Die Jugend, die Olma und das Wetter – warum der FC St.Gallen den FC Basel besiegen kann 

Der FC St.Gallen hat einen Lauf – und will diesen am Sonntag gegen den Leader Basel weiterführen. Zehn Gründe, warum ihm das gelingen kann.

Christian Brägger, Patricia Loher und Ralf Streule
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Lukas Görtler gegen Afimico Pululu beim St.Galler 2:1-Sieg in Basel im Sommer. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone)

Lukas Görtler gegen Afimico Pululu beim St.Galler 2:1-Sieg in Basel im Sommer. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone)

Es ist über eineinhalb Jahre her, seit der FC St.Gallen fünf Meisterschaftsspiele hintereinander gewinnen konnte. Im März 2018 war das. Unter Trainer Giorgio Contini stiessen die Ostschweizer vom sechsten auf den dritten Zwischenrang vor. Gewinnen die St.Galler am Sonntag im Heimspiel gegen den FC Basel, würden sie diese Fünf-Siege-Marke egalisieren – und den aktuellen dritten Rang wohl bestätigen. Nur: Der Gegner ist der Leader. Und er hat, gleich wie die Ostschweizer, einen Lauf. Es gibt dennoch Gründe, die für einen Erfolg der St.Galler sprechen. Und nicht nur, weil das Zeidler-Team in dieser Saison bisher das einzige war, das Basel besiegen konnte, ist ein bisschen Euphorie in der Ostschweiz vor dem Spiel angebracht.

1. Die Jugend

St.Gallens jüngster Spieler, der den Sprung geschafft hat: Der 17-jährige Leonidas Stergiou (vorne). (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus)

St.Gallens jüngster Spieler, der den Sprung geschafft hat: Der 17-jährige Leonidas Stergiou (vorne). (Bild: Marc Schumacher/Freshfocus)

«Unser Ziel muss sein, nach oben durchzubrechen, wenn die Chance besteht. Dazu gibt es Hoffnung, weil wir viele junge Spieler haben, die nur besser werden können. Und weil wir einen Trainer haben, der mutig ist, die Jungen auch zu bringen», sagte St.Gallens Sportchef Alain Sutter vor dem Saisonstart. Es folgten Taten und St.Galler Startformationen mit einem Altersschnitt von 22,95 Jahren. Basel kommt an zweiter Stelle – aber bereits mit 25,14 Jahren:

Entweder kann einer Fussball spielen oder nicht. Doch Junge haben zusätzlich etwas Unberechenbares, und sie schenken Worten ihres Trainers noch Gehör und Glauben. Bringt das alles Erfolg, wächst das Vertrauen, die Pflanze gedeiht.

2. Die Ruhe und Unruhe

Stürmer Albian Ajeti hat den FC Basel in Richtung England verlassen. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone)

Stürmer Albian Ajeti hat den FC Basel in Richtung England verlassen. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone)

Um den FC Basel gab es jüngst stets Unruhen: Degen-Einstieg, Koller-Kontroverse, Indien-Engagement, Spielerverkäufe (Ajeti), Sparauflagen. Und Präsident Bernhard Burgener will mit dem Club auch Geld verdienen. St.Gallen mit seinen Geschichten ist da fast schon ein ruhiger Waisenknabe: Sutter-Koketterie, Fan-Disput und -Rückgang, Geldprobleme. Doch hier will Präsident Matthias Hüppi mit dem Verein einfach über die Runden kommen. Und es wirkt keineswegs so wie am Rheinknie, dass bei einem heftigeren Windstoss Dinge einstürzen könnten.

3. Das Publikum

Choreographie im Heimspiel gegen die Young Boys. (Bild: Urs Bucher)

Choreographie im Heimspiel gegen die Young Boys. (Bild: Urs Bucher)

Pyro-Schlagzeilen, Stimmungsboykott, Pfiffe von der Gegentribüne gegen den eigenen Fanblock: Viele Zuschauer nehmen die Fans derzeit eher als negative Kraft in einer sportlich positiven Phase wahr. Doch wenn der FC Basel zu Gast und der FC St.Gallen im Hoch ist, stehen die Chancen gut, dass die Atmosphäre in der Arena den Unterschied für den Gastgeber machen kann. Kein anderer Club lockt schliesslich so viele Zuschauer ins St.Galler Stadion wie die Basler – auch wenn die Tendenz rückläufig ist:

4. Die Raute

Viele Super-League-Teams spielen in einem 4-2-3-1. Oft auch Basel. Seit drei Siegen agiert St.Gallen im laufintensiven 4-4-2 mit Raute, wobei Peter Zeidler aus der Not eine Tugend macht, weil ihm die Flügelspieler abhanden gekommen sind: Die Raute gilt denn auch als «flügellahm» – für Zeidler, der das intensive, schnelle Spiel durchs Zentrum favorisiert, kein Mangel. Weil sie selten praktiziert wird, fällt dem Gegner die Antizipation schwerer. Zudem bilden die Spieler in der Offensive oft Drei­ecke, es kommt zu mehr Anspielmöglichkeiten oder Überzahlsituationen.

5. Das spanische Duo

Jordi Quintillà (links) und Victor Ruiz. (Bild: Benjamin Manser)

Jordi Quintillà (links) und Victor Ruiz. (Bild: Benjamin Manser)

Jordi Quintillà und Victor Ruiz kamen aus dem Nichts, sprich: Aus Puerto Rico und aus den Tiefen der vierthöchsten spanischen Liga. Inzwischen haben sie längst gezeigt, weshalb sie einst in Barcelona und Valencia im Nachwuchs spielten. Ihre Karrieren stockten zwar, doch die beiden schienen nur darauf zu warten, von jemandem wie Alain Sutter wiederentdeckt zu werden. Quintillà und seit kurzem auch Ruiz geben der Mannschaft einen spielerischen Glanz, den es in St.Gallen nicht allzu oft zu bestaunen gibt. Die beiden Spanier scheinen sich auch neben dem Feld prima zu verstehen. Was die Hoffnung auf anhaltend freudvollen Fussball des Duos weiter nährt.

6. Der Erfolgshunger

Keiner im Team des FC St.Gallen ist gesättigt. Niemand ist bei diesem Club, um hier seine Karriere geruhsam ausklingen zu lassen. Im Gegenteil: Die Ostschweizer bieten Spielern, die in die Anonymität abgetaucht oder deren Karrieren anderswo ins Stocken geraten sind, sowie eigenen, jungen Akteuren die «Plattform Super League», um sich ins Rampenlicht zu spielen. Der Schweizer Clubfussball ist in den grossen Ligen stets auf dem Radar. Der NZZ sagte Sportchef Sutter kürzlich: «Bei uns wird keiner reich. Aber wir können helfen, dies später zu werden.»

7. Der Tiefpunkt

St.Galler Spieler nach dem Cupout in Winterthur. (Bild: Andy Müller/Freshfocus)

St.Galler Spieler nach dem Cupout in Winterthur. (Bild: Andy Müller/Freshfocus)

Wie wanderte der FC St.Gallen doch durchs finstere Tal: An jenem Abend des frühen Cup-outs in Winterthur, in den Tagen danach. Hörte man genauer hin, dachte man: Heftiger treffen kann es ihn nicht mehr, tiefer fallen kann er nicht. Vielleicht ist diese Ausgangslage für die «Desperados» des FC St.Gallen genau das grosse Glück. Alles, was nach diesem Tiefpunkt kommt, ist Zugabe – die Saison war ja schon gelaufen. Auch könnte der Tanz auf nur einer Hochzeit ein Vorteil sein.

8. Die Europa League

Basel hatte in der Europa League noch am Donnerstag das Auswärtsspiel beim türkischen Club Trabzonspor zu absolvieren. Der Super-League-Leader sicherte sich dabei ein beachtliches 2:2. Die Erholungsphase ist nun aber deutlich kürzer als beim FC St.Gallen, der seinen letzten Ernstkampf am vergangenen Samstag bestritten hat. Obwohl Basel über ein gut besetztes Kader verfügt, kann ein Spiel in der Europa League und eine Reise im Flugzeug auf die Leistungsfähigkeit zwei Tage später Auswirkungen haben.

9. Das Wetter

Bewölkt, elf Grad, gegen Ende des Spiels vielleicht etwas Regen? Was nach einer tristen Angelegenheit tönt, könnte für St.Gallen am Sonntag eine grossartige Sache werden. Auch wenn das Klischee von nur im Regenwetter aufblühenden Grätschefreunden nicht mehr zum St.Galler Club passt: Etwas Garst scheint den Ostschweizern noch immer zu bekommen. So war es vor vier Jahren im November, als der Umschwung beim 2:1-Heimsieg gegen Basel mit einsetzendem Niederschlag zusammenfiel. Damals war es Schnee. Ein bisschen kühler Regen am Sonntag würde aber auch schon helfen.

10. Die Olma

Das Olma-Plakat 2019. (Bild: PD)

Das Olma-Plakat 2019. (Bild: PD)

Am nächsten Donnerstag wird die Olma eröffnet. Schon jetzt ist ein Prickeln spürbar. Früher liess sich St.Gallens Mannschaft von der speziellen Stimmung oft anstecken und lieferte einige spektakuläre Olma-Matches. Ein Sieg gegen Basel würde die fünfte Jahreszeit nun perfekt einläuten. Die Olma-Matches hatten Tradition, aus den Degustationshallen ging es jeweils direkt ins Espenmoos. Seit dem Umzug in den Westen der Stadt gab es aber nicht mehr viele solche Partien. Wegen der «Lex Arena» dürfen die Ostschweizer während der Olma keine Heimspiele ansetzen, da die Stadtpolizei die Sicherheit nicht gewährleisten könnte. Nach der Partie gegen Basel trägt St.Gallen das nächste Spiel erst am 20. Oktober auswärts gegen Servette aus. Dazwischen ist Länderspielpause.

Ein Gradmesser im Kybunpark

Der FC St. Gallen hat als einziges Team der Super League die englische Woche ohne Punktverlust überstanden. Dem 3:1 gegen Servette liess das Team ein 2:1 in Sitten und ein 4:0 gegen Thun folgen. Damit kletterten die Ostschweizer auf den dritten Rang, und deshalb ist die Begegnung am Sonntag ab 16 Uhr zu Hause gegen Basel auch ein Spitzenspiel. Trainer Peter Zeidler relativiert. Er wisse nicht, ob man nach bloss neun Runden schon von einem Spitzenspiel sprechen könne. Jedenfalls kommt mit dem Leader ein Gradmesser in den Kybunpark. «Wir haben gegen Thun unsere Prinzipien phasenweise sehr gut umgesetzt», sagt Zeidler. «Nur, Basel belegt Rang eins, Thun den letzten Platz.»
Der Deutsche muss auf die verletzten Musah Nuhu, Nicolas Lüchinger und Axel Bakayoko verzichten. Fraglich ist, ob der zuletzt angeschlagene Betim Fazliji bereits wieder dem Kader angehört. Bis am Freitag Mittag wurden für diese Partie 12'500 Tickets abgesetzt. (pl)