Der FC St.Gallen verursacht Bluthochdruck

Fade Cup-Niederlage gegen Basel, fulminanter Sieg gegen YB, niveaulose Zitterpartie beim FC Zürich: Der FC St.Gallen zeigt innerhalb von zehn Tagen ganz unterschiedliche Gesichter. Dabei gilt: Nicht nur Rauchen schadet der Gesundheit.

Fredi Kurth
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Tor, Gegentor, Gegentor: Der FC St.Gallen verlangt seinen Anhängern derzeit einiges ab. (Bild: Keystone)

Tor, Gegentor, Gegentor: Der FC St.Gallen verlangt seinen Anhängern derzeit einiges ab. (Bild: Keystone)

Wegen eines Auslandaufenthalts war es mir nicht möglich, das Heimspiel des FC St.Gallen gegen die Young Boys zu verfolgen. Die Nachricht vom 3:1-Sieg ereilte mich in Wien völlig unerwartet, hatte ich doch wie viele andere mit einer weiteren Niederlage gerechnet. Offensichtlich gibt es in der Super League aber Gegner, die sich ungeachtet ihrer Klasse und der aktuellen Form der St.Galler immer schwer tun in der AFG Arena. Basel zumindest in der Meisterschaft. Die Young Boys sind seit sechs Spielen, seit November 2011, ohne Sieg. Sollte der Erfolg gegen Fortes Team diesmal einen Wendepunkt markieren, dann müsste gegen den FC Zürich eine Bestätigung erfolgen, sagte ich mir. War es eine, dieser 2:1-Erfolg im Letzigrund in einem Spiel, der im Grunde keinen Sieger verdient hätte?

Immer im Rückstand
Was dagegen spricht: Der FC St.Gallen ist am Samstag zum siebten Mal (!) hintereinander 0:1 in Rückstand geraten, gegen einen Gegner, der seit November des vergangenen Jahres daheim kein einziges Tor mehr erzielt hatte. Was in der Anfangsphase einigermassen solide aussah, fiel nach einer halben Stunde plötzlich auseinander. Etoundis "Socken-Tor" war bereits die vierte Möglichkeit der Zürcher.

Auf die Chance gewartet
Was für eine Besserung spricht: Die St.Galler agierten nach der Pause geduldiger als in manchen Spielen zuvor, wollten nicht mit Offsidefalle und Überreaktionen sofort den Ausgleich erzwingen. Sie waren hinten meistens bereit, wenn die Zürcher ihre Gegenangriffe lancierten. Und dann war natürlich wieder Verlass auf die eingewechselten Spieler, allen voran Karanovic, doch auch Aratore hatte beim zweiten Tor die Energie, den ehemaligen Wiler Keeper Brecher zu einer schliesslich nutzlosen Glanzparade zu zwingen.

Abgeklärt oder leidenschaftlich?
In der schwierigen Phase vor der Pause wirkte St.Gallen ziemlich ungeordnet und ratlos. Elf Einzelspieler versuchten vergeblich, dem eigenen Spiel irgendeinen Rahmen zu geben. Das ist auch nicht verwunderlich in Zeiten, da von der Mannschaft taktisch sehr viel auf einmal verlangt wird: Sie soll nicht mehr ins Verderben rennen, abgeklärter und in der Abwehr präsenter spielen, aber gleichzeitig viel Leidenschaft zeigen. Just dieser Eigenschaft wurde der Sieg gegen die Young Boys zugeschrieben. Auffallend war auch, wie weit die Spieler in der zweiten Halbzeit auseinander standen. Es gab nicht mehr das "Gemoschte", wie es oft zu sehen ist, wenn zwei Teams Pressing betreiben. Dazu trugen auch die Zürcher bei, deren Abwehrlinie sich weit zurückzog. Es gab mehr Raum für die Akteure, der aber häufig schlecht genutzt wurde. In altmodischer Manier den Ball hoch und lang nach vorne zu schlagen, war dann nicht einmal das schlechteste Mittel. Das hatte vor dem Ausgleich auch Mathys erkannt, als er auf gut Glück den Ball in Richtung Cavusevic hob.

Meister der Achterbahn
St.Gallen ist in dieser Saison so unberechenbar wie keine andere Mannschaft der höchsten Liga. Sie hat die Substanz, um die Spitzenteams in Verlegenheit zu bringen. Auch die Fähigkeit, auf einen Rückstand reagieren zu können, deutet auf Qualität hin. Übermut und Fehleranfälligkeit führten aber auch dazu, dass der FC Vaduz mehr als ein Drittel seiner 22 Tore gegen den FC St.Gallen erzielt hat. Diese Fahrten auf der Achterbahn der Gefühle sind ungesund, auch für die Fans und meinen zu hohen, medikamentengesteuerten Blutdruck. Das Derby vom nächsten Sonntag dürfte für Saibenes Team wiederum anspruchsvoll werden. Wie soll es denn diesmal auftreten? Tief gestaffelt mit Konter? Mit Pressing? Abgeklärt? Leidenschaftlich? Mit Kurzpassspiel? Mit weiten Bällen? Die Antwort ist im Grunde einfach: Von allem etwas. Aber nicht gleichzeitig, sondern situationsbezogen. Die Umsetzung ist selbstverständlich schwierig, verlangt einen längeren Prozess. Aber es könnte schon nützlich sein, hinten wie gegen Zürich bereit zu sein, wenn der knorrige Gegner nur auf Fehler der St.Galler wartet.

Altach nah und doch fern
Noch ein Wort zu Wien: Österreichs Hauptstadt ist nicht gerade erste Adresse im internationalen Fussball, auch wenn dort unser Meistertrainer Marcel Koller als Nationalcoach (hoffentlich nicht verfrühte) Euphorie ausgelöst hat. Immerhin  wäre der Spitzenkampf zwischen Rapid Wien und Salzburg nach einem dramatischen 3:3  den Besuch wert gewesen. Doch nach einer ausgiebigen Stadtbesichtigung zu Fuss (auch Marathon genannt) erschien mir die Reise nach Hütteldorf, an Wiens Stadtrand, zu beschwerlich. Die TV-Übertragung musste genügen. Für den Reporter war auch der SCR Altach ein Thema, der noch Zweiter werden könnte.

Dabei beschlich mich ein eigenartiges Gefühl. Von Wien aus betrachtet liegt Altach weit entfernt, ganz im Westen Österreichs. Wenn ich aber mit dem Auto von Tübach aus zu den Spielen des Aufsteigers reisen will, dauert die Fahrt kaum länger als jene mit der U-Bahn von Wiens Zentrum hinaus nach Hütteldorf. Doch der SCR Altach, vis-à-vis von Kriessern gelegen, scheint nicht einmal im Schweizer Rheintal gross zu interessieren. Dass die Vorarlberger allfällige Spiele in Champions- oder Europa-League nicht wie angefragt in St.Gallen oder Zürich austragen können, hat aber nicht damit zu tun. Vielmehr verbietet die Uefa Heimspiele auf ausländischem Territorium. So dürfte Altach aufgrund seiner ungenügenden Platzverhältnisse nach Innsbruck ausweichen.

Baustelle statt Stadion
Übrigens bin ich zwei Tage später doch noch nach Hütteldorf gereist, wollte das Hanappi-Stadion aus der Nähe betrachten - und traf eine riesige Baustelle an. Dort entsteht voraussichtlich bis Herbst 2016 eine neue Arena für 24'000 Zuschauer. Bis dahin spielt Rapid im Ernst-Happel-Stadion im Prater, wie es auch am vorletzten Sonntag gegen Salzburg der Fall war.