Der Fluch der Wintertransfers: Je wertvoller ein Team im Winter wird, desto schwächer spielt es in der Rückrunde

Je stärker ein Club im Winter an Marktwert zulegt, desto schwächer ist tendenziell seine Rückrunde. Diesen seltsamen Zusammenhang zeigt eine Datenauswertung der Transfers seit 2005. Beim FC St.Gallen ist der Effekt besonders stark.

Ralf Streule
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Was bringen die Neuen? St.Gallens Sportchef Alain Sutter hat mit seinen Transfers bis dato mehrheitlich ein gutes Händchen bewiesen. (Archivbild: Michel Canonica)

Was bringen die Neuen? St.Gallens Sportchef Alain Sutter hat mit seinen Transfers bis dato mehrheitlich ein gutes Händchen bewiesen. (Archivbild: Michel Canonica)

Geoffroy Serey Dié zu Xamax! Simone Rapp zu St. Gallen! Gianluca Gaudino zu den Young Boys! Auch in diesem Winter waren die Super-League-Clubs auf dem Transfermarkt aktiv, um sich für die Rückrunde bereit zu machen. Seit Anfang Jahr ist das Winter-Transferfenster hierzulande offen. Und während es in den grossen fünf Ligen Europas inzwischen bereits wieder geschlossen ist, können sich die Schweizer Teams noch bis Mitte Februar verstärken.

Simone Rapp, der neue Stürmer des FC St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Simone Rapp, der neue Stürmer des FC St.Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Was den Super-League-Clubs die Wechsel bringen werden? Wohl einiges weniger, als allgemein angenommen. Die exklusive Auswertung von Transferdaten in der Super League der vergangenen 13 Saisons zeigt: Es gibt einen seltsamen Zusammenhang zwischen den getätigten Wintertransfers und den darauffolgenden Leistungen in der Rückrunde.

Je mehr der Marktwert eines Clubs aufgrund der Wintertransfers steigt, desto grösser ist die Chance, dass dessen Rückrunde im Vergleich zur Hinrunde punktemässig schwächer wird.

Die Super-League-Teams und ihre Wintertransferbilanz seit 2005. Nur wenige Teams, die im Winter an Wert zulegen, steigern sich auch sportlich. Der Durchschnitt aller Saisons zwischen 2005 und 2018 zeigt: Die negativste Bilanz hat der FC St. Gallen. Er hat trotz regelmässiger Marktwertzunahme in der Rückrunde durchschnittlich vier Punkte weniger geholt als in der Hinrunde. Berücksichtigt sind alle Clubs, die seit 2005 mindestens vier Saisons bestritten haben.

Im Sommer bringen Transfers mehr

In Zahlen ausgedrückt: In 62 Fällen haben sich Super-League-Teams in den vergangenen 13 Saisons im Winter verstärkt. 25-mal wurden die Teams tatsächlich stärker, 37-mal schnitten die «Transfergewinner» hingegen schwächer ab als noch in der Hinrunde.

Umgekehrt lässt sich sagen: Wer an Wert verliert, ist nicht zwingend auch sportlich ein Verlierer in der Rückrunde. Im Gegenteil: In den 66 Fällen, in denen Teams an Wert verloren, wurden sie in 38 Fällen sogar sportlich besser.

Bei den Sommertransfers, die vor der Saison getätigt werden, wirken sich Marktwertgewinne viel öfter positiv auf die Leistung aus. Unter die Lupe genommen haben wir die Saisons seit 2005, da in den Spielzeiten zuvor die Transfer-Infos der Datenquelle Transfermarkt.com nicht bei allen Teams vollständig zu sein scheinen.

Wintertransfers sind oft aus der Not geboren

Ist eine positive Wintertransferbilanz also tatsächlich ein Indikator für eine schwache Rückrunde? Zumindest gilt der Wintertransfer vielen Fussballkennern seit jeher als ein Wechsel zweiter Klasse. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass die meisten Spielerverträge von Sommer bis Sommer laufen. Im Winter kommt es häufig nur dann zu Verschiebungen, wenn ein Spieler vereinslos oder bei seinem Verein unzufrieden ist und eine neue Lösung sucht.

In die Kategorie der Vereinslosen lässt sich zum Beispiel Gianluca Gaudino einteilen, der bei den Young Boys eine Chance erhält. Als Unzufriedener galt Rapp, der bei Lausanne kaum mehr eine Rolle spielte. In seinem Fall spielte etwas weiteres eine entscheidende Rolle: Nach der Verletzung von Cedric Itten im Herbst war St. Gallen auf der Suche nach einem Stürmer. Auch hier lässt sich eine mögliche Erklärung für den oben beschriebenen Effekt finden: Wenn verletzte Spieler ersetzt werden müssen, steigt der Marktwert eines Teams automatisch – ohne dass die Mannschaft zwingend stärker wird.

Die Super-League-Wintertransfers seit 2005 und deren Auswirkungen auf die Leistung. Wechsel sind im Fussball nur während eines Sommer- und eines Wintertransferfensters möglich. Die Wechsel im Winter (zur Saisonhälfte) sind wenig effizient: Teams, die im Winter an Wert gewinnen, schneiden tendenziell in der Rückrunde schlechter ab als in der Hinrunde. Lesebeispiel: Nur 39 Prozent der Teams, die im Winter zwischen 1 und 2 Millionen Euro an Wert zulegten (dritter Balken von rechts), konnten sich in der Rückrunde verbessern. 61 Prozent der Teams verschlechterten sich.

Es gibt eine weitere, von vielen skeptisch betrachtete Kategorie von Transfers. Jene der «Panikkäufe». Oft werden Teams, die sich nach der Hinrunde in Abstiegsgefahr befinden, aus der Not heraus auf dem Transfermarkt aktiv.

Exemplarisch dafür steht die Saison 2010/11 des FC St. Gallen. Nach einer schwachen Hinrunde versuchte der neu installierte Sportchef Heinz Peischl das Steuer herumzureissen und den drohenden Abstieg abzuwenden. Die Zugänge von Oscar Scarione, Alberto Regazzoni, Daniel Beichler und José Gonçalves bedeuteten einen Wertzuwachs von gut fünf Millionen Franken – nur Scarione konnte in St. Gallen langfristig Spuren hinterlassen. Trainer Uli Forte gelang es nicht, eine Niederlagenserie zu Beginn der Rückrunde zu verhindern. Und Jeff Saibene schaffte die Wende zu spät – der Abstieg war besiegelt.

Er konnte den Abstieg der Espen 2011 nicht verhindern: Oscar Scarione. (Bild: Urs Bucher)

Er konnte den Abstieg der Espen 2011 nicht verhindern: Oscar Scarione. (Bild: Urs Bucher)

Für Alain Sutter ist der Effekt keine Überraschung

Tatsächlich seien Wintertransfers oft «Notlösungen» und «Flickwerk», sagt zum Beispiel der Ostschweizer Spielerberater Michele Cedrola:

«Oft wird von Neuzugängen erwartet, dass sie gleich einschlagen.»
Spielerberater Michele Cedrola. (Bild: Urs Bucher)

Spielerberater Michele Cedrola. (Bild: Urs Bucher)

Der Druck auf die Spieler werde dann oft zu gross. Natürlich könne in gewissen Fällen auch ein Winterwechsel sinnvoll sein. Doch: Der stabilere, weil oft strategisch weitsichtigere Transfer sei jener im Sommer.

Für Alain Sutter, der als Sportchef des FC St. Gallen für die Transfers des Ostschweizer Clubs zuständig ist, ist der beschriebene Effekt keine grosse Überraschung. Die Basis für eine erfolgreiche Saison werde im Sommer gelegt, was das Taktische und das Mannschaftsgefüge angehe. Der frühere Schweizer Internationale sagt:

«Im Winter ist die Mannschaft bereits in sich geschlossen, Neue kommen in eine bestehende Struktur.»

So könnten Winterzuzüge auch sportlich negative Auswirkungen haben, während die eingespielten Teams ohne viele Wechsel sich tendenziell in der Rückrunde weiter steigern könnten. Vor allem eines sei hier wichtig: dass man beim Einbinden von Wintertransfers behutsam vorgehe.

FCSG dieses Jahr ohne Schnellschüsse

Ein gutes Beispiel gibt hier der FC Thun ab, der in den vergangenen Jahren in Sachen Neuverpflichtungen im Winter stets zurückhaltend war – und dennoch im jahrelangen Durchschnitt die beste Rückrundenbilanz der Liga zu bieten hat. In neun von elf Saisons schnitten die Berner Oberländer in der Rückrunde besser ab als in der Hinrunde. Am anderen Ende der Skala steht der FC St. Gallen, dessen Bilanz mit 2:9 genau umgekehrt lautet. Zudem hat kein anderes Team in den vergangenen Jahren mehr an Marktwert gewonnen in der Winterpause als jenes der Ostschweizer.

Man dürfe den Wintertransfereffekt nicht verallgemeinern, sagt hierzu Sportchef Sutter. Die Transfers des FC St. Gallen in diesem Winter seien keine «Schnellschüsse». Victor Ruiz und Jérémy Guillemenot habe er schon lange beobachtet – sie seien eine langfristigere Investition. Und auch Rapp habe man nach Ittens Verletzung schon länger auf dem Radar gehabt. Sutter geht also mit einem guten Gefühl in die Rückrunde. Auch wenn die Wintertransfer-Statistik nicht für die Ostschweizer spricht.

Was wird Gianluca Gaudino den Young Boys bringen? (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)

Was wird Gianluca Gaudino den Young Boys bringen? (Bild: Urs Lindt/Freshfocus)