«Der und sonst keiner»: Für FCSG-Goalietrainer Razzetti kam nur einer als Torhüter in Frage – Lawrence Ati Zigi

Goalie Lawrence Ati Zigi hat nur fünf Spiele gebraucht, um in St.Gallen Publikumsliebling zu werden. Doch der Lauf ist unterbrochen.

Patricia Loher
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Lawrence Ati Zigi hat in St.Gallen einen Vertrag bis 2023 unterschrieben.

Lawrence Ati Zigi hat in St.Gallen einen Vertrag bis 2023 unterschrieben.

Bild: Nik Roth (St.Gallen, 27. Februar 2020)

Lawrence Ati Zigi ist ein guter Zeichner. Schon als Kind griff er oft zu Farbstiften. Der Torhüter malt Landschaften, Menschen und Tiere. «Einfach alles», sagt der Ghanaer. Zeichnen ist ein beruhigendes Hobby. Es bildet einen Gegenpol zu den aufwühlenden, verrückten Tagen, die der 23-Jährige bis anhin in St.Gallen durchlebt hat.

Eigentlich wollten Zigi und seine Teamkollegen nach dem emotionalen 3:3 gegen die Young Boys gleich weitermachen, weitermarschieren und die Liga weiter in Atem halten. Doch wegen des Grossveranstaltungsverbots aufgrund des Corona-Virus ist die Meisterschaft unterbrochen.

Sollte die Verfügung am 15. März nicht aufgehoben werden, ist Zigi frühestens Anfang April wieder in einem Ernstkampf für St.Gallen im Einsatz. Natürlich kommt die Zwangspause den formstarken Ostschweizern nicht gelegen. «Es ist schade, dass wir uns nicht gleich wieder beweisen können», sagt der fünffache ghanaische Internationale.

Es fehlten Zentimeter und Zigi wäre der Held gewesen

Seit dem Spiel gegen die Young Boys sind fast zwei Wochen vergangenen. Es hatten nur Zentimeter gefehlt und Zigi wäre der Held des Nachmittags gewesen. Er wäre gefeiert worden, weil er dem FC St.Gallen im Tollhaus Kybunpark weit in der Nachspielzeit den 3:2-Sieg gegen den Meister festgehalten hätte.

Vielleicht hätten ihn die Teamkollegen auf die Schultern genommen und ihn über den Rasen getragen. Aber weil der Videoschiedsrichter der Euphorie den Stecker zog, endete die Partie unentschieden.

Der FC St.Gallen ist auch während der Zwangspause Leader, aus den Spitzenspielen gegen Basel, Servette und die Young Boys hat er sieben Punkte geholt. Zigi trug viel zu dieser Stabilität bei. Der Afrikaner war von Beginn an ein starker Rückhalt und dank einiger spektakulärer Rettungsaktionen schnell der Publikumsliebling. Otto Pfister, der in mehr als zehn Ländern auf dem afrikanischen Kontinent gearbeitet hat, verwundert die Entwicklung von Zigi nicht.

Otto Pfister gewann mit Ghanas Juniorenteam 1991 die U17-WM in Italien.

Otto Pfister gewann mit Ghanas Juniorenteam 1991 die U17-WM in Italien.

Bild: Urs Bucher
«Ich wusste: Wenn man sich gut um ihn kümmert, dann wird das eine richtig erfreuliche Sache.»

Eine Stärke der afrikanischen Fussballer sei, dass sie nichts aus der Ruhe bringe – weder eine Niederlage noch ein Gegentor. «Sie flippen nie aus, weil sie mental stark sind», so der 82-Jährige. Zudem hätten sie ein angeborenes Gefühl für die Situation. «Eine ihrer Stärken ist das Antizipieren», sagt Pfister, der das Nationalteam Ghanas 1992 in den Final des Afrika Cups geführt hat.

Dabei machte man sich noch vor dem Start in die Rückrunde Sorgen, ein Goaliewechsel in einer kurzen Pause kann eine heikle Angelegenheit sein. Nachdem Dejan Stojanovic St.Gallens Verantwortlichen im Trainingslager in Spanien mitgeteilt hatte, das Angebot aus Middlesbrough anzunehmen, spitzte sich die Lage zu, weil sowohl Jonathan Klinsmann als auch Nico Strübi verletzt waren.

Lawrence Ati Zigi gegen Servettes Varol Tasar (rechts). Links St.Gallens Captain Silvan Hefti.

Lawrence Ati Zigi gegen Servettes Varol Tasar (rechts). Links St.Gallens Captain Silvan Hefti.

Bild: Andy Müller/Freshfocus

Doch Sportchef Alain Sutter und Trainer Peter Zeidler hatten ein Ass im Ärmel, Zigi stand schon länger auf ihrem Notizzettel. Trotzdem überliessen sie dem Goalietrainer Stefano Razzetti die abschliessende Beurteilung. Razzetti sah sich auf Video drei Torhüter an und sagte nach dem Studium von Zigi:

«Der und sonst keiner.»

Der Vater starb, als Zigi zwölfjährig war

Sutter und Zeidler sahen sich bestätigt. Denn vor allem der Trainer gilt als langjähriger Förderer des 1,89 m grossen Goalies. Auf seine Empfehlung holte Red Bull den jungen Ghanaer vor sieben Jahren nach Österreich, wo er zuerst in eine Nachwuchsakademie des Getränkeriesen integriert wurde und später unter Zeidler für den Partnerclub Liefering in der zweithöchsten Liga spielte. Der Torhüter folgte Zeidler auch nach Salzburg und Sochaux.

Zigi stammt aus mittelständischen Verhältnissen. «Wir hatten es gut.» Als er zwölfjährig war, ereilte die Familie jedoch ein Schicksalsschlag. Der Vater starb mit 44 Jahren an einer schweren Krankheit. Zigi wuchs bei seiner Mutter und der Grossmutter sowie mit zwei Schwestern auf. Doch der christliche Glaube ist tief verankert in der Familie. Der Fussballer sagt:

«Es war hart, als Vater starb, aber Gott half mir, damit zurechtzukommen.»

Als Zeichen seines Glaubens trägt der Goalie eine Kette mit einem silbernen Kreuz um den Hals. Gott sei der Mittelpunkt seines Lebens, sagt er.

Dass er Goalie wurde, entsprang jedoch dem Zufall. Keiner hatte im Team seiner Kindertage ins Tor stehen wollen. Also fügte sich Zigi den Umständen, trumpfte bald einmal gross auf und machte die Clubs auf sich aufmerksam. Er wechselte in die Red-Bull-Akademie in Sogakope im Süden Ghanas, vor sieben Jahren folgte er dem Lockruf aus Österreich.

Für Zigi ist Zeidler wie ein Vater

Zigi verheimlich nicht, dass ihm die Familie fehlt. Den Kontakt hält er per Skype oder Telefon aufrecht. Doch besuchen können ihn die Verwandten nicht, da für sie die Visapflicht gilt. «Es wäre sehr kompliziert, selbst für ein paar Tage», sagt der Fussballer, der drei Sprachen und fünf ghanaische Dialekte spricht. Einsam fühlt sich der Torhüter in St.Gallen nicht. Den Teamkollegen Musah Nuhu kennt er schon länger aus gemeinsamen Zeiten in der Nationalmannschaft. Und über Trainer Zeidler sagt Zigi: «Er ist für mich wie ein Vater.»