Der Hauptgrund für St.Gallens Absacken

"Unerklärlich". Das ist das häufigste Wort, das im Zusammenhang mit der sportlichen Krise des FC St.Gallen zu vernehmen war. Daneben gab es viele Vermutungen. Der Gegentribüne-Kolumnist suchte Fakten und wurde fündig.

Fredi Kurth
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St.Gallens Stéphane Besle gegen den Zürcher Franck Etoundi: Besle war mit Daniele Russo ein Erfolgsgarant in der Verteidigung. (Bild: Urs Bucher/Archiv)

St.Gallens Stéphane Besle gegen den Zürcher Franck Etoundi: Besle war mit Daniele Russo ein Erfolgsgarant in der Verteidigung. (Bild: Urs Bucher/Archiv)

Beinahe hätte ich Haus und Herd darauf gewettet, dass der FC St.Gallen am nächsten Freitag in Basel nur noch Spalier stehen würde. Doch gegen Thun und Aarau fand die Mannschaft zu verloren geglaubtem Angriffsschwung zurück. Der Europa-League-Platz ist weiterhin in Reichweite. Die beiden Siege vermögen aber nicht über die ernüchternd schwachen Leistungen der vergangenen Wochen hinwegzutäuschen. Die Gründe sind diffus geblieben.

Die Abwehrreihen analysiert
Irgendwo aber, so dachte ich mir, müsste der Kriechgang an Fakten angebunden werden können. Weil die Zahl der Minustreffer bis vor Pfingsten den Höchstwert der Liga erreicht hatte, liess ich nochmals sämtliche Formationen der Viererabwehrkette auflaufen - zumindest auf meinem Schreibblock. Auf den ersten Blick ergaben sich keine nennenswerten Auffälligkeiten. Auf den beiden Aussenpositionen wechselten sich rechts Mutsch und Thrier regelmässig ab, aber nicht wie die Torhüter in bunter Folge. Auf der linken Abwehrseite galt dasselbe zunächst für Lenjani und Facchinetti, nach der Winterpause für Facchinetti (14 Einsätze) und Dziwniel (3). In der Innenverteidigung gab es vergangenen Sommer zunächst Experimente mit Kapiloto. Montandon schien einen Stammplatz zu haben, ehe er im vierten Match nach einer weiteren Hirnerschütterung seine Karriere beenden musste.

Besle/Russo als Erfolgsgarant
Im achten Match, beim 2:2 in Vaduz, spielten erstmals Russo und Besle im Abwehrzentrum. Ein Duo, das sich bis zur Winterpause als Erfolgsgarant erweisen sollte - auch wenn der FC St.Gallen mit den beiden Abwehrrecken hintereinander gegen GC (a), Vaduz (h) und YB (a) zehn Gegentore einstecken musste. Die beiden waren auch gemeinsam im Einsatz, als beim Wiederbeginn der FC Zürich in der Arena vier Tore und später der FC Vaduz daheim drei Tore erzielte. Auffallend war, dass St.Gallens Defensivabteilung in den drei zuletzt genannten Spielen vor allem bei Eckbällen unvorteilhaft in der Gegend stand. Gegen den FCZ beim Rückrundenstart (1:4) hiess es schon nach zwölf Minuten 0:2. Aber all das war nicht entscheidend, weil sich auch hohe Niederlagen in der Punktestatistik genau gleich auswirken wie ein 0:1.

Einbruch erst im vierten Quartal
Für den enttäuschenden Saisonverlauf ausschlaggebend waren vielmehr die so unterschiedlichen letzten acht Partien der Herbstrunde und die gleiche Phase im Frühjahr, die total entgegengesetzt verliefen. In den ersten zehn Runden im Herbst gewann St.Gallen 15 Punkte, darunter drei nicht budgetierte beim FC Basel, bei einer Tordifferenz von total 16:14. Nach der Winterpause holte St.Gallen in den ersten zehn Spielen immerhin noch zwölf Punkte (ohne Basler Leckerli). Hätte die Mannschaft im gleichen Stil weiter Punkte gesammelt, würde sie nun den Euro-League-Platz vier feiern. Doch die Schere öffnete sich enorm: St.Gallen gewann vor der Winterpause in acht Spielen 14 Punkte; im Frühjahr ab Runde elf in fünf Partien keinen einzigen mehr.

Viel mehr Gegentore
Bald war im Frühjahr ersichtlich, dass die Defensive nicht mehr funktionierte. Die Tordifferenz nach zehn Runden lag nicht mehr im Plus, sondern mit 12:19 deutlich im Minus. Mit den Siegen gegen Basel und die Young Boys schien das Team noch einigermassen auf gutem Wege zu sein. Doch nun trat ein, was nicht geschehen darf, wenn eine Abwehr gefestigt werden soll: Das individuell etwas formschwache, aber beständige Duo Besle/Russo war gesprengt, spielte seither nur noch einmal (beim 0:2 daheim gegen Sion) zusammen. Sperren und Verletzungen zwangen den Trainer immer wieder zu Umstellungen. Viermal fehlten sogar beide Stamm-Innenverteidiger – es gab drei Niederlagen mit einer Tordifferenz von 3:12, mit dem 2:6 in Luzern als negativem Höhepunkt.

Zu viele Wechsel im Abwehrzentrum
Es kann also zusammengefasst werden, dass der FC St.Gallen primär durch die ständigen Wechsel in der Innenverteidigung von der Rolle geraten ist - und das erst im letzten, entscheidenden Viertel der Meisterschaft. Dabei sei nichts über die Leistungsfähigkeit der „Ersatzleute“ ausgesagt. Ihnen fehlte einfach die Praxis in einem losen Abwehrverbund, um sich erfolgreicher präsentieren zu können. Kapiloto zum Beispiel gehörte beim 2:0-Sieg in Basel zur Startformation. Nachwuchsmann Gelmi hatte sich individuell ebenfalls gut eingefügt.

Thrier ein Innenverteidiger?
Noch etwas fiel auf: die wenigen Einsätze von Pascal Thrier im Abwehrzentrum. Er spielte im Herbst dreimal an der Seite von Besle oder Russo und St.Gallen siegte gegen Basel (2:1), Thun (1:0) und Sion (2:0). Eigenartigerweise wählte Saibene die Variante mit Thrier lange nicht mehr: in Runde 26 beim 1:4 in Thun sowie nun beim 5:1 gegen Aarau. Die Abwehrformationen hiessen Mutsch, Thrier, Kapiloto, Dziwniel beziehungsweise Mutsch, Thrier, Eisenring, Facchinetti.

Natürlich mochten sich auch andere Faktoren in der Summe negativ ausgewirkt haben. Am wenigsten wohl die Unruhe in der Unternehmensleitung. Auch konnte der Mannschaft kaum einmal fehlender Wille vorgeworfen werden. Mit dem Bekenntnis zu Trainer Jeff Saibene hat Dölf Früh Spekulationen den Wind aus den Segeln genommen; anderswo würde man nun wahrscheinlich über die Bücher gehen.

Aufgefallen

Geduld müsse man haben, hiess es immer, wenn beim FC St.Gallen Eigengewächse vermisst wurden. Nun scheint der „Fünfjahresplan“ von Future Champs allmählich aufzugehen. Nach Roy Gelmi stand gegen Aarau mit Michael Eisenring ein weiterer Verteidiger aus der Nachwuchsabteilung in der Startformation. Ein weiterer Debütant hiess Danijel Aleksic, der in seinem zweiten Spiel mit magistraler Flanke das Führungstor vorbereitete. Für einen Nachwuchsmann schien er mir schon erstaunlich reif und selbstbewusst. Tatsächlich: Aleksic ist bereits 24 und seine früheren Stationen hiessen Lechia Gdansk, AC Arles-Avignon, AS St. Etienne, Greuther Fürth, FC Genua, Vojvodina Novi Sad.

Die nun beendete Serie von fünf Niederlagen war die längste in der Ära von Jeff Saibene. An der letzten dieser Art hatte der Trainer mit einem Spiel noch selber „Anteil“. Im Frühjahr 2011 startete der FC St.Gallen mit sechs aufeinanderfolgenden Niederlagen. Nach fünf dieser Partien übernahm Jeff Saibene von Uli Forte. Am Ende der Saison konnte der Abstieg knapp nicht mehr verhindert werden.

Bei jener Relegation hatte Moreno Costanzo mit seinem Freistoss-Tor für YB im letzten Saisonmatch im Wankdorf entscheidenden Anteil. Nun erlebte der Ex-St.Galler als Akteur des FC Aarau, wie es sich anfühlt, im Team eines Absteigers zu stehen.

Der FC St.Gallen hat in den letzten 13 Spielen (inklusive Cup-Halbfinal gegen Basel) nie mehr unentschieden gespielt. Es gab 4 Siege und 9 Niederlagen. In keinem dieser Spiele blieb er ohne Gegentor, aber auch nur in drei Partien gelang ihm kein Treffer.

Zum zweiten Mal in Folge verzögerten am Pfingstmontag Anhänger des FC St.Gallen mit einer Pyro-Show den Spielbeginn. Vor vielen, vielen Jahren hatte die Auswärtsmannschaft jeweils das Recht, Protest einzulegen, wenn der Match nicht auf die Minute genau angepfiffen werden konnte. Wenn man angeblich die Pyromanen nicht in flagranti dingfest machen kann: So eine kleine Forfait-Niederlage würde vielleicht Abhilfe schaffen...

Die Anhänger des FC St.Gallen hielten sich im Übrigen angenehm zurück mit Schadenfreudegegenüber den Aarauer Fans. Erst am Schluss wurde kurz und scheu ein Band mit „Aarau esch zrogg“ aufgespannt.

Genau genommen hat der FC St.Gallen den Abstiegskampf entschieden. Dem FC Vaduz gab er acht Punkte ab, dem FC Aarau überliess er nur einen. Diese Diskrepanz war zu viel für Pontes Leute. (th)