Der FC Thun sehnt sich nach Aufhellung – gegen den FC St.Gallen will er ein Lebenszeichen senden

Die Berner Oberländer stecken am Tabellenende fest. Am Sonntag empfangen sie den FC St.Gallen.

Peter M. Birrer
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Thuns Spieler um Goalie Guillaume Faivre (links) und Stefan Glarner sind geknickt.

Thuns Spieler um Goalie Guillaume Faivre (links) und Stefan Glarner sind geknickt.

Bild: Pascal Muller/Freshfocus (Sitten, 30. November 2019)

Wettertechnisch gibt es wenig auszusetzen im Berner Oberland. Unter der Woche berichtet Marc Schneider von blauem Himmel und Sonnenschein.

Liebend gern würde der Trainer ein freundliches Bild auch von seinem FC Thun zeichnen können. Aber da passt eher dies: Dunkle Wolken hängen tief über der Stockhorn-Arena, und Anzeichen, dass sie bald verschwinden, gibt es kaum.

Es ist nicht so, dass sie in Thun so schnell erschrecken, wenn es einmal nicht läuft. Sie haben noch immer irgendwie aus der Krise gefunden. Seit ihrer Rückkehr in die Super League 2010 haben sie sich in der Liga ge­halten: 5, 5, 5, 6, 4, 6, 6, 7, 4 – das sind die bemerkenswerten Klassierungen der vergangenen neun Saisons. Aber jetzt, 2019/20, kommt die Mannschaft nicht vom Fleck, sie steckt am Tabellenende fest, und Zahlen führen unweigerlich zur Frage: Wie soll sie sich diesmal befreien? Nur 2 Siege in 16 Spielen, am wenigsten Tore erzielt (14), am meisten erhalten (34).

Thuner durch und durch

Andernorts wäre längst der Mann an der Seitenlinie aus­gewechselt worden. Thun aber tickt anders, Thun hat eine Clubführung, der es nicht in den Sinn kommen würde, an Schneider zu zweifeln. Nach dem 1:3 in Basel in der elften Runde sagte Sportchef Andres Gerber: 

«Marc ist ein Supertrainer für uns. Bei uns wird garantiert nicht über ihn diskutiert.»

Schneider ist 39 und ein Gesicht des Vereins. Mit 16 wechselt er von Lerchenfeld zum damaligen 1.-Liga-Club, der von Andy Egli trainiert wird. Schneider steigt als Jungspund mit Thun auf, debütiert in der NLB, und bei allen schönen Aussichten, mit Fussball den Lebensunterhalt zu bestreiten, legt er auf eines grossen Wert: Er will seine vierjährige Lehre als Maschinenzeichner durchziehen. Und tut das auch.

Thuns Trainer Marc Schneider

Thuns Trainer Marc Schneider

Peter Klaunzer, KEYSTONE

Profi wird er später doch, er wechselt zum FC Zürich, wird zweimal Meister und einmal Cupsieger, bevor er via St.Gallen und die Young Boys im Oktober 2012 bei Thun seine Karriere beendet. Dort beginnt für ihn das Leben als Trainer. Er arbeitet im Nachwuchs, wird ­Assistent von Urs Fischer, danach von Ciriaco Sforza und schliesslich von Jeff Saibene. Chef der ersten Mannschaft wird er im Sommer 2017.

Sorgic und Spielmann verloren

Der klamme Club muss Jahr für Jahr seine Besten verkaufen, um sich den Betrieb in der Super League leisten zu können. In diesem Sommer wechselte Dejan Sorgic zu Auxerre in die Ligue 2, Marvin Spielmann zu den Young Boys – Sorgic hatte 2018/19 für die Thuner 15 Tore erzielt und 5 vorbereitet, Spielmann hatte 12-mal getroffen und sich 7 Assists notieren lassen. Schneider beklagte sich nicht, weil er die Sachzwänge kennt. Und er sucht keine Ausreden, wenn es nicht läuft.

Im Februar dieses Jahres zieht sich Dennis Hediger einen Kreuzbandriss zu, er, der Captain, der Motor. Sein Comeback verzögert sich weiter. Immerhin sorgt nun der Einstieg eines Investors für etwas Entspannung. Die ­Pacific Media Group mit Hauptsitz in Hongkong stellt drei Millionen Franken zur Verfügung, maximal kann sie sich bis zu 20 Prozent am Aktienkapital beteiligen. Nun mag es welche geben, die das Engagement naserümpfend zur Kenntnis nehmen. Aber Fakt ist, dass sich keine lokale Lösung ergab. Präsident Markus Lüthi hatte zwar drei Dutzend wohlhabende Menschen im Berner Oberland kontaktiert, erhielt aber durchwegs Absagen.

Lüthi und Gerber stützen den Trainer

Wirtschaftlich sieht es nach neuer Stabilität aus. Aber das schafft die sportlichen Sorgen nicht aus der Welt. Der Rückstand auf Barrageplatz neun beträgt drei Punkte, auf den rettenden achten Rang deren sechs. Lüthi und Gerber stützen Schneider mit aller Macht, sie geben die Hoffnung auf die Wende nicht auf. Der Trainer schätzt diese Rückendeckung. Gleichzeitig nimmt er sich nie zu wichtig: 

«Persönliche Interessen dürfen keine Rolle spielen. Es geht um das Wohl des Clubs.»

Und die allgemeine Stimmung könnte man am ehesten aufhellen mit Erfolgserlebnissen vor Weihnachten. Auch wenn der Gegner am Sonntag St.Gallen ist, das Team der Stunde, und zum Abschluss die Reise nach Genf zu Servette ansteht.