Der FC St.Gallen sucht trotz Zwangspause wieder Normalität – und die Event AG prüft die Option Kurzarbeit 

Trotz Zwangspause geht das Leben weiter beim FC St.Gallen. Sein Alltag ist vom Corona-Virus dominiert – und wie es mit diesem weitergeht.

Christian Brägger
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Vaduz testet gegen St.Gallen vor leeren Rängen – trotz Sonnenschein kein schönes Bild. Der Livestream hatte 6000 Zuschauer.

Vaduz testet gegen St.Gallen vor leeren Rängen – trotz Sonnenschein kein schönes Bild. Der Livestream hatte 6000 Zuschauer.

Bild: Eddy Risch (Vaduz, 7. März 2020)

Die Berichterstattung im Schweizer Fussball erfährt aktuell eine neue, ungekannte Komponente. Eine, die nicht vom Ballgeschehen auf dem Rasen bestimmt ist und damit nicht vom samstäglichen Ligaspiel des FC St.Gallen gegen den FC Zürich handeln kann, den man womöglich mit einer Niederlage und vielen Fragen an Trainer Ludovic Magnin nach Hause geschickt hätte. Vielleicht hatte ja sein Präsident Ancillo Canepa vor Wochenfrist bei der Zusammenkunft der 20 Clubvertreter der Swiss Football League für ein Geisterspiel votiert, um der Energie des St.Galler Anhangs zu entgehen.

Genau genommen ist eine Zwangspause für den Betrieb der höchsten Schweizer Spielklasse nicht neu. In der Saison 1918/19 mussten 40 Partien in der damaligen Serie A wegen der Spanischen Grippe verschoben werden, ehe die Saison gerettet werden konnte. Heute ist die Geschichte anders gelagert, mit der Gesundheit steht auch das wirtschaftliche Überleben der Vereine auf dem Spiel. Natürlich treibt die Frage um, was die mindestens temporäre Corona-Virus-Pause mit und aus dem FC St.Gallen macht. Die vergangene Woche liefert einen Augenschein, sie zeigt einen Kampf zwischen Hoffen und Bangen und gegen die Zeit, die gegen die Fortführung der Meisterschaft zu laufen scheint.

Der Trainer: Wie eine vierwöchige Vorbereitung

Als Amateurfussballer erlebte der junge Peter Zeidler einmal vier Spielverschiebungen in Folge wegen Schnees, diese wurden dann einfach im April in englischen Wochen nachgeholt. Und heute? Heute ist er St.Galler Coach, die Lage eine ungleich ernstere und Zeidler war gestern zum zweiten Mal Gast beim Schweizer Fernsehen im «Sportpanorama»; diesmal waren aber weniger der Zauberfussball seines Teams und der Trainer das Thema, sondern das Corona-Virus und dessen Folgen.

Trotz der Pause ist Zeidler arbeitsam wie eh und je, kürzlich hat er gemeinsam mit seinem Spielanalysten Eduard Schmidt einen Gastbeitrag verfasst für das deutsche Trainermagazin «Fussballtraining», das über den Deutschen Fussballbund läuft. Das Thema: So trainiert der FC St.Gallen das Umschaltspiel. Zeidler hat den Gedanken blitzartig verworfen, den Spielern ein paar Tage mehr frei zu geben während der ruhenden Meisterschaft, die fast schon die Länge einer Winterpause hat. Zumal die Signalwirkung eine falsche hätte sein können. Zudem hätte man den Spielern nach den Hygienevorschriften weitere Auflagen machen müssen, was sie mit den freien Tagen anfangen sollten. Und wohin sie nicht gehen dürften. Zeidler sagt:

«Mir ist es vielmehr wichtig, dass wir die Kadenz halten, fast noch härter trainieren und so den Spielern zeigen, dass die Meisterschaft quasi normal weiterläuft. Ich habe ihnen gesagt, wir befänden uns nun in einer vierwöchigen Vorbereitung auf das nächste Spiel.»

In möglichen englischen Wochen sieht er für seine Spieler und ihren laufintensiven Spielstil keine Probleme, sie seien jung und regenerierten schnell.

Präsident Matthias Hüppi.

Präsident Matthias Hüppi. 

Urs Bucher

Der Präsident: Die Arbeit geht auf Hochtouren weiter

Matthias Hüppi sagt: «Wir sind von den nächsten Entscheiden des Bundesrats abhängig.» So banal seine Worte klingen mögen, sie sind der Weisheit letzter Schluss. Es bleibt dem Präsidenten des FC St.Gallen auch nichts anderes übrig, als mit dem ganzen Apparat bereit zu sein, falls es denn weitergeht. Die Liga hat bewusst einen längeren Zeithorizont für die Pause gewählt, damit am 13. März nach einer möglichen bundesrätlichen Verlängerung des Versammlungsverbots nicht unbedingt nachjustiert werden muss.

Die Spielpläne werden vorerst für die Zeit nach der Nationalmannschaftspause und ab dem Wochenende des 4./5. Aprils getaktet, wegen des FC Basel und der EM gibt es Termineinschränkungen. Hüppi und sein Team arbeiten auf Hochtouren, er steht derzeit in Kontakt mit den wichtigen Stellen wie Shopping Arena (Parkplatzsituation) oder der Stadt St.Gallen, um mögliche Bewilligungen für die englischen Wochen zu erhalten. Er sagt: «Wir müssen herausfinden, was schwierig durchzuführen wäre und was nicht. Ich hoffe auf eine gewisse Kulanz.»

Aber Hüppi hat eine klare Meinung, falls es zum Worst Case mit dem Abbruch der Saison («es wäre hart, aber man müsste es akzeptieren») oder Geisterspielen kommt und die Clubs in finanzielle Nöte geraten.

«Ein Geisterspiel kostet uns 300'000 Franken. Jene Organisationen, die das grosse Geld haben, sollen sich dann solidarisch zeigen mit den Vereinen, die in Schwierigkeiten kommen. Fifa und Uefa müssen dann die Kleinen unterstützen. Oder allenfalls der nationale Verband.»

Noch mehr zusammengeschweisst habe die Situation den Club und seine Fans, die sich laut Hüppi solidarisch zeigen und voll hinter dem FC St.Gallen stünden. «Und unsere Spieler spüren, dass sie trotz der Umstände bei uns gut aufgehoben sind.» Eine Pandemieversicherung hätte er heute nur allzu gerne in der Hand, sie ist aber schlicht zu teuer für einen Club wie St.Gallen.

Event AG: Kurzarbeit prüfen und Überzeiten abbauen

Auch für die Event AG – für die Vermarktung und den Spielbetrieb verantwortlich – ist die Angelegenheit nicht einfach. Die Einheiten, die für die Spielorganisation und das Ticketing zuständig sind, bauen aktuell Überzeit ab. «Auch um für die intensive Phase vorzubeugen, wenn es zu englischen Wochen kommen sollte. Überdies prüfen wir für diese Abteilungen auch die Kurzarbeit», sagt Ivo Forster. Laut dem CEO ist der Club für jedes Szenario bereit, man habe im Europacup mit Lugano und beim Schweizer Nationalteam gezeigt, wie gut man Spiele – und wären es drei in der Woche – organisieren könne.

«Hier sind wir fast führend in der Schweiz.»

Geprüft wird derzeit ebenfalls bei den verschiedenen Versicherungen, in welcher Police doch noch eine Rückerstattung gewisser verloren gegangener Leistungen möglich wäre. Doch so weit mag Forster gar nicht blicken, auch nicht daran denken, was mit dem TV-Geld von jährlich 1,8 Millionen an den FC St.Gallen passieren würde, käme es zu einem Abbruch der Saison.

Und so macht auch eine Kompromiss-Idee weiter die Runde, falls Spiele ohne Zuschauer bis zum Ende der Saison tatsächlich nötig würden: Die verbleibenden vier Runden austragen bis zum Ende des dritten Viertels der Meisterschaft – und dann den Titel und die Europacupplätze vergeben.

Die Fans: «Vielleicht muss einmal etwas passieren»

Während die aktuelle Ausgabe des Fussballmagazins «Zwölf» den Aficionados die Taktik des FC St.Gallen entschlüsselt, ist für den eingefleischten St.Galler Fan die Lage ungewohnt; auch er muss seinen Rhythmus umstellen. Die Nähe zum Team, der Rasen, die Atmosphäre, das nach dem Spiel ist vor dem Spiel, das alles fehlt.

Natürlich wohnt die Handvoll älterer Hartgesottener weiter jedem Training bei, und am Samstag weichen sie auf die Bundesliga aus, wo munter weitergespielt wird. Oder sie besuchen Heimspiele von St.Otmar. «Man kann sich an Wochenenden ohne unsere St.Galler gewöhnen, wenn man will. Ich will aber nicht,» sagt einer der Männer, seit zig Jahren Dauerkartenbesitzer. Leidet er in dieser Zeit? «Nein, das nicht gerade», antwortet er.

«Aber vielleicht ist das alles ja ein Hilferuf an die Gesellschaft, mit dem zufrieden zu sein, was man hat. Es geht heute nur noch um Geld, Geld, und nochmals um Geld.»

Die Vernunft müsse wieder zählen in der Gesellschaft, niemand sei mehr dankbar. «Vielleicht muss einfach einmal etwas passieren.»

Gespielt wird trotzdem – der Test gegen Vaduz

Um im Spielrhythmus zu bleiben, absolvierten die St.Galler am Samstag einen Test über dreimal 45 Minuten gegen Vaduz. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit – im Livestream sahen 6000 Leute zu – liess Zeidler lange die Stammformation laufen. 5:2 gewannen die Ostschweizer letztlich problemlos nach Startschwierigkeiten und einem frühen Rückstand. Fünf verschiedene St.Galler zeichneten für die Tore verantwortlich, Aufschlüsse lieferte die Begegnung, die ihren Charakter des Testspiels nie ganz ablegen konnte, aber nicht wirklich. Besonders für die Garnitur der «dritten Halbzeit» war es schwierig, manche Spieler sassen davor 90 Minuten lang auf der Bank. «Im dritten Drittel waren wir auch nicht mehr so gut», sagte Zeidler. «Aber hier muss ich meine Spieler in Schutz nehmen.»

Der Test in Vaduz kann dafür herhalten, wie allfällige Geisterspiele sich anfühlen und anhören könnten. Einem an sich herrlichen Fussballnachmittag fehlte mit den abwesenden Fans eine wichtige Ingredienz. Die Szenerie hatte laut Cedric Itten nur deshalb ihr Gutes, weil der Ball für einmal nicht ruhte. Aber eben auch etwas Trostloses.

Sportchef Alain Sutter sagt:

«Es wird sich weisen, ob die Spieler mit der Zwangspause Probleme hatten oder nicht. Alle Clubs sitzen im gleichen Boot. Jene, die es in dieser besonderen, nicht alltäglichen Situation am besten machen, werden im Vorteil sein.»

Am nächsten Freitag absolvieren die St.Galler den nächsten Test gegen Wil, am 21. März dann im Brügglifeld gegen Aarau – wie gewohnt ohne Zuschauer. Derweil hofft Hüppi, dass es mit der Saison noch weitergeht. Es gibt indes auch Signale aus Bern, die nicht darauf hindeuten.