"Die anderen haben nichts verloren hier"

FUSSBALL. Der FC St.Gallen geht am Sonntag gegen Servette zum ersten Mal als Favorit in ein Heimspiel. Sportchef Heinz Peischl über die Versöhnung mit den Anhängern, die Solidarität im Team und die Gefahr, dass der Höhenflug des Tabellenführers bald vorbei sein könnte.

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Heinz Peischl, ehemaliger St.Galler Sportchef (Bild: Urs Bucher)

Heinz Peischl, ehemaliger St.Galler Sportchef (Bild: Urs Bucher)

Herr Peischl, der FC St.Gallen wolle die Gegner das Fürchten lehren, sagten Sie vor dem Start in die Saison. Das ist bisher gelungen – und zwar auf eine Art, die selbst die eigenen Anhänger fast schon erschreckt hat…
Heinz Peischl: Ich bin froh, dass es uns endlich gelungen ist, den Funken auf unsere Fans überspringen zu lassen. Darauf war meine Aussage auch gemünzt. Ich wollte damit sagen, dass wir aus unserem Heimstadion wieder eine Festung machen und unseren Gegnern Respekt abnötigen wollen.

Haben Sie persönlich einen derart guten Start des Aufsteigers erwartet?
Peischl: Im Leben soll man nie etwas erwarten – dann wird man auch nicht enttäuscht. Wir hatten aber schon in der Challenge League mit dem Aufbau eines Teams begonnen, das folgenden Kriterien genügen sollte: fussballerische Qualität, physische Präsenz, Leben des Teamgedankens und Abliefern von ehrlicher Arbeit. Diese Entwicklung haben wir über den Sommer fortgesetzt.

Erneuert hat der FC St.Gallen auf die neue Saison hin sein defensives Mittelfeld. Hier dürfte der Schlüssel zum Erfolg liegen: Stéphane Nater und Dejan Janjatovic entfalten wesentlich mehr Kreativität im Spiel nach vorne, als es ihre Vorgänger taten.
Peischl: Ich werde mich hüten, öffentlich Spieler zu vergleichen. Philipp Muntwiler und Daniel Imhof haben ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten eingebracht – genauso wie das nun Nater und Janjatovic tun. Klar ist: Wir sind froh um deren läuferische, spielerische und menschliche Qualitäten.

Wo liegen Ihrer Meinung nach weitere Gründe für den Höhenflug des FC St.Gallen?
Peischl: Insbesondere in der Geschlossenheit der Mannschaft und im Teamgedanken. Wir sind von der Nummer 1 bis zur Nummer 25 breit aufgestellt. Jeder ist bereit, mitzuziehen. Gleichzeitig verfügen wir über Spieler mit grossen individuellen Fähigkeiten. Zudem haben wir ein Trainerteam, das mit dem medizinischen Staff und bis hin zum Materialwart als Einheit auftritt und sich auch menschlich gefunden hat.

Der Mix macht es also aus. Sie scheinen in der Zusammenstellung der Mannschaft ein glückliches Händchen gehabt zu haben…
Peischl: … nicht ich – wir. Weder als Trainer noch als Sportchef habe ich jemals Alleingänge gemacht. Hinter den Kulissen arbeiten viele an Transfers mit – vom Trainerteam über den fürs Scouting verantwortlichen Werner Zünd bis hin zu Nachwuchschef Roger Zürcher.

Beobachten Sie Spieler, die für einen Transfer zum FC St.Gallen in Frage kommen, auch selber?
Peischl: Ja – genauso wie Trainer Jeff Saibene, Assistent Daniel Tarone, Goalietrainer Stefano Razzetti sowie Nachwuchschef Roger Zürcher. Zudem haben wir gegen 20 externe Scouts in der Schweiz – Vertrauenspersonen, die für uns Spieler beobachten. Darunter befinden sich auch ehemalige NLA-Fussballer, die aber keinen speziellen Bezug zum FC St.Gallen haben müssen.

Sie betonen immer wieder den Teamgedanken. War das einer der Gründe, weshalb der Club Torhüter Germano Vailati abgegeben hat? Er soll ja aufgrund seiner Rolle als Ersatzgoalie immer wieder für schlechte Stimmung gesorgt haben.
Peischl: Wir haben Germano Vailati im vergangenen Herbst Vertragsgespräche angeboten. In deren Folge hat es keine Einigung gegeben, so dass es unsere Aufgabe war, für einen Ersatz zu sorgen.

Es ging das Gerücht um, wonach Vailati Sie beschimpft habe und er auch deshalb keine Zukunft beim FC St.Gallen mehr gehabt habe.
Peischl: Zu Gerüchten äussere ich mich nicht. Ich hege Germano Vailati gegenüber keinerlei Ressentiments, er ist ein toller Goalie. Wir stehen aber zu unserer Entscheidung.

Mit Alberto Regazzoni hat der FC St.Gallen einem anderen unbequemen Spieler eine neue Chance gegeben – und er hat sie genutzt.
Peischl: Ich will mir nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn wir den Aufstieg nach Regazzonis Suspendierung noch verpasst hätten. In der Folge hat er sein Verhalten aber geändert. Es gilt: Jeder, der bereit ist, im Team mitzuarbeiten, ist herzlich willkommen beim FC St.Gallen. Die anderen haben nichts verloren hier.

Zugute kamen dem FC St.Gallen sicherlich auch die Art des Auftretens und der Punktgewinn gleich im ersten Spiel daheim gegen YB. Bei einer schlechten Leistung hätte sich die Missstimmung rund um die Darbietungen in der Challenge League wohl noch verstärkt.
Peischl: In diesem Spiel dürfte tatsächlich der Schlüssel zur Versöhnung mit unseren Anhängern liegen. Die Pfiffe zum Ende der Challenge-League-Saison gegen Jeff Saibene und Daniel Lopar, die wohl auch mir als Sportchef galten, waren uns nicht entgangen. Und eine Aufstiegseuphorie gab es rund um den Verein nicht. Deshalb war ein positiver Start wichtig. Unabhängig davon spürten wir aber schon in der Vorbereitung, dass diese Mannschaft zusammenpasst und über Qualitäten verfügt.

Bei Ihrer Rückkehr als Sportchef war seitens der Anhänger viel Skepsis spürbar – Stichwort: Ihre frühere Tätigkeit als Trainer beim Club. Wie spüren Sie den Goodwill, der Ihnen nun entgegengebracht wird?
Peischl: Ich lasse mich weder von Kritik noch von Lob leiten. Wenn es schlecht läuft, dürfen sich Verantwortungsträger nicht verrückt machen lassen. Von Erfolgen sollen sie sich aber auch nicht blenden lassen.

Aber angenehmer ist für Sie sicherlich die aktuelle Situation.
Peischl: Nein. Ich habe in meinen 31 Jahren im Profifussball viel erlebt. Ich wusste, weshalb ich 2005 ging und warum ich 2010 zurückkam – und ich werde wissen, weshalb ich eines Tages wieder gehen werde. Ich freue mich im aktuellen Erfolg einfach für den FC St.Gallen, die Mannschaft, den Betreuerstab und die Vereinsführung, die bei Misserfolgen mindestens genauso in der Kritik standen wie ich.

Der FC St.Gallen ist die einzige Mannschaft der Liga, die noch nie verloren hat. Könnte das Team nach einer ersten Niederlage in ein Loch fallen?
Peischl: Ich halte die Gefahr nicht für gross. Wir haben ein Team, das über viel Qualität und Spieler mit individueller Klasse verfügt. Die Mischung zwischen jungen und erfahrenen Spielern stimmt, und die Säulen des Teams sind gefestigt. Die Hierarchie dieser Mannschaft ist gesund.

Im Heimspiel vom Sonntag gegen Servette ist der FC St.Gallen erstmals in dieser Saison klarer Favorit. Kann die Mannschaft den Erwartungen standhalten?
Peischl: Unsere Spieler sollten mit dieser Situation eigentlich umgehen können.

Und wenn nicht?
Peischl: Dann wäre das ein weiterer Schritt im Entwicklungsprozess dieser Mannschaft. Aber am wichtigsten bleiben für uns ohnehin zwei andere Dinge. Zum einen, dass wir uns in der Super League etablieren können. Und zum anderen, dass die Anhänger eine Mannschaft am Werk sehen, die alles gibt, so dass die Fans gerne wieder ins Stadion kommen.

Interview: Daniel Walt

Verbundenheit und Comeback als Trainer

An St.Gallen schätze ich…
… die Verbundenheit der gesamten Region mit dem FC St.Gallen.

Zuletzt gefreut habe ich mich, ...
... als ich erkannt habe, dass wir vieles richtig gemacht haben und als Einheit gegen aussen auftreten.

Meine Karriere als Trainer...
... geht irgendwann weiter. (dwa)