Der Trainer, das überschätzte Wesen

FUSSBALL. Der Einfluss des Trainers auf den Erfolg einer Fussballmannschaft ist bescheidener als gemeinhin vermutet. Darauf deuten auch die Schwierigkeiten hin, wenn Super-League-Vereine einen neuen Coach suchen.

Fredi Kurth
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St.Gallen-Trainer Jeff Saibene ist seit bereits viereinhalb Jahren im Amt - so lange wie kein anderer aktueller Trainer der obersten Spielklasse. (Bild: Keystone)

St.Gallen-Trainer Jeff Saibene ist seit bereits viereinhalb Jahren im Amt - so lange wie kein anderer aktueller Trainer der obersten Spielklasse. (Bild: Keystone)

Wer darf es denn sein? Wenn in der Super League ein Trainer seinen Posten von einem Tag auf den anderen räumen muss, herrscht bei Präsidenten und Sportchefs erst einmal Ratlosigkeit. An Kandidaten, die ihre Dossiers schicken, fehlt es nicht. Aber die Wahl des Fachmanns, der das schlingernde Schiff mit Sicherheit in eine glanzvolle Zukunft steuert, fällt schwer. Und zwar deshalb, weil fast alle, die vom Namen her in Frage kommen, bereits mindestens einen Karrierebruch hinter sich haben.

Murat Yakin soll auf eidgenössischem Terrain noch am ehesten für eine Verpflichtung taugen, ist zu lesen – jener Mann, der zuletzt in Moskau die Zelte nach einem Jahr wieder abbrechen musste. Die Evaluationen bei den Young Boys und dem FC Zürich zeigen die Nöte, auch wenn laut Präsident Ancillo Canepa mit der Ernennung von Sami Hyypiä die Vorstellungen erfüllt sind: "Ich bin stolz, dass ein international bekannter Trainer mit einem grossen Namen zum FC Zürich kommt", sagt er.

Ehemalige Bundesliga-Grössen
Skibbe, Babbel, Hyypiä – ein kleiner Trend ist absehbar. Ehemalige Ausbildner in der Bundesliga sind gefragt, just solche, die dort abgelöst worden sind durch eine neue Generation, durch junge, innovative Trainer, die vor allem mit dem Mittel der Emotion arbeiten, die permanent anspornen und im Spiel zu schneller Aktion auffordern. Sie verlangen nicht einmal verrückte Sachen, sind aber in der Ausführung von ungeheurer Konsequenz. Jürgen Klopp, einer der ersten unter ihnen, sagte schon am Anfang: "Wir haben in Dortmund den Fussball nicht neu erfunden." An Nachahmern fehlte es nicht. Thomas Tuchel, der Schweizer Martin Schmidt und Markus Weinzierl sind nur einige dieser Trainer, welche mit Aussenseiter-Teams für Furore sorgten.

Favre, der Konservative
Lucien Favre hingegen ist ein Vertreter der konservativen Garde, ein Stratege, der die Vorwärtsbewegung von hinten und aus dem Mittelfeld heraus entstehen lässt. Auch seine Trainerkarriere hat einen Knick: Am 27. September 2009 endete seine Zeit bei Hertha Berlin mit einer 1:5-Niederlage in Hoffenheim. Nach einer Auszeit begann er im Frühjahr 2011 bei Borussia Mönchengladbach, das er aus einer schier hoffnungslosen Situation noch vor dem Abstieg bewahrte. Favre ist heute der erfolgreichste Schweizer Trainer im Ausland.

Keine Heilsbringer
Sonst sind Schweizer Ausnahmetrainer rar. Urs Fischer immerhin hat mit der Verpflichtung beim FC Basel einen grossen Schritt getan. Aber auch er muss sich nun in einem Umfeld bewähren, in dem Trainer zuletzt nicht alt geworden, sondern höchstens gealtert sind. Das bedeutet nicht, dass es schlechte Trainer sind, die in Basel oder anderswo verabschiedet werden. Vielmehr sind es gut ausgebildete Leute, die nach bestem Wissen und Gewissen ihre Aufgabe erfüllen. Meistens aber werden sie bei der Vorstellung am neuen Ort etwas verklärt dargestellt und als mögliche Heilsbringer auf lange Sicht präsentiert.

Sion, YB, Thun wechseln oft
Es ist die grosse Masse von Trainern, die immer wieder mal weitergereicht wird – ein Phänomen, das in den Statistiken der einzelnen Vereine zum Ausdruck kommt. In der Super League sind diesbezüglich die beiden Berner Vertreter führend: Bei den Young Boys waren in den vergangenen zehn Jahren neun Trainer (inklusive dem neuen Mann für Uli Forte) in Lohn und Brot, beim beschaulichen FC Thun sogar zehn. Unübersichtlich ist die Auflistung beim FC Lugano. Es dürften auch rund zehn Hoffnungsträger gewesen sein, die für die erste Mannschaft verantwortlich waren, unter ihnen Schällibaum, Ponte, Petkovic (!) und Morinini.

Am anderen Ende der Skala liegen der FC Basel und der FC St.Gallen, die in einem Jahrzehnt sechs Trainer nacheinander beschäftigten. Auf dem Espenmoos und in der AFG Arena waren dies Heinz Peischl, Ralf Loose, Rolf Fringer, Krassimir Balakov, Uli Forte und Jeff Saibene. Ausser Konkurrenz sei auch der FC Sion aufgeführt: Dort waren seit 2005 nicht weniger als 22 Trainer tätig plus ein Dutzend, das die Koffer gar nicht auszupacken brauchte und für weniger als drei Monate das Vertrauen des Präsidenten genoss.

Ein, zwei Jahre derselbe Trainer
In der Bundesliga ist der Verschleiss beim Hamburger SV mit elf Trainern seit 2005 am grössten, vor Stuttgart mit zehn. Am Ende der Skala liegt Werder Bremen mit drei. Selbst Bayern München hatte sieben Cheftrainer in Amt und Würden, wobei Jupp Heynckes zweimal übernahm. In diesen Zahlen sind die Interimstrainer und Nothelfer mit einer Anstellung von weniger als drei Monaten nicht einberechnet. So lässt sich ermessen, wie kurz eine Trainer-Ära bei einem Verein meistens ausfällt, wie wenig Zeit meistens zwischen Traumverpflichtung und Verabschiedung desselben Mannes liegt.

FC St.Gallen mit Vernunft
Angesichts solcher Statistik handelt der FC St.Gallen aus reiner Vernunft, wenn er Jeff Saibene als dienstältesten Trainer der Liga nun seit viereinhalb Jahren arbeiten lässt. Am wenigsten Probleme mit ihren Chefausbildnern haben die grossen europäischen Fussball-Unternehmen. Von Arsenal abgesehen, wo Arsène Wenger seit 1996 tätig ist, sind aber auch dort Wechsel zahlreich. Auswirkungen auf den Erfolg haben sie nur geringe - vielleicht am ehesten, wenn der Primus unter ihnen, José Mourinho, sein Arbeitsfeld wechselt. Auf höchstem Niveau ist entscheidender, welche Stars verpflichtet werden. So hat bei Bayern München mehr Einfluss auf die Formkurve, ob Arjen Robben spielt, als wenn Pep Guardiola seinen Spielern den Kopf voll redet - ungeachtet dessen, dass seine taktischen Variationen ebenfalls zum Erfolg beitragen. Aber sind sie überhaupt nötig? Jupp Heynckes bei Bayern und Vicente Del Bosque bei Real Madrid und Spanien zum Beispiel hatten zum Teil sogar mehr Erfolg. Der Verdacht liegt nahe: Weil sie ihren Ballkünstlern und Routiniers gar nicht viel mehr auf den Weg geben mussten als dies: "Spielt mal schön!" Nicht alle, aber die meisten Trainer mussten sich hochdienen wie Klopp, Mourinho oder Hitzfeld. Guardiolas Stationen bisher lauten: Barcelona B, Barcelona, Bayern.
 

Aufgefallen

Der FC St.Gallen erlebte am Sonntag die erste Schocktherapie dieser Saison. Das frühe Gegentor warf offensichtlich das Konzept über den Haufen. Der Plan B, sollte ein solcher bestanden haben, funktionierte nicht. Das Problem bestand darin, dass St.Gallen seine Stärke in der Defensive hat, aber auftrat, als ob der Angriff das Glanzstück sei. Einige Male geriet die alles andere als sattelfeste Abwehr der Grasshoppers in Verlegenheit. Insgesamt aber blieb der Eindruck von grundlegender Hilflosigkeit in der Spielkonstruktion und im Abschluss. Mathys und der ziemlich verunsicherte Janjatovic waren die einzigen, die für eine solche Aufgabe spielerisch auf der Höhe sind. Aleksic, der bisher die Hälfte der St.Galler Tore erzielt hat, ist offensichtlich nicht mehr gefragt. Und unbeantwortet ist auch die Frage, weshalb Gotal und Angha noch nie eine faire Chance erhalten haben.

Zu denken gibt die Trefferausbeute. Vier Tore in den ersten sechs Spielen der Super-League-Saison, das ist die schlechteste Bilanz seit 2007/08, als St.Gallen ebenfalls nur vier Tor gelangen und am Ende der Saison, der letzten auf dem Espenmoos, der Abstieg stand. Aber wir wollen keine Omen bemühen: St.Gallen verlor damals die ersten fünf Spiele und musste zum entsprechenden Zeitpunkt schon doppelt so viele Tore hinnehmen wie diese Saison.

Ob die Schocktherapie heilsam sein wird, bleibt abzuwarten. So schlecht, wie die Mannschaft gegen die in fast jeder Beziehung überlegenen Grasshoppers aussah, ist sie nicht. Es muss ja nicht immer sein, dass sich St.Gallen 90 Minuten lang Konterattacken eines beeindruckenden Gegners ausgesetzt sieht und sich die Abwehr so ungefähr im Fünfminuten-Takt in Unterzahl wehren muss. Darin bestand deren herausragende Leistung: Dass sie nur zwei Gegentore hinnehmen musste.

Ein interessantes Phänomen gab es auf der Videowand des Stadionfernsehens zu beobachten: Beim zweiten Tor der Grasshoppers war der Torschütze nicht aus Offsideposition gestartet. Der Linienrichter wurde entlastet. Nicht gezeigt wurde die heikle Szene in der ersten Halbzeit, als Albert Bunjaku in aussichtsreicher Position zu Fall kam. Vielleicht verzichtete die Regie auf eine Wiederholung, weil sie den Schiedsrichter nicht entlastet hätte...

Um Tranquillo Barnetta ist es inzwischen ruhiger geworden. Bei den Philadelphia Union ist er in der Major League Soccer bisher viermal zum Einsatz gekommen, dreimal wurde er frühestens nach einer Stunde ausgewechselt, so auch am 22. August beim 1:0-Heimsieg gegen Montreal vor 20'801 Zuschauern. Einmal wurde Barnetta eingewechselt. Im Cup war Barnetta beim Sieg gegen Chicago Fire bis zur 71. Minute im Einsatz. (th)