nichts gerissen, es scheint nicht so schlimm zu sein.»

Trotz des jüngsten Laufes kommt dem Trainer die Länderspielpause gelegen, die vergangenen Wochen hätten Substanz gekostet. Und er mahnt: «Wir dürfen nicht nachlassen, wollen dranbleiben.» Selbstgefälligkeit passte auch nicht zu diesem FC St.Gallen.

Gegentribüne: Der FC St.Gallen in der Super League ohne Nachahmer

Der FC St.Gallen blieb sich auch im Spitzenkampf gegen Basel treu. Er wagt die Offensive und wird mit einem verdienten Remis belohnt. Er hat nicht in erster Linie die Siegesserie beendet, sondern im fünften Spiel die Ungeschlagenheit gewahrt mit nun vier Punkten aus den beiden Partien gegen den Leader.
Fredi Kurth