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FCSG-Verteidiger Milan Vilotic: Der mit dem harten Kopf

Hinter Milan Vilotic liegen Krieg und Krankheit. Nun soll der 31-jährige Serbe dem FC St.Gallen Ruhe und Stabilität geben. Kann er das? Dem Innenverteidiger haftet nicht nur wegen der jüngsten roten Karte im Europacup ein zwiespältiger Ruf an.
Christian Brägger
Milan Vilotic ist der neue Abwehrchef der St. Galler. (Bild: Benjamin Manser)

Milan Vilotic ist der neue Abwehrchef der St. Galler. (Bild: Benjamin Manser)

Vor vier Monaten explodiert er. Milan Vilotic sieht für sich keinen anderen Weg, als im internen Gruppenchat den Trainer Murat Yakin frontal anzugreifen. Die Grasshoppers suspendieren den Spieler, bescheiden ihm, nie mehr für sie auflaufen zu dürfen. Fredy Bickel, Sportchef jener Young Boys, die 2014 Vilotic für etwa drei Millionen Franken verpflichten, sagt: «Milan ist ein sehr feiner Mensch.»

Vilotic ist nicht irgendwer, besonders für die Grasshoppers nicht. Er ist Cupsieger 2013, verwertet den entscheidenden Penalty gegen Basel. «Er hat uns den Pott geholt», sagt der frühere Mitspieler Toko. Vilotic ist manchmal der Captain, er spielt 95-mal für den Rekordmeister, gilt als defensive Lebensversicherung. Nun verteidigt der 31-Jährige für St. Gallen, für eine Saison hat er bei den Ostschweizern unterschrieben. In seinem Alter gebe es keine längeren Verträge mehr, sagt er.

Eine Saison als Bewerbungsschreiben

Die Verhandlungsposition nach der Geschichte in Zürich sei schwierig gewesen. Schon länger schubladisiert die Öffentlichkeit seinen Charakter und ihn als Fussballer, der FC St. Gallen wohl ebenfalls. Man traut ihm nur bedingt zu, den schnellen, offensiven Fussball spielen zu können, den Club und Coach Peter Zeidler wollen. Bickel sagt: «Milan ist ein reiner Verteidiger, lässt im eigenen Sechzehner wenig zu. Dort bewegt er sich auch am liebsten. Hoch stehen, gefällt ihm nicht. Und er macht es auch nicht.» Also kommt nun eine Saison, in der Vilotic Bewerbungsschreiben abgeben darf. Er ist zufrieden.

Um Vilotics Werdegang in der Schweiz zu verstehen, wo er im Ruf steht, nicht der Einfachste und schwer führbar zu sein, muss man eine Zeitreise machen. In sein Leben, die Kindheit und Heimat Serbien. Dort nach Belgrad, wo damals latente Kriegsgefahr herrscht und er mit einem Bruder und der Mutter aufwächst. Den Vater kennt er nicht gut, der Kontakt ist bis heute spärlich.

«Wir stehen vor dem Krieg»,

Es ist ein normaler Abend im Jahr 1999, Milan Vilotic schaut wie so oft Fernsehen. Den Balkankonflikt erlebt der Bub nur indirekt, die Front ist nicht in Belgrad. «Aber man spürte ihn trotzdem überall», sagt er. Heute noch erinnert er sich an den Balken, den die TV-Sender damals einblenden. «Wir stehen vor dem Krieg», steht geschrieben. Milan denkt sich nicht viel dabei, schaltet das Fernsehgerät ab, geht schlafen. Am nächsten Tag detoniert in Belgrad die erste Bombe – einen Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Es ist eine Zeit, die den 13-Jährigen prägt, die er aber nicht versteht, weil es ihm nicht wichtig ist:

«Serbien befindet sich ständig im Kriegsmodus, alle 50 Jahre gibt es Streit. Es beeinflusst Generationen, wenn du dein Hab und Gut immer neu verteidigen oder aufbauen musst. Die Schweizer kennen das nicht.»

Man gewöhne sich an den schwebenden Krisenzustand, er mache einen kämpferischer. Deshalb würden die Serben vielleicht anders durchs Leben gehen.

Das Rebellische zeigt sich früh

Trotz allem geht es dem jungen Milan gut. Die Schule, die er nicht so gerne besucht, fällt in jenen Monaten oft aus. Dafür hat er den Fussball, den er so sehr liebt. An diesem Nachmittag im Juli erzählt er begeistert von einem Freundschaftsspiel im Partizan-Stadion, und davon, dass die Mutter ihm verbietet, daran teilzunehmen. Natürlich widersetzt sich der Bub. Vielleicht zeigt sich damals schon das Rebellische, auch das Sture, als er über kaputte Strassen den Weg an brennenden Häusern vorbei sucht:

«Ich lebte einzig für den Fussball. Er hat mir geholfen, mich durchzubeissen.»

Die Strassen in Belgrad sind sein zweites Zuhause, sie bieten Raum für die Partien zwischen den rivalisierenden Jugendteams, denen viele Zuschauer beiwohnen, weil Abwechslung willkommen ist. «In solchen Spielen bekommst du dein Naturell – ich bin dort der Strassenfussballer geworden, der ich heute bin.» Bickel sagt: «Milan zeigt im Spiel Emotionen, wegen denen er nicht immer richtig rüberkommt. Sie stehen ihm manchmal im Weg.»

Der bösartige Tumor auf dem Schulterblatt

Vilotic absolviert in Belgrad zwölf Jahre an der Grundschule, besucht später eine Fachschule für Mechanik und Technik, die er erfolgreich abschliesst. Bei Roter Stern fasst er im Fussball so richtig Fuss, doch vor dem Vertragsende gibt es Probleme, weil er ins Ausland, aber nicht nach China wechseln will, wie es Vermittler und der Clubpräsident wünschen. Man versucht ihn einzuschüchtern, Hooligans werden vorstellig, es passieren Dinge, die man oft hört vom serbischen Fussball. Doch Vilotic bleibt standhaft, geht im Sommer 2012 in Eigenregie zu den Grasshoppers. Heute sagt der Vater einer Tochter:

«Ich möchte nicht, dass meine Kinder in Serbien aufwachsen.»

In dieser Phase hat Vilotic die wohl wichtigste Lebensprüfung schon hinter sich. 2010 erspürt er auf dem Schulterblatt etwas unter der Haut, es fühlt sich hart an, die Ärzte diagnostizieren nichts Schlimmes. Plötzlich beginnt das Etwas zu wachsen, wird immer grösser. Erst jetzt und wegen der starken Schmerzen schenkt der Innenverteidiger der Stelle die nötige Beachtung. Die Ärzte drängen auf sofortige Operation, die Prognose ist nicht mehr günstig, es geht ums Überleben. Die Chancen stehen bei 20 Prozent. Der Serbe lernt in diesem Moment eher zufällig seinen Landsmann Dejan Stankovic kennen, den bekannten Profi von Inter, der ihm den Kontakt zu einem renommierten Arzt in Bologna herstellt; Vilotic hat Glück, die Operation gelingt, es kommt alles gut, heute gilt er als geheilt – er klopft mit dem Finger auf Holz:

«Es geht oft ums Geld. Aber es gibt anderes, das wichtiger ist. Glauben Sie mir. Es geht darum, wie man das Leben trägt. Und darum, eine gute Person zu sein.»

Der Knatsch mit Murat Yakin

Die gute Person. Murat Yakin hat sie bei den Grasshoppers in Vilotic nicht gesehen. Die Geschichte ist komplex, es gibt mehrere Wahrheiten. Fakt ist, dass der Spieler nach der Rückkehr 2017 innert kurzer Zeit drei Eigentore fabriziert. Er sagt, er habe sich bei den Zürchern vermutlich zu viel aufgebürdet, und diese Missgeschicke seien die Konsequenz gewesen. Fakt ist auch, dass der Coach sehr wenig mit seinem Spieler redet, über all die Monate insgesamt fünf Mal. Dann verändert Yakin in Winter scheinbar grundlos das Team, das davor gut funktioniert hat. Noch heisst es, man wolle Vilotic einen Vertrag über die Karriere hinaus geben.

Milan Vilotic (Nummer 4) im Trikot der Grasshoppers gegen St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Milan Vilotic (Nummer 4) im Trikot der Grasshoppers gegen St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

. Das geht Yakin, der alle Macht im Club vereint und über Sportchef Mathias Walther steht, gegen den Strich – er will nicht einmal, dass dessen auslaufender Kontrakt verlängert wird. «Schliesslich kommt der Coach zum schlechtesten Zeitpunkt, direkt vor dem Rückrundenstart und dem letzten Testspiel, auf mich zu. Und sagt, ich sei nicht mehr Captain.» Vilotic spürt, dass es Yakin missfällt, wenn er gut spielt. Dass er auf Fehler wartet. Alles schaukelt sich hoch, bis zu taktischen Diskussionen, zur temporären Verbannung aus dem Training und der Explosion Vilotics im besagten Gruppenchat. Bickel sagt:

«Milan hat einen extremen Gerechtigkeitssinn. Er verfolgt eine klare Linie, was nicht immer zu seinem Vorteil ist.»

Auch bei den Young Boys gibt es Schwierigkeiten

Ein Satz, der stimmen kann. Zumal es davor bei den Young Boys ebenfalls nicht rund läuft für Vilotic, der zwar als langsam gilt, aber unbestritten ein Verteidiger von Format ist und Führungsqualität hat. Trainer Uli Forte erklärt ihn den Bernern zum Meisterbringer, was Mäzen Andy Rihs veranlasst, den Spieler nach langem Zögern doch zu kaufen. Wie so oft kommt es aber anders als erwartet. Am Ende müssen der Reihe nach Forte, Bickel und Vilotic gehen, weil Letzterer auch nach der Findungsphase mit dem offensiven System des neuen Trainers Adi Hütter nicht klarkommt und andere Ansichten vom Fussball hat; heute ist ihr Verhältnis gut. Vilotic sagt:

«Es braucht Situationen, in denen du deinen Charakter zeigst. Es entstehen Konfrontationen, und du spürst dann, ob du es mit jemandem kannst.»

Toko sagt: «Früher nahmen wir Milan oft hoch. Er sei der Mann mit dem harten Schädel. Keiner wollte gegen ihn ins Kopfballduell gehen. Bei stehenden Bällen war er unsere Waffe.» Er sieht im Innenverteidiger eine grosse Persönlichkeit, die sich Herausforderungen stellt – das kann St. Gallen gebrauchen, gemäss Vilotic sollen weniger als 30 Gegentore in dieser Saison fallen. Nach der roten Karte im Europacup steht sein Engagement bisher unter keinem guten Stern; bei ihm muss das nichts heissen.

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