Die Perle des FC St.Gallen aus Formentera – der steile Aufstieg des Victor Ruiz

Victor Ruiz gehört beim FC St.Gallen zu jenen Spielern, die am meisten überraschen. Das belegen auch Zahlen.

Patricia Loher
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Es ging am Sonntag laut zu und her in der Kabine des FC St.Gallen. Am Abend nach dem 3:1-Erfolg gegen Lugano zum Rückrundenstart posteten Spieler in den sozialen Medien Bilder der feiernden Mannschaft. «Chicos locos» schrieben sie dazu, was übersetzt bedeutet: «Verrückte Jungs».

Diese Überschrift begleitet den FC St.Gallen in dieser Saison schon seit einiger Zeit. Am vergangenen Sonntag lieferte das junge Team den Beweis, dass es derzeit kaum eine Schlagzeile geben dürfte, die besser zu ihm passt.

Nach einem bescheidenen Start gegen Lugano – «wir hätten einen höheren Rhythmus anschlagen sollen», so Trainer Peter Zeidler – kämpfte sich die Mannschaft zurück. Das 1:1 durch Ermedin Demirovic war der Beginn eines Steigerungslaufs:

Der FC St.Gallen war wieder der FC St.Gallen der Vorrunde: Er spielte mutig nach vorne, war druckvoll und setzte sich schliesslich nach zwei Toren von Victor Ruiz verdient durch.

St.Gallen bleibt das treffsicherste Team

Obwohl Zeidler das Risiko eingegangen war, das freundschaftlich verbundene Sturmduo Boris Babic/Demirovic zu trennen, hat St.Gallen wieder dreimal getroffen: In den vergangenen acht Meisterschaftsrunden erzielte das Team in sieben Spielen immer mindestens drei Tore. St.Gallen bleibt damit die treffsicherste Mannschaft der Liga.

Unterdessen sind die Ostschweizer mit drei Punkten Rückstand gar erster Verfolger von Leader Young Boys. Am nächsten Sonntag gastiert St.Gallen im Spitzenspiel der 20. Runde in Basel. Die Mannschaft von Trainer Marcel Koller hat zwei Zähler weniger auf dem Konto.

Teamgeist und steile Aufstiege

Es gibt in dieser Meisterschaft des FC St.Gallen viel Bemerkenswertes: Zum einen der Teamgeist, der im Spitzensport offensichtlich noch immer Berge versetzen kann. Zum anderen die überraschenden Entwicklungen und steilen Aufstiege.

Nebst Babic oder Yannis Letard hat der Mittelfeldspieler Ruiz wohl den beeindruckendsten Sprung gemacht. Der 26-Jährige, der noch über einen Vertrag bis 2021 verfügt, ist bester Assistgeber der Super League und erzielte am Sonntag die Saisontore Nummer drei und vier. Vor allem der Treffer zum 3:1 war eine Augenweide.

19 Partien, 4 Tore, 8 Assists: Victor Ruiz (links) ist beim FC St.Gallen zu einem Leistungsträger gereift.

19 Partien, 4 Tore, 8 Assists: Victor Ruiz (links) ist beim FC St.Gallen zu einem Leistungsträger gereift.

Gian Ehrenzeller/Keystone

Dabei war auch Ruiz nicht gut ins Spiel gekommen, es unterliefen ihm viele Fehlzuspiele und nur wenig hatte auf die Steigerung hingedeutet. Zeidler sagt:

«Auch wenn es Ruiz einmal nicht läuft, bringt ihn das nicht durcheinander. Das ist seine grosse Stärke. Und wir haben einige solche Persönlichkeiten im Team.»
Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen.

Peter Zeidler, Trainer FC St.Gallen.

Urs Bucher

Selbst als er Ruiz im vergangenen Frühling zweimal aus dem Kader strich, blieb der Spanier unbeirrt. «Er kam immer wieder», so der Coach.

Dabei hatte manch einer die Stirn gerunzelt, als der FC St.Gallen vor einem Jahr die Verpflichtung des Spaniers vermeldete. Ruiz komme aus Formentera, hiess es da, einem Club aus der vierthöchsten spanischen Liga. Entdeckt hatte den wirbligen, nur 1,73 m grossen Spieler St.Gallens Aktionär Steffen Tolle, der auf Formentera ein Ferienhaus besitzt. Sportchef Alain Sutter nahm den Spieler schliesslich auch unter die Lupe – und verpflichtete ihn.

«Ich musste mich an viel Neues gewöhnen»

Doch die Zeit in der Schweiz begann für Ruiz nicht wie erhofft. Er kam zwar zu Einsätzen, deutete aber das Potenzial kaum einmal an. Man zweifelte, ob der neue Mann, der in Valencia die Nachwuchsabteilung durchlaufen hatte, die Lücke von Vincent Sierro würde schliessen können.

Ruiz sagte einst: «Ich musste mich an viel Neues gewöhnen in der Schweiz. Diese Phase habe ich hinter mir, und deshalb läuft es mir auch auf dem Platz besser.» Davon zeugt auch die Marktwertentwicklung. Als Ruiz in St.Gallen ankam, betrug sein Wert laut transfermarkt.ch 107'000 Franken – unterdessen sind es 750'000 Franken.

Eine Ausgangslage wie zuletzt vor sieben Jahren

Die Konstellation ist aussergewöhnlich: Zum ersten Mal seit sieben Jahren reist St.Gallen am nächsten Wochenende als besser klassiertes Team zum FC Basel. Am 1. Dezember 2012, vor dem letzten Spiel der Hinrunde, belegten die Ostschweizer Platz zwei, Basel mit drei Punkten Rückstand Rang vier. Die St.Galler unterlagen im St.Jakob-Park mit 0:1. Zum Saisonende erreichte St.Gallen als Aufsteiger Platz drei und über das Playoff die Gruppenphase der Europa League, Basel wurde Meister.
Am nächsten Sonntag muss St.Gallen auf die gelb-gesperrten Ermedin Demirovic und Yannis Letard verzichten. Auch Basel ist nicht ohne Sorgen. Trainer Marcel Koller fehlen die gesperrten Omar Alderete und Valentin Stocker. (red)

Kolumne

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