«Der Kleine geniesst es, dass ich so viel zu Hause bin»: So erlebt Ex-FCSG-Stürmer Goran Karanovic die Coronakrise in Rumänien

Wie der Schweizer Fussballprofi Goran Karanovic von Sepsi Sfântu Gheorghe mit der Coronavirus-Krise umgeht.

Markus Brütsch
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Spielen, spielen, spielen: Danilo Karanovic im Sepsi-Trikot neben Papa Goran.

Spielen, spielen, spielen: Danilo Karanovic im Sepsi-Trikot neben Papa Goran.

Bild: Z.v.G.

In zwölf Profijahren kommt eine Menge zusammen. Ob in Wohlen, Luzern, Kriens, Genf, St.Gallen, Angers, Sochaux oder Aarau: Goran Karanovic hat viel erlebt. Zwei Kreuzbandrisse innert acht Monaten haben ihn zwei Jahre seiner Karriere gekostet. Doch die Coronakrise übertrifft mit ihrer Wucht und Unberechenbarkeit alles, was das bisherige Fussballerleben des 32-Jährigen geprägt hat.

Drei Monate nach dem Barragedebakel mit dem FC Aarau gegen Xamax hatte Karanovic beim rumänischen Erstligisten Sepsi Sfântu Gheorghe einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Mit seiner Bilanz darf er zufrieden sein. Dank 10 Treffern ist er der unbestrittene Topskorer seiner Mannschaft. Deshalb war es ein wenig erstaunlich, dass ihn der im November engagierte neue Trainer einige Male auf der Bank schmoren liess.

Wer joggen will, muss ein Formular ausfüllen

Aber das sind nur noch Randnotizen in einer Zeit, in welcher der Fussball zum Stillstand gekommen ist. In Rumänien, wo aus Italien heimgekehrte Gastarbeiter das Virus mit verbreitet haben, herrscht Ausgangssperre. Wer zum Einkaufen raus muss, hat ein Formular auszufüllen. So fragt man sich: Wie geht es dem Schweizer Fussballprofi Karanovic in der rumänischen Provinz? Harrt er einsam und verlassen der Dinge, die da noch kommen? In einem Nest, eingeschlossen von den Gebirgszügen der Karpaten.

«Nein, nein, uns geht es gut», meldet der Stürmer am Telefon. Er sei überhaupt nicht einsam, sondern fühle sich geborgen in der Familie mit seiner Frau und dem dreieinhalbjährigen Danilo. Auch lebt er nicht in einem Nest, sondern eine halbe Stunde von Sfântu Gheorghe entfernt in Brasov; in anderen Zeiten eine Touristenattraktion. «Eine wunderschöne Stadt. Und wir haben das Glück, gleich in der Nähe eine Einkaufsmöglichkeit zu haben», sagt Karanovic.

Weil der private Kindergarten geschlossen und Danilo zu Hause ist, verbringen die Karanovics den Tag hauptsächlich in den eigenen vier Wänden. «Es ist uns nie langweilig», versichert der Aargauer. Mit den Eltern in Dottikon sei man täglich in Kontakt und das Schweizer Fernsehen empfangbar. Vor allem aber werde gespielt. «Fast den ganzen Tag», sagt Karanovic. «Der Kleine geniesst es, dass ich so viel zu Hause bin und ist sehr anhänglich.»

Wenn dann aber doch einmal genug gespielt ist, zieht es den Vater nach draussen, um noch eine Runde zu joggen. Auch dafür ist ein Formular auszufüllen. Der Verein hat seinen Ausländern – unter ihnen ist auch der frühere St. Galler Edgar Salli – verboten, in die Heimat zurückzukehren. Alle paar Tage erhält Karanovic vom Klub Infos und vom Konditionstrainer ein Programm mit Übungen für das Homeoffice. Mit den Teamkollegen bleibt er via eines Whatsappchats in Kontakt. Er weiss: Manche trauen sich nicht mehr vor die eigene Haustür.

Ungewissheit nagt am Fussballer

Karanovic ist zufrieden, dass er sich für Rumänien und Sepsi Sfântu Gheorghe im Zentrum des Landes entschieden hat. «Ich wollte noch einmal ins Ausland und in einer ersten Liga spielen», sagt der Rechtsfuss. Spannend: der Klub aus der Stadt mit 56'000 Einwohnern im Zentrum des Landes wurde erst 2011 gegründet und begann in der fünften Liga. Und noch spannender: Weil die Einwohnerschaft zu 80 Prozent aus Ungarinnen und Ungarn besteht, wird der Verein vom ungarischen(!) Staat alimentiert. «Ministerpräsident Viktor Orbán ist ein Fussballfan und unterstützt Sepsi», berichtet Karanovic. Er sei auch in den Bau des neuen Stadions involviert.

Ob die Einweihung planmässig stattfinden wird, steht wie so vieles in diesen Coronavirus-Zeiten in den Sternen. Auch, ob es Sepsi und Karanovic in den Abstiegsplayouts gelingen wird, die Klasse zu erhalten. Die Ungewissheit, wann die Pandemie zu Ende geht, nagt auch an Karanovic. «Angst habe ich keine. Auch nicht um meinen Lohn. Aber ich sorge mich schon um jene Menschen, die nun mit Existenzängsten zu kämpfen haben», sagt Karanovic.